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Anonym (deutsch, 16. Jh.) Pieter Cornelisz. Kunst
Betender Hieronymus in bergiger Landschaft, 1530 - 1540
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Anonym (deutsch, 16. Jh.) Pieter Cornelisz. Kunst

Betender Hieronymus in bergiger Landschaft, 1530 - 1540

Anonym (deutsch, 16. Jh.) Pieter Cornelisz. Kunst

Betender Hieronymus in bergiger Landschaft, 1530 - 1540

Das Blatt zeigt einen insgesamt heterogenen Charakter: Die figĂŒrlichen Details sind mit einer relativ feinen Feder in schwarzer Tinte ausgefĂŒhrt, fĂŒr die landschaftlichen Elemente dagegen wurde eine verdĂŒnnte Tinte verwendet, die heute grau erscheint. ZusĂ€tzlich wurde in der Mitte die Stadtsilhouette in brauner Feder nachtrĂ€glich (?) eingefĂŒgt. Diesem disparaten Bild entspricht der Gesamteindruck, der in der nicht immer nachvollziehbaren Erschließung des Landschaftsraumes und des Bildaufbaus allgemein als Nebeneinander verschiedener Teile erscheint.
Auf Grund dieser Beobachtungen hat Stubbe einem Hinweis von Edmund Schilling folgend das Blatt in die NĂ€he von Georg Lemberger (um 1490–1537) gerĂŒckt. In dessen Bildaufbau seien „alle Teile ziemlich unrĂ€umlich aneinandergefĂŒgt“ und in der Figurenbildung eine „seltsam verknorpelte Faltenbildung, [
] aus GewandflĂ€chen herausgestriebene Röhrenfalten“ feststellbar.(Anm. 1) Stubbes Hinweis auf eine 1513 entstandene Hl. Magdalena in der Sammlung Koenigs, die Winzinger Lemberger zuge-schrieben hatte, in der letzten Publikation ĂŒber die Sammlung Koenigs allerdings wieder als Werk eines unbekannten Meisters der Donauschule gefĂŒhrt wurde (Anm. 2), ĂŒberzeugt dabei nur bedingt: WĂ€hrend die Hl. Magdalena sicher im Strich und in der ganzen Komposition ist, fĂŒhrt der Zeichner des vorliegenden Blattes eine etwas schematische, keineswegs sichere, bisweilen sogar zaghafte Feder. Die Klarheit der Formengebung bei der Magdalena verliert sich hier im Ornamentalen, was besonders an den GewandsĂ€umen ablesbar ist. Sollte tatsĂ€chlich Lemberger hinter dem vorliegenden Blatt stehen, so allenfalls eine Bilderfindung von ihm.

Peter Prange

1 Franz Winzinger: Zum Werk Wolf Hubers, Georg Lembergers und des Meisters der Wunder von Mariazell, in: Zeitschrift fĂŒr Kunstwissenschaft 12, 1958, S. 88 bzw. 84.
2 Albert J. Elen: German Master Drawings from the Koenigs Collection. Return of a Lost Treasure, Ausst.-Kat. Rotterdam 2004, o. S., Nr. 123, Abb.



Erst kĂŒrzlich wurde diese Zeichnung von Stijn Alsteens Pieter Cornelisz., genannt Kunst zugeschrieben (Anm. 1); dies wurde bestĂ€tigt von Jan Piet Filedt Kok.(Anm. 2) Bislang war das Blatt den deutschen Zeichnungen des 16. Jahrhunderts zugeordnet. Wolf Stubbe (1970) setzte es in die NĂ€he zu Georg Lemberger (um 1490–1537), Peter Prange (2007) publizierte es als Werk eines anonymen deutschen Zeichners, möglicherweise von einer Bilderfindung Lembergers inspiriert.
FĂŒr die Zuschreibung an Pieter Cornelisz. spricht die stilistische NĂ€he zu Kat.-Nr. 222, insbesondere mit Blick auf die krausen Strukturen und engmaschigen VegetationskĂŒrzel. In Stil und Thema vergleichbare BlĂ€tter befinden sich in New York und Berlin.(Anm. 3) Die mit krĂ€ftigen Konturen eingefassten GebĂ€ude erinnern an Zeichnungen aus der 1524 datierten Folge der „Sieben Werke der Barmherzigkeit“ (Anm. 4), und fĂŒr die wulstig hervorgehobenen Röhrenfalten finden sich enge Parallelen zu Zeichnungen gleicher Thematik aus dem Jahre 1531.(Anm. 5)

1 Mitteilung per E-Mail vom 5. 11. 2009.
2 Mitteilung an Stijn Alsteens, vgl. dessen E-Mail, 7. 3. 2010.
3 „Der Hl. Augustinus in einer Landschaft“, 1532, New York, The Pierpont Morgan Library, Inv.-Nr. 1977.17, Stampfle 1991, Nr. 53; „Die Versuchung Christi“, 1535, Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. KdZ 4460, Elfried Bock, Jakob Rosenberg: Die niederlĂ€ndischen Meister. Beschreibendes Verzeichnis sĂ€mtlicher Zeichnungen, Staatliche Museen zu Berlin. Die Zeichnungen alter Meister im Kupferstichkabinett, 2 Bde., Berlin 1930, Bd. 1, S. 27. Vgl. fĂŒr die Landschaftsgestaltung die 1524 datierte Zeichnung in Paris, Fondation Custodia, Inv.-Nr. 8987, Karel G. Boon: The Netherlandish and German Drawings of the XVth and XVIth Centuries of the Frits Lugt Collection, 3 Bde., Paris 1992, Nr. 134.
4 Z. B. Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. KdZ 1191–1193, Elfried Bock, Jakob Rosenberg: Die niederlĂ€ndischen Meister. Beschreibendes Verzeichnis sĂ€mtlicher Zeichnungen, Staatliche Museen zu Berlin. Die Zeichnungen alter Meister im Kupferstichkabinett, 2 Bde., Berlin 1930, Bd. 1, S. 27.
5 Z. B. Rotterdam, Museum Boijmans Van Beuningen, Inv.-Nr. N 5. Die Vorliebe fĂŒr wulstartig betonte Formen manifestiert sich auf unserem Blatt auch in der seitlichen Einfassung des Höhenweges.

Details zu diesem Werk

Beschriftung

Auf dem Verso in der Mitte nummeriert: "6" (Bleistift); Stempel der Hamburger Kunsthalle (nicht bei Lugt)

Wasserzeichen / Kettenlinien

-
ca. 44-47 mm

Provenienz

Staats- und UniversitÀtsbibliothek Hamburg; seit 1968 (?) als Dauerleihgabe in der Hamburger Kunsthalle

Bibliographie

Stefes, Annemarie: NiederlĂ€ndische Zeichnungen 1450-1850. Katalog I Van Aken-Murant, hrsg. von Gaßner, Hubertus und Stolzenburg, Andreas, Die Sammlungen der Hamburger Kunsthalle Kupferstichkabinett, Bd. 3, Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2011, S.173-174, Nr.222

Peter Prange: Deutsche Zeichnungen 1450-1800. Katalog, Die Sammlungen der Hamburger Kunsthalle Kupferstichkabinett, Bd. 1, Köln u.a. 2007, S.394-395, Nr.1181

Wolf Stubbe: Unbekannte Zeichnungen altdeutscher Meister, in: Museum und Kunst. BeitrĂ€ge fĂŒr Alfred Hentzen, hrsg. von Wolf Stubbe, Hans Werner Grohn, Hamburg 1970, S. 237-259, S.254-255, Abb.116