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Die Arbeiten an den Bestandskatalogen der Altmeisterzeichnungen
Das Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle gehört zu den
international bedeutenden graphischen Sammlungen. Den Rang der Sammlung
machen nicht nur Umfang und Reichtum seiner über 100.000 Zeichnungen
und Druckgraphiken aus, sondern auch deren besondere Qualität.
Einen Schwerpunkt bildet dabei die Sammlung der Altmeisterzeichnungen
– die vor 1800 entstandenen Zeichnungen der italienischen, der
deutschen und der niederländischen Schule –, die der Kunsthändler,
Sammler und Forscher Georg Ernst Harzen (1790-1863) zusammengetragen
hat. Aus seinem Vermächtnis verwahrt das Hamburger Kupferstichkabinett
zum Beispiel Werke von Leonardo, Michelangelo, Raffael, Bruegel, Rembrandt,
van Dyck und von Altdorfer, Dürer und Elsheimer. Durch spätere
Erwerbungen konnte der Gründungsbestand bis heute um viele bedeutende
Blätter erweitert werden.
So kamen zum Beispiel durch Alfred Lichtwark, dem ersten Direktor
der Hamburger Kunsthalle, die hochkarätigen Zeichnungen Piranesis
und die hervorragende Sammlung spanischer Zeichnungen hinzu.
Seit Mai des Jahres 2001 können nun dank der Hamburger ZEIT-Stiftung
Ebelin und Gerd Bucerius im Kupferstichkabinett erstmals in der langen
Geschichte der Sammlung wissenschaftliche Bestandskataloge der deutschen,
der italienischen und der niederländischen Zeichnungen vor 1800
erarbeitet werden.
Ziel dieses Forschungsprojektes ist die Erfassung aller ca. 3500 Altmeisterzeichnungen
in Form von gedruckten und vollständig bebilderten, kritischen
Katalogen, die der Erforschung von Altmeisterzeichnungen neue Impulse
geben werden. Gleichzeitig gibt es Überlegungen, die Ergebnisse
des Projekts auch in Form neuer elektronischer Medien zu veröffentlichen.
Spezialisten am Werk
Zu Beginn der Forschungsarbeiten wurde ein wissenschaftlicher Beirat
etabliert, der die Forschungen und die Publikationen kritisch begleiten
wird und dem neben dem Vorstand der Hamburger Kunsthalle, namentlich
Prof. Dr. Uwe M. Schneede und Tim Kistenmacher, folgende Wissenschaftler
angehören: Dr. Wolfgang Holler (Staatliche Kunstsammlungen Dresden,
Kupferstichkabinett), Dr. Holm Bevers (Staatliche Museen zu Berlin,
Kupferstichkabinett), Dr. Hanna Hohl (Hamburg) und Dr. Andreas Stolzenburg
(Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett).
Mit Mitteln der Stiftung wurde bereits im Mai 2001 Frau Dr. Annemarie
Stefes (Berlin) für drei Jahre eingestellt; sie erforscht die
über 1350 Zeichnungen der niederländischen Schule. In einem
ersten Arbeitsschritt wurden die notwendigen technischen Angaben aller
Zeichnungen in die von der Hamburger Kunsthalle seit Anfang des Jahres
2001 allgemein benutzte museumsspezifische Datenbank Museumplus eingegeben.
Für die Anschubfinanzierung des Katalogs der niederländischen
Zeichnungen ist der Fritz Thyssen-Stiftung zu danken.
Seit Mai 2002 arbeitet Dr. Peter Prange (München) für zwei
Jahre an dem Katalog der ca. 1200 deutschen Zeichnungen, und zwar
gemeinsam mit Dr. Petra Roettig, der Kustodin des Kupferstichkabinetts.
Seit Oktober des Jahres 2002 widmet sich ein dritter wissenschaftlicher
Mitarbeiter, Dr. David Klemm (Hamburg), in Zusammenarbeit mit dem
Verfasser den ca. 1000 italienischen Zeichnungen. Dank gilt an dieser
Stelle dem Kunsthistorischen Institut Florenz (Max-Planck-Institut);
Prof. Dr. Max Seidel hat für die Erforschung der italienischen
Zeichnungen Studienaufenthalte in Florenz zugesagt.
Bereits im Sommer 2001 veranstaltete das Kupferstichkabinett die Ausstellung
»Von Dürer bis Goya. 100 Meisterzeichnungen aus dem Kupferstichkabinett
der Hamburger Kunsthalle«, mit der ein erster Einblick in die
beschriebenen Schätze der Sammlung gegeben wurde.
Neben dem Verfasser, der in einem einleitenden Beitrag zur Sammlungsgeschichte
referierte, waren an der Erarbeitung des begleitenden Katalogs Dr.
Petra Roettig und Dr. Annemarie Stefes beteiligt.
Außer den erwähnten drei Schulen waren hier auch französische
und spanische Zeichnungen zu sehen, deren Qualität eine Fortsetzung
der Reihe der Bestandskataloge ebenso rechtfertigt, wie die reichen
Bestände an deutschen Zeichnungen des 19. Jahrhunderts. Hier
ragen klangvolle Namen wie Philipp Otto Runge, Caspar David Friedrich
und Adolph Menzel heraus.
Zu den jeweiligen Projekten sind in den kommenden Jahren einzelne
Symposien geplant, auf denen internationale Fachkollegen zu offenen
Fragen wie Zuschreibungen und Datierungen einzelner Blätter Stellung
beziehen werden. Über die Ergebnisse wird in den kommenden Jahrbüchern
im einzelnen berichtet.
Die drei kritischen Bestandskataloge werden die Einzigartigkeit der
Sammlung einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen, und sie
lassen so manche Überraschung bei den Zuschreibungen erwarten.
Eine erste interessante Umbenennung konnte bereits 2001 vorgenommen
werden.
Eine traditionell Girolamo Mazzoli Bedoli (um 1500-1569) zugeschriebene
Verkündigung aus der berühmten Kunstsammlung des Everard
Jarbach wurde dem wesentlich berühmteren Künstler Parmigianino
(1503-1540) überzeugend zugeschrieben.
Es sei an dieser Stelle der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius
herzlichst gedankt für ihr intensives und einzigartiges Engagement
bei der wissenschaftlichen Erforschung der Zeichnungsbestände
des Kupferstichkabinetts der Hamburger Kunsthalle, aber auch für
die gute Zusammenarbeit.
Andreas Stolzenburg
Andreas Stolzenburg: Das "Projekt Kupferstichkabinett"
der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, in:
Im Blickfeld. Die Jahre 2001/2002 in der Hamburger Kunsthalle, Hamburg
2003, S. 18-19 |