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Philipp Otto Runge, Zeichner Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Erfinder
Kopf eines Fuchses,
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Philipp Otto Runge, Zeichner Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Erfinder

Kopf eines Fuchses,

Philipp Otto Runge, Zeichner Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Erfinder

Kopf eines Fuchses

Runge war bereits in Kopenhagen mit der Kunst Tischbeins in BerĂŒhrung gekommen, und blieb ihm auch nach seiner RĂŒckkehr nach Hamburg verbunden, wohin Tischbein 1801 ĂŒbersiedelt war. Das besondere Interesse Runges weckten dessen Tierstudien, die Tischbein im Rahmen seiner Untersuchungen zur Physiognomie der Menschen und Tiere angefertigt hatte: „Ein sehr großes VergnĂŒgen machte ihm das unvergleichliche Talent des Directors Tischbein fĂŒr Thierphysiognomien, besonders die Zeichnungen, welche derselbe von allen den wilden Thieren, die im Sommer 1804 auf dem Hamburger Berge gezeigt wurden, machte, und deren zum Theil recht ‚tĂŒchtige Gesichter‘, wie R. sich ausdrĂŒckte, dieser im Winter darauf nachzeichnen wollte; wir besitzen davon bloß den sehr schönen Kopf des WaschbĂ€ren.“ (Anm. 1) Der in Daniels Besitz befindliche Kopf eines WaschbĂ€ren von Runge lĂ€sst sich genauso wenig nachweisen wie Tischbeins Vorlage, weshalb Traeger zu Recht eine Verwechslung mit den verschiedenen Studien nach dem „Kopf eines Fuchses“ angenommen hat (Anm. 2). Wahrscheinlich handelt es sich dabei um Inv. Nr. 1938-1, das sich möglicherweise aus Daniels Besitz stammend 1846 im Nachlass des Hamburger Malers Johann Joachim Faber befand, von wo es ĂŒber den Verein fĂŒr Hamburgische Geschichte in den Besitz der Hamburger Kunsthalle kam.
Von Runge existieren insgesamt vier BlĂ€tter mit Studien eines Fuchskopfes nach rechts, weshalb Traegers Annahme, Runge hĂ€tte als Vorlage eine Radierung mit Ansichten von Fuchsköpfen aus Tischbeins 1796 in Neapel erschienenem physiognomischen Werk benutzt (Anm. 3), sicher unzutreffend ist. Runge mĂŒsste dann den Fuchskopf seitenverkehrt ĂŒbertragen haben, was fĂŒr ihn ungewöhnlich wĂ€re, da er sonst Vorlagen immer seitengleich kopiert. Zudem unterscheiden sich Runges weitgehend als Umrisse ausgefĂŒhrte Zeichnungen auch von Tischbeins feinteiliger und in der Angabe der Binnenzeichnung differenzierter Radierung, weshalb Runge eine andere Vorlage zur VerfĂŒgung gehabt haben muss (Anm. 4). Diese tauchte erst vor wenigen Jahren im Kunsthandel auf, als ein Teil von Tischbeins Nachlass versteigert wurde, in dem sich ein Aquarell mit dem Fuchskopf befand (Anm. 5).
Daniel Runge erwĂ€hnt Runges Studien nach Physiognomien im Zusammenhang der „Freuden der Jagd“, doch gibt fĂŒr diese Verbindung ebenso keine Anhaltspunkte wie fĂŒr eine spĂ€te Datierung 1809 (Anm. 6). Vielmehr bestĂ€tigt die Rekonstruktion eines großformatigen Entwurfs zur „Flucht nach Ägypten“ auf der RĂŒckseite der vier BlĂ€tter Daniels Datierung in das Jahr 1805. Nachdem Runge den Entwurf auf der Vorderseite verworfen hatte, zerschnitt er das Blatt und benutzte die RĂŒckseiten fĂŒr seine Tierstudien nach Tischbein, die offensichtlich ohne konkreten Werkbezug entstanden, sondern wohl Ausdruck eines allgemeinen Interesses an Fragen der Physiognomie sind (Anm. 7), die wenig spĂ€ter in „Petrus auf dem Meer“ eine besondere Rolle spielen sollten. Erstaunlich ist allerdings, mit welcher IntensitĂ€t sich Runge der Vorlage Tischbeins widmete. Tischbeins Aquarell reduziert Runge in verschiedenen Stufen beginnend wahrscheinlich mit der Bleistift- (Inv. Nr. 1938-137) und der Federzeichnung (Inv. Nr. 1938-1 verso) auf den Umriss bzw. die graphische Struktur der Linien bis zu Inv. Nr. 34149, das in der zeichnerischen BewĂ€ltigung am sichersten und souverĂ€nsten erscheint.

Peter Prange

1 HS I, S. 351.
2 Traeger 1975, S. 380, Nr. 314 a.
3 Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, TĂȘtes de differents animaux dessinĂ©es d’apres nature pour donner une idĂ©e plus exacte de leurs caractĂšres, par Guillaume Tischbein, Neapel 1796.
4 Auch ein von Hinrich Sieveking: Zwischen Rokoko und Romantik, in: Weltkunst XLVI, 1976, Nr. 8, S. 727, angefĂŒhrtes Blatt Tischbeins mit dem Kopf eines Fuchses in MĂŒnchner Kunsthandel weist Unterschiede zu Runges Fassung auf, weshalb es ebenfalls als Vorlage nicht in Frage kommt.
5 Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Wolfskopf, Feder in Grau, schwarze Kreide, Aquarell, 288 x 375 mm, Klassik Stiftung Weimar, Graphische Sammlung, Inv. Nr. KK 12102, vgl. Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. Aquarelle, Gouachen und Zeichnungen, Klassik Stiftung Weimar, Kulturstiftung der LĂ€nder – Patrimonia 274, Weimar 2006, S. 101, Nr. 213, Abb. 28
6 Pauli 1916, S. 43, Nr. 141; Böttcher 1937, S. 185, Anm. 2; Berefelt 1961, S. 225, Anm. 2.
7 Traeger 1975, S. 381, Nr. 314 c bringt die Studien mit Runges damaligen Interesse „an psychosomatischen Problemen“ in Zusammenhang, das seinen Ausdruck auch im Besuch der Vorlesungen Franz Joseph Galls im FrĂŒhjahr 1806 findet, vgl. HS II, S. 500.

Details zu diesem Werk

Beschriftung

Unten in der Mitte bezeichnet: "nach W Tischbein" (Feder in Grau)

Verso

Titel verso: Joseph mit Wanderstab (Skizzenfragment zum GemĂ€lde "Ruhe auf der Flucht nach Ägypten")

Technik verso: Bleistift

Provenienz

Nachlass des KĂŒnstlers; ab 1810 im Besitz des Bruders Johann Daniel Runge (1767-1856), Hamburg; nach dessen Tod am 12. 3. 1856 im Besitz der Witwe Philipp Otto Runges, Pauline Runge (1785-1881), geb. Bassenge; wohl als deren Geschenk an ihren Enkel Paul Runge (1835-1899), Berlin (Sohn des Otto Sigismund Runge (1806-1839); Philipp Otto Runge (1866-1925; Sohn des Vorigen), Berlin; Hans Runge (1900-?; Sohn des Vorigen), Berlin (bis 1938); erworben 1938 von C. G. Boerner, Leipzig

Bibliographie

David Klemm: Runge und die italienische Kunst, in Kosmos Runge. Das Hamburger Symposium, hrsg. von Markus Bertsch, Hubertus Gaßner, Jenns Howoldt, MĂŒnchen 2013, S.266, Abb. 14

David Klemm, Andreas Stolzenburg: Runge als Zeichner, in: Hamburg/ MĂŒnchen 2010 MĂŒnchen 2010, S. 9-22, S.19, Abb.6 auf S. 18

Hermann Mildenberger: J. H. W. Tischbein - Philipp Otto Runge - Friedrich Overbeck. Apekte des kĂŒnstlerischen Austauschs, in: Jahrbuch des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums Schloss Gottorf 1, 1986-87, NeumĂŒnster 1988, S. 31-87, S.47, Abb., 58, Abb.27

Jörg Traeger: Philipp Otto Runge und sein Werk. Monographie und kritischer Katalog, MĂŒnchen 1975, S.380-381, Nr.314b, Abb.

Gunnar Berefelt: Philipp Otto Runge zwischen Aufbruch und Opposition 1777-1802, Stockholm Studies in History of Art, Bd. 7, Stockholm 1961, S.225, Anm. 2

Deutsche Handzeichnungen der Romantikerzeit. Deutsche Graphik des frĂŒhen XIX. Jahrhunderts. Deutsche Zeichnungen der zweiten HĂ€lfte des XVI. Jahrhunderts, Auktion 199, 25. 5. 1938, C. G. Boerner, Leipzig 1938, S.15, Nr.133