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Pieter Stevens (II)
KĂŒstenlandschaft mit rastenden Reisenden, vor 1600
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Pieter Stevens (II)

KĂŒstenlandschaft mit rastenden Reisenden, vor 1600

Pieter Stevens (II)

KĂŒstenlandschaft mit rastenden Reisenden, vor 1600

Die Zeichnung steht stilistisch zwischen zwei datierten BlĂ€ttern in Wien und Berlin: Mit der Wiener „Waldstraße an einem Fluss“ von 1592 stimmt die Wiedergabe des Laubwerks ĂŒberein,(Anm.1) wĂ€hrend die Gesamtwirkung der auch im Motiv verwandten, 1597 datierten „Meeresansicht“ in Berlin nahe steht, die allerdings unser Blatt an Tiefe und Leuchtkraft noch ĂŒbertrifft.(Anm.2) Charakteristisch sind die mit „nasser“ Feder erzielten satten Akzente, das kontrastreiche Spiel von Licht und Schatten und die ĂŒbergangslose GegenĂŒberstellung von Vordergrund und Fernsicht. Stilistisch verwandt, besonders in der Wiedergabe von Baumschlag und Wellen, ist eine Zeichnung in Amsterdam, die von Zwollo in die spĂ€ten 1590er Jahre datiert wurde.(Anm.3)
Verglichen mit der Berliner Zeichnung sind die Figuren auf unserem Blatt plumper proportioniert. Ähnliche Staffage begegnet auf einer um 1600/01 entstandenen „Winterlandschaft“ in Paris und auf einer „Landschaft mit Kastell“ in New Rochelle.(Anm.4)
Die Hamburger Zeichnung wurde ehemals als „italienische KĂŒstenlandschaft“ bezeichnet, vielleicht aufgrund der rĂŒckseitigen, irrtĂŒmlich wohl auf Stefano della Bella verweisenden Beischrift. Eher handelt es sich um eine eigene Erfindung,(Anm.5) zumal eine Italienreise des KĂŒnstlers nicht ĂŒberliefert wird.(Anm.6) Die Komposition mit dem von TĂŒrmen flankierten Tor am Ende einer Hafenanlage erinnert im Gegensinn an eine um 1601/07 von Aegidius Sadeler nach Vorlage Stevens’ gestochene „Böhmische Flusslandschaft“ (H. 258).(Amn.7) Als Anregung fĂŒr die Landschaftsgestaltung können Stiche wie Sadelers „Flusslandschaft“ nach Jan Bruegel (I) dem KĂŒnstler vor Augen gestanden haben (H. 218).(Anm.8)

Annemarie Stefes

1 Wien, Grafische Sammlung Albertina, Inv.-Nr. 3485, Heinrich Gerhard Franz: Meister der spÀtmanieristischen Landschaftsmalerei in den Niederlanden, in: Jahrbuch des Kunsthistorischen Instituts der UniversitÀt Graz 3/4, 1968/69, S. 19-71, Abb. 27.
2 Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. KdZ 12094, ebd. Abb. 217; vgl. auch eine ebenfalls 1597 datierte „Waldlandschaft mit Reisenden“, niederlĂ€ndischer Privatbesitz, Panorama op de Wereld. Het landschap van Bosch tot Rubens, hrsg. von Paul Huys Janssen, Ausst.-Kat. Noordbrabants Museum, 's-Hertogenbosch, Zwolle 2001, Nr. 66.
3 „BĂ€ume am hohen Meeresufer“, Amsterdam, Rijksprentenkabinet, Inv.-Nr. RP-T-1931-188, An Zwollo: Pieter Stevens, ein vergessener Maler des rudolfinischen Kreises, in: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen in Wien 64, 1968, S. 119-180, Abb. 190.
4 Paris, École Nationale SupĂ©rieure des Beaux-Arts, Inv.-Nr. Mas. 2006, Heinrich Gerhard Franz: Meister der spĂ€tmanieristischen Landschaftsmalerei in den Niederlanden, in: Jahrbuch des Kunsthistorischen Instituts der UniversitĂ€t Graz 3/4, 1968/69, S. 19-71, Abb. 43; New Rochelle, Sammlung Curtis O. Baer, Zwollo 1982, Abb. 5.
5 Vgl. auch Geissler, in: Heinrich Geissler: Zeichnung in Deutschland. Deutsche Zeichner 1540-1640, 2 Bde., Ausst.-Kat. Staatsgalerie Stuttgart 1979, Nr. B 34 zu der Berliner Zeichnung; vgl. Ketelsen, in: Im Blickfeld. Böhmen liegt am Meer. Die Erfindung der Landschaft um 1600, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 1999, S. 20–25.
6 WĂ€hrend Heinrich Gerhard Franz: Meister der spĂ€tmanieristischen Landschaftsmalerei in den Niederlanden, in: Jahrbuch des Kunsthistorischen Instituts der UniversitĂ€t Graz 3/4, 1968/69, S. 19-71, S. 45 und An Zwollo: Pieter Stevens, neue Zuschreibungen und ZusammenhĂ€nge, in: Umeni 18, 1970, S. 246-259, S. 255 bzw. An Zwollo: Pieter Stevens: nieuw werk, contact met Jan Brueghel, invloed op Kerstiaen de Keuninck, in: Leids Kunsthistorisch Jaarboek 1, 1982, S. 95-118, S. 101, 104, 108 und Prag um 1600. Kunst und Kultur am Hofe Rudolfs II. Ausst.-Kat. Wien, Kunsthistorisches Museum, Essen, Villa HĂŒgel, 2 Bde., Freren 1988, S. 395 einen Italienaufenthalt fĂŒr möglich hielten, wurde dieser von Louisa Wood Ruby: Paul Bril: The Drawings, Turnhout 1999, S. 44 abgelehnt. In der Tat können die italienischen Motive auch gestochenen und gezeichneten Vorlagen anderer KĂŒnstler (Jan Bruegel I, Paul Bril) entlehnt worden sein.
7 Das Dach des rechten Turmes erinnert an Prager Architektur, vgl. etwa mit den TĂŒrmen am BrĂŒckenkopf links auf Sadelers gestochener Pragansicht B. 422.
8 Zu dem Einfluss Bruegels vgl. An Zwollo: Pieter Stevens, ein vergessener Maler des rudolfinischen Kreises, in: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen in Wien 64, 1968, S. 119-180, S. 173, An Zwollo: Pieter Stevens, neue Zuschreibungen und ZusammenhĂ€nge, in: Umeni 18, 1970, S. 246-259, S. 255 und 257; An Zwollo: Pieter Stevens: nieuw werk, contact met Jan Brueghel, invloed op Kerstiaen de Keuninck, in: Leids Kunsthistorisch Jaarboek 1, 1982, S. 95-118, S. 102, 105–108; Zwollo, in: Prag um 1600. Kunst und Kultur am Hofe Rudolfs II. Ausst.-Kat. Wien, Kunsthistorisches Museum, Essen, Villa HĂŒgel, 2 Bde., Freren 1988, S. 398; vgl. auch Louisa Wood Ruby: Paul Bril: The Drawings, Turnhout 1999, S. 44.

Details zu diesem Werk

Beschriftung

Unten links monogrammiert auf dem Heck eines Schiffes: "P S" (Feder in Braun)

Verso unten links bezeichnet: "Stefano called Fiorentino" (Feder in Braun); oberhalb davon L. 1328

Wasserzeichen / Kettenlinien

-
ca. 33 mm (h)

Provenienz

Georg Ernst Harzen (1790-1863), Hamburg (L. 1244) (NH Ad:01:02, fol. 63: "P. Stephanus Steile GebirgskĂŒste am Meer, wo unter einer Gruppe hochstĂ€mmiger BĂ€ume eine Anzahl SchiffbrĂŒchiger aus einer gestrandeten Brigg sich gerettet haben. {Fed} Bez P.S. Feder Seppia und Indigo 11.0.7.5"; NH Ad: 02: 01, S. 270); Legat Harzen 1863 an die „StĂ€dtische Gallerie“ Hamburg; 1868 der Stadt ĂŒbereignet fĂŒr die 1869 eröffnete Kunsthalle

Bibliographie

Stefes, Annemarie: NiederlĂ€ndische Zeichnungen 1450-1850. Katalog II van Musscher - Zegelaar, hrsg. von Gaßner, Hubertus und Stolzenburg, Andreas, Die Sammlungen der Hamburger Kunsthalle Kupferstichkabinett, Bd. 3, Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2011, S.530, Nr.1003

Im Blickfeld. Böhmen liegt am Meer. Die Erfindung der Landschaft um 1600, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 1999, Nr.29, Abb.S. 55

Thomas Ketelsen: Vom Verschwinden der Wege, in: Böhmen liegt am Meer. Die Erfindung der Landschaft um 1600, Ausst.-Kat. Hamburg 1999, S. 7-37, S.25