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Giovanni Battista Piranesi
Karnevalstreiben vor einem Puppentheater in Venedig, 1744/45 (?)
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Giovanni Battista Piranesi

Karnevalstreiben vor einem Puppentheater in Venedig, 1744/45 (?)

Giovanni Battista Piranesi

Karnevalstreiben vor einem Puppentheater in Venedig, 1744/45 (?)

Die Szene eines Puppentheaters wĂ€hrend des venezianischen Karnevals zeigt Piranesi – ganz im Gegensatz zu seinen dunklen und geheimnisvollen Kerkeransichten oder monumentalen Architekturaufnahmen – von einer heiteren und leichten Seite. Das Blatt dokumentiert den venezianischen Brauch, wĂ€hrend des Karnevals auf zahlreichen PlĂ€tzen TheaterbĂŒhnen zu errichten, auf denen Szenen der Commedia dell’Arte aufgefĂŒhrt wurden.(Anm. 1) Piranesi schildert hier eine kleine TheaterbĂŒhne, auf der eben solche komödiantischen StĂŒcke dem Publikum – allerdings mittels Puppen – prĂ€sentiert wurden. Die kleine KastenbĂŒhne ist der besseren Sichtbarkeit halber hoch ĂŒber der gedrĂ€ngten Gruppe von Zuschauern errichtet. Die in verschiedene KostĂŒme gekleideten und maskierten Menschen scheinen dem Spiel jedoch keine gesteigerte Aufmerksamkeit zu schenken, da sie ganz offensichtlich stĂ€rker mit der Beobachtung der anderen Karnevalsteilnehmer beschĂ€ftigt sind. Besonders auffallend ist die Figur am rechten Rand, die Kontakt mit dem Betrachter aufzunehmen scheint. Eher abweisend und geheimnisvoll wirkt dagegen die RĂŒckenfigur in weitem Umhang in der Bildmitte.
Das Blatt dokumentiert Piranesis großartige Zeichentechnik, wobei der gekonnte Umgang mit der Feder und die virtuos eingesetzte Lavierung unverkennbar auf den Einfluss Giovanni Battista Tiepolos zurĂŒckzufĂŒhren sind. Dessen ĂŒberragende Zeichenkunst hatte Piranesi wĂ€hrend seiner beiden Venedigaufenthalte 1744 bzw. 1745/47 studieren können.(Anm. 2) Eine Datierung der „Karnevalsszene“ in die Mitte der 1740er Jahre liegt daher nahe.
Neben dem Hamburger Blatt lassen sich vier weitere Zeichnungen nachweisen, die in Technik und Format eine Einheit bilden. Sie zeigen allesamt Figurengruppen: 1. „Tod des Julius Caesar (?)“ in New York (Anm. 3); 2. „Enthauptungsszene (?)“ in Washington (Anm. 4); 3. „Mordszene (?)“ in Washington (Anm. 5); 4. „Anbetung der Könige (?) in Oxford (Anm. 6). Innerhalb von Piranesis reichem zeichnerischem Werk stellt diese Gruppe von insgesamt fĂŒnf BlĂ€ttern eine Ausnahme dar, da der KĂŒnstler offensichtlich weder vorher noch nachher derart große Studien von Figurengruppen angefertigt hat. Auffallend ist, dass sich die Mehrzahl der Szenen schwer deuten lĂ€sst. Angesichts dessen muss offen bleiben, ob die fĂŒnf BlĂ€tter in einem inhaltlichen Zusammenhang stehen. Allerdings ist dies angesichts der Spannbreite zwischen der Hamburger Karnevalsszene und der Darstellung eines Kampfes in Washington schwer vorstellbar.
SĂ€mtliche BlĂ€tter stammen mit großer Wahrscheinlichkeit aus einem Skizzenbuch, worauf die annĂ€hernd gleichen Maße und die unregelmĂ€ĂŸigen RĂ€nder an jeweils einer Seite – bei Hochformaten links, bei Breitformaten oben – hindeuten.(Anm. 7) FĂŒr die ehemalige Zusammengehörigkeit der BlĂ€tter spricht ebenfalls, dass sie eine auch auf anderen Piranesi-Zeichnungen vermerkte Beschriftung mit der Buchstabenfolge „B.P.L.“ und einer nachfolgenden Nummer aufweisen.(Anm. 8) Diese AbkĂŒrzung ist bislang nicht schlĂŒssig aufgelöst worden. Hans Calman schlug als Lesart „Battista Piranesi Libro“ vor.(Anm. 9)
Charakteristisch fĂŒr die hier vorgestellte Gruppe, aber darĂŒber hinaus auch fĂŒr zahlreiche andere BlĂ€tter, u. a. im Hamburger Kupferstichkabinett (vgl. Inv.-Nrn. 1915-644;1915-578;1915-649;1915-648), ist zudem die besondere Montierung der Zeichnungen. Sie wurden allesamt zu einem nicht genau bestimmbaren Zeitpunkt auf hellgrauem Papier aufgeklebt, mit einer doppelten Umfassungslinie in brauner Feder versehen und erst anschließend mit „Piranesi“ bezeichnet. Dies ist daran erkennbar, dass auf dem New Yorker Blatt die Signatur ĂŒber das Zeichenpapier hinaus auf die Unterlage lĂ€uft. Es ist vorstellbar, dass Piranesi selbst die BlĂ€tter auf diese Weise montiert hat. Möglicherweise reagierte er damit auf das gestiegene Interesse an seinen Zeichnungen. Graphologische Vergleiche weisen auffallende Übereinstimmungen vor allem mit Piranesis Handschrift der 1770er Jahre auf.(Anm. 10)

David Klemm

1 Vgl. Von DĂŒrer bis Goya. 100 Meisterzeichnungen aus dem Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle, bearb. v. Petra Roettig, Annemarie Stefes, Andreas Stolzenburg, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle, Hamburg 2001, S. 64 (Beitrag Andreas Stolzenburg).
2 Laut Andrew Robison hielt sich Piranesi zwischen FrĂŒhling und FrĂŒhsommer 1744 und von Juli 1745 bis August 1747 in Venedig auf. Vgl. FĂŒnfzig italienische Zeichungen des 16.-19. Jahrhunderts aus der Sammlung Ratjen, bearb. v. David Lachenmann, Ausst.-Kat. Vaduz, Liechtensteinische Staatliche Kunstsammlungen, Bern 1995, o. S., Nr. 45, Anm. 11 (Beitrag David Lachenmann).
3 New York, Pierpont Morgan Library, Inv.-Nr. 1968.13.
4 Washington, National Gallery of Art, Wolfgang Ratjen Collection, Inv.-Nr. 2007.111.26. Die Szene könnte auch zeigen, wie der Erzengel Raphael dem blinden Tobit die Leber eines Fisches reicht, die ihn heilen wird. Allerdings ist in diesem Zusammenhang die Darstellung einer Frau mit entblĂ¶ĂŸter Brust wenig sinnvoll.
5 Washington, National Gallery of Art, Wolfgang Ratjen Collection, Inv.-Nr. 2007.111.143.
6 Oxford, Ashmolean Museum, Parker 1038; vgl. Karl Theodor Parker: Catalogue of the Collection of Drawings in the Ashmolean Museum, II, Italian Schools, Oxford 1956, S. 521; Hylton A. Thomas: The Drawings of Giovanni Battista Piranesi, London 1954, Nr. 64.
7 Vgl. FĂŒnfzig italienische Zeichungen des 16.-19. Jahrhunderts aus der Sammlung Ratjen, bearb. v. David Lachenmann, Ausst.-Kat. Vaduz, Liechtensteinische Staatliche Kunstsammlungen, Bern 1995, o. S., Nr. 45, Anm. 1.
8 Die Nummern lauten: Oxford: 113; Washington: 114 und 115; New York: 116; Hamburg: 118. Lachenmann hat zudem einige weitere der bislang nachweisbaren nummerierten BlĂ€tter aufgefĂŒhrt. Vgl.FĂŒnfzig italienische Zeichungen des 16.-19. Jahrhunderts aus der Sammlung Ratjen, bearb. v. David Lachenmann, Ausst.-Kat. Vaduz, Liechtensteinische Staatliche Kunstsammlungen, Bern 1995, o. S., Nr. 45 (Beitrag David Lachenmann). Auffallend ist, dass es sich ausschließlich um Nummerierungen ĂŒber der Zahl 100 handelt. Die niedrigste Nummer – 107 – trĂ€gt offensichtlich der „Triumphbogen“ in Boston, Museum of Fine Arts, Inv.-Nr. M 26.425; die höchste Nummer befindet sich auf dem Hamburger Blatt „Prunkvase vor antiker Architektur“, Inv.-Nr. 1915-642, „149“. Da bislang nur knapp 15 Nummern nachweisbar sind, ist von einer großen Verlustrate an Zeichnungen auszugehen.
9 Vgl. Hylton A. Thomas: The Drawings of Giovanni Battista Piranesi, London 1954, S. 46, bei Nr. 33.
10 Vgl. FĂŒnfzig italienische Zeichungen des 16.-19. Jahrhunderts aus der Sammlung Ratjen, bearb. v. David Lachenmann, Ausst.-Kat. Vaduz, Liechtensteinische Staatliche Kunstsammlungen, Bern 1995, o. S., Nr. 45, Anm. 8. FĂŒr eine Datierung frĂŒhestens in die spĂ€ten 1750er Jahre lĂ€sst sich mit Vorbehalt auch die Hamburger Zeichnung „Idea d’un atrio reale“ („Idee einer königlichen Vorhalle“) anfĂŒhren (Inv.-Nr. 1915-640). Sie diente als Vorzeichnung fĂŒr eine erst Anfang der 1760er Jahre in einer der Ausgaben der „Opere Varie di Architettura (
)“ nachweisbare Radierung. Vgl. Höper 1998, S. 323, Nr. 3.27. Es ist wenig wahrscheinlich, dass die Vorzeichnung bereits in montierter Form benutzt worden ist.

Details zu diesem Werk

Beschriftung

Unten rechts signiert: "Piranesi" (Feder in Dunkelbraun)

Auf dem Verso in der Mitte Stempel der Hamburger Kunsthalle (L. 1233); unten rechts bezeichnet und nummeriert: "B.P.L. N°. 118." (Feder in Braun)

Provenienz

Möglicherweise Sammlung Giovanni Piancastelli (1845-1926), Rom (L 2087a, laut W. Stubbe in: Ausst.-Kat. Hamburg 1967); Dr. Emil MĂŒnsterberg (1855-1911), Berlin, ? - 1898 (HAHK: Slg 1 AnkĂ€ufe von Kunstwerken 1891-1914, 1898); dort erworben mit Staatsmitteln, 1898

Bibliographie

David Klemm: Italienische Zeichnungen 1450-1800. Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle, Die Sammlungen der Hamburger Kunsthalle Kupferstichkabinett, Bd. 2, Köln u. a. 2009, S.282-283, Nr.407, Abb.Farbtafel S. 59

David Klemm: Von Leonardo bis Piranesi. Italienische Zeichnungen von 1450 bis 1800 aus dem Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle, hrsg. von Hubertus Gaßner, David Klemm und Andreas Stolzenburg, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle, Bremen 2008, S.186-187, Abb, S. 234, Nr.86

Hamburger Kunsthalle. Museum Guide, Hamburg 2005, S.144, Abb.

Tiepolo. Ironia e comica, hrsg. von Adriano Mariuz, Giuseppe Pavanello, Ausst.-Kat. Venedig, Fondazione Cini 2004

Petra Roettig, Annemarie Stefes, Andreas Stolzenburg: Von DĂŒrer bis Goya. 100 Meisterzeichnungen aus dem Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 2001, S.64-65, Nr.27, Abb.

The Mask of Venice. Masking, theater and identity in the art of Tiepolo and his time, hrsg. von James Christen Steward, Ausst.-Kat. Berkeley Art Museum 1996, S.24, Abb.7

Jane Martineau, Andrew Robison: The Glory of Venice. Art in the Eigtheenth Century, Ausst.-Kat. London, Washington 1994, Abb.261

Venedigs Ruhm im Norden. Die großen venezianischen Maler des 18. Jahrhunderts, ihre Auftraggeber und Sammler, Ausst.-Kat. Forum des Landesmuseums Hannover 1991, S.352, Nr.131, Abb.

Hein-Th. Schultze-Altcappenberg, Susannah Cremer: Facetten des Barock. Meisterzeichnungen von Gianlorenzo Bernini bis Anton Raphael Mengs aus dem Kunstmuseum DĂŒsseldorf / Akademiesammlung, Ausst.-Kat. Kunstmuseum DĂŒsseldorf 1990, S.52, mit Anm. 3, Nr.bei Nr. 12

Hamburger Kunsthalle, hrsg. von Werner Hofmann, MĂŒnchen 1989 (2. erw. Aufl.), S.212, Nr.476, Abb.476

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Dessins vĂ©nitiens du dix-huitiĂšme siĂšcle, Ausst.-Kat. Palais des Beaux-Arts, BrĂŒssel 1983, S.187, Nr.122, Abb.

Giuseppe Pavanello: Piranesi a venezia (Considerazioni sulla mostra della Fondazione Cini), in: Arte Veneta. Rivista di Storia dell'Arte 33, 1979, S. 206-208, S.206, Abb.2

Alessandro Bettagno: Disegni di Giambattista Piranesi, Ausst.-Kat. Venedig, Fondazione Giorgio Cini 1978, S.33, Nr.12, Abb.

Felice Stampfle, Cara D. Denison: Drawings from the Collection of Mr. & Mrs. Eugene V. Thaw, Ausst.-Kat. New York, The Pierpont Morgan Library 1975, S.59, Nr.bei Nr. 54

Roseline Bacou: PiranĂšse. Gravures et dessins, Paris 1974, Abb.37

Hundert Meisterzeichnungen aus der Hamburger Kunsthalle 1500-1800, Bd. 5, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 1967, S.28, Nr.30, Abb.Taf. 25

[Wolf Stubbe]: Italienische Zeichnungen 1500-1800. Ausstellung aus den BestÀnden des Kupferstichkabinetts, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle 1957, S.29, Nr.153, Abb.Taf. 22

V. T. [nicht aufgelöst]: Amburgo: Mostra di disegni italiani dal XV al XVIII secolo, in: Emporium. Rivista mensile illustrata d'arte e di cultura 76, 1957, Nr. 126, S. 228-229, S.229, Abb.

Karl Theodor Parker: Catalogue of the Collection of Drawings in the Ashmolean Museum, Bd. 3 (Italian Schools), Oxford 1956, S.520, 521, Nr.bei Nr. 1038 und 1039

Hylton Thomas: The Drawings of Giovanni Battista Piranesi, London 1954, S.58, Nr.bei Nr. 64

Karl Theodore Parker: Giovanni Battista Piranesi, in: Old Master Drawings 12, 1938, Nr. 48, , S.54

August Liebmann Mayer: Zeichnungen Alter Meister in der Kunsthalle zu Hamburg. Italiener, Pantheon Band II, 1928, S. 388, S.338

Odoardo H. Giglioli: [Anmerkungen zur Prestel-Mappe], in: Cronache d`Arte, 5, 1928, , S.263

Gustav Pauli: Zeichnungen Alter Meister in der Kunsthalle zu Hamburg. Italiener. Neue Folge, Frankfurt am Main 1927, Abb.Taf. 30

Jahresbericht der Kunsthalle zu Hamburg fĂŒr 1915, Hamburg 1916, S.17

Albert Giesecke: Giovanni Battista Piranesi, Meister der Graphik, Bd. 6, Leipzig 1911, S.83-84, Abb.Taf. 62