☰
Philipp Otto Runge
Triumph des Amor (Studie zur Gesamtkomposition), 1802
ZurĂŒck Bildinfos ➕ ➖ ➕ 🗖 ❭

Philipp Otto Runge

Triumph des Amor (Studie zur Gesamtkomposition), 1802

Philipp Otto Runge

Triumph des Amor (Studie zur Gesamtkomposition), 1802

Nachdem Runge weder die „Heimkehr der Söhne“ noch den „Triumph des Amor“ als Wandbild in Jakobs Haus in Wolgast ausgefĂŒhrt hatte, nahm er 1801 in Dresden das Amor-Thema noch einmal in einer zweiten Version auf, die als Supraporte in dem Saal hĂ€tte verwendet werden sollen. Den Planwechsel vom Wand- zum Supraportenbild dĂŒrfte Runge Ende April/Anfang Mai 1801 bei seinem Besuch in Wolgast vollzogen haben, als der Entwurf zum „Triumph des Apollo“ (Inv. Nr. 34251) ein GegenstĂŒck erforderte (Anm. 1). Erstmals konkret erwĂ€hnt hat Runge das Vorhaben Ende August 1801 gegenĂŒber Goethe: „Ich werde nun anfangen, nach Gips erst zu malen und einige Kompositionen, die ich als Zimmerverzierungen fĂŒr einen meiner BrĂŒder machen wollte, erst in schwarz und weißer Kreide zu zeichnen und dann auszumalen.“ (Anm. 2) Die Arbeiten schritten zĂŒgig voran, allerdings kam Runge zunĂ€chst ĂŒber eine Zeichnung nicht hinaus: „So ganz dumm bin ich wĂ€hrend dieser Zeit aber auch nicht gewesen, ich habe indeß etwas zu Tage gebracht, was euch gewiß Freude machen wird; es soll zu gleicher Zeit ein Hochzeitsgedicht fĂŒr Jocob seyn, ist aber zunĂ€chst eine Zeichnung (Triumph des Amor’s als ThĂŒrstĂŒck), bey der freylich noch eine Beschreibung ist, die erst zugestutzt zu werden verlangt, wenn sie gelten soll, ich schicke sie dir hierin: sie ist nur durch die Zeichnung entstanden, oder beide zugleich. Wie gern schickte ich dir auch leztere! doch, ob ich zwar an der Composition nicht mehr Ă€ndern werde, nur einiges an den Figuren verbessern, kann ich sie doch nicht missen.“ (Anm. 3) Die formale Neuausrichtung als Supraporte zog auch eine inhaltliche nach sich, die Runge Anfang November 1801 gegenĂŒber Böhndel ausfĂŒhrlich erlĂ€utert hat: „Ich habe aber jetzt durch ihn (Amor) selbst, ich meyne durch meine Liebe, erst den Aufschluß darĂŒber erhalten. Es ist jetzt wie ein Basrelief bearbeitet und das Format 5 Fuß lang und 2 Fuß hoch. Die mittlere Gruppe ist so, wie sie in Kopenhagen war, allein mehr geordnet und gerundet. Um diese bewegt sich nun das ganze menschliche Leben. 1. Das Kind liegt im Hintergrunde einsam und sieht dem Zuge verwundert zu. 2. Der JĂŒngling fliegt der Jungfrau entgegen. 3. Beide umschlingen sich und reichen der kommenden Liebe ihre Blumen entgegen. 4. Die Stunde der Liebe im Vordergrunde und zunĂ€chst der mittleren Gruppe; allen diesen 3 Gruppen, die sich rechts befinden, zieht die mittlere entgegen. 5. Ein Kind ist nun da und spielt mit den Blumen, die die Alten haben fallen lassen; diese freuen sich daran. 6. Nun sehen die Eltern mit Sehnsucht dem Zuge der lieblichen Jugend nach; das Leben ist dahin. Diese Gruppe ist wieder im Hintergrunde und schließt sich an das erste Kind im Kreise. Ich will Dir eine mehr poetische Beschreibung davon hersetzen, die ich gemacht. Alles ist nur durch Kinder dargestellt und das Ganze muß euch schon ohne die ErklĂ€rung ein liebliches GewĂŒhl von Kindern vor das Auge bringen.“ (Anm. 4) Aus der Erfahrung seiner eigenen Liebe zu Pauline Bassenge entwickelte Runge ein Gleichnis des menschlichen Lebens, das auf der Liebe zwischen den Geschlechtern in ihren verschiedenen Stufen beruht. Die Vorstellung einer zyklischen Behandlung des Themas im Sinne des Lebensalterszyklus‘ klingt auch bei Runge an (Anm. 5).
Die zyklische Vorstellung entsprach der konzentrischen, von Runge beschriebenen kreisförmigen Anordnung, doch stand sie im Widerspruch zu einem rechteckigen Basrelief, dem eher eine friesartige Anordnung entsprach. Runge selbst hat diesen Widerspruch wÀhrend der Arbeit erkannt (Anm. 6), und versucht, beide Kompositionsprinzipien zu vereinen. Wie Traeger betont, hat Runge das Motiv des Triumphzugs, das im Titel anklingt, ganz im Sinne der Herrschaftsikonographie mit Adventus und Profectio gestaltet, und mit seinen zyklischen Vorstellungen verbunden (Anm. 7), die unter Anwendung eines allegorischen Prinzips die Abwendung von der Historienmalerei ermöglichte (Anm. 8).
GegenĂŒber seinem Vater bedauerte Runge, dass er keine Zeichnung entbehren könne, die ihm eine Vorstellung von der Komposition vermittelt, weil er plane, das fingierte Basrelief, das formale Anregungen vor allem seines Lehrers Abilgaard verarbeitet, nach Fertigstellung auf die Dresdner Kunstausstellung zu schicken (Anm. 9). Erst als die Untermalung auf der Leinwand Ende Januar 1802 fertig war, schickte Runge seinem Vater eine Zeichnung: „Ich schicke Ihnen hiemit zugleich die Skizze von meinem Amorsbilde, die ich nun, da ich dieses untermahlt habe, nicht mehr brauche.“ (Anm. 10) Berefelt hat vermutet, dass es sich bei der dem Vater ĂŒbersandten Zeichnung um Inv. Nr. 34239 handelt (Anm. 11). Die Unterschiede gegenĂŒber der ausgefĂŒhrten Grisaille (Anm. 12), auf die Runge in seinem Schreiben an den Vater hinweist – er mĂŒsse „abstrahieren, weil in der großen AusfĂŒhrung alles mehr, sogar geometrisch, ausgemessen ist, die VerhĂ€ltnisse der ZwischenrĂ€ume bestimmter und die Zeichnung sowohl als Ausdruck erst richtig und passend gemacht worden“ ist (Anm. 13) - treffen auf Inv. Nr. 34239 zu, in der der erste erhaltene Entwurf fĂŒr die Gesamtkomposition ĂŒberliefert ist. Auch der eingangs zitierte Brief an Böhndel vom 7. November 1801, in dem das im Hintergrund liegende, auf Inv. Nr. 34329 indes noch fehlende Kind erwĂ€hnt wird, legen den Schluss nahe, dass es sich um eine erste Entwurfszeichnung handelt, die vor dem 7. November 1801 entstanden sein muss. Wahrscheinlich ist sie auch identisch mit der von Runge am 12. September erwĂ€hnten Zeichnung, an deren Komposition Runge zwar nichts mehr zu verĂ€ndern beabsichtigte, die er aber nicht „missen“ konnte, da er noch Änderungen an den Figuren vornehmen wolle (Anm. 14). Dem gleichen Brief ist zu entnehmen, dass Runge einen Inv. Nr. 34329 vorangehenden Entwurf – eine „leichte Federskizze“ - an Daniel sandte, zu dem die vom Maler verfassten Verse gehörten: „Das ist die Liebe: sie kommt zu den Kindern der sorgenden Menschen. Schmetterlinge, sie tragen, die GĂ€ste des leichten VergnĂŒgens, zu der Sehnsucht Land den Olympischen Vogel herunter.“ (Anm. 15) Die gegenĂŒber Inv. Nr. 1926-129 verĂ€nderte Formulierung der Verse und Daniels Datierung „1802“ auf dem Blatt schließen die IdentitĂ€t mit der erwĂ€hnten Federskizze aus, die als verschollen gelten muss (Anm. 16).

Peter Prange

1 Berefelt 1961, S. 154, hat die Konzeption als Pendants von Guiseppe Anselmo Pellicas Wanddekorationen in Knoop, Emkendorf und Kiel abgeleitet, die Runge auf einer Reise nach Ostholstein und Kiel im Sommer 1798 gesehen haben könnte.
2 Brief von 23. August 1801 an Goethe, vgl. Philipp Otto Runge. Briefe in der Urfassung, hrsg. von Karl Friedrich Degner, Berlin 1940, S. 55.
3 Brief vom 12. September 1801 an Daniel, vgl. HS II, S. 83.
4 Brief vom 7. November 1801 an Böhndel, vgl. HS I, S. 218-219.
5 Vgl. Suse Barth: Lebensalter-Darstellungen im 19. und 20. Jahrhundert. Ikonographische Studien, Diss. Univ. MĂŒnchen 1971, S. 83.
6 Brief vom 13. Dezember 1801 an Daniel, vgl. HS II, S. 102, vgl. HS II, S. 222.
7 Traeger 1975, S. 40.
8 Traeger 1975, S. 42.
9 Brief vom 24. Dezember 1801 an den Vater, vgl. HS II, S. 106.
10 Brief vom 27. Januar 1802 an den Vater, vgl. HS II, S. 110.
11 Berefelt 1961, S. 151.
12 Triumph des Amor, Öl/Lw, 66,7 x 172,5 cm, Hamburger Kunsthalle, Inv. Nr. 2691, vgl. Traeger 1975, S. 328-329, Nr. 233, Abb.
13 Brief vom 27. Januar 1802 an den Vater, vgl. HS I, S. 219.
14 Brief vom 12. September 1801 an Daniel, vgl. HS II, S. 83.
15 Vgl. HS I, S. 218.
16 Vgl. Traeger 1975, S. 328, Nr. 229.

Details zu diesem Werk

Provenienz

Nachlass des KĂŒnstlers; ab 1810 im Besitz des Bruders Johann Daniel Runge (1767-1856), Hamburg; nach dessen Tod am 12. 3. 1856 im Besitz der Witwe Philipp Otto Runges, Pauline Runge (1785-1881), geb. Bassenge; als deren Geschenk an den Kunstverein in Hamburg, 30. 4. 1856 (Hamburger Kunsthalle, Archiv des Kupferstichkabinetts, Archiv Nr. 307, Catalog der Sammlung des Kunst-Vereins in Hamburg, S. 107, Nr. 495 k1/4: "4 Blt. Amors Triumph, erweiterte Idee, friesartig. Dresden 1802. ... 2/3, 2 Bleifederskizzen. qfol.."); Geschenk des Kunstvereins in Hamburg an das Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle, 1891

Bibliographie

Kosmos Runge. Der Morgen der Romantik. Katalogteil, hrsg. von Markus Bertsch, Uwe Fleckner, Jenns Howoldt, Andreas Stolzenburg, MĂŒnchen 2010, S.384, Nr.51, Abb.

Thomas Lange: Das bildnerische Denken Philipp Otto Runges, Berlin. MĂŒnchen 2010, S.10, 174, Abb.66 auf S. 176

Lange, Thomas: Das bildnerische Denken Philipp Otto Runges (1777-1810), MĂŒnchen 2006, S.7, 209, Abb.73

Edda Hevers: " ... daß die Elemente der Kunst in den Elementen selbst nur zu finden sind". Innere und Ă€ußere Natur in Philipp Otto Runges Lehrstunde der Nachtigall, in: Kunst. Die andere Natur, hrsg. von Reinhard Wegner, Göttingen 2004, S. 34-50, S.46, Abb.8 auf S. 47

Runge und die Seinen. Zeichnungen und Scherenschnitte aus dem Hamburger Kupferstichkabinett, Ausst.-Kat. Museum KaffeemĂŒhle, Wolgast 2000, S.o.S., Nr.23, Abb.

Philipp Otto Runge: Philipp Otto Runge. Briefe und Schriften, hrsg. von Peter Betthausen, Berlin 1981, S.10, 326, Abb.13

Runge in seiner Zeit, hrsg. von Werner Hofmann, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 1977, S.160, Nr.125, Abb.

Jörg Traeger: Philipp Otto Runge und sein Werk. Monographie und kritischer Katalog, MĂŒnchen 1975, S.110, 118, 326-327, Nr.230, Abb.

Jahrbuch der Hamburger Kunstsammlungen, hrsg. von Hamburger Kunsthalle und Museum fĂŒr Kunst und Gewerbe Hamburg, Bd. 19, 1974, S.13-36

Katalog der Meister des 19. Jahrhunderts in der Hamburger Kunsthalle, bearb. von Eva Maria Krafft, Carl-Wolfgang SchĂŒmann, Hamburg 1969, S.275

Philipp Otto Runge: Hinterlassene Schriften, hrsg. von Daniel Runge, Bd. 2, Hamburg 1841 (Reprint: Göttingen 1965), S.83, 110

Gunnar Berefelt: Philipp Otto Runge zwischen Aufbruch und Opposition 1777-1802, Stockholm Studies in History of Art, Bd. 7, Stockholm 1961, S.145, 151

Philipp Otto Runge 23. Juli 1777 Wolgast - 2. Dezember Hamburg 1810. Zeichnungen und Scherenschnitte. GedĂ€chtnis-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle aus Anlaß der 150. Wiederkehr seines Todestages, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 1960, S.12, Nr.67

Christian Adolf Isermeyer: Philipp Otto Runge, Die KunstbĂŒcher des Volkes, Bd. 32, Berlin 1940, S.127

Otto Böttcher: Philipp Otto Runge. Sein Leben, Wirken und Schaffen, Hamburg 1937, S.290-291, 298, Nr.1, Abb.Taf. 10

Dammann, Walter H.: Philipp Otto Runge in, Die Kunst. Monatshefte fĂŒr freie und angewandte Kunst Bd. 41, 1920, , Abb.S. 96

Walter H. Dammann: Philipp Otto Runge, in: Die Kunst fĂŒr Alle, MĂŒnchen 1919, S. 85-96, Abb.S. 96

Gustav Pauli: Philipp Otto Runges Zeichnungen und Scherenschnitte in der Kunsthalle zu Hamburg, Berlin 1916, S.29, Nr.23, Abb.Taf. 3

Andreas Aubert: Runge und die Romantik, Berlin 1909, S.106, Abb.S. 108

Jahresbericht der Kunsthalle zu Hamburg fĂŒr 1892, Hamburg 1893, S.48

Philipp Otto Runge: Hinterlassene Schriften, hrsg. von Daniel Runge, Bd. 1, Hamburg 1840 (Reprint: Göttingen 1965), S.219