Geleitwort des Direktors



Dritter Umbau
Schrägspur: Videoinstallationen aus der Sammlung

Umbau: In unregelmäßigen Abständen gestalten wir die Galerie der Gegenwart teilweise um. Denn nur durch den Wechsel kann die aufregende Vielfalt der aktuellen internationalen Kunst anschaulich gemacht werden. Auch wollen wir bei solcher Gelegenheit zeigen, wie sich die Sammlung ständig erweitert. Nach unserer Vorstellung besteht ein Museum zeitgenössischer Kunst nicht aus einer attraktiven Schausammlung und einem eher toten Magazin, sondern aus einer insgesamt reichen Sammlung, aus der in einem permanenten Wandlungsprozess Werkkomplexe ausgewählt, andere vorübergehend gelagert werden, um dann wieder neu wahrgenommen werden zu können. Beim dritten Umbau bilden Videoarbeiten aus unserem Besitz den Schwerpunkt.

Seitdem das Medium Video über die Projektion verfügt und nicht mehr nur auf den kleinen Monitor angewiesen und beschränkt ist, hat es künstlerisch enorm an Bedeutung und Gestaltungsvielfalt gewonnen. Videoinstallationen, -räume, -projektionen sind die Folge.

Das Videobild kann jetzt ein kleines Fenster in der Wand und ebenso ein raumfüllendes Ereignis sein; vom kleinen Bildschirm bis zum kinomäßigen Format ist alles möglich geworden. Wohl deshalb ist das Medium Video in den 90er Jahren zum interessantesten Feld künstlerischer Experimente geworden. Dabei mögen auch die umfassenden Möglichkeiten mitgespielt haben: dass nämlich Bild und Bewegung, Raum, Sprache und Musik eingesetzt und zur Einheit gebracht werden können.

Seitdem die Hamburger Kunsthalle 1992 auf der documenta IX Bruce Naumans Anthro/Socio im Hinblick auf die - damals noch nicht existierende - Galerie der Galerie erworben hat, ist unter Obhut von Frank Barth eine umfangreiche und bemerkenswerte Sammlung von Videoarbeiten entstanden.

Sie enthält Werke der Pioniere der 60er und 70er Jahre - Vito Acconci, John Baldessari, Valie Export, Dennis Oppenheim, Richard Serra - ebenso wie Arbeiten der Jüngeren: Tracey Emin und Gillian Wearing, Mike Kelley und Pipilotti Rist, Rosemarie Trockel, Gregor Schneider und Christian Jankowski.

Gewichtige Videoräume stammen von Johan Grimonprez (Dial H-I-S-T-O-R-Y - eine von der documenta X angeregte Erwerbung), Shirin Neshat (Fervor), Jane & Louise Wilson (Normapaths sowie Stasi City). Beim Aufbau dieser Sammlung hat uns die F. u. W. Stiftung für zeitgenössische Kunst in der Hamburger Kunsthalle sehr engagiert unterstützt.

Gewalt, Brutalität, Überwachungspraktiken und Fragen der kulturellen Identität sind die vorherrschenden Themen unserer Videoarbeiten. Entsprechend haben wir einige zusätzliche Leihgaben (Harun Farocki, Lucinda Devlin, Korpys/Löffler) ausgewählt.

Die Videoarbeiten sind in die Sammlung der Galerie der Gegenwart integriert. In ihrem neuen Kontext erscheinen nun auch die Objekte und Bilder etwa von Mike Kelley und Cady Noland, Robert Gober und Nan Goldin oder Rosemarie Trockel in verändertem Licht.

War das Medium Video Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre gegen den grossen Bruder Fernsehen gerichtet und deshalb handlungsarm, formal, konzeptuell, greift es heute alle filmischen Möglichkeiten - vom Spielfilm Über den TV-Clip und die Überwachung bis zum Dokumentarstreifen - auf. Das Drama, die Erzählung, die Gesellschaft, die Politik spielen wieder eine maßgebliche Rolle. Die Kunst hat im Medium Video zu den Inhalten zurückgefunden.



Prof. Dr. Uwe M. Schneede