Paul Klee. Engel

Frühe Engel

  • Paul Klee  Weihnachtsbaum mit Christkind u. Eisenbahn, 1884
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  • Paul Klee  Ein Engel überreicht das Gewünschte, 1913
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Aus Paul Klees Kindheit sind vier Blätter erhalten, die er als etwa Fünfjähriger zeichnete. Viele Jahre später wurden diese frühen Arbeiten zu Vorlagen für Klees Engelbilder der letzten Schaffensphase.

In den ersten Darstellungen von Engeln in Klees reifem Werk sind Parodien auf die christliche Ikonografie zu finden. Sie beziehen sich ironisch auf die Typologie des Engels der Verkündigung und die klassische Repräsentation des Engels als Götterbote, was sich auch in Titeln wie Ein Engel überreicht das Gewünschte, Himmlischer Eilbote oder Ein Genius serviert ein kleines Frühstück (nach1915/29) widerspiegelt.

Trunkene Engel und Schutzengel

  • Paul Klee trinkender Engel 1930
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  • Paul Klee in Engelshut 1931
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  • Paul Klee bestandenes Abenteuer 1931
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In den Jahren seines Wirkens am Bauhaus in Weimar und Dessau malte Paul Klee keine Engel. Erst am Ende seiner Lehrtätigkeit treten sie wieder in Erscheinung, zunächst als trinkender Engel. In einer Serie von sechs Zeichnungen variierte Klee 1931 das Thema des Schutzengels. Die Blätter Engelshut zeigen drei in ein mehrschichtiges Linien- und Farbgeflecht eingebundene Figuren.

In der wenig später entstandenen Zeichnung bestandenes Abenteuer erscheint der Schutzengel in abstrahierter Form und nimmt sich, von oben herabschwebend, einer am Boden liegenden Figur an.

Klee greift die Thematik acht Jahre später noch einmal auf. In unter grossem Schutz bezieht er sich mit seinem mächtigen Engel auf die christliche Ikonografie der Schutzmantelmadonna, unter deren Gewand Bedürftige Zuflucht finden.

Zwischen Gut und Böse

  • Paul Klee, Sturz, 1933, 46 (M 6), Zentrum Paul Klee, Bern
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  • Paul Klee Angelus militans 1939
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  • Paul Klee angelus dubiosus 1939
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1933, im Jahr der Machtübernahme der Nationalsozialisten, enthüllen die Engel von Paul Klee eine abgründige Seite. In der Pinselzeichnung Sturz scheint ein fratzenhaftes geflügeltes Wesen auf den Betrachter herabzufallen.

Für den gefallenen Engel interessiert sich Klee auch in den Folgejahren. Bildnerisch zeigt sich bei ihm die Verschränkung von Gut und Böse in der ständigen Verwandlung von Linien und Formen: In Blättern wie Schüsse in der Höhe, Anfall oder Angelus militans sind geflügelte Wesen in Szenen der Aggression verstrickt; in Aquarellen wie angelus dubiosus und Daemonie verbirgt sich das Böse hinter Flügeln und Händen.

Engel im Werden I

  • Paul Klee Engel im Werden 1934
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  • Paul Klee unfertiger Engel 1939
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  • Paul Klee mehr Vogel 1939
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Charakteristisch für Klees Engelbilder ist der prozessuale Charakter ihrer Entstehung. Anschaulich wird dies in der einzigen abstrakten Engelkomposition, dem Ölgemälde Engel im Werden: Ein rotes Kreuz auf blauem Grund markiert den Ort der Entstehung des Engels, dessen Gestalt in einem Kreis und nach oben ausschwingenden Linien und Formen angelegt ist. Das abstrakte Werk nimmt den Gehalt jener Engelbilder vorweg, mit denen Klee vier Jahre später begann: So muss sich etwa in der Zeichnung unfertiger Engel die Gestalt des geflügelten Wesens erst noch entfalten. Dieser Formbildungsprozess enthüllt sich auch in Gruppen von Zeichnungen, die Klee mit fortlaufenden Nummern in seinen Werkkatalog eintrug. ManchmaI bietet schon der Titel eine Assoziation zum Engelwesen, manchmal erschließt sich der Zusammenhang erst über das Motiv, beispielsweise in Werken wie befruchtet, Getier oder mehr Vogel.

Irdische Engel

  • Paul Klee altkluger Engel 1939
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  • Paul Klee, vergesslicher Engel, 1939, 880 (VV 20), Zentrum Paul Klee, Bern
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  • Paul Klee (1879-1940) Engel, noch weiblich, 1939 1016 Kreide auf Grundierung auf Papier auf Karton, 41,7 x 29,4 cm © Zentrum Paul Klee, Bern
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Die Engel in Paul Klees letzten zwei Schaffensjahren sind Wesen einer Zwischenwelt, der sich der Künstler – von Krankheit gezeichnet – selbst zugehörig fühlte. Mit ihren kleinen Schwächen und Unzulänglichkeiten erscheinen sie weniger metaphysisch als irdisch, ja menschlich. Sie haben nicht nur häufig Gesichter, Arme und Beine: Sie sind auch »noch hässlich« oder »altklug«, geben sich »sinnend«, »vergesslich« oder »zweifelnd«. Ohne wirklich eine religiöse Bedeutung zu haben, können Klees Engel auf die christliche Ikonografie, aber ebenso auf Mythen, literarische Vorbilder oder auf das Volkstheater Bezug nehmen. Bisweilen mutieren sie gar zum christlichen Gespenst. Sie sind auch nicht immer geschlechtslos wie die Engel des christlichen Kanons, sondern lassen manchmal – wie in Engel, noch weiblich oder Koketter Engel mit Locken – verschmitzt ihre Reize spielen.

Späte Engel

  • Paul Klee Ohne Titel (Letztes Stilleben), 1940
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  • Paul Klee Engel, noch hässlich 1940
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  • Paul Klee Ohne Titel (Todesengel), um 1940
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Zum Ende des Jahres 1939 und während des letzten Schaffensjahres 1940 verdichtet Paul Klee seine Engeldarstellungen materiell wie inhaltlich: Nicht nur stellt er neben die zarten Umrisszeichnungen einige farbintensive Aquarelle und Gemälde und reflektiert in dem Ölbild Letztes Stilleben die eigene Zeichnung Engel, noch hässlich neu. Klees späte Engelbilder werden auch zu eindrücklichen Zeugnissen der Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen. Sie handeln von Zweifel und Zuversicht, Vergänglichkeit und Transzendenz. Selbst schwer krank, formuliert und konfrontiert Klee in dem Bild Todesengel ein nicht fassbares Geistwesen mit dunklen Augenhöhlen. Doch stellt er dem drohenden Verschwinden mit seiner klaren, prägnanten Komposition Hoher Wächter auch ein letztes Mal das Moment von Wehrhaftigkeit und Widerstand entgegen. Wieder erscheint der helle Engel als Beschützer in der Not, als Kämpfer gegen die Finsternis.

Engel der Geschichte I

  • Paul Klee Angelus novus, 1920
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Paul Klees bekannteste Engeldarstellung ist die 1920 entstandene Ölpausezeichnung Angelus novus (heute: The Israel Museum, Jerusalem). Für den Philosophen Walter Benjamin, der das Werk 1921 erwarb und sich auch nach 1933, trotz Flucht und Exil, lange nicht von dem Blatt trennte, wurde dieser »neue« oder »junge« Engel zur Projektionsfläche für vielschichtige Reflexionen. Sie mündeten in die berühmt gewordene Interpretation in Benjamins Text »Über den Begriff der Geschichte« (1940). In ihm wird der Angelus novus als »Engel der Geschichte« gedeutet, was Klees Zeichnung den Status einer »linken Ikone« verlieh.
Der Angelus novus wurde auch zum Ausgangspunkt für zahlreiche musikalische Kompositionen unterschiedlichster Künstler. Einige davon sind in der Ausstellung zu hören.

Engel der Geschichte II

  • Cherubino Alberti (1553-1615) (nach Pellegrino Tibaldi) Der Erzengel Raphael führt Tobias, 1575 © Hamburger Kunsthalle /bpk Photo: Christoph Irrgang
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  • Philipp Otto Runge (1777-1810) Der Kleine Morgen, 1808  Öl auf Leinwand, 109 x 85,5 cm © Hamburger Kunsthalle/bpk Photo: Elke Walford
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Das Motiv des Engels existiert in den verschiedensten Kulturen und ist mit den unterschiedlichsten Bedeutungen verknüpft. Unser Kulturkreis greift zurück auf persische, ägyptische, griechisch-römische und jüdische Vorstellungen von geflügelten Wesen, doch speist sich die christliche Bildtradition des Engels vor allem aus dem Alten und Neuen Testament und außerkanonischen Schriften. Im Christentum hatten Engel von jeher große Bedeutung.

Rund vierzig Werke aus dem Bestand der Hamburger Kunsthalle, Bilder aus sechs Jahrhunderten und verschiedenen Ländern, stehen hier beispielhaft für diese Tradition. Engel wurden als Mittler zwischen Gott und Mensch, zwischen Himmel und Erde verstanden, als Boten Gottes und Verkünder seines Willens. Sie erscheinen als Wächter und Schutzfiguren, als Tröster und Seelenbegleiter des Menschen bis in den Tod, aber auch als Rächer, Richter und Vollstrecker des Weltgerichts.

Die Engeldarstellungen von Paul Klee – einem nichtgläubigen Protestanten – haben Wurzeln in dieser vielfältigen Vorstellungs- und Bildtradition, sprechen aber doch eine individuelle Sprache. Klee zitiert wohl den Boten und Beschützer, den kämpferischen, gefallenen oder erotischen Engel, für Hierarchien und Heerscharen interessierte er sich aber zum Beispiel nicht, selten zeichnete oder malte er mehr als ein Flügelwesen. Zutiefst vereinzelt, mit Ironie und Lebenswillen bewaffnet, stehen Klees Engel in der Welt – dem auf sich selbst zurückgeworfenen modernen Menschen mehr verwandt als einem allmächtigen Gott.

Engel im Werden II

  • Kinderzeichnung
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  • Kinderzeichnung
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  • Kinderzeichnung
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Kinderzeichnungen hat Paul Klee hohen Wert beigemessen; die eigenen frühesten Arbeiten nahm er sogar in den von ihm verfassten Werkkatalog auf. In den Kabinetten der Ausstellung zeigen wir ENGEL IM WERDEN: Werke von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die zur Ausstellung, in Kursen und Workshops entstehen. Auch Sie sind eingeladen direkt vor Ort ihren Engel zu gestalten.  Eine Auswahl dieser engelsgleichen Wesen zeigen wir wöchentlich wechselnd hier in der Online-Engel-Galerie.

Online-Engel-Galerie im Werden

Die hier gezeigten Werke entstehen zur Klee-Ausstellung in Kursen, Workshops und vor Ort.

 

Bildnachweis


  • 1 Paul Klee
    Weihnachtsbaum mit Christkind u. Eisenbahn, 1884,
    3 und Weihnachtsbaum Christkind u Uhr, 1884, 4,
    Bleistift und Kreide auf Papier auf Karton, zweiteilig
    24 x 32 cm
    Zentrum Paul Klee, Bern
  • 2 Paul Klee
    Ein Engel überreicht das Gewünschte, 1913, 138
    Feder auf Papier auf Karton
    12,8 x 19,8 cm
    Privatbesitz
  • 3 Paul Klee
    trinkender Engel, 1930, 239
    Aquarell und Kleisterfarbe auf Papier auf Karton
    48,5 x 30,4 cm
    Privatsammlung, Bern
  • 4 Paul Klee
    in Engelshut, 1931, 55
    Feder auf Papier auf Karton
    42,1 x 49,1 cm
    Solomon R. Guggenheim Museum, New York, Estate
    of Karl Nierendorf, By purchase 48.1172.486
  • 5 Paul Klee
    bestandenes Abenteuer, 1931, 136
    Feder und Pinsel auf Papier auf Karton
    42/42,2 x 51,5 cm
    Privatsammlung, Bern
  • 6 Paul Klee
    Sturz, 1933 46
    Pinsel auf Papier auf Karton,
    31,3/31,6 x 47,5 cm
    © Zentrum Paul Klee, Bern
  • 7 Paul Klee
    Angelus militans, 1939, 1028
    Kreide auf Papier auf Karton
    44,3 x 29,9 cm
    Zentrum Paul Klee, Bern
  • 8 Paul Klee
    angelus dubiosus, 1939, 930
    Aquarell auf Papier auf Karton
    29,5 x 21 cm
    Zentrum Paul Klee, Bern
  • 9 Paul Klee
    Engel im Werden, 1934, 204
    Ölfarbe auf Grundierung auf Leinwand auf Holz;
    rekonstruierter Rahmen
    51 x 51 cm
    Privatbesitz Schweiz, Depositum im Zentrum Paul
    Klee, Bern
  • 10 Paul Klee
    unfertiger Engel, 1939, 841
    Bleistift auf Papier auf Karton
    29,5 x 21 cm
    Zentrum Paul Klee, Bern
  • 11 Paul Klee (1879-1940)
    mehr Vogel, 1939 939
    Bleistift auf Papier auf Karton,
    21 x 29,5 cm
    Zentrum Paul Klee, Bern
  • 12 Paul Klee
    altkluger Engel, 1939, 873
    Bleistift auf Papier auf Karton
    29,5 x 21 cm
    Zentrum Paul Klee, Bern
  • 13 Paul Klee (1879-1940)
    vergesslicher Engel, 1939 880
    Bleistift auf Papier auf Karton,
    29, 5 x 21 cm
    Zentrum Paul Klee, Bern
  • 14 Paul Klee (1879-1940)
    Engel, noch weiblich, 1939 1016
    Kreide auf Grundierung auf Papier
    auf Karton, 41,7 x 29,4 cm
    Zentrum Paul Klee, Bern
  • 15 Paul Klee (1879-1940)
    Ohne Titel (Letztes Stilleben), 1940
    Werknummer nicht vorhanden
    Ölfarbe auf Leinwand,
    100 x 80,5 cm
    Schenkung Livia Klee
    Zentrum Paul Klee, Bern
  • 16 Paul Klee
    Engel, noch hässlich, 1940, 26
    Bleistift auf Papier auf Karton
    29,6 x 20,9 cm
    Zentrum Paul Klee, Bern
  • 17 Paul Klee
    Ohne Titel (Todesengel), um 1940
    Ölfarbe auf Leinwand
    51 x 66,4 cm
    Privatbesitz Schweiz, Depositum im Zentrum Paul
    Klee, Bern
  • 18 Paul Klee
    Angelus novus, 1920, 32
    The Israel Museum, Jerusalem, Schenkung John und Paul Herring, Jo Carole und Ronald Lauder, Fania und Gershom Scholem
  • 19 Cherubino Alberti (1553-1615)
    (nach Pellegrino Tibaldi)
    Der Erzengel Raphael führt Tobias, 1575
    Kuperstich, 317 x 212 mm
    © Hamburger Kunsthalle /bpk
    Photo: Christoph Irrgang
  • 20 Philipp Otto Runge (1777-1810)
    Der Kleine Morgen, 1808
    Öl auf Leinwand, 109 x 85,5 cm
    © Hamburger Kunsthalle/bpk
    Photo: Elke Walford
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