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Caspar David Friedrich
Selbstbildnis mit MĂŒtze und Visierklappe, 1802
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Caspar David Friedrich

Selbstbildnis mit MĂŒtze und Visierklappe, 1802

Caspar David Friedrich

Selbstbildnis mit MĂŒtze und Visierklappe, 1802

GegenĂŒber seinem Selbstbildnis mit aufgestĂŒtztem Arm (Inv.-Nr. 1932-153) hat Friedrich fĂŒr dieses Bildnis eine unkonventionellere Form der Selbstreflexion gewĂ€hlt: Das Bildnis zeigt ihn in Arbeitskleidung frontal den Betrachter anblickend mit einigen Malutensilien ausgestattet. Am Knopfloch seiner Jacke hat Friedrich ein kleines FlĂ€schchen fĂŒr Tusche befestigt, eine zweite links daneben ist nur mit dem Bleistift angedeutet; ein Stirnband hĂ€lt ein Blatt Papier, das als Visierklappe sein rechtes Auge abdeckt.(Anm. 1)
Friedrich versuchte durch das Anbringen des Blattes vor dem Auge seine in der Natur gewonnenen EindrĂŒcke im Sinne eines flĂ€chig ausgerichteten Sehens zu verstĂ€rken.(Anm. 2) Er zeigt sich Ă€hnlich wie auf dem Selbstbildnis mit aufgestĂŒtztem Arm als KĂŒnstler bei der Arbeit, diesmal in einer gĂ€nzlich unreprĂ€sentativen Pose, die ihn unmittelbar beim Zeichnen in der Natur vorstellt. Durch die Betonung der Visierklappe, die ihn bei der Arbeit an dem Selbstbildnis eher behindert haben dĂŒrfte, weist Friedrich auf die Bedeutung des Sehens bzw. des Auges beim Zeichnen hin und macht deutlich, dass Zeichnen immer auch Sehen bedeutet. Die alltĂ€gliche Bekleidung erinnert an Ă€hnliche Bildnisse Anton Graffs, der sich ebenfalls in Arbeitskleidung portraitierte (Anm. 3); auch das vignettenartige Brustbild in Ovalform gehörte zu Graffs Repertoire.
Börsch-Supan hatte das Blatt dem „Kleinen Mannheimer Skizzenbuch“ zugeordnet und an dessen Ende gesetzt.(Anm. 4) Der Zuordnung zum „Kleinen Mannheimer Skizzenbuch“ hat sich die Forschung bisher angeschlossen, doch hat Grummt darauf hingewiesen, dass ihre Forschungen keinerlei Beweis fĂŒr eine solche Zuordnung des Blattes geliefert hĂ€tten (Anm. 5), allerdings ohne nĂ€here BegrĂŒndung. TatsĂ€chlich entspricht das Format nicht dem Mannheimer Skizzenbuch – die dem Skizzenbuch sicher zugeordneten BlĂ€tter weisen ein Format von etwa 186 x 116 mm auf -, doch ist beim Hamburger Blatt an den Seiten eine sehr regelmĂ€ĂŸige Schnittkante erkennbar, was ein Indiz fĂŒr ein ursprĂŒnglich grĂ¶ĂŸeres Format sein könnte. In Andreas Auberts Auflistung des Mannheimer Skizzenbuchs (Anm. 6), das er am 2. Mai 1906 erhalten hatte, fehlt jedoch das Hamburger Selbstbildnis. Allerdings hatte Harald Friedrich, der Enkel des KĂŒnstlers, am 6. Januar 1916 in einem Brief an Gustav Hartlaub, damals Konservator der Mannheimer Kunsthalle, sich dahin gehend geĂ€ußert, dass er 1906 unmittelbar nach der Jahrhundertausstellung in Berlin (Januar-Mai 1906) einige BlĂ€tter an die Hamburger Kunsthalle verkauft hĂ€tte.(Anm. 7) Zu diesen 1906 von Harald Friedrich erworbenen Zeichnungen zĂ€hlt auch das Selbstbildnis, weshalb es denkbar ist, das das Selbstbildnis - noch bevor Aubert das Mannheimer Skizzenbuch sah - aus diesem herausgelöst und verkauft wurde. Wegen des gegenĂŒber den BlĂ€ttern des Mannheimer Skizzenbuchs verĂ€nderten Formats vermutet Hans Dickel, dass Hamburger Blatt als am Ende des Buches eingebundenes Blatt – es entstand am gleichen Tag wie das vorletzte bekannte Blatt des Skizzenbuchs (auf Auberts Liste Nr. 38) – SchmutzrĂ€nder bekommen hatte und spĂ€ter beschnitten wurde.(Anm. 8)

Peter Prange

1 Nicht der herabhÀngende Zipfel des um die Stirn geknoteten Tuchs verdeckt das Auge, wie Grummt 2011, S. 319, meint.
2 Vgl. Börsch-Supan 1973, S. 262; Busch 2003, S. 11.
3 Börsch-Supan 1973, S. 263.
4 Börsch-Supan 1978, S. 62.
5 Grummt 2011, S. 321.
6 Sie befindet sich heute in Auberts Nachlass in der UniversitÀtsbibliothek in Oslo.
7 Dickel 1991, S. 27-28.
8 Dickel 1991, S. 28.

Details zu diesem Werk

Beschriftung

Oben links datiert: "den 8t MĂ€rz 1802" (Feder in Braun)

Wasserzeichen / Kettenlinien

[WHAT]MAN

Provenienz

Erworben 1906 von Harald Friedrich, Hannover

Bibliographie

Birte Frenssen, Thomas Grundner, NatĂŒrlich romantisch: Caspar David Friedrich & Freunde in Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Hinstorff 2013 - 139, Abb.19

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Helmut Börsch-Supan: Caspar David Friedrichs Zeiten Zyklus von 1803. Leitmotiv seiner Kunst, in: Schulze-Altcappenberg: Caspar David Friedrich. Jahreszeiten. An der Wiege der Romantik., hrsg. von Kultur Stiftung der LÀnder, Hermann Reemtsma Stiftung, Ernst von Siemens Kunststiftung, Staatliche Museen zu Berlin 2006, S. 35, Abb. 26, S.35, Abb.26

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Helmut Börsch-Supan: Deutsche Romantiker. Deutsche Maler zwischen 1800 und 1850, MĂŒnchen 1972, S.624, Anm. 9

Caspar David Friedrich 1774-1840. Romantic Landscape painting in Dresden, Ausst.-Kat. Tate Gallery, London 1972, S.56, Abb., Nr.15

Helmut Börsch-Supan: Caspar David Friedrich’s Landscapes with Self-Portraits, in: Burlington Magazine 114, 1972, , S.624, Anm. 9

Werner Sumowski: Caspar David Friedrich-Studien, Wiesbaden 1970, S.136

Sigrid Hinz: Caspar David Friedrich als Zeichner. Ein Beitrag zur stilistischen Entwicklung und ihrer Bedeutung fĂŒr die Datierung der GemĂ€lde, Bd. 1, Greifswald, Univ., Diss. 1966, S.37, 41

Sigrid Hinz: Caspar David Friedrich als Zeichner. Ein Beitrag zur stilistischen Entwicklung und ihrer Bedeutung fĂŒr die Datierung der GemĂ€lde, Bd. 2, Greifswald, Univ., Diss. 1966, S.48, Nr.314

Kunst in Dresden 18.-20. Jahrhundert. Aquarelle - Zeichnungen - Druckgraphik. Ausstellung zur Erinnerung an die GrĂŒndung der Dresdner Kunstakademie 1746, Ausst.-Kat. KurpfĂ€lzisches Museum, Heidelberg 1964, S.52, Nr.157, Abb.

Georg Poensgen: Die Ausstellung Kunst in Dresden. Aquarelle, Zeichnungen, Druckgraphik des 18.- 20. Jahrhunderts im KurpfÀlzischen Museum, Mitteilungen der Vereinigung der Freunde der Studentenschaft der UniversitÀt Heidelberg e.V., Bd. 36, 1964, Abb.4 auf Taf. 1

Helmut Börsch-Supan: Die Bildgestaltung bei Caspar David Friedrich, MĂŒnchen 1960, zugl. Berlin, Univ. Diss. 1958, S.74

Zeichnungen und Aquarelle deutscher Meister 1750 bis 1900. Aus der Sammlung der Stiftung Pommern, bearb. von Helmut Börsch-Supan, Ausst.-Kat. Berlin, Schloß Charlottenburg, Kiel 1978, S.62, Nr.bei Nr. 56