Kunsttechnologische Untersuchung der Leonardo-Zeichnungen

Im Zuge der Vorbereitung der Ausstellung konnten die vier Zeichnungen Leonardos erstmals kunsttechnologisch umfassend untersucht werden. Das wissenschaftliche Projekt ist eine Kooperation der Hamburger Kunsthalle mit dem Sonderforschungsbereich 950 Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa der UniversitĂ€t Hamburg. Neben Untersuchungen im Durchlicht, Streiflicht, unter UV- / IR-Beleuchtung und mikroskopischer VergrĂ¶ĂŸerung konnten die Kunstwerke so auch mittels Röntgenfluoreszenzanalyse (RFA) und Spektralphotometrie (VIS) weiterfĂŒhrend untersucht werden. Sabine Zorn, Leiterin der Graphikrestaurierung der Hamburger Kunsthalle, konnte daraus in Zusammenarbeit mit Dr. Sebastian Bosch und Prof. Dr. Oliver Hahn wichtige neue Erkenntnisse zu den verwendeten Zeichenmaterialien und Papieren gewinnen. Beispielsweise ist nun klar, dass Leonardo fĂŒr alle untersuchten Federzeichnungen Eisengallustinte verwendete. FĂŒr die Vorzeichnung wurde bei der „Studie zu einer Anbetung der Hirten“ ein Bleizinngriffel, beim »Hl. Sebastian« Kohle eingesetzt. Die farbigen Grundierungen enthalten, Knochenweiß, Indigo und im Falle der purpurvioletten Grundierung den roten Insektenfarbstoff  Kermes. Unter UV- und IR-Beleuchtung wurden bei »Studien zu einer Anbetung der Hirten« zusĂ€tzliche Linien sichtbar, die  vermutlich im Verlauf des Herstellungsprozesses ausradiert worden sind.

Leonardo da Vinci (1452–1519) Kat. 1 - 4

Aristoteles und Phyllis, um 1475

Der FrĂŒhzeit Leonardos entstammt die in der zweiten HĂ€lfte des 15. Jahrhunderts populĂ€re Szene der sogenannten „Macht der Frauen ĂŒber die MĂ€nner“. Dargestellt ist der Moment, in dem sich der berĂŒhmte griechische Philosoph Aristoteles (384–324 v. Chr.) am Boden kriechend von seiner Geliebten Phyllis demĂŒtigen lĂ€sst. Der große Gelehrte bewegt sich vom Ort der Lust zur StĂ€tte der fĂŒr ihn essentiellen Gelehrsamkeit, allerdings ist er – wie sein Gesichtsausdruck zeigt – unentschlossen.

Kat. 1 Leonardo da Vinci (1452–1519)
Aristoteles und Phyllis, um 1475
Feder in Braun ĂŒber Metallstift (?) auf blaugraugrĂŒnem Papier; Spuren einer Einfassungslinie (Feder in Braun)
Legat Georg Ernst Harzen fĂŒr die 1869 eröffnete Kunsthalle
Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett

Hl. Sebastian, um 1478/1483

Leonardos Studie des Hl. Sebastian, die wohl in seiner ersten Florentiner Zeit entstanden ist, ĂŒbertrifft die zeitgenössischen Darstellungen des Heiligen an lebhafter Bewegung. Sie verdeutlicht auf anschauliche Weise die suchende Zeichentechnik des KĂŒnstlers – hier ging es ihm um das Studium einer komplizierten Körperbewegung. Die genaue Funktion der Zeichnung ist unklar, denkbar wĂ€re sie als Vorstudie fĂŒr ein privates Andachts- oder Altarbild.

Kat. 2 Leonardo da Vinci (1452–1519)
Hl. Sebastian, um 1478/1483
Feder in Braun ĂŒber Kohle
Legat Georg Ernst Harzen fĂŒr die 1869 eröffnete Kunsthalle
Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett

Studie zu einer Anbetung der Hirten, um 1480

Um 1480 beschĂ€ftigte sich Leonardo intensiv mit Kompositionsstudien zu einer „Anbetung der Hirten“ und einer „Anbetung der Könige“. Die durch das purpurviolett grundierte Papier besonders reizvolle Zeichnung verdeutlicht Leonardos FĂ€higkeit, mit wenigen Strichen ausdrucksstarke Gestalten und zugleich eine spannungsvolle Szenerie zu entwickeln. Ungewöhnlich ist die Position des Hl. Joseph, der sich nicht – wie gewohnt – nachdenklich im Abseits, sondern inmitten der Gruppe befindet.

Kat. 3 Leonardo da Vinci (1452–1519)
Studie zu einer Anbetung der Hirten, um 1480
Feder in Schwarz ĂŒber Bleizinngriffel auf purpurviolett prĂ€pariertem Papier; die Skizze des Kindes unten rechts ist mit der Feder in Braun eigenhĂ€ndig hinzugefĂŒgt
Legat Georg Ernst Harzen fĂŒr die 1869 eröffnete Kunsthalle
Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett

Kopf eines alten Mannes oder einer alten Frau im Profil, um 1495/1505

Leonardo war wohl der erste KĂŒnstler, der die menschliche Physiognomie in all ihren Facetten systematisch zeichnerisch festhielt. Dabei ging es ihm keineswegs nur um die Darstellung von Schönheit und Harmonie, sondern auch um das vermeintlich HĂ€ssliche und Deformierte. Die Darstellung ist wĂŒrdevoll und fernab von jenen Gesichtsstudien des KĂŒnstlers, die in ihrer Überzeichnung bereits als Karikaturen angesehen werden können und beim Betrachter unwillkĂŒrlich ein Schmunzeln auslösen. Die Komposition war sehr gefragt, denn die Konturen wurden partiell fĂŒr eine Übertragung mit der Nadel durchstochen

Kat. 4 Leonardo da Vinci (1452–1519)
Kopf eines alten Mannes oder einer alten Frau im Profil, um 1495/1505, Rötel
Legat Georg Ernst Harzen fĂŒr die 1869 eröffnete Kunsthalle
Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett