Galerie 19. Jahrhundert

Caspar David Friedrich Wanderer über dem Nebelmeer, um 1817

Caspar David Friedrich, Wanderer über dem Nebelmeer, um 1817

Bitte beachten Sie: Die Sammlungsbestände der Hamburger Kunsthalle sind im Juli 2014 wegen der anstehenden Modernisierung leider nicht zu sehen. Wir um Verständnis! Freuen Sie sich auf unsere Highlight-Präsentation SPOT ON, die wir vom 1. August 2014 bis 3. Januar 2016 auf knapp 2.000 Quadratmetern im Sockelgeschoss der Galerie der Gegenwart präsentieren werden.

Die Hamburger Kunsthalle besitzt eine der bedeutendsten Sammlungen zur Malerei des 19. Jahrhunderts. Die Galerie des 19. Jahrhunderts im Altbau der Kunsthalle beginnt mit den Künstlern der Romantik und endet mit den Werken des deutschen Impressionismus. Die Jahre 1800 und 1914, die Anfang und Ende dieser Abteilung markieren, sind Epochenschwellen. Steht am Beginn die radikale Kunsterneuerung der Romantik, wird das Ende durch den Ersten Weltkrieg markiert – wenn auch durch die künstlerischen Avantgarden des Expressionismus und der Abstraktion bereits einige Jahre zuvor eine Zäsur in der Kunstentwicklung erkennbar wurde.

Grundriss 19. Jahrhundert

Die in historischer Abfolge eingerichteten Säle zur Malerei des 19. Jahrhunderts beginnen mit Raum 118, der dem Werk Philipp Otto Runges gewidmet ist. Runge entstammte einer Reeder- und Kaufmannsfamilie aus Wolgast. Er starb 1810 im Alter von 33 Jahren. Fast sein gesamtes erhaltenes Werk wird in der Gemäldegalerie und im Kupferstichkabinett der Kunsthalle verwahrt. Runge ist neben Caspar David Friedrich der wichtigste Maler der Frühromantik. Beide verwarfen die Regeln des akademischen Klassizismus und beriefen sich stattdessen auf die „reine Empfindung" des Künstlers. Runges vielseitigen Ideen bezogen sich nicht nur auf die Malerei, er sprach der Kunst eine umfassende Bedeutung für das Leben zu. Runge veröffentlichte eine Farbtheorie und schrieb Märchen.

Runges berühmter Satz Es drängt sich alles zur Landschaft nimmt in dem Bild der Ruhe auf der Flucht nach Ägypten von 1805 anschauliche Gestalt an. Die biblische Geschichte verschmilzt mit der Landschaft zu einer neuen, sinnlich erfahrbaren Einheit.

Runges Portraits gehören mit ihrem Ausdruck und ihrer Gegenwärtigkeit zu den Meisterleistungen der Kunst. Runge zeigt in seinen Kinderbildnissen das Kind als eigenständiges Wesen: in den Portraits seiner eigenen Kinder ebenso wie in dem berühmten Bild der drei Kinder seines Freundes Hülsenbeck. Hier malte er Kinder voller Lebenskraft, die sich anschicken, die Wirklichkeit zu erobern.

Ein schonungsloser Realismus kennzeichnet das Bild seiner Eltern, aber auch seine drei Selbstbildnisse. Dagegen zeigen seine beiden Fassungen des Morgen (1808/09) Runges Suche nach einer symbolischen Darstellung der Schöpfung. Die große Fassung des Morgen blieb durch den frühen Tod des Malers unvollendet. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts zerschnitten und Anfang des 20. Jahrhunderts in der Kunsthalle restauriert.

In Raum 119 sind Hauptwerke des Klassizismus und der Romantik ausgestellt. Vertritt Joseph Anton Koch mit seinen italienischen Landschaften noch den Typus der klassischen Ideallandschaft, wurde er zu seiner heroischen Berglandschaft Wasserfall im Berner Oberland (1796) von den Freiheitsgedanken der Französischen Revolution inspiriert.

Die Gruppe der Nazarener orientierte sich dagegen an mittelalterlichen Idealen und an der Malerei Raphaels und Dürers. Mit der Hochzeit von Kana (1819) von Julius Schnorr von Carolsfeld besitzt die Kunsthalle ein Hauptwerk dieser Erneuerungsbewegung der Malerei am Anfang des 19. Jahrhunderts unter religiösem Vorzeichen.

Die 14 Gemälde von Caspar David Friedrich bilden einen Höhepunkt der romantischen Landschaftsmalerei in Raum 120. Bilder wie der Wanderer über dem Nebelmeer (1818) und das Eismeer (1823/24) veranschaulichen zum einen die Einsamkeit des modernen Subjekts angesichts einer erhabenen Landschaft, zum anderen das Scheitern des Menschen in einer feindlichen Natur. Die Landschaft erhält bei Friedrich existentielle Bedeutung, sie wird zur Metapher für das Schicksal des Menschen. So weisen etwa die Gräber gefallener Freiheitskrieger (1813) mit ihrer bedrohlichen Höhlenlandschaft auf die Niederlage der eingedrungenen Franzosen voraus. Setzt Friedrich hier die Landschaft als Sinnbild einer politischen Aussage ein, dient die Küstenlandschaft bei dem Bild Meeresküste bei Mondschein (1835) als Symbol der Vergänglichkeit des Irdischen. Dieses Bild war das letzte Ölgemälde, das Friedrich vor seinem Schlaganfall vollenden konnte.

Dem Werk der sogenannten Deutsch-Römer Anselm Feuerbach, Arnold Böcklin, Hans von Marées und Adolf Hildebrand ist Raum 121 gewidmet. Jahrelange Romaufenthalte beeinflussten ihr Werk. Ein Portrait wie das der Bianca Capello von Anselm Feuerbach orientiert sich deutlich am Idealportrait der Renaissance. Zugleich aber fungiert dieses Bild als Bildnis seiner Geliebten, die in der Rolle einer tragischen Frauengestalt der Geschichte auftritt. Böcklins berühmtes Gemälde Heiliger Hain (1886) ist von antiken Kulten inspiriert. Mit theatralischen Mitteln inszeniert Böcklin hier einen vergangenen Ritus als Gegenbild zu einer materialistischen Gegenwart.

Adolph Menzel und den Malern des Leibl-Kreises ist der folgende Raum gewidmet. Menzel lernte die Ölmalerei im Selbststudium. In den 1840er Jahren machte er zahlreiche Studien im Kreis seiner Familie. Damals entstand das Bild seiner schlafenden Schwester Emilie. Die Aufbahrung der Märzgefallenen (1848) zeigt Menzels große Anteilnahme an den Ereignissen der Märzrevolution in Berlin. Aus Enttäuschung über das Scheitern der Revolution blieb das Bild unvollendet. Die gespenstisch mit Gipsabgüssen und Totenmasken behängte Atelierwand (1872) ist ein verschlüsseltes Manifest über die Vergänglichkeit und ein Vorläufer der surrealen Bildwelten des 20. Jahrhunderts.

Die Bilder Wilhelm Leibls zeigen verschiedene Ausdrucksweisen des Künstlers. Zum einen bestechen die Drei Frauen in der Kirche (1878-1882) durch einen an die Technik der Photographie erinnernden Realismus, zum anderen wirkt das unvollendete Portrait Gräfin Rosine Treuberg (1878) durch die schnellen, andeutenden Malweise des Impressionismus besonders lebendig. Immer ging es dem Maler, der sich in die Abgeschiedenheit Oberbayerns zurückzog, um äußerste Wahrhaftigkeit.

Die französische Malerei aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildet einen Schwerpunkt der Gemäldegalerie. Hier sind Meisterwerke nahezu aller berühmten Maler der Zeit wie Gustave Courbet, Camille Corot, Honoré Daumier, Edgar Degas, Toulouse-Lautrec, Paul Gauguin, Auguste Renoir, Edouard Manet, Claude Monet, Alfred Sisley und Paul Cézanne zu finden. Ihre Werke sind auf vier Räume (131-134) verteilt.

Im Raum 131 sind die großen Hauptwerke des Realismus und Impressionismus ausgestellt. Von Courbet sind zwei temperamentvoll gemalte Landschaften, Die Grotte der Loue (1864) und Winterlandschaft mit dem Dents du Midi (1876), zu sehen. Renoir ist mit dem monumentalen Gemälde Reiter im Bois de Boulogne (1873) und dem frühen Stilleben Blumen im Gewächshaus (1864) glänzend vertreten. Vom Maler des modernen Lebens, Edouard Manet, sind mehrere Hauptwerke ausgestellt. Neben dem berühmten Bild der Nana (1877) sind die lebensvollen Portraits des Schriftstellers Henri Rochefort (1881) und des Sängers Jean Baptiste Faure als Hamlet (1877) hervorzuheben. Claude Monets Stilleben Birnen und Trauben (1880) kam 1897 als erstes Gemälde des Malers in ein Museum. Sein Bild Waterloo Bridge von 1902 ist die atmosphärisch bewegte Darstellung eines Motivs, das er in zahlreichen Fassungen wiederholte. Renoirs lebendiges Portrait Madame Hériot (1882) kontrastiert dem strengen Profilbildnis einer Frau (1890) von Toulouse-Lautrec. Mit vier Bildern und einer Skulptur seiner berühmten Balletttänzerinnen ist Degas besonders gut vertreten.

Raum 132 ist der Schule von Barbizon gewidmet. Die Maler von Barbizon, zu denen Theodore Rousseau, Constant Troyon, Narcisse Diaz de la Pena, Charles-Francois Daubigny, Jean Francois Millet und zeitweilig Camille Corot gehörten, entdeckten die einfache Natur. Die realistische Darstellung der Landschaft, die sie vor dem Motiv – en plein air – studierten, war ihr Ziel. Alle bedeutenden Maler von Barbizon sind in der Sammlung der Kunsthalle mit erstrangigen Werken zu sehen. Von Corot sind nicht nur seine stimmungsvollen Landschaften, sondern auch drei seiner poetisch-melancholischen Portraits ausgestellt. Darunter ist der Cello spielende Mönch von
1874, eines der letzten Gemälde vor seinem Tod, das bekannteste.

Der Makart-Saal (Raum 135/136/136a) wird von einem monumentalen Bild Hans Makarts beherrscht, seinem Einzug Kaiser Karls V. in Antwerpen (1878). Das Skandal- und Erfolgsbild des „Malerfürsten" ist ein Beispiel der Historienmalerei, die während der Gründerzeit ihren letzten Höhepunkt erreichte. Aus der Antike und ihren Mythen bezogen die Maler des 19. Jahrhunderts immer wieder ihre Motive. Léon Géromes Phryne vor ihren Richtern (1861) und Lawrence Alma-Tademas Szenen antiker Riten sind bedeutende Beispiele dieser besonders in den zeitgenössischen Salon-
Ausstellungen Erfolge feiernden Malerei.

Den Gegenpol dazu bilden Werke, die dem Symbolismus oder dem Realismus verpflichtet sind. Giovanni Segantinis Bild Glaubenstrost (1896) verbindet eine realistische Landschaft mit einer religiösen Bildaussage. Max Liebermanns Netzflickerinnen (1884-89) beschränken sich auf raue Wirklichkeit. Liebermanns Realismus feiert die Selbstverwirklichung in der Arbeit. Auch bei einem religiösen Thema wie dem Zwölfjährigen Jesus im Tempel (1879) behielt Liebermann seine realistische Sicht. Gerade deshalb schmähten ihn seine Gegner „Apostel der Hässlichkeit".

Erst nach 1900 wandte sich Liebermann dem ungezwungenen Leben des Bürgertumsin seiner Freizeit zu. Damals entstanden die von Alfred Lichtwark in Auftraggegebenen Hamburger Ansichten, Die Terrasse im Restaurant Jacob in Nienstedten (1902) und Abend am Uhlenhorster Fährhaus (1910).

Jenns Howoldt