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Paul Gauguin, Holzschneider Louis Roy, Drucker
Der Teufel spricht (Mahna no varua ino), Winter 1893-1894
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Paul Gauguin, Holzschneider Louis Roy, Drucker

Der Teufel spricht (Mahna no varua ino), Winter 1893-1894

Paul Gauguin, Holzschneider Louis Roy, Drucker

Der Teufel spricht (Mahna no varua ino), Winter 1893-1894
aus der Folge: NOA NOA
Gauguin hatte nach der RĂŒckkehr von seiner ersten Reise nach Tahiti im Winter 1893/94 einen umfangreichen Text mit dem Titel Noa Noa (Wohlgeruch) verfasst, mit dem er beim Publikum in Paris fĂŒr seine neuartigen SĂŒdseebilder werben wollte. Dieser Text fasziniert bis heute durch seine authentischen Einblicke in die damals noch ursprĂŒngliche Lebensweise der Eingeborenen. Seine sehr persönlichen Erfahrungen vor Ort, das Erlebnis der leuchtenden und kontrastreichen Farben sowie die mythische Götterwelt der SĂŒdsee inspirierten Gauguin in der Folge zu einer Serie von zehn leuchtenden Farbholzschnitten, die den Text illustrieren sollten. Die Publikation kam aber nicht zustande, das Manuskript wurde erst postum herausgegeben. Zu den im Winter 1893/94 entstandenen Farbholzschnitten gehört das Blatt mit dem lyrischen Titel Der Teufel spricht, das im wahrsten Sinne des Wortes ein unglaubliches Feuer versprĂŒht. Ganz unmittelbar und auf sehr poetische Weise werden hier die archaischen Mythen der Insulaner lebendig. Andreas Stolzenburg

Paul Gauguin nimmt eine herausragende Stellung in der französischen Kunst des 19. Jahrhunderts ein. Seine Familie war 1849 nach Peru umgesiedelt, von wo aus er erst 1855 wieder nach Paris kam. ZunĂ€chst als Angestellter einer Bank tĂ€tig, lernte er 1874 Camille Pissarro kennen und besuchte die AcadĂ©mie Colarossi. Trotz Ausstellungsbeteiligungen arbeitete er noch bis 1883 in seinem Brotberuf. Anschließend folgte ein unstetes Wanderleben, das ihn 1886 in die Bretagne fĂŒhrte, wo er mit Emile Bernard zusammenarbeitete. Im selben Jahr schloss er mit Vincent van Gogh Freundschaft, den er 1888 in Arles besuchte. 1891 bis 1893 hielt Gauguin sich erstmals auf der SĂŒdseeinsel Tahiti auf - kĂŒnstlerisch betrachtet ohne Zweifel das wichtigste biographische Erlebnis mit großen Folgen fĂŒr sein Werk. Besonders die Hinwendung zur Druckgraphik wurde befördert, der sich Gauguin vorher nur sporadisch gewidmet hatte. 1895 brach Gauguin erneut in sein geliebtes SĂŒdseeparadies auf, wo er bis 1901 blieb, um dann mehr als 1000 Kilometer nordöstlich von Tahiti im Pazifischen Ozean auf den Marquesas-Inseln die letzten beiden Jahre seines Lebens zu verbringen.
Gauguin hatte nach der RĂŒckkehr von seiner ersten Reise nach Tahiti im Winter 1893/94 einen umfangreichen Text mit dem Titel „NOA NOA“ verfasst, mit dem er beim Publikum fĂŒr das VerstĂ€ndnis seiner neuartigen SĂŒdseebilder werben wollte. Gauguins Bericht fasziniert noch heute durch seine authentischen Einblicke in die ursprĂŒngliche Lebensweise der Eingeborenen bzw. was von deren UrsprĂŒnglichkeit nach den Jahren der Kolonialisierung noch verblieben war. Diese oft sehr privaten Erfahrungen, das Erlebnis der leuchtenden und kontrastreichen Farben sowie der mythischen Götterwelt der SĂŒdsee hatten Gauguins Kunst die ertrĂ€umten neuen Impulse gegeben, obgleich seine Werke nie ihre starken europĂ€ischen Wurzeln verneinen konnten. FĂŒr Gauguin brach vor allem durch die Liebe zu einer Insulanerin, mit der er fortan Tisch und Bett teilte, eine neue Zeit an; er schrieb darĂŒber: „Nun begann das vollkommen glĂŒckliche Leben, gegrĂŒndet auf die Sicherheit des morgigen Tages, auf gegenseitiges Vertrauen, auf die beiderseitige Gewissheit der Liebe. Ich hatte wieder zu arbeiten begonnen, und das GlĂŒck wohnte in meinem Haus: es erhob sich mit der Sonne, strahlend wie sie. Das Gold von Tehuras Antlitz ĂŒberflutete das Innere der HĂŒtte und die Landschaft ringsum mit Freude und Klarheit. Wie schön war es am Morgen gemeinsam zum Bach zu gehen, um uns zu erfrischen, genauso wie es sicher der erste Mann und die erste Frau im Paradies getan hatten. - Paradies Tahiti, nave nave fenua („Herrliches Land“). - Und die Eva dieses Paradieses teilte sich mir immer williger, immer liebender mit. ich bin von ihrem Duft erfĂŒllt: noanoa!“
Dieser „Wohlgeruch“ der erwachenden Liebe, womit man „NOA NOA“ ĂŒbersetzen könnte, gab dem Text und den Graphiken ihren Namen. Der Text sollte der Kapiteleinteilung des geplanten Buches entsprechend mit zehn farbigen Holzschnitten illustriert und in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller und Kunstkritiker Charles Morice veröffentlicht werden. Die Publikation kam nicht zustande. Das Manuskript der KĂŒnstler ist im Pariser Louvre erhalten, wurde erst postum gedruckt und in zahlreiche Sprachen, auch ins Deutsche, ĂŒbersetzt. Die Holzstöcke, die von Gauguin zum grĂ¶ĂŸten Teil noch auf Tahiti geschnitten worden waren, wurden in einer sehr kleinen Auflage von wohl höchstens 25 Exemplaren im Winter 1893/94 in Paris gedruckt.
1921 veröffentlichte Pola Gauguin, der Sohn des KĂŒnstlers, in Paris eine Neuauflage der Folge in 100 Exemplaren, deren Drucke in Schwarzweiß jedoch nichts von dem poetischen Zauber der hier vorliegenden frĂŒhen, farbigen, sogenannten Roy-Drucke vermitteln können. Der begabte Drucker Louis Roy hatte die verschiedenen Holzstöcke unter Zuhilfenahme von Schablonen und unter Aufsicht Gauguins 1893/94 aufs Papier gebracht.
Gauguin, der auf Tahiti die mythischen Quellen der Menschheit gesucht hatte, wandte sich intensiv der „primitiven Kunst“ und ihrer starken, archaischen Ausdrucksmöglichkeiten zu. Die Holzschnitte der Folge „NOA NOA“, die lyrische Titel wie „Die Erschaffung des Universums“ (Inv.-Nr. 2003-40), „Bewacht von den Geistern der Toten“, „Der Teufel spricht“ (Inv.-Nr. 2003-41), „Ewige Nacht“ (Inv.-Nr. 2003-42) und „Dankopfer“ (Inv.-Nr. 2003-43) tragen, drĂŒcken diese Ă€ußerst intensive und liebevolle Begeisterung des KĂŒnstlers in poetischer Weise aus. Besonders die Komposition „Der Teufel spricht“ versprĂŒht im wahrsten Sinne des Wortes ein unglaubliches Feuer, das die archaischen Mythen der Insulaner unmittelbar lebendig werden lĂ€sst.
Mit den vier neuen BlĂ€ttern (Inv.-Nr. 2003-40 bis 2003-43) besitzt das Kupferstichkabinett nun die HĂ€lfte der zehnteiligen Folge, da bereits 1993 einer dieser Holzschnitte („Bewacht von den Geistern der Toten“) mit Hilfe der Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Kunstsammlungen erworben werden konnte.

Andreas Stolzenburg

Details zu diesem Werk

Beschriftung

Unten links monogrammiert: "PGO"; unten links bezeichnet: "Mahna no Varua ino"

Werkverzeichnis

Mongan 19 IV D

Provenienz

Erworben 2003 bei Kornfeld, Bern, Auktion 230, mit Mitteln der Campeschen Historischen Kunsstiftung (Teilzahlung).

Bibliographie

Kunst aus acht Jahrhunderten, hrsg. von Hamburger Kunsthalle und Freunde der Kunsthalle e.V., Hamburg 2016, S.317, Abb.

Elisabeth Mongan, Eberhard W. Kornfeld, Harold Joachim: Paul Gaugin. Catalogue raisonné of his Prints, Bern 1988, S.88-94, Nr.19