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Carnevale di Venezia

Sammlung Gerhard Schack im Horst Janssen-Kabinett

Über  mehrere Monate machte sich Janssen im Herbst 1971 Gedanken darĂŒber, was er zum Gegenstand einer Radier-Suite machen könne, die er dem italienischen Galeristen Luigi Toninelli versprochen hatte. Weder schienen ihm seine spröden schleswig-holsteinischen Landschaften dieses Sommers dafĂŒr geeignet, bei denen Herkules Seghers und die frĂŒhen Radierungen von Odilon Redon Pate gestanden hatten, ebensowenig aber auch die vorausgegangenen Platten mit gepeinigten und gequĂ€lten weiblichen Gestalten, die Janssen damals selbstironisch seine »Arm­-Seligkeiten« genannt hat!

In dieser Verlegenheit kam ihm seine eigene Hilfsbereitschaft und Groß­zĂŒgigkeit zur Hilfe: um den Katalog einer geplanten Ausstellung des graphischen Werkes von Paul Gavarni, des bedeutenden Zeitgenossen von Daumier, finanzieren zu helfen, fragte er nach einem Selbstbildnis und machte im Handumdrehen die schöne Radierung nach Gavarnis Selbstbildnis mit der Zigarette. Eine zweite Platte schloß sich im VergnĂŒgen an die­sem nachzeichnenden Dialog am selben Nachmittag an, - und in den nĂ€ch­sten Tagen, beflĂŒgelt von der anregenden Entdeckung, noch eine statt­liche Reihe von Zeichnungen und Radierungen nach Lithographien von Paul Gavarni, dem Autor dieser gezeichneten »Comedie Hurnaine«, parallel zum Spiegel menschlicher Eigenarten und Schicksale in den ErzĂ€hlungen von Honore de Balzac.

Die Auflagen der beiden ersten Platten waren ein Geschenk Janssens zur Vorzugsausgabe des Gavarni-Kataloges, sie waren am Vormittag der Aus­stellungseröffnung verkauft: damit wurden die 10 000 Mark eingenommen, die das kleine Buch gekostet hat!

Aus dem Impuls dieses freundschaftlichen Intermezzos entstand dann in schneller Folge ĂŒber ein Wochenende Anfang November 1971 die große Suite der Radierungen zum »Carnevale di Venezia«, in die sich zu den Variationen nach Gavarni Erinnerungen an Callot, Guardi, Manet und die Japaner hineinspiegeln. Das Werk Gavarnis, das frĂŒher schon vielfĂ€ltige Anregungen fĂŒr Toulouse-Lautrec, fĂŒr Degas - in seiner Sammlung befan­den sich mehr als 2200 Lithographien von Gavarni!-, auch fĂŒr Barlach und KĂ€the Kollwitz in ihrer Pariser Zeit bereitgehalten hatte, wurde auch fĂŒr Janssen in diesem Augenblick zu einem »Gefundenen Fressen«!

In einer Zeit fast ausschließlichen Umgangs mit der Landschaft brachte die wie zufĂ€llig aufgenommene BeschĂ€ftigung mit den geistreichen Zeich­nungen Gavarnis das VergnĂŒgen an figĂŒrlichem Arrangement wieder ins Spiel. KostĂŒm, Eleganz und Maske waren fĂŒr Janssen ein neues ĂŒber­raschendes Motiv: im heiter-elegischen Gesellschaftsspiel die Maske von Schwermut und Trauer und, weit entfernt von Karikatur, in Gavarnis Zeichnungen ein leiser Ton von geistvoller Parodie.

Ähnlich einem Selbstbildnis, das Janssen zu »Hokusai 's Spaziergang« als zweiten Zustand der Platte auf eine verworfene Landschaft radiert hatte, sollten auch die ausgedruckten Platten der Suite »Carnevale di Venezia« spĂ€ter noch weiterbearbeitet werden. Leider sind aber diese Radierplatten damals auf rĂ€tselhafte Weise verloren gegangen.

Janssens Wunsch, die Radierungen der Suite mit einigen Bleistiftskizzen zu den BlĂ€ttern als Buch zu veröffentlichen, schloß sich unmittelbar an die Vollendung der Platten an. FĂŒr den Entwurf dieses Buches hat Janssen dann fĂŒr den Herausgeber nach den Abbildungen der Radierungen die lavierten Federzeichnungen gemacht, nach den Abbildungen der Bleistiftskizzen die »Nachzeichnungen nach der Vorzeichnung«. Zur ErgĂ€nzung dieser Zeichnungen und Radierungen entstand im Oktober 1972 eine zweite Radierserie von BlĂ€ttern, Tieren und Selbstbildnissen als Arabesken zu den großen Radierungen des vorigen Jahres, die »Venezianischen Intermezzi«.

Das Buch »CARNEVALE DI VENEZIA« erschien 1973, seinem Sohn Adam Janssen gewidmet.

Gerhard Schack, zum 26 Juni 1997