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Franz Ludwig Catel
Blick vom Grab des Vergil auf den Vomero-Hügel mit Castel Sant`Elmo in Neapel, um 1818
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Franz Ludwig Catel

Blick vom Grab des Vergil auf den Vomero-Hügel mit Castel Sant`Elmo in Neapel, um 1818

Franz Ludwig Catel

Blick vom Grab des Vergil auf den Vomero-Hügel mit Castel Sant`Elmo in Neapel, um 1818

Im Leipziger Kunstblatt für Theater und Musik erschien 1818 die Nachricht, dass Catel mit dem russischen »Fürsten Galitzin nach Sizilien« reisen werde.(Anm. 1) In einer Ausstellung in Turin tauchte erstmals ein Gemälde Catels auf, das eine Ansicht des von zahlreichen Reisenden aufgesuchten Grabes des römischen Dichters ­Vergil zeigte. Rechts neben der in den Felsen ein­gelas­senen Gedenktafel für den Dichter mit ihrem berühmten Grabepigramm (Anm. 2) steht ein junger, vornehm gekleideter Mann, sicher ein Reisender auf seiner Grand Tour, der die Inschrift liest. Die linke Seite des Vordergrundes wird in für Catel typischer Weise von einem in Rückenansicht gezeigten, sitzenden Mann und einem Hund belebt. Am Grabbau vorbei blickt man hinüber auf die im hellen Sonnenlicht erstrahlende, vom üppigen Grün der Bäume umrahmte Silhouette Neapels, genauer auf den Vomero-Hügel, mit der Kirche Santi Giovanni e Teresa im Vordergrund und dem darüber thronenden Castel Sant’Elmo sowie der erst 1818 durch Antonio Niccolini erbauten klassizistischen Villa Lucia. Bei dem rechts stehenden vornehmen Reisenden mit Stock und Zylinder in der Linken und Brille in der Rechten wird es sich um den erwähnten Fürsten Golizyn handeln, wobei nicht endgültig klar ist, um welches Mitglied dieser überaus großen russischen Fürstenfamilie es sich dabei handelt. Es kommen zunächst zwei Fürsten Golizyn infrage, die beide den Namen Alexander Michailowitsch tragen, nämlich Alexander Michailowitsch Golizyn (1772–1821), der im Oktober 1816 nach Rom kam und dort mit dem ebenfalls zu dieser Zeit in Rom lebenden russischen Maler Orest Kiprenski bekannt war sowie der eine Generation jüngere, gleichnamige Fürst Alexander Michailowitsch Golizyn (1798–1858), der 1819 eine Reise nach Süditalien und Sizilien machte, wo er den russischen Maler Sylvester Feodossijewitsch Schtsched­rin kennenlernte, der 1818 in Rom angekommen und ebenfalls mit Catel bekannt war. (Anm. 3)
Catel selbst war im Herbst 1818 in Neapel, wollte jedoch im November angeblich wieder nach Rom zurück reisen.(Anm. 4) Ob dies wirklich geschah oder ob Catel durchgehend in Neapel blieb, ist unklar. Die erwähnte Reise nach Sizilien scheint trotz der frühen Ankündigung vom August 1818 wohl erst Anfang 1819 und zwar in Begleitung des Fürsten Golizyn stattgefunden zu haben, denn in der Allgemeinen Zeitung vom Ende März März 1819 wird berichtet: »Der Maler Hr. Catel, der von seiner Reise nach Sizilien und Neapel zurückgekehrt ist, hat mehrere reizende Gemälde ausgestellt; […].« (Anm. 5) Dies würde eher für eine Identifizierung mit dem erwähnten jüngeren Fürsten Golizyn sprechen. Zudem existiert ein von Orest Kiprenski gemaltes Porträt eines Fürsten Alexander Michailowitsch Golizyn (Anm. 6), bei dem man zwar zunächst auch an den älteren Fürsten Golizyn denken mag, da eben dieser seit 1811 mit Kiprenski gut bekannt war, doch der hier Dargestellte ist eindeutig jünger als dieser mit 47 Jahren im Jahre 1819 wäre. Betrachtet man nun erneut Catels wohl 1819 entstandenes Gemälde mit dem Grab des Vergil und besonders den hier dargestellten Bildungsreisenden auf Grand Tour, so mag man eher an den jüngeren Fürsten Golizyn denken, der zu dieser Zeit gerade einmal 18 oder 19 Jahre alt gewesen ist. Dass der junge Fürst Golizyn eine Verbindung zu Künstlern, ­unter anderem Schtschedrin suchte und pflegte, konnte Ljudmila Markina zeigen. (Anm. 7)
Der französische Maler Achille-Etna Michallon schuf 1822 eine gezeichnete Ansicht vom Grab des Vergil mit dem Blick auf die Stadt, die der Komposition Catels so verwandt ist, dass man meinen möchte, er muss dessen Bild von 1819 ­gekannt haben.8 Michallon zeigt jedoch eine Absperrung zum Abhang neben dem Grabbau hin, die bei ­Catel noch nicht zu sehen ist, die aber auch auf einer Zeichnung des Hamburger Malers Johann Joachim Faber vorkommt. (Anm. 9)
Hier können erstmals zwei Vorstudien Catels zur gemalten Komposition von 1819 in Essen ­veröffentlicht werden. Eine direkt vor Ort ent­standene Ölstudie, die sich heute im Metropolitan Museum of Art in New York befindet und eine die vorliegende Kompostion ebenfalls vorbereitende Pinselzeichnung, welche für das Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle erworben wurde. Die plein air gemalte Ölstudie, die erst 2013 als Werk Catels erkannt wurde,(Anm. 10) scheint dabei der sehr genau durchkomponierten Pinselzeichnung vorauszugehen.

Andreas Stolzenburg

1 »August. Der Berliner Maler [Catel] […] reist mit dem Fürsten Gallizin nach Sizilien.«; Leipziger Kunstblatt für Theater und Musik 1818.
2 »Mantua me genuit / Calabri rapuere / tenet nunc Parthenope: Cecini pascua, rura, duces« (»Mantua hat mich gezeugt, Kalabrien raffte mich dahin, nun birgt mich Partheno­pe; ich besang Hirten, Landbau und Helden.«); vgl. Frings 1998, S. 89.
3 Für freundliche Hinweise dankt der Verfasser Olga Allenova von der Tretjakow-Galerie in Moskau (Brief v. 22. 11. 2005). – An anderer Stelle wird in der Literatur behauptet, dass der Reisende Karl Friedrich Schinkel sei, was jedoch auszuschließen ist; Ausst.-Kat. Turin 2002, o. S., Nr. 13,
Abb.
4 »[…]. Cattel [sic] kommt erst Nov. aus Neapel.«; Brief ­Caroline von Humboldts (Rom, 17. 10. 1818) an Christian Daniel Rauch in Berlin; Humboldt/Rauch/Simson 1999,
S. 304, Nr. 96.
5 Allgemeine Zeitung Nr. 89 v. 30. 3. 1819, Beilage Nr. 49,
S. 195.
6 Petrova 2005, S. 12, Abb. 10.
7 Vgl. dazu den Beitrag von Ljudmila Markina im vor­liegen­den Katalog, S. 92–93.
8 Das Grab des Vergil, 1822, Feder und Pinsel in Braun über Bleistift, 307 x 230 mm, links unten signiert und
datiert: »Michallon / 1822«, Paris, Musée du Louvre, Inv.-
Nr. RF 13786; Ausst.-Kat. Paris 1994, S. 121, Nr. 36, Abb.
9 Zu Faber vgl. Wolf 2012.
10 Vgl. Miller 2013, Abb. 30 auf S. 28, S. 44
11 Mein herzlicher Dank gilt Asher Ethan Miller vom Metro­politan Museum of Art in New York sowie Dean Yoder vom Cleveland Museum of Art, die mir die photographischen Aufnahmen zur Verfügung gestellt haben.

Details zu diesem Werk

Provenienz

Wohl Nachlass des Künstler in Rom; von dort testamentarisch an den Deutschen Künstlerverein, Rom; Sammlung des Malers Nicola Biondi (1866-1929), Neapel; weiter in Familienbesitz; Galleria Gianluca Berardi, Rom; erworben 2014 von Alexander Kunkel Fine Art, München, mit Mitteln des Fördervereins "Die Meisterzeichnung. Freunde des Hamburger Kupferstichkabinetts e. V."

Bibliographie

Franz Ludwig Catel. Italienbilder der Romantik, hrsg. von Andreas Stolzenburg, Hubertus Gaßner, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 2015, S.450, Nr.137, Abb.S. 348