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Die absurde Schönheit des Raumes

7 K√ľnstler*innen vs. Ungers
DANA GREINER (*1988), L√ľde in VII Ekcten, 2020,Installationsansicht Hamburger Kunsthalle, 2020 ¬© Courtesy die K√ľnstlerin, Foto: Fred Dott

Presseinformation

F√ľr das Ausstellungsprojekt Die absurde Sch√∂nheit des Raumes haben sich sieben junge K√ľnstler*innen mit der Galerie der Gegenwart als ¬ĽResonanzraum¬ę f√ľr die Entwicklung und Pr√§sentation von Kunst besch√§ftigt: Der strahlend wei√üe Geb√§udekomplex der Hamburger Kunsthalle des Architekten Oswald Mathias Ungers mit seiner streng durchkomponierten quadratischen Formgebung im Inneren und √Ąu√üeren ist die Bezugs- und Inspirationsquelle f√ľr teils eigens f√ľr das Museum entstandene Arbeiten. Die Spannweite der k√ľnstlerischen Positionen ist medial viel-f√§ltig: Sie reicht von collagenhaften Raumgef√ľgen aus Gem√§lden und Tierpr√§paraten; √ľber ein individuell an den Raum angepasstes Videoprojektionsmapping, das die Besucher*innen choreografisch miteinbezieht; und karibisch anmutende Installationen, in welche die Betrachter*innen eintauchen sollen sowie zur Interaktion eingeladen werden; bis hin zu neuen malerischen Dimensionen, bei denen Arbeiten aus Transformationsprozessen entstanden sind, welche die Grenzen zur Bildhauerei verwischen.

Fasste bis Anfang des 20. Jahrhunderts der Rahmen ein Gem√§lde, ist es heute der Raum, der ein k√ľnstlerisches Werk umfangen kann und damit v√∂llig neue Dimensionen erschlie√üt. Die vornehmlich als ¬ĽRaumkunst¬ę zu begreifenden Positionen folgen dem Prinzip des ¬Ľoffenen Kunstwerkes¬ę, bei dem die Produktion, Interpretation und Betrachtung in einer flie√üenden Beziehung zueinander stehen. Die K√ľnstler*innen, das Museum und die Besucher*innen ‚Äď ihre Vorstellungen, Ansichten, Meinungen und Empfindungen ‚Äď haben dabei gleichen Anteil am Umgang mit der Kunst und erproben die M√∂glichkeiten eines offenen Museums.

Jan Albers (*1971 in Wuppertal, lebt in D√ľsseldorf) ¬Ľbaut Bilder¬ę ‚Äď wie er selbst sagt ‚Äď, die Malerei, Skulptur und Architektur zugleich sind. Seiner Formfindung geht ein zerst√∂rerischer Prozess voraus, bei dem Schlagen, Fr√§sen, Pressen und Verbiegen das Ausgangsmaterial bis an den Rand der Aufl√∂sung f√ľhrt. Bei seiner Arbeit f√ľr die Ausstellung reichen zerfurchte Kolosse bis knapp unter die Decke des Raumes. Dem gegen√ľber sind einfache, makellose Kuben aus Bronze gestellt. Die √§sthetische Spannung von Albers Werk ergibt sich nicht zuletzt in Hinblick auf den Kontrast zur formalen Klarheit der Architektur von Ungers.

Sol Caleros (*1982 in Caracas, Venezuela, lebt in Berlin) immersive Installationen bzw. Environments umgeben die Besucher*innen mit farbenfrohen Ornamenten und karibischen Palmen v√∂llig. Die Ausstellung zeigt eine Geldwechselstube und eine Terrasse, die als ¬Ľexotisch¬ę und damit als etwas Fremdes, √úberseeisches oder als ¬ĽOrt der Sehnsucht¬ę vor allem von Europ√§er*innen aufgefasst werden. Diese klischeebehaftete Vorstellung von Identit√§t/Nationalit√§t zu hinterfragen, ist die Absicht der K√ľnstlerin. Mit Casa de Cambio versucht sie die Hyperinflation der aktuellen Wirtschaftskrise in Venezuela dem Verlangen nach dem ¬ĽExotischem¬ę gegen√ľberzustellen.

Bei Dana Greiners (*1988 in M√ľnchen, lebt ebenda) Video- und Soundinstallation wird die Ausstellungsarchitektur zur B√ľhne und die Besucher*innen zu Akteur*innen. In einer Auff√ľhrungssituation in sieben Akten l√§sst die K√ľnstlerin abstrakte Formen, glei√üende Farben und formdynamische Projektionen den Raum dominieren. Statische Objekte scheinen sich dynamisch zu ver√§ndern, Kl√§nge an den W√§nden zu materialisieren und wechselndes Licht lenkt die Wahrnehmung. Die Betrachter*innen sind aufgefordert, sich auf die stetige Erweiterung der Dimensionen einzulassen, andere Standpunkte zu suchen und so auf die wechselnden Arrangements zu reagieren.

Dominik Halmer (*1978 in M√ľnchen, lebt in Berlin) hat seine Wandinstallationen als Antwort auf die architektonische Situation der Galerie der Gegenwart entwickelt ‚Äď sie verweisen auf den Moment der Bild-schaffung im Atelier. Die geformten Leinw√§nde, die sich von den am Boden stehenden Holzplatten herauszul√∂sen scheinen, legen einen anf√§nglichen Bewegungsimpuls nahe. Die Gem√§lde verlassen sukzessive die Wand: Einige h√§ngen, andere Teile lehnen nur noch daran. Das zweidimensionale Bild tritt den Betrachter*innen als plastisches, dreidimensionales Objekt gegen√ľber und suggeriert einen Aufbruch ‚Äď weg von der Wand!

Franziska Reinbothe (*1980 in Berlin, lebt in Leipzig) bleibt von den ausgew√§hlten K√ľnstler*innen am dichtesten am herk√∂mmlichen ¬ĽTafelbild¬ę und bricht ‚Äď im Wortsinn ‚Äď gleichzeitig mit diesem am st√§rksten. Ihre Arbeiten werfen die Frage danach auf, was ein Bild ist. So interessiert Sie sich in der Malerei f√ľr die R√ľckseite eines Bildes und seine R√§nder. Um diese sichtbar zu machen, staucht sie Leinw√§nde zusammen, legt Keilrahmen frei oder verzichtet ganz auf sie. Sie dehnt, faltet, zerbricht, durchschneidet oder vern√§ht ihre Bilder nach Beendigung des Malprozesses. Einige ihrer Gem√§lde ragen weit in den Raum hinein, andere haben sich bereits vollst√§ndig von der Wand gel√∂st.

Helga Schmidhuber (*1972 in Wiesbaden, lebt in Bad Schwalbach) dienen gefundene Objekte aus Flora und Fauna h√§ufig als Ausgangspunkt f√ľr ihre Skulpturen und Gem√§lde, die sie zu raumgreifenden Installationen wachsen l√§sst. Daf√ľr schafft sie Collagen aus Paravents, Tierpr√§paraten, Sch√§deln, Sound u. √§. Das als ehemaliges Maskottchen des NDR bekannte Walross Antje als Leihgabe aus dem Centrum f√ľr Naturkunde der Universit√§t Hamburg ist das Zentrum ihrer Arbeit ARCHE endemisch. Schmidhuber macht darin die Galerie der Gegenwart zum Schauplatz einer Apokalypse mit √úberlebenden eines Ungl√ľcks. Dabei enttarnt sie das Bedrohliche im Sch√∂nen, in dem sie scheinbar harmlose Dinge neu ordnet und inszeniert.

Claudia Wieser (*1973 in Freilassing, lebt in Berlin) polarisiert mit einfachen Formen und handwerklicher Ausf√ľhrung. Dem klaren modularen Raumkonzept f√ľr die Galerie der Gegenwart stellt sie Ornament und Dekoration gegen√ľber. Die Ausstellung zeigt unter anderem einen gro√üen, spiegelglatt polierten W√ľrfel aus Edelstahl, bei dem die Betrachter*innen auf ihr Spiegelbild blicken, auf andere Personen und den sie umgebenden Raum. Durch gezielte Eingriffe gelingt es der K√ľnstlerin, das gewohnte Wand-Raum-Gef√ľge der Museumsr√§ume aufzubrechen. Sie zielt darauf ab, dass die Besucher*innen R√§ume, ihre Bestimmung und Aufladung bewusst wahrnehmen.

Beteiligte K√ľnstler*innen: Jan Albers, Sol Calero, Dana Greiner, Dominik Halmer, Franziska Reinbothe, Helga Schmidhuber und Claudia Wieser

Kuratoren: Prof. Dr. Alexander Klar (Direktor Hamburger Kunsthalle) und Jan Steinke (Wissenschaftlicher Volontär)

Die Ausstellung wird gef√∂rdert von der Deutschen Bank, die sich bereits seit 2007 f√ľr die Sammlung Kunst der Gegenwart in der Hamburger Kunsthalle engagiert und im Rahmen dieser Partnerschaft seit 2015 j√§hrlich zwei Ausstellungsprojekte unterst√ľtzt. Weitere F√∂rderung kommt von der Philipp Otto Runge Stiftung, die durch ein Fellowship die Beteiligung des K√ľnstlers Dominik Halmer erm√∂glicht, sowie von der Beh√∂rde f√ľr Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg.