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Hamburger Kunsthalle · 30. Januar bis 26. April 2009

 

Under my thumb

Ursula Cyriax

 

„Sieh dich doch an. Du steckst deine Kinder in eine Schule, in der du nichts zu sagen hast. Du arbeitest für eine Firma, die du nicht kontrollierst. Du wohnst in einem Haus, das dir nicht gehört. Du verbringst deine Zeit mit Menschen, denen du nicht vertraust. Du steckst schon viel zu tief drin, Frank. Du kannst dir dich schon gar nicht mehr leisten.“

Lucy Butler in der Schlussfrequenz von „Time is on my Side“, p-files Film.

Wir wissen es längst: Freiheit bedeutet nicht automatisch, frei zu sein. Kein Problem: Rezepte für eine schnelle Befreiung finden sich allerorten, etwa ganz kommod im neuen Ikea-Katalog: „Sei wie Du bist, lebe wie Du willst!“ lautet dort die Ansage. Kunst, Glamour, Kultur, Politik, Leben, Arbeiten, Wohnen, Liebe. Alles strotzt vor netter Gefälligkeit. Der Problemkomplex ‚Leben’ ist zu einer Angelegenheit der Lebensgestaltung mutiert. Im Vergleich zur Brisanz der wahren Lebensmöblierung ist die lange Liste der uneingelösten Versprechen ein alter Hut.

Was tun? Was geht in unseren Köpfen vor? In welchem Leben ist das Leben nicht vergeudet ?

----- Original Message -----

From: "Ursula Cyriax" < cyriax@snafu.de >

To: "<Sir Karl Popper>" +++

Sent: January 30, 2008 4:04 AM

Subject: 1. Channeling-Session *

* Als Channeling wird der Empfang und die Weitergabe von Botschaften jenseitiger Persönlichkeiten durch ein Medium bezeichnet. Der Begriff entstand in der New-Age-Bewegung, aber auch ältere religiöse Schriften, wie z. B. der Koran, sollen auf diesem Wege empfangen worden sein.

Ursula Cyriax (U.C.): Ich arbeite an einem Text für den Katalog des Ausstellungsprojektes „MAN SON 1969. Vom Schrecken der Situation“. Wir distanzieren uns heute von jeglicher Eskalation von Gewalt. Stattdessen behaupten wir, Demokratie und Menschenrechte zu achten und Aufklärung und Toleranz zu verkörpern. Dabei müssen wir leider beobachten, dass wir bei der Verteidigung all dieser Werte, genau diese Werte mehr und mehr aushöhlen und unterwandern. Ist Gewalt ein integraler Bestandteil unserer Gesellschaft, ein Leitmotiv unserer Existenz?

Sir Karl Popper: Liebe Frau Cyriax, Sie stellen Fragen, da muss ich meine Synapsen gewaltig in Schwung bringen! Gewalt ist selbst von Übel und wir können nicht ein Übel mit einem anderen Übel austreiben. Von allen politischen Idealen ist der Wunsch, die Menschen glücklich zu machen, vielleicht der gefährlichste. Ein solcher Wunsch führt unvermeidlich zu dem Versuch, anderen Menschen unsere Ordnung und Werte aufzuzwingen, um ihnen so die Einsicht in Dinge zu verschaffen, die uns für ihr Glück am wichtigsten zu sein scheinen. Aber niemand ist gegen Irrtümer gefeit; das Große ist, aus ihnen zu lernen. Das Wichtigste ist zunächst, allen Besserwissern zu misstrauen, die eine Patentlösung in der Tasche haben und sagen: Wenn ihr mir nur volle Gewalt gebt, dann werde ich euch in den Himmel führen. Geben Sie niemandem volle Gewalt. Dann gerinnt die Widerlegung unserer Irrtümer zu einer positiven Erfahrung, die wir aus der Wirklichkeit gewinnen. Dann ist es von der Amöbe zu Einstein nur noch ein Schritt.

Albert Einstein: Wer freudig mit der breiten Masse marschiert hat sich schon meine Verachtung verdient. Er wurde aus Versehen mit einem Gehirn ausgestattet, denn für ihn wäre Rückenmark bereits ausreichend gewesen.

Johann Wolfgang von Goethe : Ach Frau Cyriax, die eigentlichen Konstanten der Historie sind Irrtum und Gewalt. Daher kann eigentlich niemand aus der Geschichte lernen. Sie enthält eine Masse von Torheiten und Schlechtigkeiten. Wären wir klug zur rechten Zeit, wäre Weisheit weit und breit.

----- Original Message -----

From: "Ursula Cyriax" < cyriax@snafu.de >

To: "<Jaques Lacan> + ++

Sent: April 26, 2008 6:06 AM

Subject: 2. Channeling-Session

U:C.: Die 1960erJahre standen im Zeichen der freien Liebe. Davon sind wir heute meilenweit entfernt. Die Ratgeberindustrie behauptet, dass die Liebe eine Sache der Wahl und die Entfachung von Leidenschaften eine Frage der richtigen Technik sei. Was könnte in diesem Zusammenhang für die Leser interessant und erhellend sein?

Jaques Lacan: Hallo Ursula. Hier ein paar Durchsagen zum Thema: Für Albert Camus ist die Existenz noch eine Frage der Entscheidung: Ob ich mich umbringe, oder eine Tasse Kaffee trinke, obliegt dem freien Willen meiner Entscheidung. Das Ich ist jedoch kein freies Ich, es ist Sitz fortlaufender Täuschungen. Dort, wo ich denke, bin ich nicht - dort wo ich bin, denke ich nicht. Diese permanente Erfahrung der eigenen Unzulänglichkeit formiert ein anhaltendes Begehren. Das Begehren treibt uns auf Pfade, die wir niemals vollständig kontrollieren können. Es verweist uns kontinuierlich auf unsere Angewiesenheit auf die anderen. Im Kapitalismus formiert sich ein erneutes Trugbild: Die Beziehung eines Menschen zu seinem Umfeld formiert unter kapitalistischen Bedingungen zu einem bestimmten Diskurs. In diesem Diskurs erfindet sich das Subjekt als Herr im eigenen Haus. Das Subjekt ist scheinbar frei von den Erblasten der Geschichte und dementsprechend frei von gravierenden Einschreibungen. Mit dieser vermeintlichen Autonomie geht jedoch auch der Verlust des Begehrens einher, der Ort des Anderen. Der Ort des Anderen wird durch einen selbst erschaffenen Ort des Glaubens und der Wahrheit getilgt. Das Subjekt wählt sich selbst als den Anderen. Bei dieser Autogenese bleibt der Genuss auf der Strecke. Anders gesagt die Form der Liebe als ein Ausdruck des Begehrens, das keinem Nutzen entspricht, sondern in dem sich das Genießen konkretisiert. Die risikoarme Wahl in der Liebe schmälert also die Angst vor der Kastration, sie vermindert zugleich auch den Genuss in erheblichem Maße. Stattdessen zeigen sich die Eruptionen des Genusses in grenzenloser Manie. Die Selbsterschaffer berauben sich der Liebe, während sie sich im Glauben wähnen, dass sie ihnen nun endlich leichter fällt.

Meister Kutumi: Klatsche mit einer Hand.

----- Original Message -----

From: "Ursula Cyriax" < cyriax@snafu.de >

To: "<Ulrike Meinhof >" +++

Sent: Juli 20 , 2008 9:56 AM

Subject: 3. Channeling-Session

U.C.: Als ich 1969 Andreas Baader in meinem Heimatort das erste Mal begegnete, war wie heute im Zeichen von Pisa, der Diskurs um Erziehungsmethoden ein großes Thema. Unsere Kinder sollen für globale, spätkapitalistische Herausforderungen fit gemacht werden. Ist unter den gegenwärtigen Lebensbedingungen das Scheitern vorprogrammiert, wenn ich dieses Ziel verfehle?

Ulrike Meinhof : Hallo Ursula, das Schicksal meint es ernst. Jede Art von Erziehung ist ein Modus der Abrichtung, der mit dem Ziel verbunden ist, die Einzelnen auf den perversen Geschmack der Gesellschaftshölle vorzubereiten. Wenn ich Kinder fit mache, betreibe ich ein zynisches Spiel. Jedes Kind, das ich fit mache, macht später ein anderes unfit. Insofern ist dieses Erziehungsmodell für den Kapitalismus durchaus funktional. Die allgemeine, geradezu devote Bewunderung des Bürgertums für China und Ostasien hängt unmittelbar mit den dortigen Erziehungsmethoden zusammen. Man darf dort wieder erziehen wie im 19. Jahrhundert, in Japan wurde jüngst wieder die Prügelstrafe an den Schulen eingeführt. Für den Kapitalismus ist das optimal. Die kapitalistische Gesellschaft ist weder friedliebend, noch gewaltlos und schon gar nicht gerecht. Die anti-autoritäre Erziehung als eine „Politik der Nichteinmischung“ hat für Kinder aber auch den Mangel des fehlenden Feedbacks. Noch widerlicher ist es, Kindern jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Man beraubt sie der Chance, sich ihrer Wünsche klar zu werden, sie zu artikulieren und sich um ihre Umsetzung zu bemühen . Selbstvertrauen, Reflexionsvermögen und ein gewisser Überblick sind unerlässlich, um sich in der Umgebung von Ja-Sagern nicht still wie die Massen beim Gefängnisgang zu verhalten. Eltern tun also gut daran, ihre Kinder beim Ausbau dieser Fähigkeiten und Kenntnisse zu unterstützen. Im Grunde sind die derzeit avancierten Modelle der Berücksichtigung persönlicher Neigungen und der Pflege und Ausbau des Vorhandenen nichts Neues. Diese Ansätze sind aber nicht radikal genug, sie bilden nicht zum Widerstand aus. Eine freie Erziehung muss Kinder darauf vorbereiten, Einsprüche artikulieren zu können, und ihnen beim Erwerb der dafür nötigen Fähigkeiten helfen. Einsprüche sind ein Signal, die irgendwann als Funken wahrgenommen werden und dann zur Explosion führen. Erst danach sind versöhntes Dasein und befriedetes Miteinander möglich.

Hier spricht Karl Valentin: Hallo Frau Cyriax, ich kann dazu nur folgendes sagen: Hoffentlich kommts nicht so schlimm wie es ist.

----- Original Message -----

From: "Ursula Cyriax" < cyriax@snafu.de >

To: "<Susan Sontag> + ++

Sent: August 9, 2008 8:08 AM

Subject: 4. Channeling-Session

U.C.: Die Lebensumstände sind in den letzten drei Dekaden nicht gerade zukunftsträchtiger geworden. Der Begriff Fortschritt wird nur noch von Arbeitgeberfunktionären ernsthaft in den Mund genommen. Wie kann ich ohne Zukunftspathos und dennoch optimistisch nach vorne schauen?

Susan Sontag: Liebe Frau Cyriax, offenbar erfahren die meisten Menschen die Gegenwart als eine Zeit unmittelbar nach dem Ende, entfernt von jedweden Idealen. Man muss die Zeit mit einem utopischen Moment anreichern, denn die Angst alt zu werden entspringt der Einsicht, dass man nicht das Leben lebt, das man zu leben wünscht. Es ist ein anderer Ausdruck für das Gefühl, die Gegenwart zu missbrauchen. Die Gegenwart muss aktualisiert werden. Man muss sich daher auf die Suche machen, um eine lebenssprühende Idee aufzuspüren. Das vielleicht interessanteste Merkmal der Zeit, die heute als die Sechzigerjahre etikettiert wird, war die Tatsache, dass es so wenig Nostalgie gab. Ich würde mir wünschen, dass Kühnheit, Optimismus und die Verachtung für den Kommerz überlebt hätten. Werden alle Sinne aktiviert, kann die präzise Bestandsaufnahme von Erlebnisweisen, die sogenannten "sensibilities", geltende Regeln auf den Kopf stellen. Grenzen zwischen Gattungen und den Geschlechtern, Niveaus und Nuancen können nonchalant durchbrochen werden. Es bedarf der Intensität, des Tempos, der Reize, einer "Tendenz zum Ungesunden" und nicht zu vergessen einer gewissen Risikobereitschaft, um Abstand zur herrschenden Normalität zu gewinnen. Es gilt, Ernst und vermeintliche Wichtigkeiten zu entthronen . Alleine steht man jedoch auf verlorenem Posten. Der rebellische Elan von Sex, Drugs und Rock’n Roll lebt sich am besten mit Gleichgesinnten aus, mit Freunden aus der Nachbarschaft, Musikern, befreundeten Kollegen und anderen. Eine Prise Glamour kann dabei durchaus eine Bereicherung darstellen. Den größten Exzess bietet jedoch die intellektuelle Sexyness, erst mit ihr wird ein rückhaltsloses Bekenntnis zur Gegenwart entfesselt.

----- Original Message -----

From: "Ursula Cyriax" < cyriax@snafu.de >

To: "<Andy Warhol>" +++

Sent: December 6, 2008 4:04 AM

Subject: 5. Channeling-Session

U.C.: Geld kann sich mit Allem und Jedem verbünden. Die Wirkung von Geld auf den Menschen scheint unergründlich zu sein. Ist Geld tatsächlich mächtig?

Andy Warhol: Ein Geschäft ist erst dann ein Geschäft, wenn es eines ist. Geld Verdienen ist Kunst, und Arbeiten ist Kunst und ein gutes Geschäft ist die beste Kunst. Geld ist dafür da, um Rechnungen zu bezahlen. Es lohnt sich nicht, lange über Geld nachzudenken. Künstler sind glücklich, wenn sie mit ihrer Kunst Geld machen. Man kann mit Geld aber auch Kunst machen. Man kann es ganz einfach abbilden. Ein Bild des Dollars lässt Ökonomie und Moralität hinter sich. Wenn Geld nicht in Bewegung ist, verliert es seine Bedeutung. Im Grunde genommen ist Geld eigentlich doch nur nichts anderes als Geld. Man kann für jede X-Beliebigkeit so viel Geld erhalten, wie man will; Geld ist nur besser als kein Geld, sonst bedeutet es nichts. Geld hat keinen Charakter.

Ernst Jünger : Das Beste geben uns die Götter umsonst.

U.C.: Vielen Dank für eure Antworten. Was gebt ihr uns abschließend mit auf den Weg?

Aleister Crowley: Gleiche jeden Gedanken durch seinen genauen Gegensatz aus, denn die Vermählung dieser beiden ist die Vernichtung der Illusion.