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Hamburger Kunsthalle · 30. Januar bis 26. April 2009

 

Bommi Bauman, Rausch und Terror.

Bommi Baumann  

Ein politischer Erlebnisbericht, Berlin: Rotbuch Verlag 2008, S. 60-71.

Der Blues

Manche Leute sagten, wir wären der Blues. Wir haben das von uns selbst eigentlich nicht behauptet. Wir sagten nur, dies und das ist der Blues. Denn dem Blues waren wir begegnet, als ich noch im SDS-Zentrum am Ku’damm wohnte. Eines Nachts saß ich mit Günter Langer und Georg von Rauch in einem Zimmer, plötzlich ging die Tür auf und ein kleines Männchen mit einer Trachtenjacke betrat den Raum, als käme es aus einem Raumschiff, und fragte uns mit einer ganz hohen Stimme: »Habt ihr Blues?« Dann ging das Männchen an den Plattenspieler, fand gleich irgendeine Blues-Platte, legte die auf und kippte sich dazu Tabletten und Wein rein. Wir haben ihn nur beobachtet und uns gesagt: »Der ist ja viel weiter als wir. Der ist richtig gut.« Wir fanden dann heraus, dass er aus einer Klapsmühle in Hamburg entkommen war und sich als Tramper bis nach Berlin durchgeschlagen hatte. Wie er das geschafft hatte, erfuhren wir nicht. Damit ging das los mit dem Blues. Wir sahen uns als Bluesbreaker. Mehr als 30 Jahre später haben Freygang und Bert Papenfuß daraus ein Lied gemacht: »Der Blues muss bewaffnet sein / sonst glaubt dir kein Schwein.«

Rudolf Gelpke und die Assassinen

Als Hannibal wegen Drogenhandels vor Gericht stand, schleppte seine Frau Inga einen brillanten Gutachter an, den Orientalistikprofessor Rudolf Gelpke. Als wir seine Augen gesehen hatten, wussten wir gleich, was los ist. Der war völlig drauf, als er sein Gutachten vortrug. Die Richter haben das natürlich nicht bemerkt und aufmerksam zugehört. Er sagte, das Abendland sei eine einseitig auf Alkohol fixierte Gesellschaft, die verklemmte, einseitige Idioten hervorbringt. Alle sollten lieber einmal Drogen nehmen.
Er hat damit keinen Freispruch erreicht, doch Hannibal konnte erst einmal aus dem Gefängnis raus. Nach der tlassung hat Gelpke auf Hannibal gewartet. Sie sind in eine Pension gegangen und Gelpke hat vor ihn ein Tablett hingestellt, alles mögliche ausgebreitet und gefragt: Was willst du haben? Auf dem Tablett war jede Menge drauf. Hannibal kannte schon alles, außer Opium. Und da hat der Professor ihn fachmännisch in das Opiumrauchen eingeführt, mit Holzkohle, Porzellanpfeife und allem Drum und Dran – bis die Feuerwehr anrückte, weil es aus dem Fenster der Pension so stark qualmte.
Gelpke kam aus einer begüterten Schweizer Familie. Eigentlich ein kulturkonservativer Mensch. Er hatte an den ersten LSD-Testreihen von Albert Hofmann teilgenommen und mit Ernst Jünger korrespondiert. Für uns war das ein alter Mann. Er hatte als Orientalist jahrelang in Persien gelebt, um besser Opium rauchen zu können. Dort war er auch zum schiitischen Glauben übergetreten. Ende ’68 tauchte er in Berlin auf und verteilte Drogen aus einem kleinen Vertreterköfferchen. Er hat jeden vollgetextet, alles zu konsumieren. »Jetzt nimm mal. Die Dämonen müssen sich von der Kette reißen!« Verklausuliert ist das auch die Botschaft seines Buchs Vom Rausch im Orient und Okzident, einem Standardwerk von 1966, das damals alle begeistert gelesen haben.
Für Gelpke waren wir die Assassinen des 20. Jahrhunderts, die Kämpfer eines mythologisch stilisierten Geheimbunds im Orient, die das Paradies auf Erden errichten sollen – und zwar auf Grundlage von Drogen. Das hat er uns gepredigt, und das hat uns imponiert. Und wir hatten ja schon die ersten Anschläge gemacht. Das Utopieproblem besteht auch darin, dass sowohl in der christlichen wie in der sozialistischen Mythologie das Paradies ein unpräziser Begriff bleibt. Man kann sich nichts darunter vorstellen. Dagegen meinte man, das Paradies der Assassinen konkret greifen zu können: Du liegst auf seidenen Kissen unter Bananenbäumen, und vor dir erscheint ein Fluss aus Milch und Seen von Lavendel, und märchenhafte Wesen schön wie der Jüngste Tag kredenzen dir Wein aus goldenen Kelchen, und dazu erklingt zauberhafte Musik, und dahinten steht noch ein Rosenstrauch und, und, und. Das ist der Paradiesgarten – nur war unser Garten die Straße. Gelpke sagte uns: »Geht los, und fangt an zu bomben. Tötet! Tötet! Tötet! Die Zeit ist gekommen, denn diese westliche Gesellschaft ist so kaputt, dass sie mit einem letzten Gewaltstreich niedergerissen werden muss!« Darauf ist besonders Georg von Rauch abgefahren. Der meinte, das wäre ja noch viel besser als die russischen Anarchisten, das sei die Steigerung! Als der sich das erste Mal einen Schuss Rohopium gesetzt hat, rief er: »Det is Opium? Dafür töte ich! Darum haben sie mich in meiner Jugend also auch noch betrogen!«
Nachdem Gelpke das Opium auf Anraten seiner Freunde wegen seines erhöhten Blutdrucks abgesetzt hatte, ist er rasch an einem Hirnschlag gestorben.

Meskalin-Demos

Auch wenn uns die Politheimer nicht mochten, so haben sie uns doch gern an Demonstrationen beteiligt. Wir waren militant, gewissermaßen der schwarze Block der 68er. Bevor wir zu Demonstrationen gegangen sind, von denen wir annahmen, sie könnten gewalttätig verlaufen, haben wir aggressive Musik gehört, sehr gern MC5 oder bestimmte Lieder von Jimi Hendrix. Dazu haben wir uns vollgeraucht und stellenweise Meskalin gedrückt, so, dass es gleich peng! machte und du einen absoluten Farbrausch hattest, sodass du auf den Demos kaum jemanden erkennen konntest. Die Welt hat sich in Farben aufgelöst. Und dann ist der ganze Trupp schreiend gegen die Polizei gerannt. So wie im Ersten Weltkrieg die Soldaten Schnaps als sogenanntes Offensivwasser bekamen, bevor sie aus ihren Schützengräben raussprangen, um in den Tod zu stürmen. Oder wie die Jagdflieger im Zweiten Weltkrieg Pervitin, also Speed nahmen, um angstfrei zu werden.
Und wir sind ohne Steine oder Knüppel losgelaufen. Du rennst auf die Polizeiketten zu und brichst da durch. Die dachten, da kommen Verrückte. Stimmte ja auch. Es entstand ein Schockmoment. Man musste sich irgendwie hineinsteigern. Nicht nur intellektuell, weil der Krieg in Vietnam schließlich ungerecht war. Davon waren ja alle überzeugt, die da demonstrierten. Und warum haben sie nichts unternommen? Bei uns entstand dagegen ein Allmachtsgefühl. Viele hat dieser Glaube an die Unbesiegbarkeit und an die Möglichkeit, so aus sich herauszuwachsen, dann dazu gebracht, sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen.
Und dann warst du plötzlich bewaffnet, die Leute um dich herum waren bewaffnet, und es ist klar: Es gibt auch Tote. Hier wird jetzt wirklich geschossen, hier werden auch richtige Bomben geschmissen. Nicht mehr die selbstgebauten. Das ist ja das typische Junkieverhalten: dass du jedes Problem, das auf dich zukommt, mit noch mehr Drogen auslöschst. Noch einen Schleier drüberlegst, bis es verschwunden ist. Dann ist es gelöst.

Bewaffnung und Idiotie

Wir fingen also an uns zu bewaffnen. Wir fuhren nach Italien und trafen alte Partisanen, die gegen die Deutschen gekämpft hatten, und Alberto Franceschini und Renato Curcio, die gerade dabei waren, die Roten Brigaden zu gründen. Wir fuhren nach London und trafen die Angry Brigade, eine situationistische Terrorgruppe, die schon weiter war als wir, und auch irgendjemand von der IRA. Die rückten aber alle nichts raus, gaben uns lediglich Hinweise, wie man einfache Bomben bauen konnte, was wir aber schon wussten. In Westberlin bekamen wir regelmäßig Bomben von Peter Urbach gebastelt. Das war völlig problemlos, denn der war ja auch beim Verfassungsschutz, wie sich später rausstellte.
1969 fuhren Dieter Kunzelmann, seine Freundin Ina Siepmann, Georg von Rauch und Abi Fichter in einem Fordtransporter der TU Berlin über Italien und Jugoslawien nach Palästina. Gegen sie liefen in Westberlin Verfahren wegen Demos und Hausfriedensbruch. Als sie wieder in der Stadt waren, haben sie gesagt: »Der Guerillakampf, das ist es. Wir müssen jetzt den nächsten Schritt gehen.« Sie hatten kurze Haare, falsche Pässe und waren kaum noch für jemanden zu sprechen. Sie kamen sozusagen als Fremde wieder und nannten sich »Schwarze Ratten Tupamaros Westberlin«. »Schwarze Ratten«, weil die 883 die Drogenleute einmal als »Schwarze Ratten der Konterrrevolution « bezeichnet hatte, und »Tupamaros Westberlin«, um zu verdeutlichen, dass auch in Deutschland der Guerillakampf wie in Lateinamerika begonnen habe.
Und dann sollte am 9. November eine Bombe während einer Gedenkveranstaltung im Jüdischen Gemeindehaus detonieren, die dann aber zum Glück versagte. Und das am Jahrestag der Reichspogromnacht der Nazis von 1938 – diesen Wahn muss man sich einmal reinziehen! Thomas Weissbecker hatte Teile seiner jüdischen Familie im KZ verloren, und der machte mit. Abi Fichter ebenfalls. Eine vollkommen idiotische Aktion, die Ausdruck der Solidarität mit den Palästinensern sein sollte. Keiner von uns hatte davon Kenntnis, die »Tupamaros Westberlin« hatten uns nur geheimnisvoll angedeutet, dass »eine Aktion« geplant sei. In ihrer anschließenden Erklärung behaupteten sie, die »vom Faschismus vertriebenen Juden« seien »selbst Faschisten geworden, die in Kollaboration mit dem amerikanischen Kapital das palästinensische Volk ausradieren« wollten. Das war die fixe Idee von Dieter Kunzelmann, der das bis heute abstreitet. Er hat die Juden schon immer gehasst. Das war und ist eine seiner Neurosen. Vielen Linken hat dieser antisemitische Wahn aber lange Zeit eingeleuchtet. Kein Wunder, sie kamen ja auch aus Deutschland.

Im Knast vor sich hin giften

Von uns kamen einige ins Gefängnis: wegen Drogen, wegen der Anschläge oder weil jemand wie Karl Pawla in den Gerichtssaal geschissen hatte. Ich wurde verhaftet, nachdem ich mit Thomas Weissbecker und anderen den Quick-Reporter Horst Rieck verprügelt hatte. Dem warfen wir vor, dass er tendenziös über die Haschrebellen berichtet hätte. Da wurde ich aber schon wegen anderer Dinge gesucht. Rieck hat dann Ende der 70er-Jahre zusammen mit Kai Hermann die Fixer-Geschichte von »Christiane F.« zum Bestseller gemacht hat.
Von Februar 1970 bis Sommer 1971 saß ich nun in Moabit und in Plötzensee. Im Knast befanden sich exakt drei Leute, mich eingeschlossen, die sich mit Rauschgift auskannten, die schon einmal Haschisch geraucht oder Opiate gedrückt hatten. Der Rest war eine ganz andere Abteilung Jugendlicher als wir ehemalige Gammler: Autoknacker, Sexualstraftäter, Einbrecher. Die hatten mit der ganzen Kiffszene nichts zu tun.
Damals hat man im Knast noch alle möglichen Tabletten gekriegt. Das war Bestandteil der Knastpolitik. Da konntest du abends sagen, du willst Valium haben. Da haben die gesagt: Na bitte schön. Du konntest sognoch zum Sanitäter gehen und sagen, du hast starke Rückenschmerzen. Prompt gaben sie dir Dolantin, synthetisches Morphium. Das sind diese weißen Tabletten, die Hermann Göring während der Nürnberger Prozesse auch immer geschluckt hat. Und wenn man gemerkt hat, hier ist ein neuer Nachtarzt, ein jungscher, hat man sich besonders gefreut. Dann haben wir uns Morphinampullen von dem geben lassen. Du hast nachts einfach Alarm gemacht. Dann kam einer, und dem hast du erzählt, du hast Nierenschmerzen und hältst das nicht mehr aus. Nur damit du ruhig bist, haben die dir Morphium gegeben. Du kanntest die Symptome und konntest denen auch richtig was vorspielen. Darin sind Junkies Meister. Spritzen hast du auch gekriegt. So konntest du im Knast in aller Ruhe vor dich hin giften.
Ab und zu hat unser Besuch einmal etwas mitgebracht. Am Anfang haben mir die berühmten Terroristenanwälte das noch reingetragen. Aber um uns drei kontinuierlich zu versorgen, mussten auch unsere Mithäftlinge ran. Die haben ihren Bekannten gesagt: »Bring mir mal was mit. Die geben mir Geld dafür.« Wir haben Drogen gegen Kaffee und Tabak getauscht. Das war alles noch recht human. Das wurde auch nicht kontrolliert, im Gegenteil. Die Sanitäter und Wärter haben dir alles nachgetragen. Die haben höchstens auf Alkohol geachtet, haben das nicht geschnallt. Da hat niemand durchgeblickt.

Keine Basis, aber auch keine RAF

Als ich Mitte 1971 aus dem Knast kam, hatte sich die linksradikale Szene gewandelt. Es ging nicht mehr so locker zu, die Leute waren härter drauf und damit auch verbohrter. Die Basis der Haschrebellen war mittlerweile auf Heroin. Mal auf lange Sicht betrachtet: Ich schätze, dass von den 120 Haschrebellen, der erweiterte Kreis derer, die in den 60ern anfingen, mit Drogen zu experimentieren, heute weniger als zehn noch leben. Der harte Kern aber fuhr damals seinen eigenen Film. Meine Freunde verfügten mittlerweile schon über Knarren, illegale Wohnungen und fuhren in geklauten Autos dem allgemeinen Aufstand entgegen, wie sie meinten.
1970 hatte sich die RAF gegründet. Im Mai war Andreas Baader befreit worden, im Juni in der 883 der erste RAFText »Die rote Armee aufbauen!« erschienen. Während ich im Gefängnis war, hatten meine Genossen Verhandlungen mit der RAF geführt. Die hätten uns gern dabeigehabt, aber wir waren zu antiautoritär, um uns als »Leninisten mit Knarre« (Andreas Baader) begreifen zu wollen. Und über die Frage, wie man mit Drogen umgehen sollte, bestand keinerlei Konsens. Wir propagierten sie, in der RAF waren sie streng verboten.
Darüber haben wir lange und vergeblich mit Gudrun Ensslin diskutiert. Sie behauptete: »Mit Haschisch ziehst du deine Knarre langsamer als ohne Haschisch. Wir haben es ausprobiert.« Die RAFler durften also kein Haschisch rauchen, weil man bekifft nicht schnell genug töten kann. Ein paar RAF-Mitglieder haben das dann heimlich doch getan. Und Baader hat immer Speed-Tabletten, also Captagon, gefressen. Bei der RAF herrschte eine ähnliche Doppelmoral wie auch in der übrigen Gesellschaft.

Illegalität: Nur abends sniefen

Das Konzept der RAF war, für den bewaffneten Kampf auf alles zu verzichten. Die waren mit der Baader-Befreiung schlagartig fast alle illegal geworden. Die Überreaktion des Staats hat zwar noch jahrelang alles am Laufen gehalten, aber letztendlich war sie erfolgreich, denn wenn du illegal bist, hast du keinen Zugriff mehr auf den Alltag und die Diskussion mit den Leuten, du befindest dich in einer schwachsinnigen Ausgangssituation.
Daraus hat die RAF eine Ideologie gebastelt, nach dem Motto: Das bessere Leben, die befreite Gesellschaft, fängt in der Illegalität an. Das ist deren große Lebenslüge. Denn in der Illegalität ist man in erster Linie unter Stress, weil man sich permanent gejagt fühlt, die Lage checken und sich dafür äußerlich anpassen muss. Die Kleidung, das Benehmen – du kannst da nicht mehr wie ein Freak rumlaufen. Und nicht mehr da hingehen, wo du vorher hingegangen bist, sondern musst dich da aufhalten, wo dich keiner kennt. Zu den Leuten, die nicht illegal sind, verlierst du jeden Kontakt. Deine Klientel steht auf der Straße, wird von dir aber nicht mehr erreicht. Du musst wieder ein Spießerleben führen, deine eigene vorwärts gewandte Entwicklung wieder rückgängig machen. Ich hab da noch einen draufgesattelt und auf Lockenkopf gemacht. Da ging es los mit Lippenstift und Lidschatten. Georg hatte zum Schluss schon orangefarbene Haare, richtig quietschorange. Allgemein bist du permanent auf der Hut, darfst zwischendurch nicht absacken. Schlafen kommt dir schon gefährlich vor.
Wir wollten anfänglich versuchen, legal zu bleiben, aber dann ist es uns nach und nach genauso wie der RAF ergangen, und wir waren abgeschnitten. Ein Teil von uns hat das geblickt und ist ausgestiegen, die anderen haben weitergemacht und sind dann irgendwann im Knast gelandet.
In einer solchen Situation sollte man eigentlich auch keine harten Drogen nehmen. Denn man will die Dinge ja unter Kontrolle behalten. Als ich im Knast war, wurde meine Freundin Hella Maher zusammen mit Annekatrin Bruhn verhaftet. Die waren beide Junkies und haben dann auf Entzug ausgepackt in ihrem Voodoo. Danach habenwir beschlossen, dass wir bei Aktionen nüchtern sein müssen. Ein Banküberfall ist Minutenarbeit, Haschisch und Opiate deformieren dein Zeitgefühl. Da kann man nicht im Fluchtwagen durch die Gegend irren und zugeknallt denken, ist das herrlich, bei Sonnenschein Auto zu fahren. Bei uns sollten die Leute erst nach Feierabend ihren Joint rauchen oder etwas Heroin sniefen. Heimlich haben die meisten aber weitergedrückt.

Tripartig stoned: Georg von Rauch will sein
Auto und wird erschossen

Trotz aller guten Vorsätze waren wir eine völlig überdrehte Mannschaft. Durch unsere erfolgreichen Banküberfälle hatten wir reichlich Geld. Du hast da gar nicht gemerkt, dass du schon wieder drauf bist und das Zeug schon grammweise kaufst. Das war Augenwischerei, dass du dir gesagt hast: Jetzt sniefen wir nur ein bisschen, und zwischendurch rauchen wir Haschisch. Und auch nicht jeden Tag. Haben wir aber doch gemacht. So ist mein Freund Georg von Rauch auch gestorben. Am 4. Dezember 1971.
Trotz aller guten Vorsätze waren wir eine völlig überdrehte
Mannschaft. Durch unsere erfolgreichen Banküberfälle hatten wir reichlich Geld. Du hast da gar nicht gemerkt, dass du schon wieder drauf bist und das Zeug schon grammweise kaufst. Das war Augenwischerei, dass du dir gesagt hast: Jetzt sniefen wir nur ein bisschen, und zwischendurch rauchen wir Haschisch. Und auch nicht jeden Tag. Haben wir aber doch gemacht. So ist mein Freund Georg von Rauch auch gestorben. Am 4. Dezember 1971.
Wir waren wieder einmal völlig zugeraucht mit Marihuana und schon so dicht, dass gar keine Kommunikation mehr möglich war. An dem Tag lief in der Stadt eine Großfahndung. Georg ist gekommen und hat gesagt, wir müssten die Autos umsetzen. Da habe ich ihm geantwortet: »Lass die Polizei doch die Autos finden. Scheißegal, klauen wir eben neue.« Darauf er: »Nein, ich will meinen Fordbus haben. Damit habe ich fahren gelernt, bin bis nach Palästina gereist.« Der Fordbus stand am Winterfeldtplatz. Wir haben ihm nicht widersprochen, wir waren schon dermaßen trip-artig stoned, dass wir stattdessen sagten: »Damit du Ruhe gibst,stellen wir jetzt das Auto um.« Beim Fahren meinte einer: »Das ist eigentlich Wahnsinn, was wir hier treiben.« Trotzdem hat sich da niemand durchgesetzt, in einer Situation, in der es wirklich lebensbedrohlich war. Dann saßen wir im Ford, und plötzlich standen die Bullen neben uns, weil sie den Ford natürlich schon observiert hatten. Sie haben ihre Pistolen gezogen und wir unsere, in einer vollkommen aussichtslosen Lage. Eine Schießerei ging los, und auf einmal lag Georg am Boden. Ich habe in meinem Drogenzustand richtig gesehen, wie die Kugel durch seinen Kopf geschlagen ist. Das ist ein Bild, das frisst sich in dein Gehirn und bleibt da bis zum Ende deines Lebens. Alle waren perplex, und ich bin dann zu Fuß geflüchtet. Ich weiß noch, bei der Schießerei stand in der Nähe ein Türke rum, der hat sich gefreut, dass was los war. Der war bis oben hin zugeraucht, völlig absurd.
Hinterher haben wir in unserer Propaganda behauptet, dass Georg von den Bullen erschossen worden wäre. Stimmte zwar, nur hat er auch gezogen und geschossen.
Die Drogen führen dich in eine Leck-mich-am-Arsch- Haltung. Auch wenn du noch dein Handeln als falsch erkennst – du stellst es nicht ab. Das ist der Nachteil an Drogen. Du trittst immer weiter hinter dein Wissen und Können zurück. Das ist keine Selbstüberschätzung, sondern vollkommene Selbstaufgabe. Du realisierst, was passiert, aber du stellst es nicht mehr ab. Du kannst es auch nicht mehr. Dein Steuermechanismus fällt aus. Das Zeug steuert dich. Wie einen Sklaven, der an irgendeiner Kette hängt und mitgezogen wird.