#MakartNow

Am 01. Oktober 2020 eröffnete die Hamburger Kunsthalle eine neue SammlungsprĂ€sentation: MAKING HISTORY – Hans Makart und die Salonmalerei des 19. Jahrhunderts. Im Zentrum dieser bis mindestens 2023 dauernden Ausstellung steht das grĂ¶ĂŸte GemĂ€lde des Museums, Der Einzug Karls V. in Antwerpen (1878) von Hans Makart (1840–1884). Es misst sage und schreibe 50 Quadratmeter und zĂ€hlt zu den bekanntesten Bildern der Hamburger Kunsthalle. Dabei wurde und wird darĂŒber bis heute kontrovers diskutiert. Das liegt u. a. an der Darstellung der nackten, den Festeinzug des Habsburger Kaisers Karls V. flankierenden jungen Frauen in Antwerpen am 23. September 1520 – ein historisches Ereignis, das in dieser Weise nicht stattgefunden hat.


Ganz offensichtlich war Makart mehr an der provokanten Inszenierung gelegen als an einer verlĂ€sslichen Wiedergabe realer Ereignisse. Seine Strategie ging auf: Das MonumentalgemĂ€lde gilt seither als eines der Skandalbilder jener Epoche und markiert einen Höhepunkt der Malerei des Historismus. Zugleich kann es auf eine bewegte Ausstellungshistorie zurĂŒckblicken: Zuletzt wurde es 2016 sogar hinter einer Wand versteckt. Seither war es nicht mehr zu sehen. Aus all diesen GrĂŒnden hat sich der Direktor der Hamburger Kunsthalle, Prof. Dr. Alexander Klar, dafĂŒr entschieden, es zusammen mit rund 60 weiteren GemĂ€lden und Skulpturen des 19. Jahrhunderts wieder zu zeigen. 

Nach thematischen Sektionen gegliedert erzĂ€hlen die versammelten Arbeiten von der Vielschichtigkeit, WidersprĂŒchlichkeit und VerfĂŒhrungskraft in der Kunst jener Zeit. Einige Werke bieten unserem heutigen Blick eine Gratwanderung zwischen Erotik und Sexismus, Teilhabe und Voyeurismus, Fakten und Fantasie, Kitsch und Sozialkritik sowie Nostalgie und RĂŒckwĂ€rtsgewandtheit.

Weil wir der Ansicht sind, dass man diese Werke – allen voran Makarts Skandalbild – zeigen soll, wir solche Werke aber angemessen vermitteln und verhandeln wollen, haben wir neben Katalog, App und einem Dokumentarfilm ein besonderes, partizipatives Vermittlungskonzept entwickelt, das unter dem Motto steht: »Hinterfragen Sie Kunst, machen Sie sich selbst ein Bild und teilen Sie Ihre Meinung mit!« Neben den klassischen Bildschildern vor Ort regen in den sozialen Medien platzierte Fragen zum genauen Hinsehen und Hinterfragen der ausgestellten Werke und zur Diskussion an.

Ein analog ausliegendes und zum Download verfĂŒgbares Begleitheft greift eben diese Fragen auf und liefert ĂŒber eine Informationsebene teilweise Antworten. Im Saal liegen die beiden BĂŒcher Makart Damals und Makart Jetzt aus. Sie lassen die ambivalente Rezeption des Makart-GemĂ€ldes von seinen AnfĂ€ngen bis heute (Makart Damals) nachvollziehen und fordern die Besucher*innen auf, diese aus unserer heutigen Sicht fortzuschreiben (Makart Jetzt). Dazu kann auch der Hashtag #MakartNow in den sozialen Medien genutzt werden.

Wir haben darĂŒber hinaus bekannte Autor*innen, Feminist*innen und Kunsthistoriker*innen wie Dr. Reyhan ƞahin aka Lady Bitch Ray, Mirna Funk, Anne Petersen, Prof. Dr. Wolfgang Ullrich und Prof. Dr. Hubertus Kohle sowie unsere Kolleg*innen nach ihrer Meinung gefragt. Schmökern Sie im Folgenden durch eine kleine, aber feine Auswahl und bilden Sie sich auf dieser Grundlage Ihre eigene Meinung! Auch Sie möchten wir gerne um Ihre Beteiligung bitten. Wir suchen weitere Stimmen, die sich zu unserem Makart Ă€ußeren. Schreiben Sie hierzu vor Ort in das Buch Makart Jetzt oder nutzten Sie den Hashtag #MakartNow in den sozialen Medien. 

- Wie finden Sie Makarts MonumentalgemÀlde? 
- Ist es heute wieder skandalös?
- Finden Sie das GemÀlde provokativ?
- Finden Sie es sexistisch oder ist dies gar eine rhetorische Frage?
- Sind Fakten genauso wichtig wie Fantasie?
- Wie zeigt sich hier Macht?
- Wie sollten Museen Ihrer Meinung nach mit Werken wie diesem umgehen?

NatĂŒrlich können Sie auch völlig frei dazu Bezug nehmen! Wir freuen uns ĂŒber Ihre Meinung, denn der Makart-Saal, als Auftaktsaal des Rundgangs durch die Museumssammlung, soll in Zukunft alle Besucher*innen sensibilisieren, die ausgestellten Werke ebenso genussvoll wie kritisch zu lesen!

In naher Zukunft ist darĂŒber hinaus eine neue FĂŒhrungsreihe zum Thema #MakartNow geplant, in der Mitarbeiter*innen im Dialog mit Andrea Weniger (Leiterin Bildung & Vermittlung) ihren ganz eigenen Blick auf Makart teilen, weitere Lieblingswerke aus der Sammlung vorstellen und Einblicke in ihre TĂ€tigkeit geben.

Dr. Reyhan ƞahin aka Lady Bitch Ray

»Hans Makarts Bild steht im wahrsten Sinne des Wortes fĂŒr imperialistische, cis mĂ€nnliche Dominanz, und das auf 50 Quadratmetern. Wenn dieses Bild sprechen könnte, hĂ€tte es uns vielleicht gesagt: Well I'm Makart Me, I got bitches galore/ You may have a lot of bitches but I got much more wie einst der Rapper Easy E., aber der kam zumindest von unten und kannte es als Gangster-Rapper nicht anders. Was aber wollte der privilegierte Hans Makart mit diesem Bild ausdrĂŒcken? HERRschaft und Überlegenheit des Mannes ĂŒber Frauen, queeren und armen Menschen, welche vor dem Pferd des Kaisers Karl dem V. wie Untertanen hinaufschauen? Nieder mit dieser sozialen Ungerechtigkeit!

Es ist zwar gut, alte GemĂ€lde von frĂŒher kritisch zu hinterfragen, aber dieses Hinterfragen sollte auch noch stĂ€rker sichtbar gemacht werden. Denn allein durch das visuelle Ausstellen reproduziert dieses GemĂ€lde ja trotzdem Sexismus, Klassismus und verherrlicht Kolonialismus. Deshalb fĂ€nde ich’s besser, wenn die Hamburger Kunsthalle einen Vorhang oder Schild als Trigger-Warnung vor dem Bild hĂ€ngen wĂŒrde, vielleicht mit der Aufschrift: Vorsicht, dieses Bild enthĂ€lt sexistische, klassistische und kolonialistische Elemente!, so können sich Besucher:innen vorher ĂŒberlegen, wie und ob sie dieses Bild sehen wollen. Das wĂŒrde auch ein selbstverstĂ€ndliches Hinnehmen dieser Bildszene vermeiden.«

DR. REYHAN ƞAHIN, auch bekannt unter dem KĂŒnstler:innen-Namen Lady Bitch Ray, forscht zu den Themenbereichen Sprache, Migration, Islam, Rassismus, Rechtsextremismus und Neue Rechte. Mit ihrer sexpositiv aufgeladenen, feministischen Musik und öffentlichen Auftritten gehört sie zu den Pionierinnen des intersektionellen Feminismus in Deutschland. Zu ihren letzten Veröffentlichungen gehören Yalla, Feminismus! (2019 Tropen/Klett Cotta) und Lady Bitch Ray ĂŒber Madonna (2020 KiWi). Lady Bitch Ray ist auf Instagram als @dr.bitch_ray und auf Twitter als @LadyBitchRay1 zu finden.

Mirna Funk

»Jedes Kunstobjekt ist Ausdruck seiner Zeit. Es kann manipulativ, politisch oder einfach nur Ă€sthetisch sein. Es kann alles oder nichts wollen. Aber was auch immer das Motiv des KĂŒnstlers war, das Objekt ist eingebettet in eine spezifische Epoche mit ihren Werten, Traditionen, Trends und Tabus. Aktuell leben wir in einer Art Empörungdiktatur, in der vor dem Deckmantel DER großen progressiven Befreiungsbewegung alles verboten und unterbunden werden soll, das nicht den zeitgeistigen Standards entspricht. Dabei wird die Notwendigkeit von Kontextualisierung, KontinuitĂ€t sowie KomplexitĂ€t total ignoriert. Diese Bewegung mit ihren AbsolutheitsansprĂŒchen auf Perspektiven, Terminologien und Moraldefinitionen beweist leider vor allem eines: nĂ€mlich das völlige Fehlen von Geschichtsbewusstsein. Wir sind Gewordene. Kunst ist geworden. Und das Gewordensein als solches impliziert auch ein Weiter-Werden. Die Welt, die Gesellschaft, der Mensch – niemand und nichts steuert hier auf einen paradiesischen Endpunkt zu, sondern wir alle sind Teil eines FĂŒr-ImmerwĂ€hrenden-Werdens. I know it’s a bummer. You gotta learn to live with it.«

MIRNA FUNK ist in Ost-Berlin geboren und lebt zwischen Berlin und Tel Aviv. Sie studierte Philosophie und Geschichte an der Humboldt UniversitĂ€t und arbeitet als Journalistin und Autorin. In ihren literarischen Werken, essayistischen und journalistischen Arbeiten sowie kuratorischen Projekten geht Mirna Funk den Fragen nach der PrĂ€senz jĂŒdischer Kultur in Deutschland heute und einer gegenwartsorientierten Erinnerungskultur nach. Seit 2018 erscheint monatlich ihre Kolumne JĂŒdisch heute in der deutschen Vogue. Mirnka Funk ist auf Instagram als @mirnafunk zu finden.

Prof. Dr. Alexander Klar

»Das 19. Jahrhundert scheint heute weit zurĂŒck zu liegen, in Hans Makarts GemĂ€lde steht es uns aber plötzlich wie aus dem Leben gegriffen gegenĂŒber. In diesem Bild blicken wir nicht nur auf eine lebensgroße, realistisch erscheinende historische Szene, wir blicken auch auf die gesellschaftliche RealitĂ€t der Zeit Makarts, in der Frauen wahlweise die Rolle des Publikums oder der (ausgezogenen) Ehrenjungfrau zugedacht war.«

ALEXANDER KLAR ist in Waiblingen bei Stuttgart geboren und wuchs in Athen auf. Er studierte Kunstgeschichte, Geschichte und christliche ArchĂ€ologie in Erlangen. 2000 promovierte er an der Friedrich-Alexander-UniversitĂ€t in Erlangen mit einer Dissertation ĂŒber Friedrich BĂŒrklein. Nach Stationen am Solomon R. Guggenheim Museum in New York (1997), an der Peggy Guggenheim Collection in Venedig (2000) und an der Kunsthalle in Emden (2002-2004) wurde er von 2010 - Juni 2019 Direktor des Museum Wiesbaden. Seit Juli 2019 ist er Direktor der Hamburger Kunsthalle.

Prof. Dr. Hubertus Kohle

»Eine Folge von Nackedeis als dekorative Begleitung fĂŒr den mĂ€nnlichen Heros? DafĂŒr, nein dagegen haben wir doch heute #metoo und #cancelculture! Aber sollten wir das Überwundene einfach auslöschen? Nein, denn dann könnten wir die Stellung des Eigenen im großen Ganzen gar nicht mehr ermessen. Hans Makart ist eine Stimme aus der Vergangenheit, auch wenn er in der scheinbaren Herrscherapotheose seines Historienschinkens eigentlich eine Apotheose des KĂŒnstlers gestaltet, eine Apotheose Albrecht DĂŒrers, der den Einzug des deutschen Kaisers in die Stadt Antwerpen beobachtet. Wieso dieses MonumentalgemĂ€lde nicht mit bescheidenen Evokationen echten weiblichen Lebens begleiten. Mit KĂ€the Kollwitzens abgearbeiteten und trauernden MĂŒttern aus  dem Weberaufstand? Mit Constantin Meuniers schuftenden Bergarbeiterinnen? Dann kann sich Betrachter*in sein/ihr eigenes Urteil bilden und nicht passives Opfer einer ĂŒbergriffigen Vorauswahl werden. Immerhin leben wir in einer Gesellschaft selbstverantwortlicher Individuen.«

PROF. DR. HUBERTUS KOHLE studierte in Bonn, Florenz und Paris, seine Dissertation schrieb er 1986 zu Denis Diderots Kunsttheorie und habilitierte 1996 zu Adolph Menzels Friedrichbildern. Er war Assistent an der UniversitĂ€t Bochum und Hochschuldozent an der UniversitĂ€t zu Köln. Seit 1999 ist er Professor an der LMU MĂŒnchen mit Schwerpunkten in der deutschen und französischen Kunst des 18. bis 20. Jahrhunderts und in der digitalen Kunstgeschichte. Zurzeit ist er Sprecher des DFG-Schwerpunktprogramms Das digitale Bild. Prof. Dr. Hubertus Kohle ist auf Twitter als @hkohle zu finden.

Anne Petersen

»Was wĂŒrde heute ein solches Aufsehen erregen wie Makarts Habsburger Kaiser und seine unbekleideten Schönen? Wo finden wir heute eine Ă€hnliche GeschĂ€ftstĂŒchtigkeit, gezielt eingesetzte FreizĂŒgigkeit, wohl inszenierte OberflĂ€chen und ein begeistertes Publikum? Mir fĂ€llt dazu Instagram ein.  Auf optische AttraktivitĂ€t ausgerichtet, ist der Grund fĂŒr die Entstehung von Posts allein ihr Publikumserfolg.  Der Besucheransturm im Wiener Kunsthaus, noch bevor Makarts riesige Leinwand in Paris auf der Weltausstellung  1878 ausgestellt wurde, lieferte dem KĂŒnstler, was er wollte: Aufmerksamkeit. Nacktheit, Sex, Körperteile, all das haben wir in der Kunst heute viel detaillierter gesehen. Aber das Prinzip funktioniert auch in Zeiten von Me-Too noch genauso: Je mehr nackte Haut, desto mehr likes. Steht sie jetzt am Strand von Dubai oder Ibiza?  HĂ€tte Kaiser Karl V. in Aachen, nicht in Antwerpen so festlich einziehen mĂŒssen? Fakten sind hier nicht wichtiger als die Fantasie. Es zĂ€hlt allein, was gefĂ€llt. Lange bevor das Kino erfunden war, hat Makart seinem Publikum atemberaubende Blockbuster geboten, Spektakel, Opulenz, Schönheit und Erotik gezeigt. Das ist sehr viel weniger banal, als die meisten Feeds der einflussreichsten Influencer:Innen dieser Welt.  Trotzdem: Als oberflĂ€chlich, ungeistig, allein dekorativ wurde die Salonmalerei des 19. Jahrhunderts kritisiert. Sie war aber nur ein Spiegel ihrer Zeit. Und das ist Instagram ja irgendwie auch.«

ANNE PETERSEN studierte Kunstgeschichte, Politik und Kommunikationswissenschaft in MĂŒnchen und Paris. Nach Abschluss der Deutschen Journalistenschule in MĂŒnchen TĂ€tigkeit im Stil-Ressort der Welt am Sonntag. 2004 wechselte sie zu Gruner + Jahr in die BRIGITTE Redaktion. Seit 2014 leitet sie das SALON Magazin. Im Prestel-Verlag ist ihr Buch LegendĂ€re Dinner erschienen. Sie ist Mutter von vier Kindern. Anne Petersen ist auf Instagram als @anne_petersen und fĂŒr @salon_magazin zu finden.

 

 

Prof. Dr. Wolfgang Ullrich

»So viel kĂŒnstlerisches Selbstbewusstsein! Schon das Format von Der Einzug Karls V. in Antwerpen zeugt davon. Außerdem hat Hans Makart sich selbst zwischen den Kaiser und Albrecht DĂŒrer platziert und damit demonstrativ als KĂŒnstlerfĂŒrst in Szene gesetzt. Seine privilegierte Stellung erlaubte es ihm aber vor allem, Phantasien ganz unbefangen auszudrĂŒcken. So malte er sich von leicht bekleideten Frauen umgeben, fĂŒr die ihm Damen der Wiener Gesellschaft ungefragt als Vorbilder dienten. Der mĂ€chtige Mann gefiel sich also darin, ĂŒber andere nach Belieben zu verfĂŒgen und sie gar noch bloßzustellen. Selbstherrlich nutzte er es aus, dass Kunst ĂŒber die RealitĂ€t hinauszugehen und schönere Welten zu erfinden vermag. Andere hingegen setzen auf diese FĂ€higkeit der Kunst, um eine Utopie zu entwickeln – um Menschen, die im realen Leben unterdrĂŒckt, marginalisiert und ohnmĂ€chtig sind, zu mehr WĂŒrde zu verhelfen. Immer wieder in der Geschichte der Kunst gelang es auf diese Weise, Schwache zu stĂ€rken. Aber wer so mĂ€chtig ist, wie Makart es war, hat kein Interesse am Empowerment anderer.«

WOLFGANG ULLRICH, lebt als freier Autor und Kulturwissenschaftler in Leipzig. Davor war er rund ein Jahrzehnt Professor fĂŒr Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule fĂŒr Gestaltung in Karlsruhe. UrsprĂŒnglich kommt er aus MĂŒnchen, wo er Philosophie und Kunstgeschichte studierte. Er forscht und publiziert zur Geschichte und Kritik des Kunstbegriffs, zu bildsoziologischen Themen sowie zu Konsumtheorie. Er ist Mitherausgeber der Buchreihe Digitale Bildkulturen im Verlag Klaus Wagenbach.- Mehr auf: www.ideenfreiheit.de. Wolfgang Ullrich ist auf Twitter als @ideenfreiheit zu finden.

 dr. Markus Bertsch

»Eine Kunsthalle ohne Salonmalerei, ohne Orientalisten, ohne akademische Kunst, ohne Makart – schwierig.Mit dem neugestalteten Makart-Saal erhalten unsere Besucher*innen eine plastische Vorstellung, wie vielstimmig und zugleich widersprĂŒchlich der GemĂ€ldechor des 19. Jahrhunderts aufgestellt war. Es ist im besten Sinne AufklĂ€rung, diese – fĂŒr manche Augen gewöhnungsbedĂŒrftigen – Werke wieder zu zeigen. Hurra!«

DR. MARKUS BERTSCH ist Leiter der Sammlung 19. Jahrhundert an der Hamburger Kunsthalle.

Gesa Huget

»Ich finde es gut, dass das Bild wieder enthĂŒllt ist. Bei mir sind es zuallererst die GrĂ¶ĂŸe und das Lichtspiel, die mir auffallen und mich genauer hinschauen lassen. Die Frage, inwiefern hier das historische Ereignis faktisch wiedergegeben wird, habe ich mir nie gestellt. Die pompöse Inszenierung, der Herrscher, umringt von nackten Frauen, lassen mich sofort an Show denken und zeigen deutlich: Makart ĂŒbertreibt, er malt sich eine imposante Geschichte aus, die er auf die Leinwand bringt. Klar ist Makart hier sexistisch, wenn er die nackten Frauen als TrophĂ€en des mĂ€nnlichen Herrschers darstellt. Aber bis heute ist es ein wirksames und viel eingesetztes Motiv, ich denke z.B. sofort an Musikvideos.«

GESA HUGET ist Leitung Engagement & Patnerschaften an der Hamburger Kunsthalle.

dr. Jan Metzler

»Macht, Sexismus, Gewalt
 Wie wollen wir als Museum mit dieser Kunst umgehen? Was wollen wir darĂŒber erzĂ€hlen? Wie zeigen wir sie? Da ich dafĂŒr noch keine mich selbst ĂŒberzeugende Antwort habe, ist meine ganz persönliche Antwort erst einmal ein Innehalten und eine erneute LektĂŒre von Klaus Theweleits großartigem Buch MÄNNERPHANTASIEN. Auch nach 40 Jahren ist es so aktuell und genial wie zum Zeitpunkt seines Erscheinens. Denn die Frage nach Macht, Gewalt, Klasse und Geschlecht stellen sich noch immer genauso drĂ€ngend.«

DR. JAN METZLER ist Leiter Kommunikation & Marketing an der Hamburger Kunsthalle.

Amelie Baader

»Den WĂŒrde ich mir das ins Wohnzimmer hĂ€ngen-Test wĂŒrde Makarts Koloss nicht nur wegen der GrĂ¶ĂŸe bei mir nicht bestehen. Aber kaum ein anderer KĂŒnstler dieser Zeit verstand es, sich so brillant zu inszenieren und ins GesprĂ€ch zu bringen! Makart ist ein PhĂ€nomen und darf in einer SammlungsprĂ€sentation, die das 19. Jahrhundert in seiner ganzen WidersprĂŒchlichkeit und seinen Facettenreichtum zeigen will, nicht fehlen!«

AMELIE BAADER ist kuratorische Assistenz der SammlungsprÀsentation Making History und bearbeitet den Bestandskatalog 19. Jahrhundert an der Hamburger Kunsthalle.

Jasper Warzecha

»Ich empfinde das Werk als schwierig und durchaus unbequem, vor allem weil Makarts bewusst gewĂ€hlte (ĂŒber)prĂ€sente Darstellung der nackten Frauen als sexistisch verstanden werden kann. Aber deswegen das Werk nie wieder zeigen? Ich finde das ist keine Option. Viel lieber sollte auf das Schwierige verwiesen und es thematisiert werden. Denn im besten Fall regt es zu Diskussionen an, die manchen vielleicht sogar die Augen öffnen.«

JASPER WARZECHA ist wissenschaftlicher VolontÀr an der Hamburger Kunsthalle.

Martina Gschwilm

»Es gibt so viele Fragen, die das Werk von Makart erzeugen und das macht das Bild auch so spannend. Ist das Werk provokativ? Ja hoffentlich 
 oder haben sich unsere Sehgewohnheiten von heute schon so daran gewöhnt es als normal, da ĂŒberall prĂ€sent zu erachten, es nicht als provozierend zu deuten? Die Frage, ob das Werk sexistisch ist? Ist schon falsch gestellt, denn objektiv betrachtet sollte das schon gar nicht mehr verhandelt werden mĂŒssen. Ich freue mich dennoch, dass das gigantische Werk mit seinen 50 qm wieder ausgestellt und neu prĂ€sentiert wird und genĂŒgend Raum gibt fĂŒr all die Fragen, die hierzu noch gestellt werden können. Es ist die Aufgabe eines Museums all den DenkanstĂ¶ĂŸen, Überlegungen, auch dem heutigen Blick ein Forum zu geben und das scheint sich auch bei dem angedachten Rahmenprogramm einzulösen.«

MARTINA GSCHWILM ist Leiterin Digitale Medien an der Hamburger Kunsthalle.

Ute Klapschuweit

»Im Hintergrundrauschen habe ich so viele Worte gelesen und gehört, die dieses Bild in der Luft zerreißen. Welch ein Fanfarenton aus einer vergangenen Zeit! Nun also ist der ganze Raum auf diese Tonart gestimmt. Wenn es nun sexistisch genannt wird ­– da klingt so viel neue Moral ist – So viel Enge und so wenig GroßzĂŒgigkeit! Warum nicht sinnlich, opulent, prĂ€chtig, großartig – Um dann auch wieder nachdenklich-provokativ im Nachteil oder in der Form der PrĂ€sentation zu werden. Das ist in meinen Augen die große StĂ€rke der Kunsthalle. Alles ist da – alles ist möglich – alles ist gleichzeitig! Die Geister aus der Vergangenheit – wie spannend mit ihnen heute noch in Dialog treten zu können!«

UTE KLAPSCHUWEIT ist Mitarbeiterin in der Abteilung Bildung & Vermittlung

Hausmeisterteam

»Unser Makart

Wir finden es eine tolle Sache, dass unser grĂ¶ĂŸtes Bild aus dem 4-jĂ€hrigen Winterschlaf erweckt wurde. Es ist ja auch ein beeindruckend großes Bild mit viel Diskussionspotenzial. Ganz egal aus welchem Alter, Gesellschaftsschichten, oder Epochen, die Besucher kommen. Dieses Bild erweckt auf jeden unterschiedlichen Blickwinkel, freudige, aber auch harte Diskussionen. Dieses Bild ist eine tolle Anregung (Provokation) und unterstreicht, wie unterschiedlich Moral und Werte bewertet werden können.«

HAUSMEITERTEAM der Hamburger Kunsthalle

Larissa lange

»Die Frage, ob der Makart sexistisch ist oder nicht lĂ€sst sich meiner Meinung nach nur sehr schwer und wohl ĂŒberlegt beantworten. Zum einen sollte man beachten, dass man solche Werke in ihren jeweiligen (historischen) Kontext betrachten muss. Wie hat ein Betrachter/ eine Betrachterin das Werk zu seinen Entstehungszeiten aufgefasst? Da es schon damals viel Kritik abbekommen hat, ist wahrscheinlich schon etwas an dem Sexismusvorwurf dran und wir empfinden es nicht nur heute so. Gleichzeitig darf man aber auch nicht vergessen, dass Nacktheit und vor allem nackte Frauen in der gesamten Kunstgeschichte allgegenwĂ€rtig sind. Sind jetzt all diese Werke auf ihre eigene Art und Weise sexistisch? WĂ€re der Makart hier weniger sexistisch, wenn er mythologische Figuren eingebaut hĂ€tte? Wahrscheinlich wĂŒrde man das Werk dann anders auffassen, meiner Meinung nach. Naja, trotz all dieser Fragen finde ich vor allem eines wichtig: dass Kunstwerke, vor allem welche von diesem Wert und dieser kĂŒnstlerischen Bedeutsamkeit gezeigt und nicht versteckt werden. Also danke, dass wir es wieder betrachten dĂŒrfen.«

LARISSA LANGE ist studentische Hilfskraft der Abteilung Kommunikation im BesucherbĂŒro der Hamburger Kunsthalle.