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Edgar Degas

IntimitÀt und Pose

Zeitlebens schuf der französische Impressionist Edgar Degas (1834-1917) neben seinen bekannten Pastellen und GemĂ€lden auch zahlreiche Plastiken, die er jedoch der breiten Öffentlichkeit vorenthielt. Erst kurz nach seinem Tod konnten die TĂ€nzerinnen, Badenden und Rennpferde, die er aus Wachs modelliert hatte, gesichert und 1919 in Bronze gegossen werden. Die Ausstellung IntimitĂ€t und Pose zeigt den kompletten Bestand der 73 OriginalabgĂŒsse. Zu seinen Lebzeiten hatte Degas nur eine der Wachsfiguren prĂ€sentiert: Die Kleine TĂ€nzerin von 14 Jahren erregte 1881 auf der sechsten Impressionisten-Ausstellung mit ihrem ungewöhnlichen Naturalismus großes Aufsehen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht Degas’ einzigartige Perspektive auf den weiblichen Körper. Denn anders als viele seiner Zeitgenossen richtete der Bildhauer Degas seinen Blick nicht primĂ€r auf die inszenierte Pose, sondern auf die Körperhaltungen und Bewegungen im unbeobachteten Moment. Das Resultat seiner Arbeit sind „intime Posen“: TĂ€nzerinnen, die Ballettpositionen proben, ihre Schuhe schnĂŒren oder ihre FĂŒĂŸe betrachten, und Frauen beim KĂ€mmen oder Waschen.

Degas zeigt die Frauen vor allem hinter der BĂŒhne und bei der Toilette und befasst sich mit der Arbeit, die sie vor dem Auftritt in der Öffentlichkeit in ihren Körper investieren mĂŒssen. Die Pflege und Disziplinierung der Körper, aber auch entspannte Momente werden so sichtbar. Diese fĂŒr seine Zeit außergewöhnliche, zuweilen Betrachter und Kritiker schockierende Sicht auf den ungeschönten Körper und seine Herrichtung wird auch in der reichen Auswahl an Zeichnungen, Pastellen und GemĂ€lden behandelt, die die Bronzeskulpturen ergĂ€nzen.

Degas hat ĂŒber seine Frauendarstellungen einmal bemerkt: „Bislang ist der Akt immer in Posen dargestellt worden, die ein Publikum voraussetzen, aber diese Frauen sind ehrbare, einfache Menschen, die sich allein fĂŒr ihren körperlichen Zustand interessieren. Es ist, als ob man durch ein SchlĂŒsselloch schaut.“ Die IntimitĂ€t des Augenblicks ist jedoch in seinem Werk keineswegs entblĂ¶ĂŸend. Mit distanziertem Blick hĂ€lt Degas vielmehr den besonderen Ausdruck der Posen fest. Der Verzicht auf die Inszenierung des Weiblichen zugunsten der Ästhetik der Skulptur und des Bildes trĂ€gt revolutionĂ€re ZĂŒge.