Macht?

Am 23. September 1520 zieht der junge Kaiser Karl V. festlich in Antwerpen ein. 358 Jahre spĂ€ter strömen innerhalb weniger Tage 34.000 Menschen ins Wiener KĂŒnstlerhaus, in dem der Historienmaler Hans Makart ein einziges, 50 Quadratmeter großes MonumentalgemĂ€lde mit dem Titel »Der Einzug Karls V. in Antwerpen« der Öffentlichkeit prĂ€sentiert. Ein Sensationsbild! Wie genau der Kaiser etliche Jahrhunderte zuvor nun feierte, ist hier nur Nebensache. Historienbilder schmĂŒcken aus, ĂŒberhöhen und verklĂ€ren. Ist das Macht?
Die schiere GrĂ¶ĂŸe des Bildes und die Vielzahl der Figuren machen es uns unmöglich, das Bild in seiner Gesamtheit zu erfassen. Schnell fĂ€llt der Blick auf die zentrale Figur: Hoch zu Pferd schreitet der Kaiser, herrschaftlich und heldenhaft inszeniert, durch eine Masse an Schaulustigen – sie alle ĂŒberragend. Hier wird in Sekundenschnelle deutlich: Die Macht des einen bedeutet immer auch Ohnmacht der anderen. Auch wir als Betrachtende schauen unweigerlich zu ihm auf. Das ist heute nicht anders als 1878. Und werfen wir heute einen Blick in die Medien, sehen wir schnell, dass auch hier reale VorgĂ€nge symbolisch aufgeladen inszeniert werden – von Regierungschef*innen, Menschen in Protest und nicht zuletzt von uns selbst, wenn wir Bilder aus unserem Alltag in den Sozialen Medien posten.

Jan Steinke (wissenschaftlicher VolontÀr)