Als das Jahr 1969 begann, saß mein Bruder schon seit acht Monaten im Zuchthaus. Thorwald hatte zusammen mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Horst Söhnlein in Frankfurt zwei Kaufhäuser angezündet, aus Protest gegen den Krieg in Vietnam und die Gleichgültigkeit der Menschen in Westdeutschland gegenüber diesem Völkermord. Sie waren zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden und saßen in ganz Hessen verteilt in verschiedenen Knästen. Ich besuchte sie, fuhr mit meinem VW-Käfer von West-Berlin durch die DDR nach Hessen.
Ich absolvierte eine Ausbildung zur Fotografin. Das Gefängnis war für mich so weit weg wie der Mond. Ich war 21, kam aus einer bürgerlichen Familie in Kassel und hatte bisher Orte wie diese Zuchthäuser in der hessischen Provinz noch nie gesehen.
Nur die Genossen der Kommune 1 in Berlin waren nicht schockiert. Sie hatten schon ein paar Wochen in Moabit in Untersuchungshaft gesessen und vor Gericht exzentrische Auftritte hingelegt. Jetzt stahlen ihnen die Kaufhausbrandstifter die Show.Ich fuhr von Knast zu Knast; die Beklemmung und Angst, die mir die Gefängnisse machten, verdrängte ich. Ich besuchte Andreas Baader im Zuchthaus Kassel-Wehlheiden. Baader, den ich bis dahin kaum kannte, freute sich über meine Besuche, auch wenn er gerne ein wenig spöttisch auftrat. Die Besuche bei meinem Bruder waren trauriger, es blieb mir nicht verborgen, dass er litt. Mehrmals wurden die Vier verlegt und kamen in andere Knäste.
Die Gefangenen trugen blaue Häftlingskleidung, es war ein rauer Umgang, Männer. Ganz anders waren die Besuche bei Gudrun Ensslin im Frankfurter Frauengefängnis Preungesheim. Ich traf sie in einem geräumigen Zimmer gänzlich ohne Überwachung. Gudrun war ausgesprochen freundlich und dankbar, dass eine Abgesandte aus der wirklichen Welt bei ihr auftauchte. Mit der antiautoritären Lässigkeit und mit Witzen überspielten wir den Ernst der Lage und die Härte. Ich brachte Botschaften und Geschenke, die sie untereinander austauschten. Ich erzählte aus Berlin, wo sie bis Frühjahr 1968 gelebt hatten, von Freunden und Genossen. Einmal brachte ich Gudrun ein Buch von Andy Warhol mit. Sie schickte es dann weiter, es wurde auch zu einem Boten der Freundschaft.
In Berlin lebte ich in der anti-autoritären Subkultur. Wir nahmen Drogen und gingen auf Demonstrationen. Dass die Bewegung mit den Osterunruhen des Jahres 1968 ihren Zenit bereits überschritten hatte, wie es sich heute analysieren lässt, sahen wir damals natürlich nicht. Im Frühsommer machte ich eine Reise nach Amsterdam. Auf der Rückfahrt hörte ich im Autoradio, dass die Kaufhausbrandstifter Haftverschonung bekommen hatten und aus dem Gefängnis entlassen worden seien. Statt nach Berlin fuhr ich nach Frankfurt. Im Westend traf ich die vier Freigelassenen umringt von Genossen und Neugierigen auf einer Wiese in einem Park. Die Stimmung war ausgelassen. Die Tür, der Wohnung, in der sie in der ersten Nacht in Freiheit unterkamen, öffnete eine Genossin, die splitternackt war. So war 1969.
Politisch war die Studentenbewegung schon wieder dabei zu zerfallen. Die Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, SDS, war im April nicht mehr in der Lage, noch Beschlüsse zu fassen. Die Bewegung zersplitterte in Maoisten, Trotzkisten, Anarchisten, Reformisten und andere mehr. Da die revolutionären Traditionen in Deutschland durch die Nazis ausgelöscht worden waren, griffen viele auf die Arbeiterbewegung der 1920er Jahre zurück. Sie gründeten kommunistische Parteien und kostümierten sich als Proletarier.
Alle fragten sich, was ist die richtige revolutionäre Praxis? Wer ist das revolutionäre Subjekt? Ein für die Neue Linken entscheidender Theoretiker war der aus Nazi-Deutschland in die USA geflüchtete Marxist Herbert Marcuse. Da die Arbeiter im Spätkapitalismus, so seine These, durch Konsum und Manipulation der Massenmedien befriedet und integriert waren, könnten nur die Jugend und gesellschaftliche Randgruppen die Rolle der revolutionären Avantgarde übernehmen. Dies passte gut zu den Erfahrungen der Brandstifter im Knast. Als zugespitzte Form der Fremdbestimmung und Unterdrückung, waren für sie die Zöglinge in den geschlossenen Erziehungsheimen attraktiv. Sie hatten so gut wie nichts zu verlieren.
Ende Juni 1969 fuhren wir mit über 200 Aktivisten aus Frankfurt nach Biedenkopf zu dem Heim Staffelberg: Studenten, ehemalige Heimzöglinge, Schüler und auch die Kaufhausbandstifter auf der Suche nach politischer Praxis. Auf einer Wiese vor dem Heim in Staffelberg hielten wir eine Vollversammlung ab.
Auf dem Flugblatt hieß es: „Das Verhalten, mit dem man es draußen zu etwas bringen kann, nämlich Arschkriecherei und Duckmäuserei, soll uns hier mit brutalem Zwang eingebläut werden.“ Die Aktion sei der „Beginn einer Offensive gegen den gesamten Erziehungsterror“. Eine ganze Reihe von Forderungen wurden gestellt: Abschaffung des Bunkers, tarifgerechte Löhne, Rausschmiss aller Erzieher, die prügeln oder geprügelt haben, Abschaffung der Postzensur. Und: „Die Haarlänge geht die Erzieher einen Dreck an.“ Oder: „Wir fordern, dass das ganze Heim Tag und Nacht geöffnet und unkontrolliert Mädchenbesuch möglich ist.“ Als der Heimleiter dies für absurd erklärte, brüllte ein Junge: „Weil der Alte nicht mehr vögeln kann!“
Das Happening blieb nicht ohne Wirkung. Am Abend fuhren 30 Heimzöglinge mit nach Frankfurt – eine Massenflucht. Ein paar von den zurückgebliebenen Jugendlichen bilden bald eine Basisgruppe und lesen gemeinsam aus der Mao-Bibel.
Diejenigen, die mit uns nach Frankfurt geflüchtet waren, wurden auf die Wohnungen von Studenten verteilt. Sie durften nicht straffällig werden, weil dies ihren Rücktransport ins Heim zur Folge hätte. Schnell bekamen das Jugendamt und die Polizei mit, dass sich bis zu 100 geflüchtete Heimzöglinge in Frankfurt versteckten. In Verhandlungen mit dem Landeswohlfahrtsverband forderten wir, dass die Jugendlichen in Frankfurt Wohnungen bekommen, in denen sie jeweils zu fünf bis sechs zusammenwohnen könnten.
Wir drohten damit, auch andere Heime zu besuchen und einen Massenexodus zu initiieren. In Wirklichkeit waren die Möglichkeiten und die Bereitschaft der Frankfurter Studenten bald erschöpft. Die Zöglinge bekamen 5 Mark am Tag Taschengeld - was auch nicht so einfach zu beschaffen war. Die Aktivisten der Kampagne stritten sich über die richtige Strategie. Von den Heimzöglingen bekamen immer mehr wegen Klauens oder anderer Kleinkriminalität Probleme mit der Polizei. Sie nahmen die ihnen zugedacht Rolle als „Proletarier“ nicht an, sie hatten keine Lust arbeiten zu gehen. Wenn sie mal einen Job anfingen, hielten sie meist nicht lange durch. Was war auch von 15jährigen Jungs zu erwarten, die ihr Leben lang herumgeschubst, gedemütigt und geschlagen worden waren?
Wie Kinder musste man sie dauernd beschäftigen. Dafür war Andreas sehr geeignet. Er faszinierte sie, hatte einen großen Daimler und zog mit ihnen durch die Gegend. Sie vertrauten ihm. Sie hatten es noch nicht erlebt, dass sich jemand so engagiert für sie einsetzte. Es war ihnen neu, dass jemand für ihre Probleme nicht sie verantwortlich machte, sondern die Schuld dem repressiven System und seinen Vertretern gab. Ein zu einer maoistischen Kleinpartei konvertierter Aktivist der Heimkampagne schrieb später bitter: „Außerdem besticht die Baader-Gruppe die Lehrlinge mit Abenteuerspielchen, wildem aufregenden Autofahren oder Aktiönchen gegen alles und jedes, in einem Cafe gegen einen Kellner, gegen diesen oder jenen liberalen Arsch. Bei den Baaders ist immer was los.“
Im November 1969 konnten vormalige Heimzöglinge nach langen Verhandlungen die erste von vier Wohnungen beziehen, in denen sie zusammenleben konnten. Die Kampagne gegen die antiquierten, autoritären Heime war notwendig und ein Erfolg.
Aus einem Heim in Rengshausen floh ein junger Typ namens Peter-Jürgen Boock nach Frankfurt. Auch für ihn war es überwältigend, dass Menschen sich für seine Probleme und Wünsche interessierten, ihn ernst nahmen und seine Meinung von ihm hören wollten. Boock beteuert bis heute, dass er sich 1976 der RAF angeschlossen habe, weil Gudrun und Andreas Baader ihn 1969 aus dem Heim befreit hatten. Aus Dankbarkeit dafür musste er alles dafür tun, sie aus Stammheim zu befreien. Die blutige Eskalation im Deutschen Herbst des Jahres 1977 hatte ihren Ursprung 1969.
Ulrike Meinhof, die in West-Berlin als freie Journalistin arbeitete, erfuhr von der Heimkampagne und besuchte auch einmal das tägliche Plenum der Heimzöglinge. Sie machte ein Radio-Feature über ein Mädchenheim bei Kassel. Als klar war, dass Andreas und Gudrun sich absetzen würden, habe ich Ulrike gebeten, die Heimkampagne zu übernehmen. Sie antwortete resolut: „Das kommt nicht in Frage. Ich habe zwei Kinder und lebe in Berlin.“
Eines hatten Gudrun, Andreas und mein Bruder verdrängt. Falls ihre Revision gegen die Verurteilung zu drei Jahren Zuchthaus verworfen würde, wartete wieder der Knast auf sie. Ich realisierte nicht, dass vor allem die Männer Angst vor dem Gefängnis hatten. Unter den Genossen herrschte auch sofort Einigkeit: Freiwillig wieder in den Knast zu gehen, kommt gar nicht in Frage.
Jetzt kamen Genossen zur Hilfe, die amerikanische Deserteure bei der Flucht unterstützt hatten. Dany Cohn-Bendit machte Kontakte nach Paris. Gudrun, Andreas und Thorwald fühlten sich als politisch Verfolgte, als Revolutionäre – eine romantische Idee in einer Zeit, in der die Revolution für uns auf der Tagesordnung stand. Illegalität, Flucht und Exil gehörten zum Leben eines Revolutionärs.
Solidarität war selbstverständlich. So war es folgerichtig, dass Gudrun und Andreas in Paris in der Wohnung von Regis Debray untergebracht wurden. Der marxistische Intellektuelle saß in Bolivien im Gefängnis, weil er beim Versuch, Che Guevara zu treffen, geschnappt worden war. Nun schrieb Gudrun an seinem Sekretär und schlief mit Andreas in seinem Bett. Diese Solidarität, das war 1969.
Aber wir blieben unter uns. Die Stimmung hatte etwas von Urlaub, von einer Zwischenzeit. Gudrun wollte ein Buch über die Heimkampagne schreiben. Das war nicht die Sache von Andreas. Die beiden suchten nach Orientierung. Das deuten auch die bekannten Fotos an, die ich in einem Cafe am Boulevard de St. Germain von den beiden mit meiner Canon Dial 35-2 machte. Noch war alles offen. Noch war nicht vorauszusehen, dass Gudrun und Andreas sich bald Hans und Grete nennen, eine Gruppe namens Rote Armee Fraktion aufbauen und sich acht Jahre später im Knast von Stuttgart-Stammheim das Leben nehmen würden.
Damals, im November 1969 in Paris, ahnten auch sie selbst nicht, dass sie nie mehr legal in Deutschland leben würden. Gudrun und Andreas wollten nach Italien. Wir hatten Adressen von Genossen in Mailand, die dort Lehrlinge organisiert und uns in Frankfurt besucht hatten. Über Zürich fuhren wir nach Mailand. Ein paar Tage nach unserer Ankunft kam es dort zu einem verheerenden Anschlag. In einer Bank an der Piazza Fontana explodierte eine Bombe, die 16 Menschen tötete. Sofort wurden Linksradikale verdächtigt – Jahre später stellte sich heraus, dass es Rechtsextreme waren. Während seiner Vernehmung stürzte drei Tage nach dem Anschlag der anarchistische Arbeiter Giuseppe Pinelli aus dem Fenster des Polizeipräsidiums und kam dabei ums Leben.
Derart brutale Auseinandersetzungen kannten wir nicht aus Deutschland. Gudrun und Andreas fühlten sich schutzlos und bedroht. Unsere Genossen rieten uns, schnell aus Mailand abzuhauen. Wir sahen die Polizeikontrollen auf den Strassen, aber kamen ohne Probleme nach Rom.
Eines Abends sahen wir in Trastevere einen Film. Plötzlich lief das Gerücht durch die Reihen, die Tochter von Che Guevara sei auch im Kino. Die Sehnsucht nach der Revolution, das war 1969.
Nach einem Ausflug nach Sorrento und Sizilien, nach LSD-Trips und Langeweile, kamen wir nach Rom zurück. Gudrun und Andreas vertrieben sich die Zeit mit Deutschen, die in Rom lebten: die Schriftstellerin Luise Rinser, der Autor Peter Chotjewitz, der Komponist Hans-Werner Henze. Schließlich kam Besuch aus der Heimat. Horst Mahler berichtete davon, dass in Berlin eine Stadtguerillagruppe im Aufbau sei. Mahler gab ihnen eine neue Aufgabe.
Andreas, der ängstlich und paranoid war, überlegte lange, wo und in welchem Hemd er über die Grenze gehen solle. Er ging mir auf die Nerven. Um von dem Paar unabhängig zu sein, hatte ich in Rom ein Auto geklaut. Er war ausgeflippt und hatte mich angebrüllt, dass dies zu riskant sei. Ohne mich zu verabschieden setzte mich in den Alpha Romeo und fuhr zurück nach Deutschland.