Die Hamburger Kunsthalle
Gestern und Heute

Die Vorgeschichte

1846 trafen sich Hamburger Bürger, Mitglieder des 1817 gegründeten Kunstvereins, um - nach dem Frankfurter Vorbild - die Forderung nach einem Kunstmuseum für Hamburg zu formulieren. Der Architekt Friedrich Stammann ließ den Worten Taten folgen und schenkte spontan Paul Hipolyte Delaroches Gemälde Cromwell am Sarge Karls I. Die so begonnene Sammlung wurde, rasch vermehrt durch weitere Stiftungen, seit dem 15. März 1850 „an den Tagen Mittwoch und Sonnabend von 12-3 Uhr jedem anständig Gekleideten, den Kindern aber nur in Begleitung Erwachsener" zur Besichtigung geöffnet.

Aber schon bald wurde dieses Ausstellungs-Local für die wachsende Sammlung zu klein, und wieder waren es die Hamburger Bürger, die den Bau einer Kunsthalle durch Spenden ermöglichten. Die Stadt stellte das Grundstück auf der ehemaligen Bastion Vincent, der Alsterhöhe, zu Verfügung. Nachdem die jungen Berliner Architekten von der Hude und Schirrmacher den Wettbewerb für den Bau der Kunsthalle gewonnen hatten, begannen 1863 die Bauarbeiten.

Am 30. August 1869 konnte die Kunsthalle eröffnet werden. „Mit gerechtem Stolz dürfen Hamburgs Bürger auf diese der edlen Kunst gewidmeten Hallen, sowie auf das, was sie enthalten, blicken!"

Alfred Lichtwark (1852-1914)

Die Geschichte der Hamburger Kunsthalle und ihrer Sammlungen ist eng mit dem Namen Alfred Lichtwark verknüpft. Am 1. Oktober 1886 trat er, der von Beruf Lehrer war, sein Amt als erster Direktor des Museums an. Bereits in seiner ersten offiziellen Ansprache formulierte er programmatisch seine Vision eines Museums, die er in den fast drei Jahrzehnten seines Wirkens wie weltweit kein anderer Museumsmann in die Tat umsetzte: „Wir wollen nicht ein Museum, das dasteht und wartet, sondern ein Institut, das thätig in die künstlerische Erziehung unserer Bevölkerung eingreift." Das Engagement von Alfred Lichtwark, der bis heute als einer der Begründer der Kunstpädagogik gilt, zeigt noch heute seine Wirkung: Bildung und Vermittlung haben in der Hamburger Kunsthalle einen hohen Stellenwert.
Zur Geschichte von Bildung und Vermittlung.

Mit Lichtwark begannen die Sammlungen der Kunsthalle ein eigenständiges, in Deutschland einzigartiges Profil zu bekommen. Neben dem gezielten Ausbau der Gemäldegalerie - vor allem deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts -, des Kupferstichkabinetts und aller anderen Sammlungsbereiche galt Lichtwarks größtes Interesse der Kunst aus Hamburg, für die er drei Sammlungsschwerpunkte entwickelte: die „Geschichte der Malerei in Hamburg", 1888 begründet, „Hamburger Künstler des 19. Jahrhunderts", 1895 eröffnet, und die 1889 begonnene „Sammlung von Bildern aus Hamburg", für die Lichtwark Künstler wie Max Liebermann, Lovis Corinth, Anders Zorn, Pierre Bonnard oder Edouard Vuillard nach Hamburg einlud, um hier Ansichten der Stadt zu malen.

Sein Einsatz vor allem für die moderne Kunst seiner Zeit, für den Impressionismus in Deutschland und Frankreich, fand in Hamburg nicht nur Beifall. Seinem Kollegen, und späterem Nachfolger Gustav Pauli schrieb er 1911: „Aber wo ich anklopfe, Horror vor der Schreckenskammer (...) und sie alle sehen nur das rothe Tuch des Modernismus, das mir aus der Tasche hängt."Als Lichtwark Anfang 1914 starb, wurde aufgezählt, was während seiner Amtszeit von ihm für die Kunsthalle erworben wurde: circa 1137 Gemälde, Pastelle und Aquarelle, 890 Plastiken, Reliefs und Medaillen, 22476 Graphiken und Handzeichnungen, 2499 Münzen, 8004 Bücher und 14367 Photographien.

Die Sammlungen der öffentlichen Gemäldegalerie und später der Kunsthalle entwickelten sich in den ersten Jahrzehnten nach ihrer Gründung wahllos und hatten kaum ein Konzept. Da es keinen Etat für Erwerbungen gab, nahm man Schenkungen und Vermächtnisse an, die zu einem schnellen Wachstum der Sammlungen führte. Den privaten Sammlungen entsprechend, waren es vor allem zeitgenössische Werke, die dem bürgerlichen Geschmack entsprachen, mit denen sich das junge Museum füllte. Hinzu kamen einige wenige Gemälde alter Meister und mit dem Vermächtnis der Sammler Georg Ernst Harzen und Johann Michael Commeter 1863 eine hoch bedeutende Sammlung alter Zeichnungen und Druckgraphik, der allerdings zunächst kaum Beachtung geschenkt wurde. Lediglich aus den Zinsen des Carl Heineschen Vermächtnis konnten vereinzelte Erwerbungen getätigt werden, die von der Commission zur Verwaltung der Kunsthalle ausgewählt wurden: unübersehbar, noch heute, ist dabei der Einzug Karls V. in Antwerpen des Wiener Malers Hans Makart (Raum 136).

Erst mit der Berufung von Alfred Lichtwark zum Direktor begann der konsequente Aufbau einer modernen Museumssammlung. Nachdem 1888 die bedeutende Sammlung Hudtwalcker/Wesselhöft von niederländischer Malerei des 17. Jahrhunderts durch eine Sonderbewilligung des Hamburger Senats erworben werden konnte, war auch die ältere Kunst gut in der Sammlung vertreten.Lichtwark richtete sein Augenmerk aber mehr auf sein Jahrhundert, entdeckte Caspar David Friedrich und vor allem Philipp Otto Runge in ihrer Bedeutung für die Kunst des
19. Jahrhunderts wieder und kaufte Werke der Realisten, wie Adolf Menzel und Wilhelm Leibl. Bei der zeitgenössischen Kunst war für Lichtwark das Werk von Max Liebermann von zentraler Bedeutung, in dem sich der Schritt vom Realismus zum Impressionismus vollzogen hatte. Liebermann war es auch, der Lichtwark für den französischen Impressionismus begeisterte, was zu einigen bedeutenden Erwerbungen führte.

Lichtwarks Nachfolger wurde 1914 Gustav Pauli, der zuvor die Bremer Kunsthalle geleitet hatte. Unter seiner Ägide wurden die Bestände des Kupferstichkabinetts erstmals wissenschaftlich aufgearbeitet, und er konzentrierte sich auf den Aufbau einer Sammlung moderner, expressionistischer Kunst. Diese enthielt einige Hauptwerke, u.a. Kokoschkas Windsbraut (heute in Basel) und Marcs Mandrill (heute in München), die 1937 als „entartete" Kunst beschlagnahmt wurden. Während der Jahre des Nationalsozialismus war es in der Kunsthalle relativ ruhig, bis Oktober 1935 war die moderne Kunst, die anderen Orts schon weggehängt worden war, noch zu sehen. Werke, die dem nationalsozialistischen Geist entsprachen, wurden auch später nicht für die Kunsthalle erworben.

Die Direktoren, die nach 1945 die Kunsthalle leiteten, Carl Georg Heise (1946-1956), Alfred Hentzen (1956-1969), Werner Hofmann (1969-1990), Uwe M. Schneede (1990-2006) und seitdem Hubertus Gaßner haben - mit unterschiedlicher Gewichtung - auf Lichtwark aufbauend, der Hamburger Kunsthalle internationales Profil gegeben.

Ulrich Luckhardt

Heute

Trotz eines sehr schmalen Ankaufsetats wird weiter gesammelt, um die Stärken noch mehr herauszuarbeiten, in der Gemäldegalerie, in der Galerie der Gegenwart, im Kupferstichkabinett, in der Mediensammlung. Hilfe erhält die Kunsthalle dabei von mehreren assoziierten Stiftungen - vor allem die Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Kunstsammlungen sowie die Campe'sche Historische Kunststiftung - und die Freunde der Kunsthalle e.V.

Museen haben auch die Aufgabe, ihre eigenen Bestände zu erforschen. Da die Mittel fehlen, findet Forschung vielerorts nicht mehr statt. Die Hamburger Kunsthalle dagegen legt großen Wert auf dieses Fundament der Museumsarbeit. Gewichtige Partner wie die ZEIT-Stiftung, die Freunde der Kunsthalle e.V. und die DFG sind dabei behilflich.

Vermittlung, beginnend mit den Kindern, ist ein zentrales Anliegen des Hauses. Die weit über eintausend Führungen im Jahr werden in erster Linie von freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durchgeführt. Auch die Ausstellungen dienen der Vermittlung, die großen wie kleineren, die einmal monographisch eine Künstlerin bzw. einen Künstler vorstellen und ein anderes Mal thematisch konzipiert sind.

Was die Arbeit der Hamburger Kunsthalle sonst noch charakterisiert? Ungeachtet des Engagements in der Gegenwart und den aktuellen und immer wieder neu zu überdenkenden Aufgaben des Museums bekennt sich das Haus ausdrücklich zu seinen vier traditionellen Grundaufgaben. Seit jeher hat das Museum seine Aufgabe vor allem darin gesehen, Kunstwerke von hoher Qualität und Zeugenschaft zu sammeln, sie restauratorisch und konservatorisch zu bewahren, kunsthistorisch zu erforschen und diese Forschung auf vielfältigen Wegen dem Besucher zu vermitteln; durch Museumsführer, Bestandskataloge, Jahrbücher, Werkmonographien, Ausstellungskataloge, Audioguides, Führungen, Vorträge, Seminare, praktische Kurse und andere didaktische Möglichkeiten, die der historischen Bildung und ästhetischen Erfahrung des Publikums dienen. Die Tradition wird gepflegt und gleichzeitig an der ständigen Erneuerung gearbeitet - Tradition und Experiment. Dazu gehört das entschiedene Einsetzen für die Kunst der Gegenwart, aber auch der aktive Umgang mit der alten Kunst: ein Werk in neuem Licht erscheinen zu lassen, die Sammlung beweglich zu halten.

Hubertus Gaßner
Direktor der Hamburger Kunsthalle