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Anthonis van (auch: Antoon van) Dyck
Gefangennahme Christi, 1618 - 1621
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Anthonis van (auch: Antoon van) Dyck

Gefangennahme Christi, 1618 - 1621

Anthonis van (auch: Antoon van) Dyck

Gefangennahme Christi, 1618 - 1621
Von van Dycks Gefangennahme Christi sind sieben Vorstudien, eine Ölskizze sowie zwei GemĂ€lde ĂŒberliefert. In allen hebt der KĂŒnstler auf die Dunkelheit und die rohe Gewalt des Geschehens nach Lukas 22,47–52 ab. Mittels einer dynamischen Diagonale, die abrupt in der frontal dem Betrachter zugewandten Gestalt Christi zum Halten kommt, verbildlicht van Dyck die drĂ€ngende Aktion der HĂ€scher und die PassivitĂ€t, mit der Christus sich in sein Schicksal fĂŒgt. WĂ€hrend einzelne Bildelemente – die schmale, gelĂ€ngte Figur Christi, die beinahe grotesk ĂŒberzeichneten Physiognomien der Soldaten oder die gewaltsame VerkĂŒrzung des von Apostel Petrus zu Boden geworfenen Malchus im linken Bildvordergrund – auf das 16. Jahrhundert zurĂŒckweisen, ist die Gesamtkomposition Rubens verpflichtet, der die in Madrid befindliche GemĂ€ldeversion kaufte. Die aufwĂ€ndige Technik des Blattes und die vertikalen Markierungen an den RĂ€ndern der Rasterung wurden ebenfalls mit Rubens in Verbindung gebracht. Letztere weist das Blatt als zum Übertrag bestimmte Studie aus. Neela Struck

FĂŒr diese Zeichnung, deren Rang als eines der herausragenden Werke des Hamburger Kupferstichkabinetts erst kĂŒrzlich von Egbert Haverkamp Begemann hervorgehoben wurde,(Anm.1) war in der Ă€lteren Literatur Van Dycks Autorschaft bisweilen angezweifelt worden: Delacre (1934) bemĂ€ngelte die „kalte“ Manier und das „banale“ Gesicht des Soldaten rechts und bezeichnete das Blatt als Werkstattarbeit,(Anm.2) Van Puyvelde (1959) hielt es aufgrund „mangelnden Temperaments“ fĂŒr eine Stecherkopie. Erst mit Veys grundlegender Untersuchung (1962) erhielt es seinen festen Platz im ƒuvre des KĂŒnstlers, nun richtig eingeordnet als direkte Vorlage fĂŒr eine Ölskizze in Minneapolis, die wiederum von zwei GemĂ€lden variiert wird.(Anm.3)
Insgesamt sieben Vorstudien unterschiedlicher Art gingen der Bilderfindung voraus.(Anm.4) Gemeinsam reflektieren diese BlĂ€tter Van Dycks intensive Auseinandersetzung mit der Thematik der „Gefangennahme Christi“ (Lukas 22, 47–52) – zwar wurden nur Details abgewandelt oder im Raum verschoben, doch schien der KĂŒnstler jedes Mal die Komposition aufs neue zu erfinden.(Anm.5)
Die frĂŒhe Entstehung dieser Zeichnung gilt heute als akzeptiert. Stilistisch verrĂ€t sie, neben der Orientierung an VorlĂ€ufern aus dem 16. Jahrhundert,(Anm.6) die PrĂ€gung durch Rubens, dem Van Dyck seine heute in Madrid verwahrte GemĂ€ldefassung verkaufte.(Anm.7) FĂŒr die aufwĂ€ndige AusfĂŒhrung mit schwarzer Kreide, Rötel und brauner Feder orientierte sich der KĂŒnstler offensichtlich an Ă€hnlich gearbeiteten Zeichnungen des ehemaligen Lehrmeisters.7 Dies betrifft auch die von Rubens’ Ölskizzen abgeleiteten vertikalen Markierungsstriche fĂŒr die Rasterung am oberen und unteren Blattrand: Offensichtlich beabsichtigte Van Dyck, die Dynamik und Ausdruckskraft der Ölskizzen in die visuelle Sprache von Kreide und Feder zu ĂŒbersetzen.(Anm.8)
FĂŒr ein FrĂŒhwerk wirken die dynamischen Bewegungen und die prĂ€gnanten, bisweilen fast karikaturhaft markierten Gesichter ĂŒberaus reif und ausdrucksstark, besonders in der GegenĂŒberstellung mit dem schmal und fragil wirkenden Christus.
Die flĂŒchtigen Studien auf der RĂŒckseite greifen das Thema zum Teil wieder auf, etwa die sehr flĂŒchtige Studie zu dem Schergen links hinter Judas, bzw. zu Arm und Kopf des HĂ€schers mit dem Seil. Zum anderen Teil beziehen sie sich auf ein weiteres Jugendwerk Van Dycks, seinen „Einzug Christi in Jerusalem“ in Indianapolis.(Anm.9)

Annemarie Stefes

1 Symposium „NiederlĂ€ndische Altmeisterzeichnungen 1500 bis 1800“ am 21. und 22. 2. 2008 im Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle.
2 Maurice Delacre: Le dessin dans l'OEuvre de van Dyck, BrĂŒssel 1934, S. 85: „d’une maniĂšre bien froide“ 
 „Le guerrier casquĂ© reproduite Ă  la gauche du Christ est tout Ă  fait banal“.
3 Ölskizze: Minneapolis Institute of Arts, The William Hood Dunwoody, Ethel Morrison Van Derlip and John R. Van Derlip Funds, Inv.-Nr. 57.45, Susan J. Barnes, Nora De Poorter, Oliver Millar, Horst Vey: Van Dyck. A complete Catalogue of the paintings, New Haven 2004, Nr. I.20. Von den ausgefĂŒhrten GemĂ€lden steht die Fassung in Madrid, Museo del Prado, Inv.-Nr. 1477, ebd. Nr. I.21, der Ölskizze und damit unserer Zeichnung nĂ€her als die vielleicht etwas frĂŒher entstandene Fassung in Coursham Court, Wiltshire, Sammlung Lord Methuen, ebd. Nr. I.17.
4 Kompositionsskizzen zur „Gefangennahme“ befinden sich in Wien, Grafische Sammlung Albertina, Inv.-Nr. 11644, Inv.-Nr. 17537, Horst Vey: Die Zeichnungen Anton van Dycks, BrĂŒssel 1962, Nr. 80 und 83; Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. KdZ 5683 und Inv.-Nr. KdZ 1340, ebd. Nr. 81 und 82; Paris, MusĂ©e du Louvre, DĂ©partement des Arts Graphiques, Inv.-Nr. 19909, ebd. Nr. 84. Einzelstudien werden in Rotterdam, Museum Boijmans Van Beuningen, Inv.-Nr. V 95, ebd. Nr. 85 und Providence, Rhode Island School of Design, Museum of Art, Inv.-Nr. 20.443, ebd. Nr. 87 verwahrt.
5 Vgl. Brown, in: Christopher Brown: The Drawings of Anthony van Dyck, Ausst.-Kat. New York, Pierpont Morgan Library, Fort Worth, Kimbell Art Museum, New York 1991, S. 25.
6 Frits Lugt: Rezension zu Pauli 1924, in: Onze Kunst 41, 1925, Nr. 22, S. 162-165, Horst Vey: Van-Dyck-Studien, Köln, Univ., Diss. 1958 und Wolfgang Stechow: Anthony van Dyck's Betrayal of Christ, in: The Minneapolis Institute of Art Bulletin 49, 1960, S. 5-17 verwiesen auf Motiventlehnungen von DĂŒrer und Maerten de Vos.
7 Siehe Anm. 3.
8 Auf die technischen und stilistischen Parallelen zu einer Landschaftsstudie des Rubens verwies Royalton-Kisch 1999: Paris, MusĂ©e du Louvre, DĂ©partement des Arts Graphiques, Inv.-Nr. 20212. Seiner Schlussfolgerung, besagte Landschaft und anzuschließende Studien Van Dyck zuzuschreiben, wurde allerdings in jĂŒngsten Publikationen mit Skepsis begegnet, vgl. Anne-Marie Logan: Distinguishing the Drawings by Anthony van Dyck from those of Peter Paul Rubens, in: Hans Vlieghe (Hrsg.): Van Dyck 1599-1999. Conjectures and Refutations, Turnhout 2001, S. 7-28 und Klaus Albrecht Schröder, Heinz Widauer, Anne-Marie S. Logan: Peter Paul Rubens, Ausst.-Kat. Wien, Graphische Sammlung Albertina, Ostfildern-Ruit 2004, Nr. 125.
9 Hinweis von Haverkamp Begemann auf dem Hamburger Symposium, siehe Anm. 1, mit Blick auf Werke wie die Achilles-Serie des Rubens in Rotterdam, Museum Boijmans Van Beuningen, Inv.-Nr. 1760 a-e.
10 Indianapolis Museum of Art, Inv.-Nr. 58.3, Susan J. Barnes, Nora De Poorter, Oliver Millar, Horst Vey: Van Dyck. A complete Catalogue of the paintings, New Haven 2004, Nr. I.16.

Details zu diesem Werk

Beschriftung

Auf dem Verso unten rechts bezeichnet: "Ant. v. Dick. 12 f" (Feder in Braun, 18. Jh.?); unten links: Stempel der Hamburger Kunsthalle (L. 1328)

Wasserzeichen / Kettenlinien

-
kaum erkennbar (h)

Verso

Titel verso: Figurenstudien zum Einzug Christi

Technik verso: Rötel, schwarze Kreide, Feder in Braun

Provenienz

Georg Ernst Harzen (1790-1863), Hamburg (L. 1244) (NH Ad:01:02, fol. 17: "[Anton van Dyck] Die Gefangennahme Christi auf dem Oelberg, vorn zur Linken Petrus der den Malchus zu Boden geworfen. Kreide Röthel und Feder. 15.3/20.0. Geistreicher FF mit einem Netz ĂŒberzogener Entwurf zu des Meisters großem Altarbilde in der königl. Gallerie zu Madrid, genannt El prendimento, {in derselben Richtung ausgefĂŒhrt geĂ€ndert}. S. J. de Mastrazo Coleccion Calographica de Cuadros del Rey de Espana. Madrid 1826/32 R Foh?"; NH Ad: 02: 01, S. 249); Legat Harzen 1863 an die „StĂ€dtische Gallerie“ Hamburg; 1868 der Stadt ĂŒbereignet fĂŒr die 1869 eröffnete Kunsthalle

Bibliographie

Kunst aus acht Jahrhunderten, hrsg. von Hamburger Kunsthalle und Freunde der Kunsthalle e.V., Hamburg 2016, S.292, Abb.

Stefes, Annemarie: NiederlĂ€ndische Zeichnungen 1450-1850. Katalog I Van Aken-Murant, hrsg. von Gaßner, Hubertus und Stolzenburg, Andreas, Die Sammlungen der Hamburger Kunsthalle Kupferstichkabinett, Bd. 3, Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2011, S.200-201, Nr.278, Abb.Farbtafel S. 28

Stefes, Annemarie: MaĂźtres des Pays-Bas 1500-1700. Les cent plus belles feuilles de la Kunsthalle de Hambourg., Ausst.-Kat. Paris, Fondation Custodia 2011, Abb.S. 6. fig. 4

Annemarie Stefes: Bruegel, Rembrandt & Co. NiederlÀndische Zeichnungen 1450-1850, Hamburger Kunsthalle 2011, S.8-9, Abb.

Peter Paul Rubens, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Heinz Widauer, Ausst.-Kat. Wien u.a. 2004, S.471

Susan J. Barnes, Nora De Poorter, Oliver Millar, Horst Vey: Van Dyck. A complete Catalogue of the paintings, New Haven 2004, S.35, bei Nr. I.20

Petra Roettig, Annemarie Stefes, Andreas Stolzenburg: Von DĂŒrer bis Goya. 100 Meisterzeichnungen aus dem Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 2001, S.100-101, Nr.45, Abb.

Anne-Marie Logan: Distinguishing the Drawings by Anthony van Dyck from those of Peter Paul Rubens, in: Hans Vlieghe (Hrsg.): Van Dyck 1599-1999. Conjectures and Refutations, Turnhout 2001, S. 7-28, S.21, Abb.17

Martin Royalton-Kisch: Het Licht van de Natuur. Het landschap in tekening en aquarel door Van Dyck en tijdgenoten, Ausst.-Kat. Antwerpen, Rubenshuis u.a. 1999, S.19-21, 66, 68, Abb.11

MatĂ­as DĂ­az PadrĂłn: El Siglo de Rubens en el Museo del Prado. CatĂĄlogo Razonado de Pintura del Siglo XVII, Barcelona 1995, S.432 mit Abb.

Peter C. Sutton: The Age of Rubens, Ausst.-Kat. Museum of Fine Arts, u. a., Boston 1993, S.327, Abb.3

Christopher Brown: The Drawings of Anthony van Dyck, Ausst.-Kat. New York, Pierpont Morgan Library; Fort Worth, Kimbell Art Museum, New York 1991, Nr.34

Anthony van Dyck, Ausst.-Kat. Washington, National Gallery of Art 1990, S.110, Abb.2

The young van Dyck, , Ottawa 1980, Nr.44, Abb.S. 221

Van Dyck as Religious Artist, , Princeton 1979, Nr.28

Hundert Meisterzeichnungen aus der Hamburger Kunsthalle 1500-1800, Bd. 5, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 1967, S.40, Nr.70, Abb.89

Antoon van Dyck. Tekeningen en olieverfschetsen, Ausst.-Kat. Antwerpen, Rubenshuis 1960, Nr.44, Abb.XXVIII

Wolfgang Stechow: Anthony van Dyck's Betrayal of Christ, in: The Minneapolis Institute of Art Bulletin 49, 1960, , S.13, Abb.10

De Van Eyck Ă  Rubens, Ausst.-Kat. BibliothĂšque Nationale, Paris 1949, Nr.121

Exposition internationale, coloniale, maritime et d'Art Flamand, Section d'Art Flamand ancien, Bd. 1, Ausst.-Kat. Antwerpen 1930, S.142, Nr.402

A. E. Brinckmann: in: Kölnische Zeitung 1925.12.17, , S.X

Gustav Pauli: Zeichnungen alter Meister in der Kunsthalle zu Hamburg. NiederlÀnder, hrsg. von Hamburger Kunsthalle, Veröffentlichungen der Prestel-Gesellschaft., Bd. 8, Frankfurt a. M. 1924, Abb.Taf. 7

Ludwig Burchard: Rubens Àhnliche Van-Dyck-Zeichnungen, in: Sitzungsberichte der Kunstgeschichtlichen Gesellschaft Berlin 15.1.1932, , S.10

Frits Lugt: BeitrÀge zu dem Katalog der niederlÀndischen Handzeichnungen in Berlin, in: Jahrbuch der Preussischen Kunstsammlungen 52, 1931, S. 36-80, S.46

Frits Lugt: Rezension zu Pauli 1924, in: Onze Kunst 41, 1925, Nr. 22, S. 162-165, S.164

Horst Vey: De Tekeningen van Anthonie van Dyck in het Museum Boymans, in: Bulletin Museum Boymans 7, 1956, , S.168

Frits Lugt: Rezension zu Pauli 1924, in: La Revue d'Art 47, 1925, , S.157?

Adrien Jean Joseph Delen: Antoon van Dijck: Een Keuze van 29 Teekeningen, Antwerpen 1943, Nr.8 mit Abb.

Horst Vey: Die Zeichnungen Anton van Dycks, BrĂŒssel 1962, Nr.86

Drawing: Masters and Methods, Raphael to Redon. Papers presented to the Ian Woodner Master Drawings Symposium at the Royal Academy of Arts, London, hrsg. von Diana Dethloff, London 1992, S.51, Abb.S. 54

Hamburger Kunsthalle, hrsg. von Werner Hofmann, Hamburg 1985, S.190, Nr.422

Hamburger Kunsthalle, hrsg. von Werner Hofmann, Hamburg 1989, S.206, Nr.458

Maurice Delacre: Le dessin dans l'OEuvre de van Dyck, BrĂŒssel 1934, S.85-87, Abb.46

Adrien Jean Joseph Delen, Teekeningen van Vlaamsche Meesters, Antwerpen 1943, Nr.105

Trésor de l'Art Flamand du moyen age au XVIIIme siÚcle. Mémorial de l'exposition d'art flamand ancien à Anvers 1930, Bd. 2, Ausst.-Kat. Antwerpen, Paris 1932, S.36, Nr.402, Abb.84

Leo van Puyvelde: Van Dyck, BrĂŒssel 1959, S.204

Horst Vey: Van-Dyck-Studien, Köln, Univ., Diss. 1958, S.179, 195-196