Das Digitalisierungsprojekt des Kupferstichkabinetts der Hamburger Kunsthalle

Wollte man bislang all diese reichen BestĂ€nde des Kupferstichkabinetts nĂ€her kennen lernen, so konnte man sich anhand einiger wissenschaftlicher Bestandskataloge und Publikationen zu Ausstellungen informieren. Doch trotz aller BemĂŒhungen, ist die Zahl der in gedruckter Form veröffentlichten Kunstwerke aus der Sammlung bislang ĂŒberschaubar. Deshalb wurde im Juli 2012 im Kupferstichkabinett und der direkt angeschlossenen Bibliothek damit begonnen, sĂ€mtliche dort bewahrten Zeichnungen sowie Druckgraphiken digital zu erfassen. Dieses visionĂ€re Vorhaben ermöglicht der Hamburger Senat, der die komplette Digitalisierung der staatlichen MuseumsbestĂ€nde zum kulturpolitischen Ziel erklĂ€rt hat und dafĂŒr betrĂ€chtliche Mittel zur VerfĂŒgung stellt. Zudem haben auch weitere Förderinstitutionen wie die Hermann Reemtsma Stiftung und der Förderverein des Kupferstichkabinetts „Die Meisterzeichnung. Freunde des Hamburger Kupferstichkabinetts e.V.“ das Unternehmen mit beachtlichen Summen gefördert.

Die Ergebnisse dieses Projekts werden an dieser Stelle kontinuierlich online zugĂ€nglich gemacht. Den Anfang bilden die kompletten BestĂ€nde der deutschen, niederlĂ€ndischen und italienischen Zeichnungen. Deren wissenschaftliche Bearbeitung wurde bereits von 2001 bis 2011 durch die großzĂŒgige Förderung der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius ermöglicht. Bereitgestellt wird nun auch ein großer Teil der im Kupferstichkabinett und der Bibliothek bewahrten italienischen Druckgraphik. Hierbei hat die Hermann Reemtsma Stiftung durch zwei Fördermaßnahmen sowohl die Grunderschließung als auch die Digitalisierung der Graphiken in BĂŒchern maßgeblich unterstĂŒtzt. FĂŒr letztere wurde eigens eine „Buchwiege“ entwickelt und mit Mitteln des Fördervereins „Die Meisterzeichnung“ erworben.

Insgesamt sind inzwischen mehr als 15.000 Werke online zugĂ€nglich (Stand Dezember 2016). Damit ist ein erster wichtiger Schritt vollzogen hin zu der geplanten vollstĂ€ndigen Erschließung des Kupferstichkabinetts und der Kunstbibliothek.

Wissenschaftliche Grundlagen der Erfassung

In AbwĂ€gung der vorhandenen zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten mussten seit Beginn des Projekts Schwerpunkte gesetzt werden. Diese sind fĂŒr das VerstĂ€ndnis der Möglichkeiten, aber auch der Grenzen unserer Datenbank essentiell. Hauptziel des Digitalisierungsprojekts ist die Bereitstellung möglichst genauer Objekterfassungen und qualitativ hochwertiger Abbildungen. Die Erfassung der Zeichnungen und Graphiken wird grundsĂ€tzlich am Original vorgenommen. Angestrebt wird auch eine weitgehend bislang durchgefĂŒhrte Volltexttranskription. Eine genauere technische Untersuchung der verwendeten Materialien und Papiere kann nur in EinzelfĂ€llen, etwa im Rahmen einer Ausstellungsvorbereitung erfolgen. Dies gilt auch fĂŒr die Erfassung der Wasserzeichen. Diese sollen erst in einem spĂ€teren Arbeitsgang grĂŒndlicher aufgenommen werden.

Die biographischen Angaben zu den beteiligten KĂŒnstlern wurden denkbar knapp gehalten. Dies gilt auch fĂŒr die dargestellten Personen. AusfĂŒhrlichere Nachweise können heutzutage sehr schnell ĂŒber verschiedene Internet-Ressourcen abgerufen werden. In FĂ€llen, in denen ein bislang unbekannter oder kaum greifbarer KĂŒnstler behandelt wird, werden jedoch ausfĂŒhrlichere Angaben verzeichnet.

Die Verweise auf die Literatur beschrĂ€nken sich momentan noch auf möglichst vollstĂ€ndige Angaben der relevanten Werkverzeichnisse. DarĂŒber hinaus wird Literatur nur angefĂŒhrt, wenn das Hamburger Blatt explizit behandelt ist.

Das Digitalisierungsprojekt legt besonderes Gewicht auf die Erforschung der Provenienzen. FĂŒr diese werden nicht nur die reich erhaltenen Quellen im Archiv der Kunsthalle, sondern auch weitere Archivalien, einschließlich derjenigen des Kunsthandels herangezogen. Die Recherchen sind sehr aufwendig und komplex. Es ist davon auszugehen, dass weitere Archivstudien neue Erkenntnisse erbringen werden.

Hervorzuheben ist zudem die sehr enge Zusammenarbeit des Kupferstichkabinetts mit der direkt angeschlossenen Bibliothek. Diese in Deutschland bei Museen vergleichbarer GrĂ¶ĂŸe wohl einzigartige Verbindung ermöglicht, dass fĂŒr viele KĂŒnstler sehr umfangreiche Werkkomplexe erschlossen werden können.

Trotz der oben skizzierten VorsĂ€tze bleibt es angesichts der begrenzten zeitlichen Möglichkeiten und der eigenen letztlich limitierten wissenschaftlichen Kenntnisse nicht aus, dass unsere Angaben lĂŒcken- oder fehlerhaft sein können. FĂŒr Korrekturen, Hinweise oder DenkanstĂ¶ĂŸe jeglicher Art sind wir dankbar (bitte per E-Mail an kk-digital@hamburger-kunsthalle.de).

Um Laien wie Wissenschaftlern eine möglichst optimale Benutzung zu ermöglichen, stellen wir unsere Digitalisate in einer maximalen DarstellungsgrĂ¶ĂŸe von 1250 x 1250 Pixel bereit. Damit ist eine sehr gute Verwendung fĂŒr private Zwecke (etwa auch fĂŒr PowerPoint-PrĂ€sentationen) möglich. FĂŒr jede Form von kommerzieller Verwertung der Bilder bitten wir darum, sich mit dem Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz in Verbindung zu setzen (bpk Berlin, siehe den Link bei den Objekten). Dort können auch höher aufgelöste Bilddateien bestellt werden.

SelbstverstÀndlich können Zeichnungen und Druckgraphiken im Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle auch weiterhin nach vorheriger Anmeldung im Original betrachtet werden. Weitere Informationen finden sich unter http://www.hamburger-kunsthalle.de/kupferstichkabinett

Technische Aspekte der Bildproduktion

Buchwiege
Seit 2003 werden die BestĂ€nde des Kupferstichkabinetts ausschließlich digital fotografiert. DafĂŒr wird eine hochauflösende Sinar P3 Fachkamera mit Sinar-Back 54 FO verwendet. Das Back erzeugt moirĂ©e-freie Daten mit einer maximalen AufnahmeflĂ€che von 5440 x 4080 Pixeln, das entspricht einer DateigrĂ¶ĂŸe von ca. 64 MB bei 8 bit Farbtiefe. Generell werden alle Aufnahmen mit 16 bit Farbtiefe erstellt, aber nur bei Notwendigkeit mit 16 bit bearbeitet und archiviert. Die Kamera ist per Glasfaserkabel mit einem Mac G5 Computer verbunden. Bei Bedarf kann die Auflösung der Kamera per Micro-Scanning auf 256/512 MB bei 8 oder 16 bit gesteigert werden. Gespeichert werden tif-Daten.

Die Kamera ist an einem Homrich-ReprostĂ€nder, Baujahr 1983, montiert und kann elektrisch bewegt werden. Sonstige Einstellungen wie SchĂ€rfe, optische Verstellung und Blende werden manuell vorgenommen. Als Repro-Beleuchtung werden hochfrequente, flickerfreie Leuchtstoffröhren verwendet. Sie haben eine geringe UV A und UV B Abstrahlung und erzeugen vergleichsweise wenig WĂ€rme. Der Farbwiedergabe-Index RA der Leuchtmittel ist grĂ¶ĂŸer 90. Das Farbmanagement beruht auf einer 240 Farben Gretag-Karte im L-Star-Farbraum. FĂŒr jede Aufnahmesituation/GrĂ¶ĂŸe werden permanent neue Weißabgleiche individuell erzeugt.

FĂŒr das obige, seit 2003 im Betrieb befindliche, System wurde im Jahr 2013 vom Dipl.-Ingenieur und Buch-Restaurator Manfred Mayer aus Graz eine genau adaptierte Buchwiege konstruiert. Manfred Mayer ist auch der Erfinder des „Grazer Buchtisches“, der in vielen Bibliotheken zum Einsatz kommt.

Die Buchwiege ist fĂŒr große Buchformate bis 70 x 100 cm ausgelegt. Ziel war die hochwertige Reproduktion der ganzen Buchseite, und nicht eine bloße Erfassung des gedruckten Bild- oder Text-Inhaltes, bei gleichzeitiger Schonung der BĂŒcher bzw. gebundenen Grafiken. Um das langwierige Scharfstellen der Kamera und der damit verbundenen geringen, aber stetigen MaßstabsverĂ€nderung zu umgehen, wurde eine Lasereinheit montiert, so dass fĂŒr jedes Buch die Kamera nur einmal angefasst und justiert werden muss. Die Lasereinheit ist gleichzeitig mit dem Computer verbunden und löst auch das Bild aus, so dass die Aufnahmegeschwindigkeit des vorhandenen Systems fĂŒr das Aufnehmen von BĂŒchern deutlich gesteigert werden konnte.

Scanner
Im Sommer 2012 wurde fĂŒr das Digitalisierungsprojekt ein Cruse-Scanner mit Lauftisch-Einheit neu angeschafft. Das maximale Aufnahmeformat betrĂ€gt 80 x 100 cm. Die Beleuchtungseinheit verwendet die technisch identischen Leuchtmittel, wie sie an der Buchwiege verwendet werden. Das sehr gute Farbmanagement beruht auf einer 800 Farben-Karte der Fa. Cruse im ECI-Farbraum. Die Scan-Zeile hat 10.000 Pixel. Im entsprechenden Format und SeitenverhĂ€ltnis sind 700 MB bei 8 bit Farbtiefe die theoretisch maximale DateigrĂ¶ĂŸe. Die meisten Dateien werden zwischen 100 und 350 MB als unkomprimierte tif-Dateien abgelegt und archiviert. Die Bedienung des GerĂ€tes ist im Standardbetrieb sehr benutzerfreundlich und damit team-geeignet. Ein Scanvorgang dauert zwischen drei und fĂŒnf Minuten, abhĂ€ngig von VorlagengrĂ¶ĂŸe und eingestellter Auflösung. Maximale Scan-Auflösung ist 600 dpi bezogen auf das Vorlagenformat. Das GerĂ€t steht in einem eigenen verdunkelten Raum mit Ablagetischen und zwei Computer-ArbeitsplĂ€tzen.

Datenablage und Bildbearbeitung
Die unbearbeiteten Scan-Daten werden direkt auf einem Server gespeichert. FĂŒr die Datenbank oder fĂŒr Druckzwecke werden ausschließlich Kopien verwendet und bearbeitet. Diese Daten werden zusĂ€tzlich in eigenen Verzeichnissen abgelegt und gesichert. FĂŒr die Bildbearbeitung stehen zwei identische ArbeitsplĂ€tze mit kalibrierten Monitoren zur VerfĂŒgung; einer davon wird hauptsĂ€chlich fĂŒr den Betrieb des Scanners verwendet. Das Scannen und Fotografieren sowie die Bildbearbeitung wird von angeleiteten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Digitalisierungs-Teams ausgefĂŒhrt.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Digitalisierungsprojekts

Gleichsam das RĂŒckgrat des Unternehmens bildet die Gruppe der studentischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die fĂŒr die Eingabe der wissenschaftlichen Informationen in die Datenbank MuseumPlus sowie die Fotoherstellung zustĂ€ndig ist. DarĂŒber hinaus bringen Bibliothekare, Restauratoren und IT-Fachleute der Hamburger Kunsthalle ihr Fachwissen ein. Erst durch die produktive Zusammenarbeit mehrerer Abteilungen ist der Aufbau einer digitalen Datenbank möglich, die sich in ihrem QualitĂ€tsanspruch an dem vom British Museum in London hinsichtlich musealer Digitalisierung gesetzten internationalen Maßstab orientiert.

Gesamtleitung:
Dr. Andreas Stolzenburg, Leiter des Kupferstichkabinetts

Wissenschaftliche Leitung:
Dr. David Klemm, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kupferstichkabinetts

Technische Leitung:
Christoph Irrgang, Mitarbeiter des Kupferstichkabinetts

Weitere am Projekt beteiligte Personen:
Andrea Joosten, Leiterin der Bibliothek
Dr. Ute Haug, Provenienzforschung
Sabine Zorn, Graphikrestaurierung
Anja Zuschke, Buchbinderei
Anne Barz, Registrar (bis 06/2016)
Thomas Fischer, EDV-Support

Studentische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (in alphabetischer Reihenfolge):
Sabine Albus (seit 12/2014)
Christian Auffarth (seit 07/2012)
Alina Bakowski (seit 08/2016)
Christina Bartling (seit 07/2016)
Daniel Becker (07/12-09/2014)
Leslie Becker (07/12-09/2015)
Vera Bitterer (seit 12/2014)
Christian BrĂŒckner (01/2015-04/2016)
Sophia Colditz (07/2012-05/2016)
Svenja Gerndt (11/2014-03/2016)
Birte Hinrichsen (seit 07/2012)
Ann-Kathrin Hubrich (07/2012-06/2014)
Nina Kalenbach (07/2012-12/2012)
Julia Karkowski (seit 07/2012)
Xenia Kotsch (07/2012-02/2016)
Maren Kotzyba (07/2012-06/2016)
Sina Kraushaar (12/2014-12/2015)
Celine Loesche (07/2012-07/2016)
Vivian Michalski (seit 07/2012)
Malte Mohrdieck (seit 04/2015)
Yvonne Nicolai (07/2012-08/2013)
Kaspar Peters (03/2015-12/2015)
Oliver Schweers (seit 08/2016)
Paolina Theophil (07/12-11/2012)
Angela Tietze (09/2014-04/2016)