Besser scheitern

Film + Video

1. März bis 11. August 2013
Galerie der Gegenwart, Sockelgeschoss

Werke in der Ausstellung

Ever tried. Ever failed. No matter.
Try again. Fail again. Fail better.

Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei.
Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.

Samuel Beckett, WorstwardHo, 1983

Für Versagen, Fehlschläge und Niederlagen bleibt in unserer heutigen Erfolgsgesellschaft, im Zeitalter der Machbarkeit und Fortschrittsgläubigkeit, wenig Raum. Leistung, Effizienz und Erfolg sind gefragt. Kein Wunder, dass der amerikanische Soziologe Richard Sennett das Scheitern einmal als das große Tabu der Moderne bezeichnet hat. Über das Scheitern, insbesondere das persönliche Scheitern, wird ungern gesprochen, impliziert es doch das Eingeständnis einer Grenzerfahrung, bei der nichts mehr so ist, wie es vorher war. Doch bedeutet Scheitern zwangsläufig Misslingen? Es liegt gerade in der Paradoxie des Scheiterns, dass Zusammenbruch und Neubeginn, Resignation und Hoffnung zusammenfallen: So kann sich aus der scheinbaren Niederlage auch etwas ungeahnt Neues, Anderes entwickeln.

 

Marina Abramović (*1946)  Art must be beautiful, Artist must be beautiful, 1975,Marina Abramović (*1946)

Art must bebeautiful, Artist must be beautiful, 1975, 1-Kanal-Video, schwarz-weiß, Ton, 14'06"
Hamburger Kunsthalle

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In nicht enden wollender Kontinuität fährt sich Marina Abramović in ihrer Performance mit Metallbürste und Metallkamm durch die Haare. Während dieser Handlung, deren Autoagression sich sukzessive steigert, wiederholt sie die Sätze „Art must be beautiful" und „The artist must be beautiful". Je mehr sie aber diesen Idealen entgegenzukommen sucht, umso mehr wird die Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen evident: Die Haare geraten zunehmend aus der Form und ihr schmerzverzerrtes Gesicht lässt die sich selbst zugefügte Pein erkennen. Vor dieses Paradox gestellt, drängt sich dem Betrachter die Frage auf, inwieweit Schönheit ein notwendiges oder umgekehrt störendes Element im ‚Betriebssystem' Kunst darstellt: Wird man als Künstlerin ernst genommen, wenn man Schönheitsidealen entspricht, die Frauen außerhalb des künstlerischen Kontextes abverlangt werden? Und ist Schönheit ein taugliches Kriterium für die Bewertung guter Kunst? Abramović löst den Widerspruch zwischen verbalisiertem Anspruch und vorgeführter Handlung im Laufe der Performance nicht auf, sondern pointiert den Konflikt, indem sie die Erwartungshaltung fortlaufend und so lange ausspricht, „bis ich", wie sie selbst betont, „mein Haar und Gesicht zerstört habe".


Vito Acconci (*1940)  Turn On, 1974, Vito Acconci (*1940)

Turn On, 1974, 1-Kanal-Video, schwarz-weiß, Ton, 20' 1-Kanal-Video, schwarz-weiß, Ton, 20'
Hamburger Kunsthalle

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In Vito Acconcis Arbeit Turn On setzt sich der Künstler in Gesten radikalen Entzugs und extremer Konfrontation mit dem Betrachter auseinander. Über lange Strecken kehrt Acconci dem Zuschauer den Rücken zu, so dass einzig dessen Kopfhaare in Nahsicht sichtbar werden. Als einzige zusätzliche Information nimmt man die allmählich sich dramatisierenden Melodien wahr, die der Künstler unablässig vor sich hin summt. Mit Acconcis wiederholter Umwendung und Fixierung des Zuschauers kippt das Video in das andere Extrem einer unausweichlichen physischen Präsenz. Die an sein Gegenüber gerichteten Worte Acconcis zeugen jedoch einzig vom Unvermögen einer tatsächlichen Begegnung. Der jeweils neue Versuch einer Begegnung – so vergeblich er auch bleibt – wirft den Betrachter auf sich selbst zurück, indem er sich der latenten Aggression in der Beziehung zwischen Künstler und Betrachter bewusst wird und dazu angehalten ist, seine eigene Rolle innerhalb jenes Wechselverhältnisses zu reflektieren.

Bas Jan Ader (1942-1975)  Fall 2, Amsterdam, 1970Bas Jan Ader (1942-1975)

Fall 2, Amsterdam, 1970, 16 mm Filmprojektion, schwarz-weiß, ohne Ton, 19"

Courtesy Mary Sue Ader-Andersen/Bas Jan Ader Estate at the Patrick Painter Inc., Los Angeles

You Tube Video


Bas Jan Ader
Fall 1, Los Angeles, 1970, 16 mm Filmprojektion, schwarz-weiß, ohne Ton, 24"
You Tube Video

Bas Jan Ader
Broken fall (geometric), Westkapelle, Holland, 1971, 16 mm Filmprojektion, schwarz-weiß, ohne Ton, 1'49"
You Tube Video

Bas Jan Ader
Broken fall (organic), Amsterdamse Bos, Holland, 1971, 16 mm Filmprojektion, schwarz-weiß, ohne Ton, 1'44"
You Tube Video

 

Ein wesentlicher Werkkomplex des Künstlers Bas Jan Ader widmet sich dem Fallen. In mehreren kurzen, schwarz-weißen 16 mm-Filmen machte sich der Künstler zu Beginn der 1970er Jahre selbst zum Objekt der Darstellung. So balanciert er mit einem Stuhl auf dem Dachfirst seines Hauses, verliert sein Gleichgewicht und fällt, er stürzt auf dem Fahrrad in eine Gracht in Amsterdam oder er versucht sich - in Konfrontation mit den Gesetzen der Schwerkraft - so lange wie möglich an einem Ast festzuhalten bevor er herabstürzt. Ader selbst brachte den Begriff des Fallens (falling) mit dem Scheitern (failing) in Verbindung. Das Motiv des Falls diente ihm als Metapher des Scheiterns und der instabilen, gefährdeten Existenz des Menschen.Obwohl Aders Filme lapidar und nüchtern wirken, weisen sie komplexe Bezüge auf. So kann Broken fall (geometric), Westkapelle, Holland (1971) als Referenz auf das Werk seines Landsmanns Piet Mondrian gelesen werden. Der Leuchtturm der Westkapelle von Domburg spielt bei Mondrian eine wichtige Rolle. Dessen „In-Sich-Ruhen" und dem Streben nach „absolutem Gleichgewicht" setzt Ader jedoch genau das Gegenteil entgegen: Mit dem Fallen/Stürzen artikuliert er seine Skepsis in Bezug auf künstlerisch-existentielle Utopien von Harmonie, Ausgeglichenheit und Balance.


Bas Jan Ader (1942–1975)
In Search of the Miraculous, 1975 (unvollendet/unfinished), Dokumentationsmaterial und Sound Piece Archiv Paul Andriesse, Amsterdam

Der Fall und der Schiffbruch sind die beiden zentralen Metaphern des Scheiterns. Sie bestimmen auch das Werk von Bas Jan Ader. Der 33-jährige Künstler und erfahrene Segler stach im Juli 1975 mit seinem Boot Ocean Wave von Cape Cod, Massachusetts, Richtung England in See. Für Ader war dieser Segeltörn sowohl der Versuch, den Weltrekord für eine Ein-Mann-Überquerung des Atlantiks im kleinsten Boot aufzustellen als auch Bestandteil einer unvollendet gebliebenen Arbeit mit dem Titel In Search of the Miraculous (1975). Bas Jan Ader sollte von dieser Reise nie zurückkehren. Drei Wochen nach der Abreise brach der Radarkontakt ab; ein Jahr später wurde das Wrack seines Schiffes vor der Küste Irlands entdeckt, von Ader fehlte jede Spur. Die sehnsuchtsvoll-romantische Suche nach dem „Wunderbaren" (miraculous) wurde durch Aders Verschwinden auf See zur Parabel auf die Verletzlichkeit und das Scheitern des Menschen.

Vitrine:

Die Galerie Art & Project veröffentlichte im Juli 1975 ein noch von Ader vor seiner Abreise gestaltetes Galeriebulletin. Die Umschlaginnenseite zeigt ein Schwarzweißfoto von Ader in seinem Boot – eine (letzte) Fotografie, die Aders Ehefrau Mary Sue bei seiner Abreise gemacht hatte. Auf der Rückseite befindet sich eine Notenpartitur zu dem Seemannslied Life on the Ocean Wave. Dieses und weitere Lieder wurden von einem Chor gesungen bei der Eröffnung der Ausstellung In Search of the Miraculous in der Claire Copley Galerie, Los Angeles, am 22. April 1975.

 

Francis Alÿs (*1959)  Rehearsal I, 1999-2004Francis Alÿs (*1959)

Rehearsal I, 1999-2004, Installationmit fünf Bilschirmprojektionen (Caracoles, 1998-2004, 4' 20"/ Ensayo I,Tijuana, México, 2000, 2004, 29' 20"/ Perro-Pelota, 2000, 1'50"/ Maqueta parael Ensayo I, 1999, 15' 20"), Farbe, Ton + Dokumentationen

Politics of Rehearsal, 2005-2007, in collaboration with Performa, Rafael Ortega and Cuautémoc Medina, New York City, 30'
Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich


In einer Siedlung am Rande von Tijuana im Norden Mexikos versucht ein roter VW-Käfer wiederholt einen Hügel heraufzufahren – vergeblich. Diese gleichsam moderne, motorisierte Version des Sisyphos wird von einer Blaskapelle, die einen Danzón einübt, bestimmt: Spielen die Musiker, so fährt der Käfer den Hügel hinauf, verspielen sie sich, brechen ab oder stimmen ihre Instrumente, so rollt er wieder hinab. Dadurch entsteht eine Pendelbewegung, in der der Fortgang der Geschichte aufgehoben und der Augenblick des Vollzugs immer weiter aufgeschoben wird. Ein Junge, der eine Plastikflasche über die Straße kickt, ein Hund der immer und immer wieder nach einem Ball läuft – alles dies sind Handlungen, die zu nichts führen, die wie in einer Probe (Rehearsal) gefangen und sich selbst genug sind. Wie kaum ein anderer hat der belgische Künstler Francis Alÿs, der seit den späten 1980er Jahren in Mexiko-Stadt lebt, die Magie und Metaphorik des permanenten Erprobens und des vergeblichen Bemühens in das Zentrum seines künstlerischen Werks gestellt. Ist der Vollzug einer Handlung, die Durchführung eines Plans, wirklich ein Erfolg? Müssen wir uns vielleicht Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen, wie es Albert Camus in seiner Schrift Der Mythos des Sisyphos (1942) formulierte?


John Baldessari (*1931)  Teaching a Plant the Alphabet, 1972John Baldessari (*1931)

Teaching a Plant the Alphabet, 1972, 1-Kanal-Video, schwarz-weiß, Ton, 18'
Hamburger Kunsthalle

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Wie in einer Lehrsituation hält John Baldessari, gleichsam in der Rolle eines Lehrers, Tafeln mit Buchstaben des Alphabets vor eine kleine Topfpflanze. Dass diese durchgängig stumm und ohne sichtbare Reaktion bleibt, bedarf kaum der Erwähnung. Offenkundig handelt es sich hier um ein Lehrspiel, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Dennoch hält der Künstler hartnäckig daran fest, auch innerhalb des offenkundig Vergeblichen nichts unversucht zu lassen. Und gerade im Unvermögen scheinen neue Erkenntnisse durch: So wird nicht zuletzt die künstliche Seite der Sprache, die ihr zugrunde liegende Struktur eines Zeichensystems, deutlich. Wieso sonst erwiese sich die Topfpflanze als so ungeeignet für Baldessaris Übung?

Guy Ben-Ner (*1969)  If only it was as easy to banish hunger by rubbing the belly as it is to masturbate, 2009Guy Ben-Ner (*1969)

If only it was as easy to banish hunger by rubbing the belly as it is to masturbate, 2009, 1-Kanal-Video, Farbe, Ton, 16'30"
Courtesy the artist and Konrad Fischer Galerie, Düsseldorf/Berlin


Guy Ben-Ner hat sich international einen Namen gemacht mit gleichermaßen skurrilen wie philosophischen Kurzfilmen, in denen er seine eigene Lebenssituation als Künstler und Familienvater mit großen Figuren der Weltliteratur (Moby Dick, Robinson Crusoe u.a.) in Verbindung brachte. Wenngleich nun nicht mehr länger seine inzwischen erwachsenen Kinder mitwirken, so ist auch dieser Film eng verbunden mit dem Künstler selbst. Es ist seine Midlife-Krise, die eine Reflexion des bisherigen Lebenswegs mit sich bringt. Das geschieht in Form eines road movies, in dem der Protagonist (Guy Ben-Ner selbst) und sein Reise-Kompanion (Joe Thompson, Direktor des Massachusetts Museum of Contemporary Art) durch die Zeit mäandern: Per Flugzeug, Auto und Tandem. Auch Verkehrsunfälle werden stoisch ertragen und können der permanenten Wanderschaft nichts anhaben. Guy Ben-Ner verbindet hier seine persönliche Geschichte (die eigene Scheidung) mit berühmten Zitaten aus der Welt- und Reiseliteratur (z.B. Cervantes: Don Quijote; Saint-Exupéry: Der kleine Prinz; Verne: In 80 Tagen um die Welt). Einem Stück von Beckett vergleichbar können die Figuren nichts vollenden; die Einlösung ihrer Pläne wird unendlich verschoben. Doch die Reise des Lebens geht trotz aller Widrigkeiten immer irgendwie weiter.


Tacita Dean (*1965)

Disappearance at Sea I, 1996,
16 mm Filmprojektion, Farbe, Ton, 14'

Courtesy the artist, Frith Street Gallery,
London and Marian Goodman Gallery, New York &Paris

Disappearance at Sea I (Verschollen auf See I) ist der erste Teil einer Trilogie von Tacita Dean, in der sie sich mit der rätselhaften Geschichte des Engländers Donald Crowhurst auseinandersetzt, der bei dem Versuch die Welt zu umsegeln (1968) tragisch scheiterte. Man sieht im Wechsel die betörend schönen Bilder des sich drehenden Lichtapparats eines Leuchtturms und den Meereshorizont im Abendlicht. Der Leuchtturm als äußerster Posten zwischen dem Festland und der unendlichen Weite des Meeres ist eine wichtige Orientierungshilfe des Menschen in Raum und Zeit – eine Hilfe, die den auf offener See treibenden und an "Zeitwahn" leidenden Segler Crowhurst vermutlich das Leben hätte retten können. Tacita Deans magische Filmbilder erschaffen eine erwartungsvolle Atmosphäre für eine rätselhafte Geschichte, die um Hybris und menschliches Scheitern, um Sehnsucht und Verlust kreist.

 

Rineke Dijkstra (*1959)

Ruth Drawing Picasso, 2009,
1-Kanal-Video, Farbe, Ton, 6'36"
Courtesy the artist and Jan Mot, Brussels/Mexico City

Der Blick der Schülerin Ruth fixiert einen Punkt außerhalb des Bildfelds. Und immer wieder senkt sie die Augen, um mit ihrem Stift auf ein Blatt Papier zu übertragen, was sie gerade gesehen hat. Dem Titel von Rineke Dijkstras Video ist zu entnehmen, dass es kein Geringerer als Pablo Picasso ist, mit dessen Werk sich Ruth in ihrem Übertragungsversuch befasst. Offensichtlich gehört sie zu einer Klasse, deren Schüler während eines Museumsausflugs zur eigenen künstlerischen Arbeit angehalten wurden. Die hohe Konzentration spricht aus ihrem Gesicht, wird aber auch für den Betrachter physisch erfahrbar durch die Geräusche, die der über das Papier fahrende Stift erzeugt. Die Haltung des Mädchens, ihr eingeschüchterter Blick und ihre immer wieder von außen unterbrochene Konzentration lassen kaum vermuten, dass ihr die gestellte Aufgabe leicht von der Hand ginge. Und doch kehren ihre Augen immer wieder zu diesem Werk zurück, immer wieder setzt sie mit ihrem Stift neu an. Dijkstras Video macht sowohl auf Picassos Original als auch auf Ruths Umsetzung neugierig – in dem Wissen, dass jede Übertragung, von wem auch immer sie stammt, nichts anderes als eine Übersetzung sein kann.

 

Tracey Emin (*1963)  Why I Never Became a Dancer, 1995Tracey Emin (*1963)

Why I Never Became a Dancer, 1995, 1-Kanal-Video, Farbe, Ton, 6'40"
Hamburger Kunsthalle

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Es sind intime Erinnerungen, die Tracey Emin in ihrem Video Why I never became a dancer dem Betrachter anvertraut. Sie spricht über ihre Jugend in dem kleinen Badeort Margate, dem Erwachen ihrer Sexualität und der Ausnutzung dieser sexuellen Neugier von Seiten älterer männlicher Partner. Getragen von ihrem Wunsch, dem Trott des Kleinstadtlebens zu entkommen, versucht sie einen lokalen Tanzwettbewerb zu gewinnen. Durch die Demütigung von Anwesenden, zumeist ehemalige sexuelle Partner von Emin, die sie in Rufchören als „Nutte" ausschimpfen, zerbricht ihr ersehntes Ziel, am British Disco Dance Championship in London teilzunehmen. Es ist ein anderer Weg, den sie einschlägt, die Ausbildung zur Künstlerin, und in dieser Form bietet sie am Ende des Videos ihren einstigen Peinigern die Stirn. Bevor sie vor laufender Kamera ihren das Video krönenden Tanz beginnt, ertönt ihre Stimme aus dem Off: „Shane, Eddy, Tony, Doug, Richard ... this one's for you."

Jeanne Faust (*1968)  Interview, 2003Jeanne Faust (*1968)

Interview, 2003, 1-Kanal-Video, Farbe, Ton, 8'12"
Hamburger Kunsthalle

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An keinem Punkt stellt sich in Jeanne Fausts Interview das Gefühl ein, Fragende und Befragter würden ihre Rolle gemäß gängiger Vorstellungen von Interviews einnehmen. Anstatt sich aufeinander einzulassen, herrscht eine beklemmende Atmosphäre von gegenseitigem Misstrauen, Bevormundung und gezielter Bloßstellung. Das Interview ist vorbei, bevor es überhaupt richtig begonnen hat. Eher erfahren wir etwas über die Mechanismen, die während eines Interviews am Werk sind – gerade weil hier der gewohnte Verlauf solcher Gespräche ins Stocken gerät – als über den Vorgestellten selbst: den aus Fassbinder-Filmen bekannten Lou Castel. Freilich kommen berechtigte Zweifel auf, ob hier ein Gespräch wirklich scheitert oder das Scheitern des Interviews nur gespielt wird: Zu künstlich wirkt diese in ihrem Scheitern geradezu perfekte Begegnung. Jeanne Faust gelingt es hier, ein missglücktes Interview mit sezierendem Blick zu reinszenieren, das sie zuvor bereits mit Castel geführt hatte. Die Brüche, die sich in der Reinszenierung offenbaren, legen nachdrücklich die Mechanismen von klassischen Interviewsituationen frei.


Peter Fischli & David Weiss (*1952; 1946–2012)  Der Lauf der Dinge, 1986-1987Peter Fischli & David Weiss (*1952; 1946–2012)

Der Lauf der Dinge, 1986-1987, 1-Kanal-Video, Farbe, Ton, 30'
Hamburger Kunsthalle

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You Tube Video

You Tube Video


Das Künstlerduo Fischli & Weiss führt mit seinem Video Der Lauf der Dinge eine scheinbar aus den Fugen geratene Verselbständigung von Alltagsgegenständen vor Augen. Die Bewegung eines Objekts hat hier den Anstoß eines jeweils nächsten zur Folge, wobei sich der Einfluss der Künstler einzig im Arrangement der Dinge, nicht aber in ihrer Bewegung selbst artikuliert. Die sich im Video entfaltende Eigendynamik der Objekte macht uns auf spielerische Weise die Konsequenzen bewusst, die mit einer vermeintlich unscheinbaren Bewegung einhergehen kann und deren Folgewirkungen wir nie gänzlich zu überblicken vermögen. Vorgänge, die zunächst wie Unfälle aussehen, entpuppen sich hier als Notwendigkeit, wird doch dadurch erst der Lauf des Films in Gang gehalten. Dem Fehlen einer von außen auf die Dinge einwirkenden Kontrolle werden demnach positive Qualitäten abgewonnen und aus einem scheinbar entfesselten Ganzen spricht eine implizite Folgerichtigkeit, die auch uns Betrachter angesichts eines stets nur begrenzt selbstbestimmten Lebens tröstlich stimmen kann.


Ceal Floyer (*1968)

Butterfly Effect, 1998
1-Kanal-Video, Farbe, Ton, 18"

Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin

Mit minimalen Mitteln arbeitet Ceal Floyer in der Videoarbeit Butterfly Effect. DerTitel rekurriert auf die Chaostheorie, wonach bereits der Flügelschlag eines Schmetterlings eine unabsehbare Kette von Reaktionen auslösen kann. In einer Zeit, die ein Höchstmaß an Rationalisierung in jeder noch so geringen Handlung anstrebt, muss die Vorstellung eines solchen Kontrollverlusts zutiefst beunruhigen. Denn was außerhalb der menschlichen Gestaltungsmacht steht, wird aus dieser Warte notwendig zu einer Bedrohung, die es mit allen Mitteln zubannen gilt. Die Erwartung aber, die Floyer mit der Titelgebung hervorruft, läuft bei der Betrachtung der Videos ins Leere: Auf den Schmetterling, der durch den Kameraausschnitt fliegt, folgt nichts. Oder genauer: Es folgt die Wiederholung eben jenes Schmetterlingsflugs, der dem Loop des achtzehnsekündigen Videos geschuldet ist. Diese ununterbrochene Wiederholung eines Vorganges, der ohne Konsequenz bleibt, schlägt einen gradezu versöhnenden Ton gegenüber Befürchtungen an, die Dinge könnten uns durch geringste Veränderungen aus den Händen gleiten.

 

Annika Kahrs (*1984)  Strings, 2010Annika Kahrs (*1984)

Strings, 2010, HDV-Video, Farbe,Ton, 8'20"

Courtesy the artist and Produzentengalerie, Hamburg


Ein Streichquartett trägt das um 1800 entstandene Werk c-Moll op. 18 Nr. 4 von Ludwig van Beethoven vor. Nach dem ersten Satz tauschen die vier Musiker ihre Plätze und Instrumente. Vier Mal wird gewechselt bis jeder der Musiker wieder an seinem ursprünglichen Platz und Instrument sitzt. Die hohe Kunst eines Streichquartetts, vier individuelle Stimmen zu einer homogenen, harmonischen Einheit zusammenzufügen, gerät bei diesem Wechsel-Spiel mehr und mehr aus den Fugen. Die Souveränität und Meisterschaft auf dem eigenen Instrument weichen einer zunehmenden Verunsicherung, schiefen Tönen, Fehlgriffen. Wege einzuschlagen, die uns fremd und ungewohnt sind und die Möglichkeit des Scheiterns zulassen, sind Voraussetzungen für Neues und Außergewöhnliches. Und so sollte ein suchender, offener Prozess eher im Zentrum von künstlerischer Kreativität stehen als das ergebnisorientierte Herstellen eines Produkts. Der amerikanische Künstler John Baldessari formulierte treffend: "Kunst entsteht aus dem Scheitern. Man muss Dinge ausprobieren. Man kann nicht herumsitzen, fürchten etwas falsch zu machen und sagen, 'Wenn ich etwas tue, dann gleich ein Meisterwerk'."
(engl. Original: „Art comes out of failure. You have to try things out. You can't sit around, terrified of being incorrect, saying 'I won't do anything until I do a masterpiece'.")

Steve McQueen (*1969)  Deadpan, 1997Steve McQueen (*1969)

Deadpan, 1997, 16mm Filmprojektion übertragen auf Video, schwarz-weiß, ohne Ton, 4'35"
Courtesy the artist and Marian Goodman Gallery, New York

Deadpan
, so der Titel des 1997 entstandenen Werks von Steve McQueen, bedeutet im Deutschen so viel wie "Pokerface" oder auch "unbewegt, ausdruckslos". Steve McQueen zitiert hier eine berühmte Szene aus dem Film Steamboat Bill Jr (1928), in welcher Buster Keaton mit dem Rücken vor einem zusammenbrechenden Haus steht. Die Front des Hauses fällt auf ihn, doch unberührt von dem Chaos um ihn herum und gleichsam beschützt durch seine Naivität und Unschuld kann ihm dies nichts anhaben: Die Fensteröffnung der Hausfront bewahrt ihn in wundersamer Weise davor, von der Fassade begraben oder auch nur berührt zu werden. In monumentaler Untersicht gedreht, ist nun Steve McQueen die Hauptfigur eines Dramas, in dem die Welt in die Brüche geht, während der Mensch gleichermaßen heldenhaft-gelassen wie ahnungslos-stoisch Kenntnis von diesem Scheitern nimmt.

Bruce Nauman (*1941)  Anthro/Socio (RindeSpinning),1992Bruce Nauman (*1941)

Anthro/Socio (RindeSpinning),1992, 6-Kanal-Videoinstallation (3 Videoprojektoren, 6 Monitore), Farbe, Ton,27'43"
Hamburger Kunsthalle

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You Tube Video


Von verstörender Komplexität sind die Sinneseindrücke, die in Bruce Naumans Videoinstallation Anthro/Socio (Rinde Spinning) auf den Betrachter einströmen. Auf drei Bildschirmen und sechs Monitoren sehen wir den um die eigene Achse kreisenden Kopf des Performance-Künstlers Rinde Eckert. Entsprechend der kreisenden Bewegung des Kopfes im close up verschränken sich wie in einer Enlosschleife die den Betrachter konfrontierenden Sätze „Feed me/ Eat me/ Anthropology", „Help me/ Hurt me/ Sociology" und „Feed me/ Help me/ Hurt me". Die Ausrufe fordern – mit allen Abgründigkeiten, die dies implizieren mag – eine Interaktion zwischen Akteur und Betrachter ein. Doch ebensowenig wie das Publikum sein Gegenüber fixieren kann, das sich durch die Vielzahl von Projektionen gleichsam aufspaltet und unsere Aufmerksamkeit von verschiedenen Seiten in Beschlag nimmt, vermag Rinde Eckert in einen wirklichen Kontakt nach außen zu treten. Vielmehr dreht er sich ohne Unterlass um sich selbst und seine Worte nehmen sich dementsprechend wie eine hoffnungslose Beschwörung aus. So unerreichbar die hier artikulierten Bedürfnisse auch sein mögen: Das Bemühen um deren Einlösung scheint niemals zu versiegen, ist vielmehr Movens für jeden neuen Anlauf.

Bruce Nauman, Slow Angle Walk (Beckett Walk)Bruce Nauman (*1941)

nauman_V_1995_35

Slow Angle Walk (Beckett Walk), 1968, 1-Kanal-Video, schwarz-weiß, Ton, 56'
Hamburger Kunsthalle

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Von irritierender Gleichförmigkeit sind die umständlichen Bewegungen und Körperhaltungen, die Bruce Nauman in seiner Arbeit Slow Angle Walk (Beckett Walk) über eine Stunde vor laufender Kamera durchexerziert. Die Bewegungsabläufe wirken umso absurder, als sie – trotz der offensichtlich kraftraubenden Balanceleistung, die sie erfordern – auf kein spezifisches Ziel hin ausgerichtet sind. Als irritierender Faktor kommt hinzu, dass die Kamera, um neunzig Grad gewendet, den Künstler bei der Arbeit zu filmen scheint, eine senkrecht aufragende Wand empor- bzw. seitlich abzuschreiten. Naumans Choreographie versteht sich als eine Hommage an die ungelenken Gehbewegungen, mit denen Samuel Beckett seine Figuren Watt und Molloy ausstattete. Je länger man den Künstler bei seinen Handlungen zusieht, desto offensichtlicher wird, dass er ein genau abgezirkeltes Feld auf- und abgeht. Seine Bemühungen erscheinen wie der Versuch, selbst noch innerhalb der Grenzen einer niemals zielführenden Beschäftigung Sinn in den darin aufgehobenen Handlungen zu suchen.


Christoph Schlingensief (1960–2010)  Siegfrieds Sturz, 1999Christoph Schlingensief (1960–2010)

Siegfrieds Sturz, 1999, 1-Kanal-Video, Farbe, Ton, 14" Hamburger Kunsthalle

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In einem ständigen Loop hält diese Filmsequenz den Sturz eines Schauspielers während der Proben zu Christoph Schlingensiefs Die Berliner Republik oder der Ring in Afrika fest. Die Bezeichnung als Siegfrieds Sturz lädt den Vorfall symbolisch auf, denn im selben Jahr begibt sich Schlingensief auf seine Deutschlandsuche '99 und fahndet nach dem neuen Siegfried unseres Landes. Ebenso wie diese Suche „nach dem prototypischen deutschen Helden" wie ein aussichtsloses Unternehmen wirkt, geht auch dem Schauspieler bei dem hier gezeigten Unfall jeder heroische Glanz ab. Ungeduldig wartet man darauf, dass die im Loop gezeigte Filmaufzeichnung an irgendeinem Punkt zum Abschluss käme. Sie mutet in ihrer steten Wiederholung jedoch vielmehr wie eine ersehnte Aussöhnung mit dem Moment des Scheiterns an. Nur ein Jahr später gründete Schlingensief mit Chance 2000 seine eigene Partei, durch die das Motto „Scheitern als Chance" zur gängigen Redewendung avancierte. Das Projekt beschrieb Schlingensief mit den Worten: „Wo ich selbstbewusst mit Verlusten umgehe, bekomme ich neue Antennen, werde ich wacher. In diese Richtung definiert unser Projekt Reichtum um: Es ist das Wissen um den Verlust."


Gillian Wearing (*1963)  Prelude, 2000Gillian Wearing (*1963)

Prelude, 2000, 1-Kanal-Video, schwarz-weiß, Ton, 3'57"
Hamburger Kunsthalle

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Prelude gehört gemeinsam mit Drunk und I love You zu einer Filmtrilogie, die sich dem Thema der Trunkenheit widmet. Während der Dreharbeiten zu Drunk kam Gillian Waering mit einer alkoholabhängigen Frau namens Lindsey in Kontakt. Noch bevor sie Drunk fertiggestellt hatte, erfuhr die Künstlerin vom Tod Lindseys, verursacht durch Leberzirrhose, so dass für deren Auftritt im Film Prelude einzig auf bereits vorhandene Aufnahmen zurückgegriffen werden konnte. Nicht von ungefähr erwecken die in Zeitlupe wiedergegebenen Aufnahmen von Lindsey den Eindruck als seien es Erinnerungsbilder. Die auf dem Off erklingende Stimme stammt von Lindseys Zwillingsschwester, die über die herzlose Trauerfeier, über die Lieblosigkeit der Mutter gegenüber Lindsey wie auch über ihren eigenen Schmerz als hinterbliebene Schwester berichtet. Der gesamte Film ist von einer melancholischen Stimmung getragen und setzt die Anstrengungen, die jeder Trauerarbeit zugrunde liegen, eindrucksvoll in Szene. Trotz allen Verlustes bleibt der Schwester die Möglichkeit der Reflexion und der Erkenntnis über die Zusammenhänge in ihrer Familie, den Charakter ihrer Mutter und über das, was von Lindsey in ihrer Erinnerung lebendig bleiben wird.