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Philipp Otto Runge
Maria, das Kind anbetend (Studie zur "Flucht nach Ägypten"), 1805
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Philipp Otto Runge

Maria, das Kind anbetend (Studie zur "Flucht nach Ägypten"), 1805

Philipp Otto Runge

Maria, das Kind anbetend (Studie zur "Flucht nach Ägypten"), 1805

Recto:
Nach seiner frĂŒhen BeschĂ€ftigung mit dem Thema der „Ruhe auf der Flucht“ in Zeichnungen (vgl. Inv. Nr. 1938-110, 1997-29) und einem GemĂ€lde (Anm. 1) griff Runge, so wird allgemein angenommen, fĂŒr einen Auftrag aus Greifswald 1805/06 das Thema erneut auf: „Von meinem Bruder Gustaf in Mecklenburg vernehme ich, daß man bey Ihnen in Greifswald eine Summe zu einem Altarbild ausgesetzt habe und daß Sie im Sinne hĂ€tten, mich zur AusfĂŒhrung vorzuschlagen. Ich danke Ihnen vorerst herzlich fĂŒr Ihr Zutrauen, und wĂŒnsche, daß, wenn es gelĂ€nge, keine große Rivalerie eintreten möchte. Ich habe deswegen auch an meine Geschwister nach Wolgast geschrieben, Sie nicht darum zu treiben, weil Sie wissen wĂŒrden, was Sie zu thun hĂ€tten. Ich selbst wollte Ihnen aber doch wenigstens fĂŒr Ihr gutes Andenken danken und Ihnen sagen, daß Sie mir gewiß keinen geringen Dienst erwiesen haben wĂŒrden, indem Sie mir eine so gute Gelegenheit, etwas auszufĂŒhren, eröffnet; hoffe auch, daß, wenn Sie gleich von einem bekannten guten Meister in einer sichern und beliebten Manier dort vielleicht mehr befriedigt wĂŒrden, Sie dagegen etwa bey Vollendung einer Arbeit von mir den guten Willen, Fleiß und Liebe zur Sache mehr hervorstechen sĂ€hen, da mich die Routine noch nicht kalt gemacht hat“, schrieb Runge am 3. Mai an Johann Gottfried Quistorp (Anm. 2). Das in Rede stehende Altarbild war fĂŒr die Marienkirche in Greifswald vorgesehen, wo man seit den 1790er Jahren auf die Erneuerung des baufĂ€lligen Altars wartete (Anm. 3). Bereits 1797 hatte Quistorp, der erste Lehrer Caspar David Friedrichs und Zeichenlehrer an der dortigen UniversitĂ€t, einen Entwurf angefertigt (Anm. 4), doch erst 1802, nachdem wĂ€hrend eines Gottesdienstes Teile des alten Renaissance-Altars herabgestĂŒrzt waren, wurden die Planungen konkreter. Quistorp verhandelte Pyl zufolge zuerst mit Runge, und dann mit Caspar David Friedrich ĂŒber ein AltargemĂ€lde; eine AusfĂŒhrung durch Runge unterblieb infolge von dessen Tod 1810 und auch Friedrichs GemĂ€lde kam wegen der nicht ausreichenden Geldmittel 1815 nicht zur AusfĂŒhrung, weshalb fĂŒr den Altar schließlich eine Kopie von Klinkowström nach Correggios Nacht in Dresden angekauft wurde (Anm. 5).
Aus den spĂ€rlichen Nachrichten hatte Börsch-Supan schließen wollen, dass Friedrich von Beginn an seit 1805 in die Verhandlungen einbezogen war (Anm. 6). Auch wenn Pyls Text fĂŒr eine solche Annahme keinen Anhaltspunkt gibt, könnte Runges Bemerkung auf eine zu verhindernde „Rivalerie“ ein Hinweis sein, dass bereits 1805 von dem mit dem Altarprojekt betrauten Quistorp auch andere KĂŒnstler angefragt wurden (Anm. 7). Nachdem Runge es fĂŒr am besten hielt, „ohne so sehr weitlĂ€ufige rekommendation“ an den Auftrag zu gelangen (Anm. 8), hatte er bereits am 10. Mai zwei Zeichnungen an Carl Schildener gesandt, den er gebeten hatte, die Zeichnungen auch Quistorp zu zeigen; eine davon könnte “zu der großen Arbeit recht gut wĂŒrken.“ (Anm. 9) Bei den beiden Schildener ĂŒbersandten Zeichnungen handelt es sich um „Quelle und Dichter“ (Inv. Nr. 34257) und um die „Ruhe auf der Flucht“ (Inv. Nr. 34152).
Am 31. Mai war die Angelegenheit noch nicht entschieden, als Runge an den Vater schrieb: „Es wĂ€re mir ĂŒber alles angenehm und gewiß ein großes GlĂŒck, wenn man mir in Greifswald die Verfertigung eines Altarblattes anvertrauen sollte. Ich wĂŒrde Ihnen dort mit wenig MĂŒhe einen Gedanken hinschreiben, der sie durch den Reiz der Farben in Verwunderung setzen sollte.“ (Anm. 10) Am 11. Juni 1805 bat Runge Schildener, ihm die beiden Zeichnungen zurĂŒckzusenden, „da ich mir (gegen meine Natur) vorgenommen habe, nichts anzufangen, daß ich nicht fortgehend ausfĂŒhre. Da diese beiden Zeichnungen nun bestimmt in meinem Plan liegen, und ich, ohne solche fertig zu haben, in meinen grĂ¶ĂŸeren EntwĂŒrfen nicht fortfahren kann, so macht es mir jetzt eine LĂŒcke, die mich verleiten könnte, wieder etwas Neues anzufangen, welches mir nicht gut ist.“ (Anm. 11) Die Entscheidung zugunsten Runges scheint Anfang Juli 1805 gefallen zu sein, als einige Greifswalder Persönlichkeiten in Wolgast weilten, um Werke Runges zu begutachten. Bei dieser Gelegenheit versicherte Schildener, „daß Quistorp bestimmt den Auftrag wegen des AltargemĂ€hldes in Greifswald habe.“ (Anm. 12)
Es wird allgemein angenommen, dass es keine thematischen Vorschriften gab, doch möglicherweise gab Quistorp die Empfehlung zum Thema der „Ruhe auf der Flucht“, als er die Zeichnung bei Schildener sah. Nachweisen lĂ€ĂŸt sich allerdings nicht, dass Runge die „Ruhe auf der Flucht“ ausdrĂŒcklich fĂŒr die Greifswalder Marienkirche gemalt hĂ€tte. Auffallend ist, dass Daniel bei der Besprechung der „Ruhe auf der Flucht“ den Greifswalder Auftrag nicht erwĂ€hnt, und auch Runges Mitteilung an Carl Schildener vom 5. November 1805, dass er im Sommer an der „Ruhe auf der Flucht“ gearbeitet hĂ€tte, doch wegen „der Unbestimmtheit Ihres Auftrages [
]“(Anm. 13) dann das Bild seinem Bruder versprochen hatte, scheint dafĂŒr zu sprechen, dass es sich eher zunĂ€chst um einen Privatauftrag Schildeners handelte. Auch dass Runge es als Pendent zu „Quelle und Dichter“ ansah (vgl. Inv. Nr. 34152), spricht nicht fĂŒr einen ausdrĂŒcklichen Entwurf als Altarbild genauso wie die „innere Verwandtschaft“, die die „Ruhe auf der Flucht“ mit „seinem Morgen, der den Anfang unter seinen Tageszeiten machen mußte, haben sollte“ (Anm. 14); sie könnte darauf hindeuten, dass das GemĂ€lde nicht als Altarbild geplant war.
Die weiteren ĂŒberlieferten Nachrichten sprechen jedenfalls nicht vorbehaltlos fĂŒr die Identifizierung des Greifswalder AltargemĂ€ldes mit der „Ruhe auf der Flucht“. Am 12. April 1806 schrieb Runge an seinen Schwiegervater in Dresden: „es sind mir in Greiffswald einige Arbeiten an einer Kirche versprochen, die ich wol bey Ihnen in Dresden machen mögte“ (Anm. 15), doch ist es dazu nicht gekommen, denn Mitte Juni waren die Arbeiten wegen des Krieges ins Stocken geraten (Anm. 16). Der Umstand, dass Runge das GemĂ€lde deshalb in Hamburg zurĂŒck gelassen hatte, wie er Goethe gegenĂŒber mitteilte (Anm. 17), muss allerdings nicht gegen die VerknĂŒpfung mit dem Greifswalder Auftrag sprechen (Anm. 18). Runge hatte das GemĂ€lde im unvollendeten Zustand in Hamburg zurĂŒckgelassen, als er mit seiner Frau im Mai 1806 nach Wolgast reiste; die Arbeit an dem GemĂ€lde (Anm. 19) nahm er auch nach seiner RĂŒckkehr nach Hamburg nicht mehr auf. 1808 hatte Runge an Goethe seine „erste Skizze“ (Inv. Nr. 34152) und „ein Studium zum Hintergrund“ (Inv. Nr. 34155) geschickt und das angefangene GemĂ€lde erwĂ€hnt, das er „sehr leicht beendigen können“ wĂŒrde (Anm. 20), doch den Auftrag fĂŒr Greifswald nicht erwĂ€hnt. Dies muss in diesem Zusammenhang verwundern, denn man wĂŒrde eher erwarten, dass Runge, der offen um Goethes Interesse buhlte, ĂŒber einen fĂŒr ihn so prestigetrĂ€chtigen Auftrag berichtet hĂ€tte (Anm. 21).
Neben der letztlich nicht eindeutigen Überlieferung scheinen auch formale Aspekte wie das ausdrĂŒckliche Querformat des GemĂ€ldes eine Verwendung als AltargemĂ€lde unwahrscheinlich zu machen. Quistorp hatte 1797 in seinem Entwurf eine zweigeschossige Altarwand geplant, zu der auch zwei GemĂ€lde gehört hĂ€tten. Vorausgesetzt, Quistorps Planung besaß auch noch 1805 GĂŒltigkeit, was sich nicht beweisen lĂ€sst, wĂ€re Runges relativ kleinformatiges GemĂ€lde in dem von Quistorp entworfenen Altaraufbau nur wenig zur Wirkung gekommen (Anm. 22). Die geschilderten UmstĂ€nde sind eher Beleg, dass die „Ruhe auf der Flucht“ nicht fĂŒr den Greifswalder Auftrag entstand sondern wohl fĂŒr Schildener. Auch ist die Entstehungsgeschichte des unvollendeten GemĂ€ldes aus den erhaltenen Quellen und den ĂŒberlieferten Werken nicht immer klar ablesbar, doch konnte jĂŒngst im Rahmen der Vorbereitungen der zu Runges 200. Todestag 2010 in der Hamburger Kunsthalle veranstalteten Ausstellung eine erste Ideenskizze zur „Ruhe auf der Flucht“ rekonstruiert werden. Die Skizze befand sich ehemals auf einem großformatigen Blatt – ca. 500 x 600 mm -, das bereits von Runge zu vier BlĂ€ttern zerschnitten wurde, deren Vorderseiten er fĂŒr Kopien nach einem Fuchskopf von Tischbein verwendete (vgl. Inv. Nr. 1938-1, 1938-137, 1938-187 und 34149). (Anm. 23) Traeger hatte die Versoseiten von Inv. Nr. 1838-1 und 1938-137 mit der „Ruhe auf der Flucht“ in Verbindung gesetzt und fĂŒr beide BlĂ€tter den „locker suchenden Strich“ (Anm. 24) betont, konnte jedoch fĂŒr die Versoseiten von Inv. Nr. 1938-187 und 34149 keine Verbindung zum Thema herstellen. WĂ€hrend Traeger in Inv. Nr. 1938-1 eine Skizze zur anbetenden Maria und in Inv. Nr. 1938-137 eine Studie zum Joseph erkannte, konnte erst Stolzenburg fĂŒr die beiden Versoseiten von Inv. Nr. 1938-187 und 34149 den Zusammenhang mit der „Ruhe auf der Flucht“ herstellen (Anm. 25). Beide BlĂ€tter entsprechen in ihrem flĂŒchtigen, skizzenhaften Duktus den bereits von Traeger zugeordneten Zeichnungen. Der ursprĂŒngliche Entwurf zeigte Joseph noch am linken Bildrand stehend (Anm. 26), wĂ€hrend Maria mit dem Kind bis auf geringfĂŒgig abweichende Details bereits der an Schildener am 10. Mai gesandten Pinselzeichnung (Inv. Nr. 34152) entspricht. Es kann deshalb kein Zweifel bestehen, dass es sich bei der rekonstruierten Skizze um einen ersten, im Format wohl entsprechenden Entwurf zur Figurenkomposition handelt, in dem die Landschaft noch keine Rolle spielte. Da die Pinselzeichnung am 10. Mai fertig war, ergibt dieses Datum fĂŒr die rekonstruierte Skizze den „terminus ante“. Sie muss vor dem 10. Mai entstanden sein und belegt Runges FĂ€higkeit zur skizzenhaften, im Strich freien Anlage der ersten Figurenkomposition. Dass Runge selbst die Kompositionsstudie zerschnitt und fĂŒr seine Kopien nach Tischbein benutzte, mag vor dem Hintergrund weniger erstaunlich erscheinen, dass fĂŒr das GemĂ€lde offensichtlich kein eindeutiger Auftrag vorlag und kurz darauf das angefangene GemĂ€lde als Fragment liegenblieb. Runge sah wahrscheinlich keine weitere Veranlassung, diesen ersten Entwurf zu bewahren, der zudem nur skizzenhaft ausgefĂŒhrt war und nicht dem Bild von Zeichnung entsprach, das Runge und sein Bruder Daniel bewahrt wissen wollte.

Peter Prange

1 Die Ruhe auf der Flucht, Öl/Lw, 24,2 x 33,5 cm, MĂŒnchen, Bayerische StaatsgemĂ€ldesammlungen, neue Pinakothek, Inv. Nr. 15437, vgl. Jörg Traeger: Aus Philipp Otto Runges AnfĂ€ngen als Maler. Eine frĂŒhe Fassung der ‚Ruhe auf der Flucht‘. Mit Anmerkungen zu Otto Sigismund Runge, in: Zeitschrift fĂŒr Kunstgeschichte 55, 1992, S. 463-481, Abb. 1. Vgl. dazu auch die Vorzeichnung in Berlin, fĂŒr die Traeger Runges Autorschaft zunĂ€chst ablehnte, vgl. Traeger 1975, S. 491, Nr. XLI, Abb.
2 Brief vom 3. Mai 1805 an Johann Gottfried Quistorp, vgl. HS II, S. 289.
3 Bereits 1783 hatte der Altermann Carl Heinrich Pogge 600 Taler fĂŒr den Neubau des Altars gestiftet, vgl. Pyl 1885, S. 517.
4 Vgl. Michael Lissok: Ein neuer Altar fĂŒr die Greifswalder Marienkirche, 1797-1837, in: Friedrich. Runge. Klinkowström. Die Geburt der Romantik, Ausst.-Kat. Pommersches Landesmuseum Greifswald, Berlin 2010, S. 108.
5 Pyl 1885, S. 517.
6 Helmut Börsch-Supan/Karl Wilhelm JĂ€hnig: Caspar David Friedrich. GemĂ€lde, Druckgraphik und bildmĂ€ĂŸige Zeichnungen, MĂŒnchen 1973, S. 25.
7Auch die von Daniel ĂŒberlieferte Nachricht, dass Kosegarten 1805 an Friedrich oder Runge als Maler fĂŒr ein Altarbild in der Kapelle in Vitte auf RĂŒgen dachte, könnte sich auf die erwĂ€hnte „Rivalerie“ beziehen, denn in Vitte erhielt Runge schließlich den Auftrag, vgl. HS I, S. 348.
8 Brief vom 4. Mai 1805 an Carl, vgl. Philipp Otto Runge. Briefe in der Urfassung, hrsg. von Karl Friedrich Degner, Berlin 1940, S. 269-270.
9 Brief vom 18. Mai 1805 an Carl, vgl. Degner 1940, S. 274
10 Brief vom 31. Mai 1805 an den Vater, vgl. HS II, S. 290.
11 Brief vom 11. Juni 1805 an Carl Schildener, vgl. HS II, S. 291.
12 Brief vom 6. Juli 1805 vom Bruder Jakob an Runge, vgl. HS II, S. 291.
13 Brief vom 5. November 1805 an Carl Schildener, vgl. HS II, S. 297.
14 HS II, S. 499.
15 Brief vom 12. April 1806 an Carl Friedrich Bassenge, vgl. Degner 1940, S. 295.
16 Brief vom 14. Juni 1806 an Daniel, vgl. HS II, S. 308.
17 Brief vom 4. Dezember 1806 an Goethe, vgl. HS II, S. 331.
18 Traeger 1975, S. 382.
19 Die Ruhe auf der Flucht, Öl/Lw, 96,5 x 129,5 cm, Hamburger Kunsthalle, Inv. Nr. 1004, vgl. Traeger 1975, S. 386, Nr. 322, Abb.
20 Philipp Otto Runges Briefwechsel mit Goethe, hrsg. von Hellmuth Freiherrn von Maltzahn, Weimar 1940, S. 87.
21 Noch 1810 wollte der Greifswalder Professor Johann Friedrich Droysen, der auch einen Entwurf fĂŒr den Altar gelifert hatte, „wegen der Gemahlde, von dem er vorher eine Skizze einsenden muss“, Runge kontaktieren. Droysen sah fĂŒr den Altar zwei GemĂ€lde vor, zu denen Runge Skizzen liefern sollte; auch diese Notiz Droysens könnte dafĂŒr sprechen, dass es sich nicht um die „Flucht nach Ägypten“ handelte, die in Greifswald bekannt war, vgl. Lissok 2010, S. 112.
22 Lissok 2010, S. 110.
23 Da Runge das Blatt selbst zerschnitt, war es Daniel offensichtlich nicht mehr bekannt.
24 Traeger 1975, S. 383, Nr. 318.
25 Vgl. die Montage bei Stolzenburg 2010, Abb. 6.
26 Klemm 2013, S. 266, Abb. 15, verweist fĂŒr das Motiv des stehenden Joseph mit einem fressenden Esel auf Guiseppe Longhis 1803 erschienenen Kupferstich nach Camillo Procaccinis „Ruhe auf der Flucht“.


verso:
Runge war bereits in Kopenhagen mit der Kunst Tischbeins in BerĂŒhrung gekommen, und blieb ihm auch nach seiner RĂŒckkehr nach Hamburg verbunden, wohin Tischbein 1801 ĂŒbersiedelt war. Das besondere Interesse Runges weckten dessen Tierstudien, die Tischbein im Rahmen seiner Untersuchungen zur Physiognomie der Menschen und Tiere angefertigt hatte: „Ein sehr großes VergnĂŒgen machte ihm das unvergleichliche Talent des Directors Tischbein fĂŒr Thierphysiognomien, besonders die Zeichnungen, welche derselbe von allen den wilden Thieren, die im Sommer 1804 auf dem Hamburger Berge gezeigt wurden, machte, und deren zum Theil recht ‚tĂŒchtige Gesichter‘, wie R. sich ausdrĂŒckte, dieser im Winter darauf nachzeichnen wollte; wir besitzen davon bloß den sehr schönen Kopf des WaschbĂ€ren.“ (Anm. 1) Der in Daniels Besitz befindliche Kopf eines WaschbĂ€ren von Runge lĂ€sst sich genauso wenig nachweisen wie Tischbeins Vorlage, weshalb Traeger zu Recht eine Verwechslung mit den verschiedenen Studien nach dem „Kopf eines Fuchses“ angenommen hat (Anm. 2). Wahrscheinlich handelt es sich dabei um Inv. Nr. 1938-1, das sich möglicherweise aus Daniels Besitz stammend 1846 im Nachlass des Hamburger Malers Johann Joachim Faber befand, von wo es ĂŒber den Verein fĂŒr Hamburgische Geschichte in den Besitz der Hamburger Kunsthalle kam.
Von Runge existieren insgesamt vier BlĂ€tter mit Studien eines Fuchskopfes nach rechts, weshalb Traegers Annahme, Runge hĂ€tte als Vorlage eine Radierung mit Ansichten von Fuchsköpfen aus Tischbeins 1796 in Neapel erschienenem physiognomischen Werk benutzt (Anm. 3), sicher unzutreffend ist. Runge mĂŒsste dann den Fuchskopf seitenverkehrt ĂŒbertragen haben, was fĂŒr ihn ungewöhnlich wĂ€re, da er sonst Vorlagen immer seitengleich kopiert. Zudem unterscheiden sich Runges weitgehend als Umrisse ausgefĂŒhrte Zeichnungen auch von Tischbeins feinteiliger und in der Angabe der Binnenzeichnung differenzierter Radierung, weshalb Runge eine andere Vorlage zur VerfĂŒgung gehabt haben muss (Anm. 4). Diese tauchte erst vor wenigen Jahren im Kunsthandel auf, als ein Teil von Tischbeins Nachlass versteigert wurde, in dem sich ein Aquarell mit dem Fuchskopf befand (Anm. 5).
Daniel Runge erwĂ€hnt Runges Studien nach Physiognomien im Zusammenhang der „Freuden der Jagd“, doch gibt fĂŒr diese Verbindung ebenso keine Anhaltspunkte wie fĂŒr eine spĂ€te Datierung 1809 (Anm. 6). Vielmehr bestĂ€tigt die Rekonstruktion eines großformatigen Entwurfs zur „Flucht nach Ägypten“ auf der RĂŒckseite der vier BlĂ€tter Daniels Datierung in das Jahr 1805. Nachdem Runge den Entwurf auf der Vorderseite verworfen hatte, zerschnitt er das Blatt und benutzte die RĂŒckseiten fĂŒr seine Tierstudien nach Tischbein, die offensichtlich ohne konkreten Werkbezug entstanden, sondern wohl Ausdruck eines allgemeinen Interesses an Fragen der Physiognomie sind (Anm. 7), die wenig spĂ€ter in „Petrus auf dem Meer“ eine besondere Rolle spielen sollten. Erstaunlich ist allerdings, mit welcher IntensitĂ€t sich Runge der Vorlage Tischbeins widmete. Tischbeins Aquarell reduziert Runge in verschiedenen Stufen beginnend wahrscheinlich mit der Bleistift- (Inv. Nr. 1938-137) und der Federzeichnung (Inv. Nr. 1938-1 verso) auf den Umriss bzw. die graphische Struktur der Linien bis zu Inv. Nr. 34149, das in der zeichnerischen BewĂ€ltigung am sichersten und souverĂ€nsten erscheint.
1 HS I, S. 351.
2 Traeger 1975, S. 380, Nr. 314 a.
3 Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, TĂȘtes de differents animaux dessinĂ©es d’apres nature pour donner une idĂ©e plus exacte de leurs caractĂšres, par Guillaume Tischbein, Neapel 1796.
4 Auch ein von Hinrich Sieveking: Zwischen Rokoko und Romantik, in: Weltkunst XLVI, 1976, Nr. 8, S. 727, angefĂŒhrtes Blatt Tischbeins mit dem Kopf eines Fuchses in MĂŒnchner Kunsthandel weist Unterschiede zu Runges Fassung auf, weshalb es ebenfalls als Vorlage nicht in Frage kommt.
5 Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Wolfskopf, Feder in Grau, schwarze Kreide, Aquarell, 288 x 375 mm, Klassik Stiftung Weimar, Graphische Sammlung, Inv. Nr. KK 12102, vgl. Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. Aquarelle, Gouachen und Zeichnungen, Klassik Stiftung Weimar, Kulturstiftung der LĂ€nder – Patrimonia 274, Weimar 2006, S. 101, Nr. 213, Abb. 28
6 Pauli 1916, S. 43, Nr. 141; Böttcher 1937, S. 185, Anm. 2; Berefelt 1961, S. 225, Anm. 2.
7 Traeger 1975, S. 381, Nr. 314 c bringt die Studien mit Runges damaligen Interesse „an psychosomatischen Problemen“ in Zusammenhang, das seinen Ausdruck auch im Besuch der Vorlesungen Franz Joseph Galls im FrĂŒhjahr 1806 findet, vgl. HS II, S. 500.

Details zu diesem Werk

Beschriftung

Unten in der Mitte (von der Hand Johann Joachim Fabers?) bezeichnet: "Otto Runge in Hamburg" (Bleistift); auf dem Verso unten in der Mitte bezeichnet: "nach Tischbein" (Bleistift); rechts daneben: bezeichnet: "Fabers Nachlass, 1846" (Feder in Braun); oben rechts Stempel des "Vereins fĂŒr Hamb. Geschichte" (Stempel in Blau; um 180 Grad gedreht; Bleistift, durchgestrichen); oberhalb davon links am Rand Federproben in Schwarz

Verso

Titel verso: Kopf eines Fuchses im Profil nach rechts (nach Johann Heinrich Wilhelm Tischbein)

Technik verso: Feder und Pinsel in Schwarz ĂŒber Bleistift

Provenienz

Wohl Geschenk des KĂŒnstlers an den Maler Johann Joachim Faber (1778-1846), Hamburg (bis 1846) ((verso: "Fabers Nachlass, 1846")); erworben 1938 vom Verein fĂŒr Hamburgische Geschichte aus Fabers Nachlass

Bibliographie

David Klemm, Andreas Stolzenburg: Runge als Zeichner, in: Hamburg/ MĂŒnchen 2010 MĂŒnchen 2010, S. 9-22, S.19, Abb.6 auf S. 18

Hermann Mildenberger: J. H. W. Tischbein - Philipp Otto Runge - Friedrich Overbeck. Apekte des kĂŒnstlerischen Austauschs, in: Jahrbuch des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums Schloss Gottorf 1, 1986-87, NeumĂŒnster 1988, S. 31-87, S.47-48, 58, Abb.29 auf S. ?

Runge. Fragen und Antworten, hrsg. von Hanna Hohl, MĂŒnchen 1979, S.13

Runge in seiner Zeit, hrsg. von Werner Hofmann, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 1977, S.179, Nr.147, Abb.

Jörg Traeger: Philipp Otto Runge und sein Werk. Monographie und kritischer Katalog, MĂŒnchen 1975, S.109, 175, 185, 383, Nr.318, Abb.

Katalog der Meister des 19. Jahrhunderts in der Hamburger Kunsthalle, bearb. von Eva Maria Krafft, Carl-Wolfgang SchĂŒmann, Hamburg 1969, S.280

Philipp Otto Runge: Philipp Otto Runges Briefe, hrsg. von Margrit Vasella-LĂŒber, ZĂŒrich 1967, S.59, Anm. 31

Idee und Vollendung, Ausst.-Kat. 16. Ruhrfestspiele Recklinghausen, StÀdtische Kunsthalle, Recklinghausen 1962, S.134, Nr.55a

Philipp Otto Runge 23. Juli 1777 Wolgast - 2. Dezember Hamburg 1810. Zeichnungen und Scherenschnitte. GedĂ€chtnis-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle aus Anlaß der 150. Wiederkehr seines Todestages, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 1960, S.14, Nr.74

Malende Dichter, dichtende Maler, St. Gallen 1957, S.48, Nr.652

Christian Adolf Isermeyer: Philipp Otto Runge, Die KunstbĂŒcher des Volkes, Bd. 32, Berlin 1940, S.129