| Funkelnde Sterne am Himmel
– Jahrmilliarden können die Lichtsignale alt sein und von
Gestirnen stammen, die längst verglüht sind. Das Firmament
zeigt sie vereint neben allerjüngsten – für unser
Auge ununterscheidbar. Visualisierbar sind neue naturwissenschaftliche
Entdeckungen im Kosmos schon längst nicht mehr. Und Einsteins
Erkenntnis, dass Raum und Zeit als wechselwirkende Einheit zu begreifen
sind, sprengt gar unsere Vorstellungskraft –. Dennoch, wir versuchen
uns ein Bild zu machen. Es geht um nicht weniger als um unser Welt-Bild.
Die Frage nach dem Bauplan des allumfassenden Weltalls ist verbunden
mit der Suche nach dem Sinn der menschlichen Existenz. Der Antrieb
für Naturerforschung wie Kunstwollen ist die Neugier. Hier ist
es der Wunsch, unseren Blick zu erweitern bis hinter die Oberfläche
des Himmelszeltes.
Dieser Blick kann schwindelerregend sein, wie in dem historisierenden
anonymen Holzstich, der 1888 in einem populärwissenschaftlichen
Astronomiebuch von Nicolas Camille Flammarion veröffentlicht
wurde und viele Künstler beeinflusst hat (z. B. Max Ernst, Stephan
Huber).
Von dem Wandel intensiver künstlerischer Auseinandersetzungen
zeugt unser Parcours und macht darin Geistesgeschichte sichtbar:
Er startet im Mittelalter, das die antiken astronomischen Erkenntnisse
ignoriert zu Gunsten der Vorstellung einer von Gott erschaffenen,
sphärenumringten Erdscheibe (Meister Bertram, Meister Francke,
Meister der E-Serie). In der Renaissance zeigen sich erste Bemühungen
um Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die die neuzeitliche
Vorstellung vom unendlichen Weltall einläuten (z. B. Dürer).
In Zeiten von Kopernikus, Galilei, Kepler beginnt eine abstrakt-geometrische
Sicht auf die Gestirne; astronomische Geräte werden für
Standortbestimmung oder auch zur Belehrung und Unterhaltung genutzt
(Heyden, Amigoni-Nachfolger, Pether, Bol, de Wit). Doch auch von Kometenfurcht
(Provost) und Aberglaube (Pencz, Beham) erzählt der Parcours,
von der engen Beziehung von Astronomie und Astrologie bis ins 17.
Jahrhundert hinein – sowie von späteren Rückgriffen
(z. B. Schilling, Spitzweg).
Der Sternengang führt zur geozentrischen Selbsttäuschung
des Romantikers, der trotz Aufklärung versucht, den himmlischen
Bereich in den kosmischen einzubeziehen (Runge). An der bildenden
Kunst wird somit deutlich, dass die kopernikanische Wende bis ins
19. Jahrhundert hinein kaum ins allgemeine Bewusstsein vordringt.
Obwohl die Gestirne teils schon auf frappierende Weise mit neuen Medien
erkundet werden (Rutherfurd).
Die revolutionären physikalischen Erkenntnisse des 20. Jahrhundert
schließlich inspirieren die faszinierten Künstler, eigene
Kosmogonien zu entwickeln – eine Fülle von Positionen,
die nur angedeutet werden kann (z. B. Max Ernst, Delaunay, Kandinsky,
Grosz). Der Parcours führt schließlich zu zeitgenössischen
Künstlern, die angesichts der Unendlichkeit der Zeit- und Raumdimensionen
zur Demut aufrufen (z. B. Ruff, Ecker, Merz) oder versuchen, den herabgestürzten
Sternenhimmel im Endzeitlager zu bewahren (z. B. Huber/Kummer).
Die weitgespannte Sammlung der Hamburger Kunsthalle, die Fülle
und Vielfalt der Werke aller Medien – Graphik, Malerei, Photographie,
Installation – erlaubte es, über 45 Werke in 25 Stationen
und zwei Ausstellungskabinetten zusammenzustellen. Sie sind mit Aufstellern
vor Ort kommentiert.
Zu dieser Ausstellung ist das Fensterheft „Sternenwege. Ein
kosmischer Gang durch die Sammlung“ erschienen. Es ist für
3 Euro im Museumsshop zu beziehen.
Der Parcours begleitet die Ausstellung „Rückkehr
ins All“, die zeitgleich in der Galerie der Gegenwart zu
sehen ist.
Ausstellung, Rundgang und Publikation: Annabelle Görgen
Mitarbeit: Rainer Müller-Tombrink, David Klemm
Assistenz: Mira Becker, Brindusa Radut, Elena Hansen
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Meister Bertram von Minden (um 1340-1414/15), Der ehemalige Hochaltar
von St. Petri in Hamburg, Die Erschaffung der Gestirne, 1379-1383,
Öltempera/Eichenholz, Altar aufgeklappt: 180 x 720 cm, Einzeltafel:
172 x 169 cm

Detail
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