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Albrecht Altdorfer
Der heilige Christophorus, 1510
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Albrecht Altdorfer

Der heilige Christophorus, 1510

Albrecht Altdorfer

Der heilige Christophorus, 1510
Altdorfer hat sich wiederholt mit der Darstellung des heiligen Christophorus befasst. Das Thema war von zeitloser Aktualität, da dieser Heilige als „Christusträger“ bei allen Reisenden hohe Verehrung genoss. Die 1510 entstandene Zeichnung zeigt einen riesenhaften Christophorus, dessen raumgreifende Präsenz durch den tiefliegenden Horizont noch gesteigert wird. Der Heilige beeindruckt zudem durch seine kraftvolle, ernsthafte Erscheinung und durch seinen wie ein Segel im Wind sich aufbauschenden Mantel. Als markanter Gegensatz dazu erscheint das fast zierliche, nackte Christuskind, das sich mit einer Hand im lockigen Haar seines Beschützers festhält. Die Hamburger Zeichnung besticht durch ihre Expressivität, die der Künstler durch die entschiedene und schwungvolle Anlage von Parallelschraffuren sowie mittels effektvoll gesetzter Weißhöhungen erreicht. Das Blatt unterstreicht nachdrücklich Altdorfers Rang als einer der Hauptmeister der sogenannten Donauschule. David Klemm

Das Blatt gehört zu einer Reihe von Christophorus-Darstellungen, die Altdorfer zwischen 1509 und 1517 schuf. Neben den ebenfalls farbig grundierten Zeichnungen in Wien von 1509/10 und London von 1512 (Anm. 1) entstanden ein Kupferstich und zwei Holzschnitte zu diesem Thema. (Anm. 2) Als Vorbild für die Zeichnung dürfte Dürers um 1501 geschaffener Holzschnitt gedient haben (Bartsch 104).(Anm. 3) Bereits dort findet sich das Motiv des hochgebauschten Mantels, das Altdorfer noch dramatisch steigert. Die Hamburger Zeichnung besticht durch ihre Expressivität, die Altdorfer durch die schwungvoll prononcierte Strichführung mit teils sparsam akzentuierten Weißhöhungen erreicht. Indem er die Gestalt des Heiligen vor eine zurückgedrängte Landschaft mit tiefliegendem Horizont setzt, wird die Monumentalität der Darstellung betont. Im Kupferstich von 1511 (Hollstein 21) wird dieses Motiv wieder aufgenommen.
Stilistisch ist das Hamburger Blatt besonders der Wiener Zeichnung verwandt. Mielke sieht vor allem Parallelen in der Gestaltung der Berge und in der gleichartigen Angabe der Wasseroberfläche.(Anm. 4) Der manieristisch verspielte Aspekt der Darstellung, etwa die im Wind flatternden Schärpenenden des Jesusknaben, findet sich dort in der Figur des rücklings ins Wasser fallenden Christophorus wieder. Die wenig später entstandene Londoner Darstellung verdeutlicht dagegen Altdorfers Entwicklung zu einer souverän reduzierten Strichführung mit kalligraphisch feinen Weißhöhungen.
Altdorfers Komposition hat als Vorbild für ein 1515 entstandenes Glasgemälde (Anm. 5) des Hans Wertinger (1465/70–1533) und für einen Christophorus-Holzschnitt von 1520 des Johann Weyssenburger in Landshut gedient.(Anm. 6)

Petra Roettig

1 Wien, Albertina, Feder auf grün grundiertem Papier, weiß gehöht, Inv.-Nr. 3000, vgl. Winzinger 1952, S. 71, Nr. 21, Abb., und Mielke 1988, S. 66, Nr. 29 (zur Datierung); London, British Museum, Inv.-Nr. 1925-5–9–1, vgl. Winzinger 1952, S. 77, Nr. 38 und Kat. London 1993, Bd. 1, S. 26, Nr. 50, Pl. 33.
2 Der Kupferstich wird 1511 (Hollstein 21), die Holzschnitte werden 1513 (Bartsch 53, Hollstein 56) und 1515/17 (Bartsch 54, Hollstein 57) datiert. Ein späterer Christophorus-Stich entstand zwischen 1520–25 (Bartsch 19, Hollstein 20).
3 Die auffällige parallele Strichführung im Bereich des Mantels wiederholt sich in der Zeichnung des „Hl. Andreas“, Berlin, Staatliche Museen, Kupferstichkabinett, KdZ 88, vgl. Winzinger 1952, S. 71, Nr. 20, Abb. 20. – Im Hamburger Blatt sind bei den „gekämmten“ Schraffuren im Mantel und bei den kleinen spitzen Landschaftserhebungen am Horizont Ergänzungen bzw. Überarbeitungen in hellerer Tinte zu erkennen. Rasmussen in Kat. Kopenhagen 2000, S. 93, bei Nr. 37 vermutet zu Recht, dass diese erst um 1800 hinzugefügt wurden. Möglich wäre, dass es sich um Korrekturen von der Hand William Esdailes handelt, dessen Sammlermarke mit einer ähnlich hellen Tinte gezeichnet ist.
4 Mielke 1988, S. 66, Nr. 29.
5 Pfarrkirche Kriestorf bei Vilshofen, vgl. Becksmann 1995, S. 224, Abb.
6 Mielke 1988, S. 96. Vgl. Die deutsche Buchillustration in der ersten Hälfte des XVI. Jahrhunderts, hrsg. v. Max Geisberg, München 1930, Bd. 1, Heft 5, Taf. 248.

Details zu diesem Werk

Beschriftung

Oben in der Mitte monogrammiert und datiert: "AA" und "1510" (Feder in Schwarz)

Unten rechts Stempel der Sammlungen Peter Lely (L. 2092) und William Esdaile (Feder in Braun, Lugt 2617), auf altem Beschriftungszettel: "Formerly in S. Peter Lely's coll. J. Rendorfer sale 1825 W E N 40x by A. Altoffer or Altdorfer" (Feder in Braun)

Provenienz

Peter Lely (1618-1680), London (L. 2092); John Rendorp, London (bei L. 2034); William Esdaile (1758-1837), London (L. 2617); Georg Ernst Harzen (1790-1863), Hamburg (L. 1244), NH Ad: 01: 04, fol. 134: "Albert Altdorfer St. Christopherus trägt den Heiland über das Meer. Mit Monogr. bez. 1510. Vorzügliche Federzeichnung auf hellblau grundiertem Papier, gehöht. 5.4.7.11 Samml P Lely Rendorp und Esdaile 1825"; und Ad: 02: 01, S. 231; Legat Harzen 1863 an die „Städtische Gallerie“ Hamburg; 1868 der Stadt übereignet für die 1869 eröffnete Kunsthalle

Bibliographie

Kunst aus acht Jahrhunderten, hrsg. von Hamburger Kunsthalle und Freunde der Kunsthalle e.V., Hamburg 2016, S.287, Abb.

Daniel Parello: Die Mittelalterlichen Glasmalereien in Regensburg und der Oberpfalz. Ohne Regensburger Dom, hrsg. von Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, und des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaften, Berlin, Hartmut Scholz, Berlin 2015, S.76, Abb.

Fantastische Welten. Albrecht Altdorfer und das Expressive in der Kunst um 1500, hrsg. von Stefan Roller und Jochen Sander, Ausst.-Kat. Städel Museum Frankfurt, Hirmer Verlag 2014, S.235-238, Abb., Nr.134, Abb.S. 232, 237

Peter Prange: Deutsche Zeichnungen 1450-1800. Katalog, Die Sammlungen der Hamburger Kunsthalle Kupferstichkabinett, Bd. 1, Köln u.a. 2007, S.80-81, Nr.6, Abb.Farbtafel S. 29

Grünewald und seine Zeit, Ausst.-Kat. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Deutscher Kunstverlag 2007, S.178-181, Abb., Nr.30

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Von Dürer bis Baselitz. Deutsche Zeichnungen aus dem Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 1989, S.34-35, S. 9, Abb, Nr.12

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Hundert Meisterzeichnungen aus der Hamburger Kunsthalle 1500-1800, Bd. 5, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 1967, S.31, Nr.37, Abb.35

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Franz Winzinger: Albrecht Altdorfer. Graphik, Holzschnitte, Kupferstiche, Radierungen, München 1963, S.94, Nr.bei Nr. 111

Karl Oettinger: Altdorferstudien, Nürnberg 1959, S.36, 38-42, 46, 48, Nr.48

Karl Oettinger: Datum und Signatur bei Wolf Huber und Albrecht Altdorfer, Erlanger Forschungen, Bd. 8, Erlangen 1957, S.16, 45, Nr.66

Franz Winzinger: Albrecht Altdorfer. Zeichnungen, München 1952, S.72, Nr.22, Abb.22

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Franz Winzinger: Studien über die Kunst Albrecht Altdorfers, München, Diss. Univ. 1940, S.38

Albrecht Altdorfer und sein Kreis.Gedächtnisausstellung zum 400. Todesjahr Altdorfers, Ausst.-Kat. Alte Pinakothek München 1938, S.21, Nr.77

Hanna L. Becker: Die Handzeichnungen Albrecht Altdorfers, München 1938, S.12-13, Nr.44, Abb.8

German Art from the fifteenth to the twentieth century. An exhibition of paintings, water colors and drawings held under the auspices of the Oberlaender Trust the Carl Schurz Memorial Foundation, Ausst.-Kat. The Pennsylvania Museum of Art, Philadelphia u. a. 1936, S.150, Nr.89, Abb.

Ein Halbjahrtausend deutscher Zeichnung, hrsg. von Kunsthalle Bremen, Bremen 1936, S.7, Nr.5

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Karl Theodor Parker: Drawings of the early german schools, London 1926, S.34, Nr.58, Abb.58

Max J. Friedländer: Albrecht Altdorfer, Berlin 1923, S.36, Abb.35

Ausstellung von Zeichnungen Alter Meister aus den Sammlungen der Kunsthalle zu Hamburg, Ausst.-Kat. Kunstverein in Hamburg 1920, S.7, Nr.3

Max J. Friedländer: Albrecht Altdorfer. Der Maler von Regensburg, Leipzig 1891, S.154, Nr.27

A Catalogue of the Very Important Collection of the late William Esdaile, Esq. Part III. Comprising Drawings, by Italian, German, Flemish, and Dutch Masters; which will besold by Auction,, Christie and Manson, 18.-23. 6. 1840, London, 1840, S.36, Nr.494

Deutsche Galsmalerei des Mittelalters. Voraussetzungen, Entwicklungen, Zusammenhänge, hrsg. von Rüdiger Becksmann, Bd. 1, Berlin 1995 , S.224, Nr.bei Nr. 76, Abb.191