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Hans Baldung Grien
Eva und die Schlange, 1510
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Hans Baldung Grien

Eva und die Schlange, 1510

Hans Baldung Grien

Eva und die Schlange, 1510

Das Blatt wurde wiederholt als Teil einer „Adam und Eva“-Komposition angesehen, zu der es ursprünglich ein zweites, links zu ergänzendes Blatt mit der Darstellung des Adam gegeben habe.(Anm. 1) Die im Zentrum des Blattes, im leichten Kontrapost dem Betrachter zugewandte Figur der Eva ist jedoch eindeutig als Einzelfigur konzipiert. Baldungs Eva steht damit im Kontext einer Bildentwicklung, die unter dem Einfluss von Dürers „Adam und Eva“-Kupferstich von 1504 (Bartsch 1) und seinen Madrider Gemäldetafeln von 1507 das heilsgeschichtliche Thema als erotisches Motiv etablierte.(Anm. 2) So wurde Dürers isolierte Darstellung der Figuren zur Voraussetzung von Cranachs und Baldungs Aktdarstellungen, wobei vor allem Baldung die Präsentation des weiblichen Körpers in den Vordergrund stellt und Eva in der Rolle der Verführerin zeigt.(Anm. 3) Die Hamburger Eva bildet den Auftakt zu einer Reihe von „Adam und Eva“-Darstellungen Baldungs, die zwischen 1510 und 1511 entstanden (Bartsch 1–4). Die Zeichnung steht in engem Zusammenhang mit Baldungs Clair-Obscure Holzschnitt „Lapsus humani generis“ von 1511 (Bartsch 3), in dem der Sündenfall als erotische Handlung inszeniert wird. Im „Adam und Eva“-Holzschnitt von 1519 (Bartsch 2) kehrt das Motiv des zweiten Apfels, den Eva in ihrer linken Hand hält, wieder.(Anm. 4)
Als Vorbild für die Zeichnung gilt Cranachs Venus von 1509, die in der Drehung und Proportionierung des Körpers – anders als Dürers Kupferstich – der Hamburger Eva sehr nahe ist.(Anm. 5) Die akzentuierte Konturlinie betont die Plastizität des Aktes, der sich hell von der Landschaft abhebt. Die auffallend „graphische“ Modellierung von Licht- und Schattenzonen durch Kreuzschraffuren und kleine gebogene Häkchen wie bei einem Kupferstich haben zu der Vermutung geführt, dass die Zeichnung als Vorstudie für einen Stich oder einen Holzschnitt diente.(Anm. 6) Das Blatt erscheint jedoch insgesamt zu eigenständig und ausgearbeitet, um allein nur diese Funktion zu erfüllen. Die aus dichten, parallel gesetzten Schraffen gestaltete Landschaft entwickelt sich im oberen Teil des Blattes zu wolkig gekringelten Laubkronen. Ein vergleichbares Motiv findet sich auf einer Landschaftsstudie Baldungs in Kopenhagen, auf deren Rückseite der Baum des Sündenfalls mit der Schlange abgebildet ist.(Anm. 7) Ein direkter Bezug zu unserem Blatt lässt sich auf Grund des fragmentarischen Charakters der Kopenhagener Zeichnung jedoch nur schwerlich nachvollziehen.

Petra Roettig

1 Vgl. Parker 1928, S. 32; Hartmann 1978, S. 8.
2 Madrid, Museo del Prado, Inv.-Nrn. 2177 und 2178, vgl. Fedja Anzelewsky: Albrecht Dürer: Das malerische Werk, Berlin 21991, S. 212–216, Nrn. 103 und 104, Abb. 121–124.
3 Schoen 2001, S. 178–195.
4 Koch 1941, S. 81, daran anschließend Ausst.-Kat. Freiburg 2001, S. 160. Parker 1928, S. 32 vermutete noch, dass Baldung sich einer Naturstudie bediente, wobei sich das Modell auf eine Stütze lehnte.
5 Lucas Cranach d. Ä: „Venus und Amor“, 1509, Öl auf Leinwand, St. Petersburg, Eremitage, Inv.-Nr. 680, vgl. Max J. Friedländer, Jakob Rosenberg: Die Gemälde von Lucas Cranach, Basel, Stuttgart 1979, S. 72, Nr. 22, Abb.
6 Koch 1974, S. 14.
7 Kat. Kopenhagen 2000, S. 101–102, Abb.

Details zu diesem Werk

Beschriftung

Oben rechts monogrammiert und datiert: "HB, 1510" (Feder in Schwarz)

Auf dem Verso in der Mitte bezeichnet: "W Aalt" (?); unten links bezeichnet: "Hans Seb Beham" (Bleistift); Stempel der Hamburger Kunsthalle (L. 1328)

Wasserzeichen / Kettenlinien

ca. 28 mm

Provenienz

Thomas Richter (1728-1773), Leipzig (nicht bei Lugt); Georg Ernst Harzen (1790-1863), Hamburg (L. 1244) NH Ad: 01: 04, fol. 134: "Hans Baldung gen Grien Eva nachdenklich(?) stehend mit dem Apfel in der Hand neben dem Baum der Erkenntniß, von dem herab die Schlange zu ihr redet. Bez. mit Monogr. [Einfügung Harzen] fälschlich in das Sebald Behaims verändert, und [Auslassung Harzen] 1510 Sehr schön vollendete Federzeichnung. 7.10. {9.0} 10.9 Saml. Richter"; und Ad: 02: 01, S. 233; Legat Harzen 1863 an die „Städtische Gallerie“ Hamburg; 1868 der Stadt übereignet für die 1869 eröffnete Kunsthalle

Bibliographie

Bernard Aikema, Andrew John Martin u.w.: Dürer e il Rinascimento:tra Germania e Italia, hrsg. von Bernard Aikema und Andrew John Martin, Ausst.-Kat. Palazzo Reale Mailand 2018, Milano: 24 ORE Cultura 2018, Abb.203

Holger Jacob-Friesen, Julia Carrasco, Johanna Scherer: Hans Baldung Grien. Heilig - Unheilig, hrsg. von Holger Jacob-Friesen, Ausst.-Kat. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 2019, S.334-335, Abb., Nr.162, Abb.S. 23(Detail)

Hans Baldung Grien. Neue Perspektiven auf sein Werk, hrsg. von Holger Jacob-Friesen, Oliver Jehle, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 2019, S.106-117, Abb.

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Hexenlust und Sündenfall. Die seltsamen Phantasien des Hans Baldung Grien, Ausst.-Kat. Städel Museum 2007, Nr.130, Abb.S. 208

Hamburger Kunsthalle. Museum Guide, Hamburg 2005, S.139, Abb.

283, Anm. 28

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Von Dürer bis Baselitz. Deutsche Zeichnungen aus dem Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 1989, S.32-33, Abb., Nr.11

Meinrad Grewenig: Der Akt in der deutschen Renaissance. Die Einheit von Nacktheit und Leib in der bildenden Kunst, Freren 1987, S.87

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Friedrich Winkler: Hans Baldung Grien. Ein unbekannter Meister deutscher Zeichnung, Burg b. M. 1939, S.12, Nr.2

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Karl Theodor Parker: Elsässische Handzeichnungen des XV. und XVI. Jahrhunderts, Freiburg i. Brg. 1928, S.32, Nr.28, Abb.II 28

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Herrmann Schmitz: Hans Baldung gen. Grien, Bielefeld, Leipzig 1922, S.43, Abb.40

Ausstellung von Zeichnungen Alter Meister aus den Sammlungen der Kunsthalle zu Hamburg, Ausst.-Kat. Kunstverein in Hamburg 1920, S.8, Nr.10

Gabriel von Terey: Die Handzeichnungen des Hans Baldung gen. Grien, Strassburg 1894, S.XXXII, Nr.97