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Philipp Otto Runge, Zeichner Annibale Carracci, Maler, Erfinder
Apollo und Marsyas; Dekorationssystem mit Hermen (Kopie nach den Fresken der Carracci der Galleria Farnese in Rom), 1798/99
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Philipp Otto Runge, Zeichner Annibale Carracci, Maler, Erfinder

Apollo und Marsyas; Dekorationssystem mit Hermen (Kopie nach den Fresken der Carracci der Galleria Farnese in Rom), 1798/99

Philipp Otto Runge, Zeichner Annibale Carracci, Maler, Erfinder

Apollo und Marsyas; Dekorationssystem mit Hermen (Kopie nach den Fresken der Carracci der Galleria Farnese in Rom), 1798/99

Auf insgesamt zwölf zum Teil beidseitig benutzten BlĂ€ttern befinden sich Nachzeichnungen nach den Fresken von Agostino und Annibale Carracci in der Galleria Farnese in Rom (Anm. 1), die in den Jahren 1598-1600 entstanden waren. Stubbe nahm an, dass Runges Zeichnungen nach Carlo Cesios Folge von 44 Kupferstichen unterschiedlichen Formats nach den Fresken in der Galleria Farnese entstanden, die erstmals 1657 und zuletzt 1753 in sechster Auflage erschienen waren (Anm. 2). Runge hat sich nicht fĂŒr die einzelnen, in die Gesamtdekoration als „Quadri riportati“ eingefĂŒgten GemĂ€lde interessiert, sondern aus diesen einzelne Figuren der fingierten Stuckdekoration herausgegriffen. Er hat sie wie bei seinen Kopien nach Vorlagen zumeist ĂŒblich aus ihrem erzĂ€hlerischen Zusammenhang herausgelöst. Auf Inv. Nr. 1938-89 hat Runge nach dem Fresko „Polyphem und Galathea“ (Tafel VII) die Figur des Polyphem als einfache Umrisszeichnung dargestellt, auf der nur einige Schraffuren als modellierende Binnenzeichnung angegeben sind. Diese weitgehend auf den Umriss beschrĂ€nkten Zeichnungen, auf denen Schraffuren die Modellierung angeben, finden sich auch in den Studien nach den „Ignudi“, die als Einzelfiguren in der Wandzone neben den EingĂ€ngen der Nordwand erscheinen. Inv. Nr. 1938-96 bis 1938-98 sind offensichtlich Kopien nach Tafel XXX, auf der Cesio einzelne „Ignudi“ aus der Nordwand isoliert hat, doch ist auffallend, das auf Inv. Nr. 1938-96 bei der Darstellung des linken „Ignudo“, der sich in der Mitte der Nordwand befindet, Runge auch die Sockeldekoration andeutet, die auf Cesios Stich aber fehlt. Runge muss fĂŒr diese Zeichnung ein anderer Stich vorgelegen haben, wahrscheinlich ein Stich der SĂŒd- und Nordwand von Pietro Aquila (Anm. 3). Diesen mittleren „Ignudo“ hat Runge auch auf Inv. Nr. 1938-97 und Inv. Nr. 1938-98 kopiert, doch wĂ€hrend Runge auf Inv. Nr. 1938-96 verschattete Partien genau angibt, er die Figur in Licht und Schatten modelliert, verzichtet er bei den beiden anderen BlĂ€ttern weitgehend auf die Angabe der Binnenzeichnung. Dieser Zeichenweise entsprechen auch Inv. Nr. 1938-95, das Runge aus Tafel XVII kopiert hat, und die „Ignudi“ auf Inv. Nr. 1938-99, die sich auf Cesios Tafel XIX finden. Sie sind typisch fĂŒr Runges Kopien, auf denen er zumeist einzelne Figuren aus ihrem erzĂ€hlerischen Zusammenhang herauslöst und als Umrissfigur auf dem Papier stehen lĂ€sst, so dass sie in ihrer Vereinzelung an eine Silhouette erinnern.
Inv. Nr. 1938-93 zeigt verschiedene Motive nebeneinander, wie sie Cesios Tafeln nicht zeigen. Erst in der Gesamtschau der Dekoration der Galleria Farnese wird deutlich, dass Runge hier eine Ecksituation wiedergibt, die so bei Cesio nicht erscheint, aber Ă€hnlich der Stich Aquilas zeigt (Anm. 4). FĂŒr Aquila als Vorlage sprechen vor allem teil nur teilweise angegebene Oberkörper der Atlantenherme links und die beiden miteinander ringenden Putten; auch auf der Stichvorlage ist die Herme nur als Fragment dargestellt und vom linken Putto ist wie bei Runge nur sein Kopf und sein Arm sichtbar (Anm. 5). Denselben szenischen Zusammenhang zeigt auch Inv. Nr. 1938-94 verso, das die gegenĂŒberliegende Ecksituation darstellt. Diese Verbindung fehlt bei Cesio, weshalb Runge fĂŒr diese Kopie ebenfalls auf Aquilas Vorlage zurĂŒckgegriffen haben dĂŒrfte.
WĂ€hrend die bisherigen Kopien nur in Feder ĂŒber einer Bleistiftvorzeichnung ausgefĂŒhrt wurden, ist der bei Inv. Nr. 1938 verso der Einsatz des Pinsels fĂŒr die plastische Modellierung ausschlaggebend. Die scharfe Kontrastierung der Figuren in Licht und Schatten auch auf Inv. Nr. 1938-91, das einen Wandabschnitt mit der Schindung des Marsyas zeigt, spricht eher fĂŒr die Verwendung von Aquilas Kupferstich als Vorlage (Anm. 6), aus dem Runge einen Teilabschnitt kopiert hat. Die Verbindung aus Umrisszeichnung und starker Licht-Schattenkontraste der nicht zu Ende gefĂŒhrten Zeichnung hat ihre Vorlage in den scharf konturierenden, auf starke Helldunkelkontraste angelegten Stichen Aquilas. Dass Runge auf Aquila als Vorlage zurĂŒckgriff, erweist auch Inv. Nr. 1938-116, das die zwei KĂ€mpfenden im Kampf zwischen Perseus und Phineus zeigt. Auch hier entspricht die gegenĂŒber Cesio insgesamt schĂ€rfer konturierende Stecherarbeit Aquilas Runges Zeichnung (Anm. 7), die in der Kombination von Umriss und Modellierung ganz auf die Abbildung statuarischer PlastizitĂ€t abzielt. Das Beobachtete gilt Ă€hnlich fĂŒr Inv. Nr. 1938-90, das Polyphem aus dem Fresko „Polyphem und Acis“ zeigt, fĂŒr Inv. Nr. 1938-94 und Inv. Nr. 1938-92 mit dem Kampf zwischen Perseus und Phineus.
Stubbes Annahme, Runges Zeichnungen seien nach Cesios Stichpublikation entstanden, ist bisher nicht angezweifelt worden, doch zeigen die kopierten Abschnitte aus den Dekorationen aus Carraccis Fresken, vor allem aber ihre zeichnerische Anverwandlung, dass nicht Cesios weich modellierende Stiche sondern Aquilas insgesamt schÀrfer konturierende und in der Lichtwirkung kontrastierenden Stiche Runge als Vorlage gedient haben.
Die Datierung der Studien ist nicht unproblematisch, weil sich auf zwei Zeichnungen widerspĂŒchliche Datierungen befinden, die von Daniel stammen. Auf Inv. Nr. 1938-97 befindet sich die nachtrĂ€gliche Aufschrift „1798“ in Bleistift, darunter „POR 1799“ in brauner Feder, auf Inv. Nr. 1938-98 ist zu lesen „POR 1800“ in brauner Feder, wobei die Jahreszahl „1800“ durchgestrichen ist und daneben offenbar durch „1798“ in grauer Feder ersetzt wurde. Offensichtlich war sich Daniel, als er die Datierungen auf den nachgelassenen Zeichnungen nach und nach bei der Sichtung des Materials vornahm, ĂŒber den Zeitpunkt ihrer Entstehung nicht mehr sicher. Berefelt hat deshalb ihre Entstehung „in Verbindung mit dem Unterricht bei Hardorff oder in der ersten Zeit in Kopenhagen“ fĂŒr möglich gehalten (Anm. 8), wobei Letzteres ihm unter Verweis auf Abilgaards Auseinandersetzung mit der Kunst der SpĂ€trenaissance wahrscheinlicher erschien. Traeger hat dagegen auf eine Zeichnung von Hardorff in dessen Nachlass hingewiesen, die die Flucht von Acis und Galathea aus Carraccis Freskos „Polyphem und Acis“ wiedergibt. Im Duktus insgesamt freier, dĂŒrfte Runge aber durch Hardorff bereits in Hamburg an den Stoff herangefĂŒhrt worden sein, was durch die verwendeten Papiere bestĂ€tigt wird (Anm. 9).
Die beiden nachtrĂ€glich datierten Studien sind gegenĂŒber den mit dem Pinsel ausgefĂŒhrten Kopien insgesamt im Duktus etwas unsicherer, was fĂŒr eine frĂŒhere Entstehung 1798 sprechen könnte. Die Pinselzeichnungen schließen in ihrer Betonung des Umrisses und der starken Modellierung stilistisch an Runges Kopien nach Daniele da Volterras an (vgl. Inv. Nr. 1938-114 und Inv. Nr. 1938-115), fĂŒr die Traeger eine Entstehung erst 1799 fĂŒr denkbar hĂ€lt.

Peter Prange

1 Zur Galleria Farnese zusammenfassend zuletzt Stefano Colonna: La Galleria dei Carracci in Palazzo Farnese a Roma. Eros, anteros, età dell’oro, Rom 2007.
2 Galeria nel Palazzo Farnese in Roma.del Sereniss. Duca di Parma etc. dipinta da Annibale Carracci intagliata da Carlo Cesio, Rom 1657, vgl. Annibale Carracci e I suoi incisori, Ausst.-Kat. École française de Rome, Rom 1986, S. 129-149, Nr. XLII B.
3 Pietro Aquila, Galeriae Farnesianae icons Romae in Aedibus [
] a Pietro Aquila delineatae incisae, Rom o. J., vgl. Carracci 1986, S. 179, Nr. XLII D, 19, Abb.
4 Carracci 1986, S. 173, Nr. XLII D, 7, Abb.
5 Der Oberkörper der linken Atlantenherme scheint eine ErgĂ€nzung Runges zu sein; dafĂŒr dĂŒrfte auch sprechen, dass er sie gegenĂŒber seinem Pendent zu hoch angesetzt ist.
6 Carracci 1986, S. 174, Nr. XLII D, 9, Abb.
7 Carracci 1986, S. 174, Nr. XLII D, 8, Abb.
8 Berefelt 1961, S. 160.
9 Stubbe 1974, S. 17.

Details zu diesem Werk

Beschriftung

Unten rechts von der Hand Daniels bezeichnet: "nach Carracci" (Feder in Braun)

Wasserzeichen / Kettenlinien

Posthorn in bekrönter Wappenkartusche (nicht bei Traeger erwÀhnt)

Provenienz

Nachlass des KĂŒnstlers; ab 1810 im Besitz des Bruders Johann Daniel Runge (1767-1856), Hamburg; nach dessen Tod am 12. 3. 1856 im Besitz der Witwe Philipp Otto Runges, Pauline Runge (1785-1881), geb. Bassenge; wohl als deren Geschenk an ihren Enkel Paul Runge (1835-1899), Berlin (Sohn des Otto Sigismund Runge (1806-1839); Philipp Otto Runge (1866-1925; Sohn des Vorigen), Berlin; Hans Runge (1900-?; Sohn des Vorigen), Berlin (bis 1938); erworben 1938 von C. G. Boerner, Leipzig

Bibliographie

Kosmos Runge. Der Morgen der Romantik. Katalogteil, hrsg. von Markus Bertsch, Uwe Fleckner, Jenns Howoldt, Andreas Stolzenburg, MĂŒnchen 2010, S.68, 383, Nr.22, Abb.

David Klemm, Andreas Stolzenburg: Runge als Zeichner, in: Hamburg/ MĂŒnchen 2010 MĂŒnchen 2010, S. 9-22, S.14, Nr.22

Peter Betthausen: Philipp Otto Runge, Leipzig 1980, S.131, Abb.7 auf S. 12

Philipp Otto Runge Caspar David Friedrich aus der Hamburger Kunsthalle, dem Kunsthistorischen Museum und der Graphischen Sammlung Albertina in Wien, Ausst.-Kat. Oberes Belvedere, Wien 1978, S.84, Nr.47, Abb.S. 85

Jörg Traeger: Philipp Otto Runge oder die Geburt einer neuen Kunst, MĂŒnchen 1977, S.14, Abb.7 auf S. 11

Jörg Traeger: Philipp Otto Runge und sein Werk. Monographie und kritischer Katalog, MĂŒnchen 1975, S.26, 76, 146, 266, Nr.81f, Abb.

Wolf Stubbe: Bildidee und "Practik ". Zu unbekannten Zeichnungen von Philipp Otto Runge, in: Jahrbuch der Hamburger Kunstsammlungen 19, Hamburg 1974, S. 13-36, S.17

Jahrbuch der Hamburger Kunstsammlungen, hrsg. von Hamburger Kunsthalle und Museum fĂŒr Kunst und Gewerbe Hamburg, Bd. 19, 1974, S.13-36

Jörg Traeger: Gerdt Hardorff, ein frĂŒher Lehrer Runges, in: Jahrbuch der Hamburger Kunstsammlungen 18, Hamburg 1973, S. 125-154, S.135, 137, Nr.14

Gunnar Berefelt: Philipp Otto Runge zwischen Aufbruch und Opposition 1777-1802, Stockholm Studies in History of Art, Bd. 7, Stockholm 1961, S.55, 160-162, Abb.71

Wolf Stubbe: Philipp Otto Runge und seine Angehörigen, in: Jahrbuch der Hamburger Kunstsammlungen 5, Hamburg 1960, S. 53-68, S.58, Anm. 6

Deutsche Handzeichnungen der Romantikerzeit. Deutsche Graphik des frĂŒhen XIX. Jahrhunderts. Deutsche Zeichnungen der zweiten HĂ€lfte des XVI. Jahrhunderts, Auktion 199, 25. 5. 1938, C. G. Boerner, Leipzig 1938, S.15, Nr.133