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Die absurde Schönheit des Raumes

7 KĂŒnstler*innen vs. Ungers
Die Absurde Schönheit des Raumes. Ausstellungsansicht auf Arbeiten von Jan Albers, Schließen © Courtesy der KĂŒnstler & VAN HORN, DĂŒsseldorf

Presseinformation

FĂŒr das Ausstellungsprojekt Die absurde Schönheit des Raumes haben sich sieben junge KĂŒnstler*innen mit der Galerie der Gegenwart als »Resonanzraum« fĂŒr die Entwicklung und PrĂ€sentation von Kunst beschĂ€ftigt: Der strahlend weiße GebĂ€udekomplex der Hamburger Kunsthalle des Architekten Oswald Mathias Ungers mit seiner streng durchkomponierten quadratischen Formgebung im Inneren und Äußeren ist die Bezugs- und Inspirationsquelle fĂŒr teils eigens fĂŒr das Museum entstandene Arbeiten. Die Spannweite der kĂŒnstlerischen Positionen ist medial viel-fĂ€ltig: Sie reicht von collagenhaften RaumgefĂŒgen aus GemĂ€lden und TierprĂ€paraten; ĂŒber ein individuell an den Raum angepasstes Videoprojektionsmapping, das die Besucher*innen choreografisch miteinbezieht; und karibisch anmutende Installationen, in welche die Betrachter*innen eintauchen sollen sowie zur Interaktion eingeladen werden; bis hin zu neuen malerischen Dimensionen, bei denen Arbeiten aus Transformationsprozessen entstanden sind, welche die Grenzen zur Bildhauerei verwischen.

Fasste bis Anfang des 20. Jahrhunderts der Rahmen ein GemĂ€lde, ist es heute der Raum, der ein kĂŒnstlerisches Werk umfangen kann und damit völlig neue Dimensionen erschließt. Die vornehmlich als »Raumkunst« zu begreifenden Positionen folgen dem Prinzip des »offenen Kunstwerkes«, bei dem die Produktion, Interpretation und Betrachtung in einer fließenden Beziehung zueinander stehen. Die KĂŒnstler*innen, das Museum und die Besucher*innen – ihre Vorstellungen, Ansichten, Meinungen und Empfindungen – haben dabei gleichen Anteil am Umgang mit der Kunst und erproben die Möglichkeiten eines offenen Museums.

Jan Albers (*1971 in Wuppertal, lebt in DĂŒsseldorf) »baut Bilder« – wie er selbst sagt –, die Malerei, Skulptur und Architektur zugleich sind. Seiner Formfindung geht ein zerstörerischer Prozess voraus, bei dem Schlagen, FrĂ€sen, Pressen und Verbiegen das Ausgangsmaterial bis an den Rand der Auflösung fĂŒhrt. Bei seiner Arbeit fĂŒr die Ausstellung reichen zerfurchte Kolosse bis knapp unter die Decke des Raumes. Dem gegenĂŒber sind einfache, makellose Kuben aus Bronze gestellt. Die Ă€sthetische Spannung von Albers Werk ergibt sich nicht zuletzt in Hinblick auf den Kontrast zur formalen Klarheit der Architektur von Ungers.

Sol Caleros (*1982 in Caracas, Venezuela, lebt in Berlin) immersive Installationen bzw. Environments umgeben die Besucher*innen mit farbenfrohen Ornamenten und karibischen Palmen völlig. Die Ausstellung zeigt eine Geldwechselstube und eine Terrasse, die als »exotisch« und damit als etwas Fremdes, Überseeisches oder als »Ort der Sehnsucht« vor allem von EuropĂ€er*innen aufgefasst werden. Diese klischeebehaftete Vorstellung von IdentitĂ€t/NationalitĂ€t zu hinterfragen, ist die Absicht der KĂŒnstlerin. Mit Casa de Cambio versucht sie die Hyperinflation der aktuellen Wirtschaftskrise in Venezuela dem Verlangen nach dem »Exotischem« gegenĂŒberzustellen.

Bei Dana Greiners (*1988 in MĂŒnchen, lebt ebenda) Video- und Soundinstallation wird die Ausstellungsarchitektur zur BĂŒhne und die Besucher*innen zu Akteur*innen. In einer AuffĂŒhrungssituation in sieben Akten lĂ€sst die KĂŒnstlerin abstrakte Formen, gleißende Farben und formdynamische Projektionen den Raum dominieren. Statische Objekte scheinen sich dynamisch zu verĂ€ndern, KlĂ€nge an den WĂ€nden zu materialisieren und wechselndes Licht lenkt die Wahrnehmung. Die Betrachter*innen sind aufgefordert, sich auf die stetige Erweiterung der Dimensionen einzulassen, andere Standpunkte zu suchen und so auf die wechselnden Arrangements zu reagieren.

Dominik Halmer (*1978 in MĂŒnchen, lebt in Berlin) hat seine Wandinstallationen als Antwort auf die architektonische Situation der Galerie der Gegenwart entwickelt – sie verweisen auf den Moment der Bild-schaffung im Atelier. Die geformten LeinwĂ€nde, die sich von den am Boden stehenden Holzplatten herauszulösen scheinen, legen einen anfĂ€nglichen Bewegungsimpuls nahe. Die GemĂ€lde verlassen sukzessive die Wand: Einige hĂ€ngen, andere Teile lehnen nur noch daran. Das zweidimensionale Bild tritt den Betrachter*innen als plastisches, dreidimensionales Objekt gegenĂŒber und suggeriert einen Aufbruch – weg von der Wand!

Franziska Reinbothe (*1980 in Berlin, lebt in Leipzig) bleibt von den ausgewĂ€hlten KĂŒnstler*innen am dichtesten am herkömmlichen »Tafelbild« und bricht – im Wortsinn – gleichzeitig mit diesem am stĂ€rksten. Ihre Arbeiten werfen die Frage danach auf, was ein Bild ist. So interessiert Sie sich in der Malerei fĂŒr die RĂŒckseite eines Bildes und seine RĂ€nder. Um diese sichtbar zu machen, staucht sie LeinwĂ€nde zusammen, legt Keilrahmen frei oder verzichtet ganz auf sie. Sie dehnt, faltet, zerbricht, durchschneidet oder vernĂ€ht ihre Bilder nach Beendigung des Malprozesses. Einige ihrer GemĂ€lde ragen weit in den Raum hinein, andere haben sich bereits vollstĂ€ndig von der Wand gelöst.

Helga Schmidhuber (*1972 in Wiesbaden, lebt in Bad Schwalbach) dienen gefundene Objekte aus Flora und Fauna hĂ€ufig als Ausgangspunkt fĂŒr ihre Skulpturen und GemĂ€lde, die sie zu raumgreifenden Installationen wachsen lĂ€sst. DafĂŒr schafft sie Collagen aus Paravents, TierprĂ€paraten, SchĂ€deln, Sound u. Ă€. Das als ehemaliges Maskottchen des NDR bekannte Walross Antje als Leihgabe aus dem Centrum fĂŒr Naturkunde der UniversitĂ€t Hamburg ist das Zentrum ihrer Arbeit ARCHE endemisch. Schmidhuber macht darin die Galerie der Gegenwart zum Schauplatz einer Apokalypse mit Überlebenden eines UnglĂŒcks. Dabei enttarnt sie das Bedrohliche im Schönen, in dem sie scheinbar harmlose Dinge neu ordnet und inszeniert.

Claudia Wieser (*1973 in Freilassing, lebt in Berlin) polarisiert mit einfachen Formen und handwerklicher AusfĂŒhrung. Dem klaren modularen Raumkonzept fĂŒr die Galerie der Gegenwart stellt sie Ornament und Dekoration gegenĂŒber. Die Ausstellung zeigt unter anderem einen großen, spiegelglatt polierten WĂŒrfel aus Edelstahl, bei dem die Betrachter*innen auf ihr Spiegelbild blicken, auf andere Personen und den sie umgebenden Raum. Durch gezielte Eingriffe gelingt es der KĂŒnstlerin, das gewohnte Wand-Raum-GefĂŒge der MuseumsrĂ€ume aufzubrechen. Sie zielt darauf ab, dass die Besucher*innen RĂ€ume, ihre Bestimmung und Aufladung bewusst wahrnehmen.

Beteiligte KĂŒnstler*innen: Jan Albers, Sol Calero, Dana Greiner, Dominik Halmer, Franziska Reinbothe, Helga Schmidhuber und Claudia Wieser

Kuratoren: Prof. Dr. Alexander Klar (Direktor Hamburger Kunsthalle) und Jan Steinke (Wissenschaftlicher VolontÀr)

Die Ausstellung wird gefördert von der Deutschen Bank, die sich bereits seit 2007 fĂŒr die Sammlung Kunst der Gegenwart in der Hamburger Kunsthalle engagiert und im Rahmen dieser Partnerschaft seit 2015 jĂ€hrlich zwei Ausstellungsprojekte unterstĂŒtzt. Weitere Förderung kommt von der Philipp Otto Runge Stiftung, die durch ein Fellowship die Beteiligung des KĂŒnstlers Dominik Halmer ermöglicht, sowie von der Behörde fĂŒr Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg.