MAN SON > Katalog > Katalogtexte > Susanne Pfeffer

Hamburger Kunsthalle · 30. Januar bis 26. April 2009

 

Interview mit Joe Coleman

Susanne Pfeffer

 

(aufgezeichnet im Odditorium, Brooklyn, NY, April 2007)
(Um drei Fragen ergänzt, leicht gekürzt und wieder abgedruckt nach dem Ausst.-Kat. „
Joe Coleman. Internal Digging”, hrsg. Von Susanne Pfeffer, KW Institute for Contemporary Art, Berlin,
27. Mai – 2. September 2007, Köln 2007)

 

Susanne Pfeffer: Welches sind deine frühsten Erinnerungen an deinen eigenen Umgang mit Kunst? Wie bist du zur Malerei gekommen?

Joe Coleman: Als ich vier oder fünf Jahre alt war, stand in der Garage unseres Hauses in der Ward Street ein Haufen verschiedener Farbeimer herum, große Bottiche mit Wandfarbe, zwischen dem Rasenmäher, der Gartenschere und dem ganzen Werkzeug meines Vaters. Ich habe die Rieseneimer da stehen sehen, und dann habe ich sie aufgemacht und angefangen, die Garagenwand anzumalen. Ich habe versucht, so viele Farben wie möglich auf die Wand zu bekommen. Meine Eltern sind ausgeflippt, als sie es gesehen haben. In ihren Augen hatte ich die Wand ruiniert, auch wenn sie noch lange so blieb. Ich konnte einfach nicht anders, als den Pinsel in die großen Farbeimer zu tauchen und die Farbe an die Wand zu bringen – es war wie ein Zwang. Das ist wahrscheinlich meine älteste Erinnerung an den Schaffensakt – ob es Kunst war, weiß ich nicht, keine Ahnung, was das Wort bedeutet – jedenfalls war es das erste Mal, dass ich malte. Irgendwann später nahm meine Mutter uns sonntags mit in die Kirche. Mein Vater ging nie mit, er musste den Rausch vom Samstagabend ausschlafen. In der Kirche, in die wir gingen, eine katholische Kirche namens St. Mary, säumten die Bilder der Kreuzwegstationen den Weg zum Altar, wie in vielen katholischen Kirchen. Das faszinierte mich: die ganzen Bilder, auf denen dieser Typ aufs Brutalste gefoltert wird. Es waren sehr anschauliche Darstellungen. ... Mir kam es vor, als würden wir die Gewalt anbeten, die man diesem Mann viele, viele Jahre vor meiner Geburt angetan hatte. Ich wusste damals nichts über Jesus, außer was für Gräueltaten er erlitten hatte. Irgendwie war es aufregend. Die Gewalt war aufregend. Die Horrorfilme, die ich im Fernsehen sah, schienen nicht viel anders zu sein als die Szenen in der Kirche. ...

Als Kind hat meine Mutter mich immer ermutigt, sie hat mir Malutensilien gegeben. Selbst in der Kirche gab sie mir Papier zum Malen. Ich zeichnete mit Bleistift und hatte auch Wachsmalstifte, aber die einzige Farbe, die ich benutzte, war Rot, und das nahm ich für Blut. Die Figuren habe ich mit Bleistift gezeichnet, ohne sie auszumalen, und dann habe ich das Blut rot hineingemalt. Ein paar dieser Zeichnungen habe ich heute noch. ...

SP: Du sagtest, als du älter wurdest, begann deine Mutter von deinen Zeichnungen beunruhigt zu sein.

JC: Ja. Selbst ganz früh, wenn ein kleines Kind diese blutigen Szenen malt, hat es eine Art Charme. Aber als Teenager, als ich immer noch so drauf war, war der ganze Charme auf einmal weg. Plötzlich hat der Junge irgendein psychologisches Problem. Und es stimmt, ich hatte Probleme. Ich war ein Pyromane. Ich habe das Feld der Schule in Brand gesteckt.

SP: Kannst Du erzählen warum?

JC: Es war wie ein Zwang. Das Feuerlegen hatte etwas Kreatives. Es war eine Form, den Schmerz zu Hause auszudrücken, eine durch und durch zerstörerische Form, meine Ängste und Sorgen zu materialisieren. Wenn du ein Feuer legst, ist es, als würdest du es aus dir selbst herausholen und woanders hintun. Und dann kannst du es sehen. Das ist für mich Teil des kreativen Prozesses. Man nennt es pathologisch oder so was, vor allem damals, aber für mich hat es mit dem kreativen Prozess zu tun. In meinen Arbeiten habe ich mich lange mit diesen Bereichen auseinandergesetzt, manches davon ist zerstörerisch und selbstzerstörerisch. ...

SP: Würdest du sagen, dass in diesem Zusammenhang das Malen eine wichtige Rolle spielt? Hilft dir die kreative Energie, die du ins Malen steckst, dein Leben im Griff zu behalten?

JC: Ja, es hilft mir eindeutig, mein Leben im Griff zu haben. Vor allem die Art, wie ich arbeite: Während des Prozesses zerbreche ich mir nicht den Kopf über das Ganze, ich denke nicht daran, wie das Bild aussieht, wenn es fertig ist – ich konzentriere mich auf einen Tag, auf die acht Stunden, auf den Quadratzoll, an dem ich gerade arbeite. Das ist meine Art, wie soll ich sagen … meine Art, mich allen Ängsten zu stellen, und den Sorgen und den Sehnsüchten und allem, was mich überfordern könnte, und sie einzufangen. ...

SP: Ich würde gerne mehr über deine Arbeitsmethoden erfahren. Du machst keine Vorzeichnungen für deine Bilder, und wie du gerade sagtest, weißt du am Anfang nicht, wie das Ganze am Ende aussehen wird. Stimmt es, dass du immer am Rand anfängst und zur Mitte hin arbeitest? ...

JC: Ja, ich fange selten in der Mitte an. Ich arbeite mich instinktiv von außen nach innen vor. So komme ich dem Gegenstand näher, glaube ich. Wenn ich mit einem Thema anfange, kann es sein, dass es jemand ist, der mich immer schon fasziniert hat, aber jetzt, wo ich beschließe, ein Bild von ihm zu malen, muss ich erst mal sehr intensiv recherchieren. Und selbst wenn ich das Thema schon kenne, bin ich immer erst mal scheu. Dann fange ich mit Sachen an, die mit mir zu tun haben, mit kleinen Dingen, die ich kenne, und während das Bild voranschreitet und ich Recherchen einhole und Leute interviewe, komme ich dem Thema immer näher, bis zu dem Punkt, wo ich vollkommen damit vertraut bin. Erst hier entsteht die Hauptfigur. Deswegen fange ich meistens außen an. Aber es ist seltsam – obwohl ich mir den Rand zuerst aussuche, wird es, bis ich zur Mitte komme, immer ein Selbstporträt. Da schließt sich der Kreis. Obwohl ich am Anfang fremdele und mir nicht sicher bin, ob ich den Typen kenne oder nicht – bis ich ans Ende komme, kenne ich ihn, denn er ist ich. Er wird ich, und ich werde er.

SP: Auffällig ist, dass viele deiner Gemälde und Porträts komponiert sind wie christliche Ikonen. Mit dieser bekannten, traditionellen und unfehlbaren Bildkomposition erhalten die Leute, die du porträtierst – oft gewalttätige Leute –, die Aura einer klassischen Ikone.

JC: Ja, das ist Absicht. Die Geschichten, die ich erzähle, sind Geschichten, die wirklich wichtig sind. Die Legenden vom heiligen Sebastian oder Petrus, wie man sie auf den alten Ikonen sieht, sind für das moderne Publikum doch irgendwie abgedroschen. Sie haben nicht den Biss, nicht die Eier für unsere gegenwärtige Gesellschaft. Wenn die Leute von heute, und ich spreche nicht nur für mich selbst, zusehen, wie ein sogenannter primitiver Stamm einen traditionellen Tanz aufführt, kann das auf sie nur lächerlich wirken. Sie spüren nichts. Weil ihnen der Zusammenhang verloren gegangen ist. Die naiven Maler, die frühen Flamen, die Maler des Mittelalters und der frühen Renaissance und die Buchmaler wussten, wie sie diese fantastischen, wunderschönen Geschichten zu erzählen hatten. Deswegen hänge ich an der Tradition, denn auch ich bin ein Geschichtenerzähler. Aber ich will Geschichten erzählen, die heute wichtig sind. Damals haben sie auch Geschichten erzählt, die damals wichtig waren. Die tragischen Lebensgeschichten der großen christlichen Märtyrer waren sehr wichtig und hatten in der Zeit, in der sie entstanden, große Bedeutung. Aber in der Zeit, in der ich lebe, sind es Geschichten von heute, die wichtig sind und erzählt werden müssen, von den Märtyrern von heute. Von Menschen wie Mary Bell, Carl Panzram und Jayne Mansfield. Das sind die Geschichten, die mich ansprechen, und ich glaube, wenn sie mich ansprechen, dann sprechen sie auch andere Leute an. Denn mit der christlichen Sicht ist es so weit, dass es nur diesen einen grundgütigen Gott geben soll, und das ist doch verrückt. Das hat doch nichts zu tun mit dem irren, bunten Flickenteppich, der die Menschheit wirklich ist. ... Selbst in der griechischen Mythologie gibt es diese ganzen Götter, die sogar Gefühle wie Eifersucht und Wut haben können. In einer Gesellschaft, die solche Komplexität nicht zulässt, wo es nur einen grundgütigen Gott gibt, schleichen sich Götter wie die griechischen Götter, die wir hatten – die Helden von Homer und so weiter –, eben durch die Hintertür. Solche Figuren können aus der Pornografie kommen oder Serienmörder sein. Ich meine, wir brauchen Geschichten, die wir selbst deuten können und in denen wir die Wahrheit finden, die in uns steckt. ...

SP: Ich würde gern noch einen Moment bei den Serienmördern bleiben. Es scheint fast, als wärst du besessen von ihren Geschichten.

JC: Ich glaube wirklich, dass Serienmörder etwas von Heiligen haben. Sie sind Schamanen, die sich an dunkle Orte begeben. Sie sind wie diese zwielichtigen Einzelgänger der alten amerikanischen Mythologie, wie John Dillinger und Jesse James. Nur sind sie viel tiefer im Abgrund, denn die alten Gesetzlosen wie Dillinger und Jesse James waren ihrer Kultur viel besser begreiflich. ... Aber für die heutige Welt und die heutige Zeit ist Dillinger einfach überholt. Heute ist der Serienmörder ein wahrhaft Subversiver. Der Serienmörder ist die Verkörperung des wahren Antihelden. ...

SP: Du hattest über Jahre Kontakt mit verschiedenen Mördern. Wie würdest du deine Bekanntschaft mit Charles Manson beschreiben?

JC: Manson erhielt eines meiner Bücher und er sandte es mit einem Brief zurück, in dem er schrieb „Joe Coleman hat mehr als Verstand und seine Kunst ist etwas von außerhalb dieser Welt .. ein Höhlenmensch in einem Raumschiff. Lob! Lob! Lob! Oder wie auch immer man das schreibt. ..“ Das ist nicht der ganze Brief, aber mich als Höhlenmensch in einem Raumschiff zu beschreiben - ich fand das eine ziemliche Einsicht, auch wenn sich das, ich weiß nicht, im ersten Moment hirnrissig anhört. Ich glaube er weiß, was er mit Höhlenmensch in einem Raumschiff meint, dass meine Arbeit auf eine frühere primitive Zeit zurückgeht, die ziemlich stark zu den Zeiten passt, in denen wir gerade jetzt leben. Ich habe auch eine Locke seines Haars bekommen.

SP: Was hat dich an Manson besonders gereizt? Warum hast du dich entschieden, ihn zu porträtieren?

JC: Ich glaube es hat mich zuerst zu Manson gezogen, weil ich von seinem Leben fasziniert war. Er wurde von einer Mutter großgezogen, die ihn ganz schön missbraucht hat und die eine Prostituierte war. Seine Schulerziehung fand alles in allem in Jugendeinrichtungen und im Gefängnis statt. Obwohl diese Art von Geschichte nicht ungewöhnlich ist, repräsentiert er ein Segment der Gesellschaft, die Ausgestoßenen. Dabei verstand er es auf seine Weise, seinen Schmerz auszudrücken und hatte einen Weg gefunden, gegen genau die Gesellschaft, aus der er rausgeschmissen wurde und die ihn ausgrenzte, zurückzuschlagen. Er hatte eine riesige Macht der Manipulation und durch seine Musik und Charisma, Drogen und Sex formte er eine ergebene ‚Familie’ von jungen, nicht Dazu-gehörenden Misfits, die mit ihrem Leader in einer Blutorgie die ganze Fassade des Friedens und der Liebe einrissen, die einen dunkleren Kern der 1960er Rebellion maskierte.

SP: Und warum porträtierst du ihn auf diese Weise?

JC: Ich habe Manson porträtiert um zuerst mal Kali, die Göttin der Zerstörung und Schöpfung zu beschwören. Er trägt diese Halskette mit den Köpfen spezifischer Mitglieder der „Manson family“. Man kann sehen, wie Mansons Eingeweide aus seinem Hemd kommen und sich um ein Bild von ihm als Kind im Gefängnis schmiegen. Er ist flankiert von Jesus Christus auf der rechten Seite und auf der anderen Seite von Hitler. Er hat sich in irgendeiner eigenartigen Weise mit diesen beiden Figuren identifiziert und diese auch verkörpert. Manchmal nannte man ihn Jesus und Sohn des Menschen (Son of Man). Er war Fürsprecher eines Rassenkrieges zwischen Schwarzen und Weißen, der zwischen Mansons Händen abgebildet ist. Die Tätowierungen, die ich auf seine Hände gezeichnet habe: „Creepy Crawl“ beziehen sich auf einen Streich, nach dem die Manson-„Family“-Mitglieder in die Häuser schlafender Leute eindrangen, ihre Möbel umarrangierten und rätselhafte Spuren ihres Besuchs hinterliessen.

SP: Hinter deinen Arbeiten scheint immer eine Art Obsession zu stecken, die wie ein Katalysator oder eine Antriebskraft gewirkt hat – eine Obsession mit bestimmten Figuren, bestimmten Themen. Es wirkt, als würdest du ohne Umschweife einem ganz bestimmten Weg folgen.

JC: Meine Arbeit hat so viel mit mir zu tun, sie ist meine Passion, und noch viel mehr. Ich brauche sie zum Atmen und zum Leben. Heute sehe ich mir immer noch Attack of the Crab Monsters an. ... Als kleiner Junge habe ich ihn an die tausend Mal gesehen, und ich sehe ihn immer noch wieder und wieder. Was du in meiner Arbeit siehst, stellt die Verbindung zu mir als Erwachsenem her. Nichts hat sich geändert. Nichts, außer dass meine Hände immer fähiger werden, Dinge auszudrücken. Natürlich funktioniert mein Kopf heute anders. Aber da ist immer noch ein wesentlicher Teil der Person, die ich als Kind war, und ich hänge an ihm und finde es wichtig, ihn festzuhalten. Und diese „Obsessionen“, die immer wieder von meinen Händen und meinem Bauch und meiner Psyche durchgespielt werden, sorgen für eine Übereinstimmung – man entwickelt immer eine Übereinstimmung mit den Dingen, die man mit Leidenschaft betreibt. ... Ich kenne mein Material so gut, ich spüre es, und dann fange ich einfach zu malen an. Ich muss nicht mehr darüber nachdenken.

Übersetzung ins Deutsche von Sophie Zeitz
und Daniel Koep