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Hamburger Kunsthalle • 30. Januar bis 26. April 2009

 

Andreas Seltzer

Danzig 1943 – lebt in Berlin / based in Berlin

 

Einzelausstellungen (Auswahl) / solo exhibitions (selection):
2008 Andreas Seltzer: Kilroy was here, Galerie Laura Mars Grp., Berlin
2003 Andreas Seltzer, Galerie Laura Mars Grp., Berlin
1998 Stadtmission, Urban Issue Gallery, Berlin
1994 Die Dummheit der Künstler, Galerie 100022, Stockholm
1993 Der Neuköllner Beobachter, Bilderdienst Berlin

Gruppenausstellungen (Auswahl) / group shows (selection):
2007 Der konzentrierte Sinn – Zeichnung, Galerie Laura Mars Grp., Berlin
2006 Animalcity – Tiere in der Stadt, Kunstverein Wolfsburg
2005 50 Jahre documenta, Kunsthalle Fridericianum, Kassel
2003 Das Atmen der Stadt, Haus am Waldsee, Berlin
1999 Private eye, Haus am Waldsee, Berlin
1998 Wanderausstellung; Landesmuseum, Linz
1995 Close-up, Städtische Galerie, Bremen
1994 Dagegen - Dabei, Kunstverein Hamburg
1994 Die Kunst der Einladung. Dokumenta- Archiv, Kassel
1992 Kunst und Maatschapij, De Warande, Turnhout, Belgien
1991 Art creating society, Museum of Modern Art, Oxford

Publikationen:
2003 Die Wayne Holtzman-Technik, Bilderdienst Berlin
2001 3 ½, Bilderdienst Berlin
1998 Stadtmission, Bilderdienst Berlin
1996 1:25.000, Taschenatlas, Bilderdienst Berlin
1985 Künstlerpech/ Künstlerglück, Galerie Friedrichstraße, Berlin
1983 Krankheitsbilder, Galerie Friedrichstraße Berlin
1982 Mein Zoo, Galerie Friedrichstraße, Berlin
1981 Volksfoto, Gesamtausgabe, Verlag 2001, Franfurt/Main
1980 Die unheiligen Dinge, Talwerk-Achiv, Berlin
1980 Volksfoto 6. - Foto Kaputt, Berlin
1979 Volksfoto 5. - Kinderfotografie, Berlin
1978 Volksfoto 4. - Ich bin ein Rebell gegen den Staat - Beispiele einer neuen Volkskunst, Berlin
1977 Volksfoto 3. - Heimliche Bilder, Berlin
1977 Volksfoto2. - Politisch fotografieren, Berlin
1976 Mitherausgeber und Autor von Volksfoto
1975 Der Sendermann, 7. Produzentengalerie Berlin

http://www.bewegungsbeobachter.de

 

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aus der Serie "Der Sendermann", 1972 - 1975

Handabzug auf Barytpapier s/w

w:14,7 h:10,5 cm
Sammlung Achim Drucks, Berlin (1-3), Sammlung Kito Nedo (4)
Courtesy Laura Mars Grp., Berlin

Die ersten, damals noch unsicher hinge­kritzelten Inschriften des Sendermanns tauchten in den Wintermonaten 1973/74 in Telefonzellen der Bezirke Tempelhof und Schöneberg auf. Bis zum Jahr 1976 überzog er Westberlin mit einer Flut von Wandbeschriftungen und Aktionen, die innerhalb der drei Jahre stadtbekannt wurden, obwohl er selbst weitgehend anonym blieb. Seit etwa einem Jahr reduziert er seine Aktivitäten auf das Tragen grosser Transparente und gelegentliche Megaphon­aufrufe, weil - wie er sagt - SIE ihm die Kraft nicht mehr lassen.

Die Botschaften des Sendermanns sind zwar Produkte seines Wahns, aber das erklärt nicht viel. Denn in dieser Stadt gibt es Tausende von Paranoikern und keiner sonst findet einen Weg, seine Angst zu artikulieren und in den Aufruf zum gemeinsamen Widerstand münden zu lassen. Seine Arbeit hat den Charakter einer Werbekampagne, unterscheidet sich davon aber auch, weil hier nicht für ein kaufbares Produkt geworben wird, sondern für eine Idee, die sich in den Köpfen der Leute festsetzen soll. Seine Sprüche zeigen den Ansatz einer Erkenntnis, die weiterzuentwickeln dem Sendermann aber nicht möglich war und die sich ins Wahnhafte entzog: Nämlich der Ahnung über den weitgehenden Verlust von Privatheit und die Beeinflussung durch eine alles infiltrierende, anonyme Maschinerie.

Unser spezielles Interesse gilt den Techniken, die er anwendet, um seine Botschaften mögIichst vielen Menschen zu bringen. Denn Techniken sind übertragbar. Menschen mit anderen Anliegen können sie modifizieren und sich ihrer bedienen.

Der Sendermann erkennt die Ohnmacht des Armen nicht an. Jedermann weiss: Macht ist mit Geld verbunden. Was aber tut man, wenn man nicht über die Zeitung verfügen kann, das Fernsehen und die Radiostation? Seit 1973 hat der Sendermann ein umfangreiches Repertoire an Medien benutzt, die alle den wichtigen Vorteil haben, dass sie wenig kosten:

• Hauswurfsendungen die bei ausgewähIten Adressaten in den
• Briefkasten geworfen wurden
• Plakate und Flugblätter
• Megaphon
• Transparente, die er durch belebte Strassen trägt
• Beschriftungen in Telefonzellen, Transformatorenhäuschen, auf grossflächigen Werbeplakaten und teilweise riesige Wandbeschriftungen

Der Sendermann arbeitet präzise, kontinuierlich und mit einem langfristigen Konzept. Er sucht die passenden Orte für seine Veröffentlichungen aus. Er erarbeitet sich einen Berliner Stadtbezirk nach dem anderen. Er bezieht aktuelles politisches Vokabular gerade soweit in seine Slogans ein, dass deren spontane Wiedererkennung nie gefährdet ist, andererseits aber durch die Variierung und Erweiterung seines Grundthemas und seiner Techniken ständig frisches Interesse seiner Leser erzeugt wird.

Der Sendermann verpackt seine Meinung klug. Eine Aussage, die sich im Kopf des Adressaten festsetzen soll, muss seine Phantasie und seinen Geist stimulieren. Die Bedeutung seiner Aussagen ist nicht im schnellen Zugriff erschlossen und verschlissen. Sie sind mehrdeutig und darum machen sie uns neugierig.

(aus: Volksfoto – Zeitung für Fotografie, Nr. 4, 1978, von Andreas Seltzer)