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Gaetano Gherardo Zompini
Der Unterricht Achills in der Musik durch den Kentaur Chiron, um 1758
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Gaetano Gherardo Zompini

Der Unterricht Achills in der Musik durch den Kentaur Chiron, um 1758

Gaetano Gherardo Zompini

Der Unterricht Achills in der Musik durch den Kentaur Chiron, um 1758

Die Zeichnung mit der Darstellung der Unterrichtung Achills in der Musik galt im Kupferstichkabinett seit Georg Ernst Harzens Zuschreibung als Werk des Malers und Graphikers Giovanni Benedetto Castiglione, genannt il Grechetto (1609–1664). Dank der Forschungen von Maria Santifaller handelt es sich aber mit Sicherheit um eine Arbeit des Venezianers Gaetano Zompini, der ganz bewusst Elemente der Bilderwelt des Genueser KĂŒnstlers in eigene Werke ĂŒbernahm.(Anm.1)
Hintergrund dieser kreativen Nachahmung ist die intensive Nachwirkung Castigliones in Venedig. Dort zeigten vor allem im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts nicht nur herausragende KĂŒnstler wie Giovanni Battista und Domenico Tiepolo, sondern auch Sammler starkes Interesse an den Arbeiten il Grechettos. So besaß der in Venedig lebende berĂŒhmte Consul Smith (1682–1770) GemĂ€lde Castigliones, und der Venezianer Antonio Maria Zanetti d. Ä. (1680–1757) verfĂŒgte ĂŒber ein GemĂ€lde sowie mehrere Zeichnungen. Diesen Besitz ĂŒbernahm nach dessen Tod grĂ¶ĂŸtenteils sein Neffe Antonio Maria Zanetti d. J. (1706– 1778). Beide Zanetti waren offensichtlich bestrebt, Castigliones Kunst einem grĂ¶ĂŸeren Interessentenkreis zu vermitteln. Sie taten dies auf eine fĂŒr das 18. Jahrhundert ungewöhnliche Weise, denn sie entschieden sich gegen die unter Sammlern beliebte Praxis, SpitzenblĂ€tter getreu faksimilieren zu lassen. Statt dessen beauftragten sie in der zweiten HĂ€lfte der 1750er Jahre den wenig bekannten und kĂŒnstlerisch nicht ĂŒbermĂ€ĂŸig begabten venezianischen KĂŒnstler Gaetano Zompini damit, unter Benutzung ihres Castiglione-Besitzes eine Graphikserie zu entwerfen.(Anm.2) Hieraus entstanden zwölf Radierungen, von denen sechs Hirtenszenen und jeweils drei Radierungen biblische Themen und die Jugend von Achill darstellen.
Zu einer dieser Radierungen diente das Hamburger Blatt mit dem „Unterricht Achills in der Musik durch den Kentauren Chiron“ als Vorzeichnung. Der Einfluss Castigliones auf Zompini zeigt sich in der etwas bizarren Grundidee der Komposition und einigen Details, z. B. dem Uhu in der Bildmitte und dem antiken Grabmonument links. Die dort erkennbaren Lettern lassen sich nicht zweifelsfrei aufschlĂŒsseln; relativ sicher scheint die obere Zeile, in der sich wohl der Urheber mit „G[aetano] Z[ompini] F[ecit]“ verewigt hat. Ikonographisch bezieht sich die Darstellung des Musikunterrichts Achills auf eine alte griechische Überlieferung, die bereits in der pompejanischen Wandmalerei Widerhall gefunden hatte.(Anm.3) Dass Achill bei Zompini nicht mehr im Lyraspiel, sondern auf der Gitarre unterrichtet wird, ist Ausdruck des Geschmackswandels und belegt nachdrĂŒcklich die große Bedeutung dieses Instrument im 18. Jahrhundert.
Zeichentechnisch gibt es nur allgemeine Ähnlichkeiten zu Castiglione; offensichtlich hat Zompini nicht danach gestrebt, dessen schon damals berĂŒhmte virtuose BlĂ€tter allzu auffĂ€llig nachzuahmen. Stattdessen weist die Zeichnung die fĂŒr Zompini typischen tupfenden Lavierungen und die mit kĂŒrzelhaften Haken gezeichneten Binnenformen auf.
Offensichtlich wurde die Hamburger Zeichnung erstmals 1758 seitenverkehrt als Radierung gedruckt. Diese Datierung ist dem zweiten von vier nachweisbaren DruckzustÀnden zu entnehmen. WÀhrend die Graphik im ersten Zustand noch dem französischen Sammler Pierre-Jean Mariette gewidmet war, enthÀlt die zweite Fassung eine Dedikation an Antonio Maria Zanetti d. J.(Anm.4)
Neben dem Hamburger Blatt lassen sich noch zwei weitere Zeichnungen Zompinis nachweisen: sie zeigen die Unterrichtung Achills in der Alchemie (Anm.5) und in der Astronomie (Anm.6). Ebenso wie das Hamburger Blatt sind sie motivisch an Castiglione angelehnt.
Die Werke dĂŒrften in den spĂ€ten 1750er Jahren entstanden sein. HierfĂŒr sprechen vereinzelt auf den Graphiken angebrachte Datierungen wie auch die ErwĂ€hnung einer Graphik mit Chiron in einem Brief des Conte Francesco Algarotti (1712–1764) an Zanetti.(Anm.7)
Trotz dieser eindeutigen Hinweise lĂ€sst sich bislang keine mit einem Titelblatt versehene komplette Ausgabe der Graphiken aus der Lebenszeit Zanettis nachweisen. Diese Edition ist offensichtlich aus nicht bekannten GrĂŒnden erst 1786 – also acht Jahre nach Zanettis Tod – durch den in Venedig lebenden Briten John Strange (1732–1799) durchgefĂŒhrt worden. Er hatte die Platten dazu aus dem Nachlass des verstorbenen Zanetti d. J. 1784 erworben und gab die zwölf Radierungen unter dem Titel „Varii capricci e paesi inventati e disegnati [
]“ heraus. Lange Zeit hat man die Serie aufgrund des auf einigen BlĂ€ttern vermerkten Monogramms Zanettis als dessen Arbeiten eingeschĂ€tzt. Erst das von Maria Santifaller publizierte Titelblatt der Serie nennt eindeutig Zompini als Graphiker. Allerdings gibt dieses Titelblatt auch vor, dass sĂ€mtliche Radierungen nach Originalzeichnungen Castigliones aus der Sammlung Zanetti entstanden seien. Diese bewusste TĂ€uschung des Publikums ist wohl damit begrĂŒndbar, dass der Hinweis auf die Urheberschaft Castigliones selbstverstĂ€ndlich verkaufsfördernder gewesen ist, als die Angabe des kaum bekannten Zompini. Ob man diesen Gedanken auch bereits den Zanetti unterstellen darf, muss offen bleiben. Besser vorstellbar ist, dass sie mit fingierten Graphiken nach angeblichen Castiglione-EntwĂŒrfen die Kennerschaft der Graphiksammler ihrer Zeit auf die Probe stellen wollten. Antonio Maria Zanetti d. Ä. war mit der Anverwandlung hervorragender Vorbilder bestens vertraut, da er seit den 1720er Jahren wiederholt zahlreiche der ihm gehörenden Parmigianino-Zeichnungen in mehr oder weniger verĂ€ndernder Weise als Chiaroscuro-Holzschnitte herausgegeben hatte (vgl. Inv.-Nrn. 21551-21555).
Zompinis Zeichnungen und die daraus resultierende Graphikserie stellen ein interessantes Beispiel fĂŒr das im 18. Jahrhundert weit verbreitete PhĂ€nomen der schöpferischen Nachahmung dar. Sie faszinieren aufgrund ihrer Uneindeutigkeit, bewegen sie sich doch in einem Grenzbereich zwischen Kopie, Nachahmung, Anverwandlung und FĂ€lschung.

David Klemm

1 Vgl. grundlegend Ewald Jeutter: Zur Problematik der Rembrandt-Rezeption im Werk des Genuesen Giovanni Benedetto Castiglione (Genua 1609-1664 Mantua). Eine Untersuchung zu seinem Stil und seinen Nachwirkungen im 17. und 18. Jahrhundert. Phil. Diss., TĂŒbingen 1994, Weimar 2004, S. 215–223.
2 Die genaue Datierung des Auftrags ist nicht möglich. Wahrscheinlich hat Zanetti d. Ä. den Anstoß dazu gegeben und sein Neffe und Erbe dann die Fortsetzung ĂŒbernommen. Vgl. Ewald Jeutter: Zur Problematik der Rembrandt-Rezeption im Werk des Genuesen Giovanni Benedetto Castiglione (Genua 1609-1664 Mantua). Eine Untersuchung zu seinem Stil und seinen Nachwirkungen im 17. und 18. Jahrhundert. Phil. Diss., TĂŒbingen 1994, Weimar 2004, S. 215ff.
3 W. H. Roscher: AusfĂŒhrliches Lexikon der Griechischen und Römischen Mythologie, Leipzig 1884–1886, I, Spalte 887–892.
4 Diese Widmung ist wiederum im dritten Zustand ausgelöscht, wohingegen die AbzĂŒge im vierten Zustand durch eine BeschĂ€digung unsauber sind.
5 Frankfurt am Main, StÀdel Museum, Graphische Sammlung, Inv.-Nr. 4039.
6 Venedig, Museo Correr, Inv.-Nr. 1771.
7 Vgl. Ewald Jeutter: Zur Problematik der Rembrandt-Rezeption im Werk des Genuesen Giovanni Benedetto Castiglione (Genua 1609-1664 Mantua). Eine Untersuchung zu seinem Stil und seinen Nachwirkungen im 17. und 18. Jahrhundert. Phil. Diss., TĂŒbingen 1994, Weimar 2004, S. 215–216.

Details zu diesem Werk

Beschriftung

Auf dem Verso rechts Stempel der Hamburger Kunsthalle (L. 1328); unten rechts bezeichnet: "Castiglione" (Bleistift)

Provenienz

Georg Ernst Harzen (1790-1863), Hamburg (L. 1244); NH Ad : 02 : 01, S. 212 (als Giovanni Benedetto Castiglione): Achilles lernt vom Chiron die Laute schlagen. gr qfol. Feder, Seppia. Nebst der Radierung v. Zanetti 1758."; NH Ad : 01 : 03, fol. 94 (als Giovanni Benedetto Castiglione): "Achills Erziehung. Chiron lehrt ihm Musik, er sitzt mit seiner Laute in HĂ€nden und blickt in ein Notenbuch das [er] quer auf den Knien hĂ€lt, ein zweiter Centaur ist neben einem Monumente eingeschlummert. Mit landschaftlichem Hintergrund. Sehr sorgfĂ€ltig ausgefĂŒhrt. Feder und Seppiazeichnung, gehöht. 11.3. 7.4 Aus Ant Mar. Zanettis Sammlung, der eine fleissige Radirung danach gebracht hat. bez. 1758. welche beiliegt"; Legat Harzen 1863 an die "StĂ€dtische Gallerie" Hamburg; 1868 der Stadt ĂŒbereignet fĂŒr die 1869 eröffnete Kunsthalle

Bibliographie

Giampiero Bozzolato: Gaetano Zompini incisore senza fortuna, Padua und Venedig o.J., S.23

Michael Matile: Della Grafica Veneziana. Das Zeitalter Anton Maria Zanettis (1680-1767), hrsg. von Graphische Sammlung ETH ZĂŒrcih, 2016, S.160-163, Abb.

David Klemm: Italienische Zeichnungen 1450-1800. Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle, Die Sammlungen der Hamburger Kunsthalle Kupferstichkabinett, Bd. 2, Köln u. a. 2009, S.366-367, Nr.564

David Klemm: Von Leonardo bis Piranesi. Italienische Zeichnungen von 1450 bis 1800 aus dem Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle, hrsg. von Hubertus Gaßner, David Klemm und Andreas Stolzenburg, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle, Bremen 2008, S.188-189, Abb, S. 234, Nr.87

Ewald Jeutter: Zur Problematik der Rembrandt-Rezeption im Werk des Genuesen Giovanni Benedetto Castiglione (Genua 1609-1664 Mantua). Eine Untersuchung zu seinem Stil und seinen Nachwirkungen im 17. und 18. Jahrhundert, Weimar 2004, S.348, Nr.152

Paolo Bellini: The Illustrated Bartsch. Italian Masters of the Seventeenth Century, Commentary, Bd. 46, New York 1985, S.117, Nr.79 (ErwÀhnung)

Da Carlevarijs ai Tiepolo. Incisori veneti e friulani del Settecento, hrsg. von Dario Succi, Ausst.-Kat. Venedig 1983, S.462

Paolo Bellini: The Illustrated Bartsch. Italian Masters of the Seventeenth Century, Bd. 46, New York 1982, S.117, Nr.79 (ErwÀhnung)

Maria Santifaller: Un problema Zanetti-Zompini in margine alle ricerche tiepolesche, in: Arte Veneta XXVII, 1973, S. 189-200, S.193-194, Abb.195, Nr. 269

Le Cabinet d'un Grand Amateur P.-J. Mariette 1694-1774. Dessins du XVe siÚcle au XVIIIe siÚcle, Ausst.-Kat. Parois, Musée du Louvre, Galerie Mollien 1967, S.180, Nr.bei Nr. 316

[Wolf Stubbe]: Italienische Zeichnungen 1500-1800. Ausstellung aus den BestÀnden des Kupferstichkabinetts, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 1957, S.30, Nr.158

V. T. [nicht aufgelöst]: Amburgo: Mostra di disegni italiani dal XV al XVIII secolo, in: Emporium. Rivista mensile illustrata d'arte e di cultura 76, 1957, Nr. 126, S. 228-229, S.229

Wolf Stubbe, Rolf Kultzen: Die italienische Graphik des Barock, Ausst.-Kat. Hamburg 1956, Hamburg 1956, S.34, Nr.169