Lieblingsbilder der Hinz&Kunzt-Verkäufer_innen

Happy Birthday! Vor 25 Jahren erschien die erste Hinz&Kunzt in Hamburg. Zum Jubiläum lud unser Direktor Christoph Martin Vogtherr sechs Hinz&Kunzt-Verkäufer_innen zu einem Rundgang in die Kunsthalle. Das Ergebnis waren sechs Lieblingsbilder. Die Auswahl mit Beschreibungen findet sich in der aktuellen Jubiläumsausgabe des Straßenmagazins. Auf unserem Instagram-Account werden wir alle Lieblingsbilder in den kommenden Wochen präsentieren.

Lieblingsbilder-Texte von Hinz & Kunzt-Verkäufer_innen und Herrn Vogtherr:

Eug√®ne Delacroix, ¬ĽL√∂we und Alligator¬ę, 1863

Lieblingsbild von Timo, 42, wohnt in einem Wohncontainer. Er hat noch keinen festen Verkaufsplatz.
Das sieht doch aus, als w√ľrde der L√∂we den Alligator putzen. Ob die schmusen? Aber der L√∂we will den Alligator wohl doch fressen, weil seine rote Zunge schon zu sehen ist. Und der L√∂we hat ja seine Krallen drau√üen, zart wirkt das nicht. Auf den ersten Blick sieht man das allerdings nicht so genau. Aber wer wei√ü. Vielleicht haben sie sich doch zusammengetan. Man kennt doch so verr√ľckte Sachen. Katzen und Hunde, die sich gut verstehen, Pinguine und B√§ren. Aber so richtig glaube ich nicht daran. Es ist ein sch√∂nes und faszinierendes Bild, so was w√ľrde ich mir sofort hinh√§ngen. Ich liebe Tiere und habe selbst viele Tiere gehabt. Meine letzte H√ľndin haben sie mir allerdings geklaut. Ein Kollege ist damit nach Amsterdam abgehauen, da war sie noch ganz klein. Jetzt ist sie wieder in Bremen, aber es ist zu sp√§t. Sie w√ľrde sich ja nicht mehr an mich erinnern. Und da will ich sie nicht rausrei√üen.

Christoph Martin Vogtherr, Direktor Hamburger Kunsthalle:
Das ist auch ein sehr besonderes Bild f√ľr mich. Ich mag Delacroix. Und ich habe mir gew√ľnscht, dass wir hier noch mehr von ihm zeigen k√∂nnen, deshalb haben wir als Museum gerade noch eine Zeichnung von ihm gekauft. Es geht bei ihm immer auch um gro√üe Leidenschaft und Gewalt. Selbst die Natur ist nicht harmlos, sondern es passiert gerade etwas Grundlegendes und Existenzielles. Dass der L√∂we nicht etwa mit einer Gazelle k√§mpft, sondern mit einem Alligator, ist eine ungew√∂hnliche Kombination, die die Spannung noch mal verst√§rkt. Dazu ist der Abendhimmel hell gemalt ‚Äď und so sehen wir den L√∂wen genau und sehen, wie gro√ü er ist und wie viel Kraft er hat.

Sam Francis, ¬ĽAs for the Open¬ę, 1962-63

Lieblingsbild von¬†Petra, 57, wohnt in einem Wohncontainer. Sie verkauft am M√ľhlenkamp in Winterhude.
Die meisten Bilder hier waren mir zu d√ľster. Vielleicht liegt das auch an meiner Winterstimmung. Dieses Bild mag ich. Es ist bunt, von mir aus k√∂nnte es sogar noch bunter und greller sein. Ich w√ľrde mir so was sofort hinh√§ngen. Das ist sch√∂n, wenn es drau√üen grau wird. Da l√§sst sich nichts in eine Form pressen, genau wie ich. Ich mag keine wei√üen W√§nde. Momentan wohne ich in einem Container, und der ist von innen grau. Deshalb habe ich √ľberall an den W√§nden etwas Buntes aufgeh√§ngt: eine gr√ľn-wei√üe Werder-Fahne, einen pinken Hut mit LEDs ‚Äď und ein hellblaugelbes Batiktuch von meiner Tochter. Ich mag es hell und fr√∂hlich.

Christoph Martin Vogtherr, Direktor Hamburger Kunsthalle:
Ein besonderes Bild: Es ist das Eingangsbild der Kunsthalle seit zwei Jahren. Das Bild steht f√ľr einen Neuanfang nach dem Krieg, den Beginn einer neuen Zeit. Die wei√üe Oberfl√§che und darauf eine einfache Bildsprache, die alle weltweit verstehen. Man sieht Energie, wie der Maler sich abgearbeitet hat, nichts ist abgezirkelt, alles elegant und kraftvoll.

‚Äč‚Äč‚Äč‚Äč‚Äč‚Äč‚ÄčGustave Courbet, ¬ĽDie Grotte der Loue¬ę, 1864

Lieblingsbild von Fred, 54, ist obdachlos. Er verkauft auf dem Markt in Ahrensburg.
Meine Platte ist √ľberschwemmt, denke ich da. Alleine diese Wuchtigkeit. Es ist ein sch√∂ner Ort, auch wenn da Wasser drum herum ist. Ich bin ja der geborene Einzelg√§nger, ich brauche meine R√ľckzugsorte. Dieses Stillleben sagt mir mehr, als wenn noch Tausend Leute rumstehen w√ľrden. Normalerweise w√ľrde ich mir nat√ľrlich Orte aussuchen, wo nicht so viel Wasser drum herum ist. Wasser zieht ja K√§lte an, aber bei diesem Bild vielleicht nicht so, weil es vermutlich in einer w√§rmeren Region liegt. Beruhigend und angenehm. Auch wenn man nicht schwimmen kann, da komm ich wieder raus. Und du kannst ja ellenweit reingucken, deswegen finde ich das interessant. Ich w√ľrde weiter nach hinten reingehen, je tiefer, desto angenehmer. Dahinten w√§re es trocken, davon gehe ich jedenfalls aus. Und es gibt mit Sicherheit noch ein Hochplateau, auf das ich mich zur√ľckziehen kann. Das sieht man nat√ľrlich nicht auf dem Bild.

Christoph Martin Vogtherr, Direktor Hamburger Kunsthalle:
Das ist ein sehr ber√ľhmtes Bild von Courbet. Und tats√§chlich geht es auch um R√ľckzug: Courbet hat ja in Paris gewohnt und ist dort verurteilt worden, weil er an der Revolution 1870 teilgenommen hat. Er musste fl√ľchten, und die Gegend, in die er sich zur√ľckgezogen hat, wenn es in Paris brenzlig wurde, ist an der Grenze zur Schweiz hin, √∂stlich von Paris. Das Bild ist auch unter Kunsthistorikern ber√ľhmt: Courbet tr√§gt die Farbe f√ľr die Steine mit Spachtel und St√∂cken ganz grob auf, er hat sie richtig draufgehauen. Merkw√ľrdig und ungew√∂hnlich an dem Bild: dass in der Mitte gar nichts ist. Hier ist das Wichtige das Nichts.

Caspar David Friedrich, ¬ĽSturzacker¬ę, um 1830

Lieblingsbild von Birgit, 49, lebt im Wohnwagen. Sie verkauft derzeit unregelmäßig.
Das ist genau, was ich jeden Morgen sehe, wenn ich in meinem Camper aufstehe. Alles drum herum ist Land, Naturschutzgebiet. Das verbinde ich mit Ruhe, zu Hause und dem Gef√ľhl von Heimat. Wenn ich mir das Bild ansehe, dann wei√ü ich, dass ich die beste Entscheidung meines Lebens getroffen habe, da zu wohnen. Hier habe ich Natur. Wir haben Pferdeweiden, √Ącker und Bauern, aber auch ‚Äône Bushaltestelle. Das ist absolut wichtig. Ich komme einfach aus der Gro√üstadt und muss da auch immer wieder hin. Aber ich finde die Gro√üstadt erdr√ľckend. Gerade aus der Perspektive, wenn du selbst auf der Stra√üe geschlafen hast und ganz viele Menschen zu dir runtergucken. Jetzt bin ich auf einer Ebene mit allen. Auf dem Land ist es einfach anders. Da interessiert es keinen, wo du herkommst. Du wirst genommen, wie du bist. In der Stadt wollen alle immer wissen, wo du herkommst, was du machst. Das Bild w√ľrde ich sofort aufh√§ngen. Aber nicht zwangsl√§ufig mit diesem Rahmen. Ein dezenterer Rahmen w√§re cooler, dann w√ľrde das Bild mehr zur Geltung kommen.

Christoph Martin Vogtherr, Direktor Hamburger Kunsthalle:
Dieser Raum ist ja fast das Herzst√ľck der Kunsthalle, das kennen wir alle gut, die wir hier arbeiten. Ich mag den ‚ÄěSturzacker‚Äú so sehr, weil er so unspektakul√§r ist. Es ist fast nichts drauf, aber durch das wunderbare Licht und den weiten Blick ist es eine sch√∂ne Szene. Caspar David Friedrich hat damals in Dresden gewohnt und ist viel um Dresden herumgewandert. Das Bild ist aus dieser direkten Beobachtung entstanden.

Ilya Kabakov, ¬ĽHealing with Paintings¬ę, 1996

Lieblingswerk von Gerrit, 43, wohnt in einer Zweizimmerwohnung. Er verkauft am Forum Winterhude.
Als wir kamen, war die T√ľr angelehnt. Ich wusste erst gar nicht, ob man da durch darf. Aber ich hab die T√ľr nat√ľrlich aufgemacht, kennst mich ja. Dann das Knarren der Dielen und das Quietschen der T√ľren ‚Äď und diese Musik! Was derjenige, der das gemacht hat, sich wohl dabei gedacht hat? Ich habe gleich gedacht: Dass man sich ins Bett legen soll und die Kunst betrachten. Ist mir schon klar, dass man sich hier nicht ins Bett legen darf. Aber das Ganze erinnert mich an die Psychiatrie. Da standen im Keller auch solche alten, ausgemusterten Betten. Zum Gl√ľck bin ich seit vier Jahren und elf Monaten da raus.

Christoph Martin Vogtherr, Direktor Hamburger Kunsthalle:
Die R√§ume von Kabakov sind bedr√ľckend und trostlos. Die Beschriftung behauptet ja, dass hier durch Kunst geheilt werden soll. Glauben kann man das nicht. Wenn es in einer solchen Zelle nicht funktioniert, kann Kunst dann im Museum wirken und helfen? Gerrits und meine eigene Reaktion zeigt aber in jedem Fall: Ein Werk wie diese Installation kann beeindrucken.

Kein Lieblingsbild in der Kunsthalle, daf√ľr findet er zu viele Werke interessant.

Ulf, 53, hat seinen Verkaufsplatz in der Bahrenfelder Straße und im Zeise Kino.
Ulf ist oft im Museum, meistens in Altona. Mit seinem Handy fotografiert er beim Besuch der Kunsthalle mindestens 60 Gem√§lde. ¬ĽViele finde ich richtig interessant¬Ľ¬†sagt er. Aber ein Lieblingsbild kann er nicht entdecken.

Hendrick Goltzius, ¬ĽChristus im Elend¬Ľ, 1616

Lieblingsbild von Christoph Martin Vogtherr, Direktor der Hamburger Kunsthalle
Dieses Bild hat f√ľr mich eine pers√∂nliche Geschichte. Es hat mir immer schon gut gefallen, ich bin mit ihm aufgewachsen. Schon als junger Mensch bin ich in die Kirche gegangen, um es mir anzugucken. Es h√§ngt normalerweise in einer Kirche in Uelzen, der Stadt, in der ich gro√ü geworden bin. Ich habe mich immer f√ľr Kunst interessiert, und es war das interessanteste Bild, das es in der Stadt zu sehen gab. Ich war froh, dass ich es entdeckt hatte. Die Kirche wird gerade restauriert und ist deshalb geschlossen. Als ich das letzte Mal da war, habe ich gefragt, ob sie es uns in dieser Zeit eventuell als Leihgabe geben w√ľrden. Jetzt ist es tats√§chlich als Gast bis Januar hier ‚Äď ein St√ľck aus meiner Heimatstadt hierhergeholt in die Kunsthalle f√ľr ein paar Monate. Objektiv sieht man einen Schmerzensmann: Christus ist kurz vor der Kreuzigung geschlagen, misshandelt und gefoltert worden. Er wird von den Menschen, die ihn gefoltert haben, als K√∂nig ausstaffiert, um ihn zu verspotten, mit Dornen auf dem Kopf anstelle einer echten Krone. Mit einem Schilfrohr in der Hand anstelle eines Zepters. Eine ganz brutale Szene, noch mal zugespitzt durch das ungew√∂hnliche Format. Es ist in der ganzen Kunsthalle das einzige Bild, das auf der Spitze steht. Dadurch wirkt Jesus umso mehr eingezw√§ngt in dieser f√ľrchterlichen Situation. Als 14-J√§hriger konnte ich mit dem Thema Folter und Verspottung noch nichts anfangen, das war sehr abstrakt. Erst sp√§ter ist mir klar geworden, was das alles in der Realit√§t hei√üen kann.