Forschungs- und Digitalisierungsprojekt
MĂŒnzen, Medaillen, Plaketten
»Von der zweiten zur dritten Dimension«

Die Hamburger Kunsthalle untersucht, inventarisiert, restauriert und digitalisiert erstmalig ihren umfangreichen Sammlungsbestand von etwa 8.000 MĂŒnzen, Medaillen und Plaketten in einem auf mehrere Jahre angelegten Forschungsprojekt. Damit werden die teils seit 150 Jahren im Museum ruhenden und ĂŒber Jahrzehnte unbetreuten SchĂ€tze erstmals systematisch erschlossen. Sie stammen aus allen wesentlichen Kunstepochen von der Antike bis in die Moderne und werden numismatisch, also mĂŒnzkundlich, kunst- und sammlungshistorisch erforscht.

Der Arbeitstitel des Projektes »Von der zweiten zur dritten Dimension« verweist auf die Ă€sthetisch wie medial so spannenden ZwischenrĂ€ume, die sich im Flach-, Halb- oder Hoch-Relief der Objekte und ihren ÜbergĂ€ngen zu den anderen Sammlungsbereichen eröffnen. Die modellierten, geschlagenen, geprĂ€gten oder gegossenen OberflĂ€chen changieren zwischen den Dimensionen und eröffnen einen ĂŒberraschenden Bilderreichtum aus ĂŒber 2.500 Jahren Kunstgeschichte. In diesen »ZwischenrĂ€umen« zeigt sich auch die spezifische Bedeutung des Bestandes fĂŒr die Hamburger Kunsthalle: als Grundlage und Teil der historischen Skulpturensammlung, in ihren VerknĂŒpfungen zu den anderen Bereichen der Hamburger Kunsthalle und eben auch in ihrer aktuellen Relevanz.

Die 8.000 Kleinreliefs spiegeln Geschichte und Kunst gleichermaßen wider: Schwerpunkte innerhalb der fĂŒr ein Kunstmuseum außergewöhnlichen Sammlung bilden herausragende MĂŒnzen der griechischen und römischen Antike sowie ĂŒberraschende KĂŒnstlermedaillen des 19. Jahrhunderts. Ebenfalls fĂŒr die Hand geschaffen, ehren diese Erfindungen außergewöhnliche Personen und Ereignisse. Unter den MĂŒnzen finden sich zudem byzantinische, mittelalterliche und neuzeitliche, islamische, sowie russische und Hamburgische Kleinodien. Die Medaillenkunst ist mit BestĂ€nden der Renaissance, des Barocks und Klassizismus bis hin zu Schwerpunkten im Jugendstil und Impressionismus einzigartig vertreten.

Die von Alfred Lichtwark (1852-1914) als »Sculptures en miniature« bezeichneten Objekte galten dem ersten Direktor des Hauses als Grundlage und entscheidender Teil der historischen Skulpturensammlung, Daher wurden die MĂŒnzen, Medaillen und Plaketten seit den Anfangsjahren der Kunsthalle und bis in die 1970er Jahre unter rein kĂŒnstlerischen Fragestellungen gesammelt. Die bildprĂ€chtigen Kunstmedaillen und Plaketten des spĂ€ten 19. Jahrhunderts feierte er als »moderne GemĂ€ldegalerie« (Lichtwark 1897). Neben heute vergessenen Namen umfasst die Sammlung auch prĂ€gende Figuren der Medaillenkunst der Renaissance, wie Antonio Pisano, oder des 19. Jahrhunderts wie Oscar Roty sowie bekannte Bildhauer wie Jean-Baptiste Carpeaux oder Maler wie Auguste Renoir. TatsĂ€chlich galt die Kunsthallen-Sammlung dieser Kleinstreliefs schnell als die bedeutendste ihrer Art.

Die unter der Leitung von Dr. Annabelle Görgen-Lammers aufgebauten Strukturen und Arbeitsprozesse beinhalten auch, auf den Spuren von bislang ungesichteten Dokumenten die motivischen, museologischen und medialen Eigenheiten der BestÀnde sowie die vielfÀltigen ZusammenhÀnge zu Skulpturen, Graphiken, Fotografien und GemÀlden des Hauses zu entdecken.

Ein dokumentarischer Film gibt erste Einblicke in die Forschungsarbeit hinter den Kulissen. Er begleitet diese erste Phase des Forschungsprojekts: Die Prozesse von der Entdeckung, Ordnung und Grundreinigung ĂŒber die Inventarisierung bis hin zur Digitalisierung und mĂŒnzkundlichen, kunst- sowie sammlungshistorischen Kontextforschung. Damit macht er die Kernarbeit eines Museums, das Sammeln, Bewahren und Erforschen, sichtbar.

 

Zitate zur MĂŒnzsammlung

»Diese Sammlung [
] verzichtet auf rein wissenschaftliche Gesichtspunkte, wie VollstĂ€ndigkeit der PrĂ€gestĂ€tten und LĂŒckenlosigkeit der MĂŒnzreihen, und verfolgt nur das eine Ziel: zu zeigen, was die griechische MĂŒnze als Kunstwerk bedeutet. In dieser Einseitigkeit liegt ihre StĂ€rke.«
Hans Börger (1880 - nach 1960),1925,  Kunsthistoriker, Abteilungsleiter fĂŒr das MĂŒnzkabinett 1911-1938
»Es gibt schlechterdings keine reichere und imposantere PortrĂ€tgalerie als die durch lange Jahrhunderte fĂŒhrenden römischen KaisermĂŒnzen.«
Hans Börger (1880 - nach 1960), 1921, zu den römischen MĂŒnzen der Sammlung Lippmann, Kunsthistoriker, Abteilungsleiter fĂŒr das MĂŒnzkabinett 1911-1938
»Das MĂŒnzkabinett enthĂ€lt an vaterlĂ€ndischen MĂŒnzen und Medaillen einen Reichtum, wie ihn bisher weder eine öffentliche noch eine Privatsammlung aufzuweisen hatte.«
Verzeichnis der Sammlung von GemÀlden und plastischen Werken der Kunsthalle zu Hamburg, 1870
»In der Kunsthalle verbleiben von den MĂŒnzen nur die Teile von Antike bis 20. Jahrhundert, die durch ihre Bedeutung als Kunstwerk der Abteilung PLASTIK zuzuordnen sind.«
Werner Gramberg (1896-1985), dt. Kunsthistoriker, Abteilungsleiter fĂŒr das MĂŒnzkabinett 1948-1960
»Den Ausgangspunkt fĂŒr die Skulpturensammlung bildete eine Kunstgattung, die dazu dienen sollte, dem einzigen Gebiet der Plastik, das in Hamburg seit der Renaissance gepflegt war, neue befruchtende Ideen zuzufĂŒhren, die moderne Medaille und Plakette.«
Alfred Lichtwark (1852-1914), 1896, Kunsthistoriker, erster Direktor der Hamburger Kunsthalle von 1886-1914
»Die Medaille und Plakette ist der originellste Zweig der modernen Plastik.«
Alfred Lichtwark (1852-1914), 1896, Kunsthistoriker, erster Direktor der Hamburger Kunsthalle von 1886-1914
»Jeder Rahmen mit Medaillen hatte den Inhalt der Wand einer modernen GemÀldegalerie«
Alfred Lichtwark (1852-1914), 1897, Kunsthistoriker, erster Direktor der Hamburger Kunsthalle von 1886-1914
»Dem Auge nahe gebracht ist die kleine FlÀche des Kupferstiches und der Medaille unendlich gross, monumental wie die Wand«
Alfred Lichtwark (1852-1914), 1897, Kunsthistoriker, erster Direktor der Hamburger Kunsthalle von 1886-1914
»Im MĂŒnz-Cabinet haben wir in einer Abteilung, den Hamburgensien, VollstĂ€ndigkeit anzustreben. FĂŒr die antiken MĂŒnzen und Medaillen, fĂŒr die der Renaissance und der Barockzeit gilt es, auf eine typische Vertretung des Allerbesten, was geschaffen ist, hinzuarbeiten  «
Alfred Lichtwark (1852-1914), 9.12.1886, Kunsthistoriker, erster Direktor der Hamburger Kunsthalle von 1886-1914
»Pauli hat die von Lichtwark ausufernd breit angelegte Sammlung moderner Medaillen [
] dadurch museumsmĂ€ĂŸig besser eingebaut und abgerundet, dass er einige hervorragende Beispiele von SchaumĂŒnzen der italienischen Renaissance und [
] die außerordentlich gewĂ€hlte Sammlung antiker MĂŒnzen [
] hinzuerworben hat.«
Carl Georg Heise (1890-1979), Kunsthistoriker und Direktor der Hamburger Kunsthalle von 1945-1955

 

Erste Ergebnisse des Digitalisierungsprojektes veröffentlicht die Kunsthalle 2025 online und tritt damit in den großen internationalen Forschungsverbund zu diesen Medien ein. Ab Ende 2025 wird der gehobene Schatz und die erstmals erforschten Kontexte zu allen Sammlungsbereichen in einer großen neuartigen SammlungsprĂ€sentation auf 1.500 mÂČ erlebbar gemacht

Ermöglicht wird die Grundlagenarbeit durch die großzĂŒgige Förderung der Dorit & Alexander Otto Stiftung.