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Making History

Hans Makart und die Salonmalerei des 19. Jahrhunderts
Raumansicht Makart-Saal mit dem Werk Der Einzug Karls V. in Antwerpen, 1878, von Hans Makart (1840–1884), Mitte links © Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Fred Dott

Presseinformation

Mit MAKING HISTORY wagt die Hamburger Kunsthalle einen fulminanten Sprung zurĂŒck in die Geschichte: das grĂ¶ĂŸte GemĂ€lde des Museums – Der Einzug Karls V. in Antwerpen (1878) von Hans Makart (1840–1884) – bildet den Mittelpunkt einer PrĂ€sentation, bei der die Besucher*innen eine plastische Vorstellung der DiversitĂ€t und WidersprĂŒchlichkeit in der Kunstentwicklung des 19. Jahrhunderts erleben können. Nach vier Jahren ist das 50mÂČ große Skandalbild des österreichischen Malers, das seit seiner ErstprĂ€sentation die Betrachter*innen in den Bann gezogen hat, erstmals wieder zu sehen. 1879 fĂŒr die Hamburger Kunsthalle erworben zĂ€hlt es immer noch zu den wichtigsten Identifikationsbildern des Museums und gilt als einer der Höhepunkte in der Malerei des Historismus. Gemeinsam mit diesem Werk werden 60 weitere GemĂ€lde und Skulpturen des 19. Jahrhunderts aus der Sammlung der Kunsthalle in dem reprĂ€sentativen Makart-Saal gezeigt, darunter viele GrĂŒndungsbilder des 1869 eröffneten Hauses. Das Werk Cromwell vor dem Sarge Karls I. (nach 1831) von Paul Delaroche (1797–1856) wurde 1846 etwa mit der Auflage gestiftet, ein öffentliches Museum in Hamburg zu grĂŒnden. Und Friedrich Karl Hausmanns (1825–1886) Galilei vor dem Konzil (1861) wurde der Kunsthalle zur Grundsteinlegung 1863 geschenkt.

Der Makart-Saal, als Auftaktsaal des Rundgangs durch die Museumssammlung, soll in Zukunft alle Besucher*innen sensibilisieren, die ausgestellten Werke ebenso genussvoll wie kritisch zu lesen. Was frĂŒher fĂŒr richtig befunden wurde, muss den heutigen Vorstellungen nicht mehr entsprechen, kann aber helfen die eigenen Sichtweisen zu hinterfragen.
Durch eine völlig neue Rauminszenierung soll sich auf die Besucher*innen das Galerieambiente des 19. Jahrhunderts ĂŒbertragen: Mit Bezugnahme auf historische SammlungsprĂ€sentationen erstrahlen die Kunstwerke – die teils 100 Jahre lang nicht mehr zu sehen waren – in blockartiger HĂ€ngung auf einer samtenen Wandbespannung.
Die ausgestellten Werke sind in verschiedene thematische Ensembles gegliedert:
Die starke PrĂ€senz der Historienmalerei verdeutlicht den Aufschwung, den gerade diese Gattung im Laufe des 19. Jahrhunderts erlebte. Ihren Grund hat dies in der politisch angespannten Situation in Europa mit den steten Wechseln von revolu-tionĂ€ren und restaurativen Tendenzen. Insbesondere drei GemĂ€lde von Paul Delaroche (1797–1856), einem der bedeutendsten Historienmaler seiner Zeit, verdeutlichen die Neuausrichtung des Geschichtsbildes: Seine Herrschergestalten zeigt er als nahbare und nachdenkliche Individuen. Von den akribisch ausgearbeiteten Genreszenen geht ebenfalls eine starke Suggestionskraft aus. Sie nehmen die Betrachter*innen mit auf eine Zeitreise in die römische Antike, wie in den Werken von Lawrence Alma-Tadema (1836–1891), oder ins französische Rokoko bei Ernest Meissonier (1815–1891). Die Geltung der Antike als Form- und Stoffreservoir fĂŒr die Kunst hatte das gesamte 19. Jahrhundert ĂŒber Bestand. Dominiert wird dieser Themenkomplex von Anselm Feuerbachs (1829–1880) großformatigem GemĂ€lde Das Urteil des Paris (1870). Die auffĂ€llige PrĂ€senz von Arbeiten, die GefĂŒhle zum Thema haben, steht ebenfalls in Verbindung mit dem damaligen Wunsch nach einer emotionalen Involvierung, beispielhaft dafĂŒr sind Die barmherzigen Schwestern (1859) von Henriette Browne (1829–1901). Zugleich reagierte die Genremalerei mittels aktueller Themen, wie etwa Karl Schlesinger (1825–1893) mit dem GemĂ€lde Auswanderer setzen ĂŒber (1851), auf die neue soziale RealitĂ€t. Bedingt durch Kriege, Hungersnöte und Arbeitslosigkeit sahen sich um die Jahrhundertmitte Hunderttausende Menschen veranlasst, Europa zu verlassen. Mit dem heutigen Blick auf diese Malerei werden Parallelen zu den gegenwĂ€rtig medial vermittelten Bildern von FlĂŒchtlingsbooten virulent. Eine Gruppe vornehmlich englischer KĂŒnstler richtete ihren Blick oftmals auf den Nahen Osten. Getragen von dem Wunsch, die fĂŒr westliche Augen fremde Welt möglichst schillernd vorzustellen, ist die »Orientmalerei« zugleich Zeugnis einer eurozentrischen Sicht auf die arabisch-islamische Kultur. Diese Werke gehen maßgeblich auf die bedeutenden Stiftungen von Gustav Christian Schwabe (1886) und Freiherr Johann Heinrich von Schröder (1910) zurĂŒck, dank derer die Hamburger Kunsthalle noch heute ĂŒber eine der grĂ¶ĂŸten Sammlungen an englischer Malerei des 19. Jahrhunderts auf dem europĂ€ischen Kontinent verfĂŒgt. Den Abschluss bilden die imposanten Landschaftsdarstellungen von Oswald Achenbach (1827–1905) und seinen Zeitgenossen, die mit der Etablierung des Impressionismus um die Jahrhundertwende bald nicht mehr gefragt waren.

Der begleitende Katalog bildet sĂ€mtliche prĂ€sentierten Werke ab, stellt sie in Einzelkommentaren vor und steckt in Form von einfĂŒhrenden Essays den jeweiligen Zeithorizont ab (Michael Imhof Verlag, 176 Seiten, deutsche Ausgabe, 25 Euro). Die Publikation ist unter www.freunde-der-kunsthalle.de und im Museums-shop und erhĂ€ltlich. Zur Begleitung des Ausstellungsbesuches sowie zur Vor- und/oder Nachbereitung steht in der App der Hamburger Kunsthalle eine Audiotour kostenfrei zum Download bereit (4 Euro mit LeihgerĂ€t). Sie stellt 14 Werke sowie den Einzug Karls V. in Antwerpen vor, zu dem man zusĂ€tzlich als Augmented Reality-Anwendung animierte Informationen zu einzelnen Figuren des GemĂ€ldes abrufen kann. Zu der Vermittlung der Ausstellung gehört außerdem ein Begleitheft, das ĂŒber die thematischen StrĂ€nge des Raumes informiert und kostenfrei mitgenommen werden kann. ZusĂ€tzlich beantwortet dieses Heft im Raum platzierte kritische Fragen, die den Besucher*innen DenkanstĂ¶ĂŸe geben sollen. Zwei BĂŒcher im Saal – Makart Damals und Makart Jetzt – lassen die ambivalente Rezeption des Makart-GemĂ€ldes von seinen AnfĂ€ngen an nachvollziehen und fordern die Besucher*innen auf, diese aus unserer heutigen Sicht fortzuschreiben. Dazu kann auch der Hashtag #MakartNow in den sozialen Medien genutzt werden. AnlĂ€sslich von MAKING HISTORY und der damit verbundenen Neugestaltung des Makart-Saals entstand zudem der Film 50 Quadratmeter Zumutung, der die Genese des Projektvorhabens, die Freilegung des eingehausten MonumentalgemĂ€ldes sowie seine Restaurierung und NeuprĂ€sentation dokumentiert und Besucher*innenreaktionen einwebt (25 min). Der Film wird ab Ende Oktober 2020 in der Kunsthalle zu sehen sein.
 
Hans Makarts Der Einzug Karls V. in Antwerpen (1878)
Hans Makarts (1840–1884) monumentale Komposition zeigt den rauschhaften Festeinzug des jungen Kaisers Karl V. (1500–1558) in der Hafenstadt Antwerpen am 23. September 1520. Albrecht DĂŒrer (1471–1528) war damals bei den Festlichkeiten zugegen und hielt das Erlebnis in seinem Tagebuch der niederlĂ€ndischen Reise fest. Über 300 Jahre spĂ€ter berief sich Makart auf diese Quelle. TatsĂ€chlich war es zur Zeit Karls V. bei derartigen AnlĂ€ssen jedoch ĂŒblich, dass nackte Frauen als »lebende Bilder« bestimmte Allegorien darstellten. Meist standen diese auf TribĂŒnen weit oberhalb des Geschehens. Bei Makarts Darstellung sind die Frauen dem Machtinhaber im wahrsten Sinne des Wortes unterstellt. Ganz offensichtlich war er mehr an der provokanten Inszenierung interessiert als an einer verlĂ€sslichen Wiedergabe realer Ereignisse. Nach einer imposanten Ausstellungstournee mit Hunderttausenden Besucher*innen von Wien ĂŒber Basel und Paris bis nach Dresden und London wurde das reprĂ€sentative GemĂ€lde ab 1881 in der Hamburger Kunsthalle gezeigt. Ab 1939 befand es sich im Depot, ehe es 1981, 100 Jahre nach seiner ErstprĂ€sentation, wieder an seinem ursprĂŒnglichen Platz bis zuletzt 2016 prĂ€sentiert wurde.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog und ein Booklet. 

Hauptförderer: Freunde der Kunsthalle e. V.
Förderer: Kunst- und Literaturstiftung Petra und K.-H. Zillmer, Hamburgische Kulturstiftung, Förderstiftung Hamburger Kunsthalle, Hamburger Sparkasse AG, Behörde fĂŒr Kultur und Medien Hamburg
 
pm_making_history_hans_makart_und_die_salonmalerei_des_19._jahrhunderts.pdf