| Überbordende Blumenbouquets, blutige Wildbraten, Zinnkelche
und Totenschädel – Stillleben faszinieren seit vielen
Jahrhunderten Betrachter und Künstler gleichermaßen. Vom
6. Juni bis zum 5. Oktober 2008 lädt die Hamburger Kunsthalle
in das Hubertus-Wald-Forum ein zur großen Sommerausstellung Spiegel
geheimer Wünsche mit über 150 Werken aus fünf
Jahrhunderten. Über 50 sinnlich-opulente Gemälde aus dem
Barock bilden den Schwerpunkt der Ausstellung. Zusammen mit Stillleben
des Impressionismus von Gustave Courbet, Auguste Renoir, Claude Monet
bis hin zu Max Beckmann und Georges Braque treten sie in einen Dialog
mit zeitgenössischen Arbeiten etwa von Mona Hatoum, Thomas Schütte,
Jeff Wall, Jörg Sasse, Thomas Demand oder James Hopkins.
Das sorgfältige Arrangement begehrter Gegenstände, von
Luxusgütern bis zu erlegtem Wild oder Geflügel, aber auch
Früchte, Blumen, Kostbarkeiten und Kuriositäten beschäftigte
Künstler schon im Altertum. Luxus und Genuss, Erotik und Esskultur,
Vergänglichkeit und Ewigkeit inspirierten die Künstler
durch die Jahrhunderte zu Kompositionen voller verborgener Symbolik
und Doppelbödigkeit, Augentäuscherei und feiner Ironie.
Der außergewöhnliche Reiz dieser Malerei liegt in der
perfekten Illusion, in der täuschend echten Darstellung, die
die Künstler mit Farbe, Pinselduktus und kunstvoller Lichtführung
erschaffen.
Allen Stillleben gemeinsam sind eine eigentümliche Rätselhaftigkeit
und Sinnlichkeit, die den Betrachter anziehen. Denn was verlockt,
sind die Phänomene, die die Künstler vor Augen führen.
Das Bild wird zum Spiegel der geheimen Wünsche des Betrachters.
Statt eines Abbilds der Wirklichkeit ist es immer auch eine Manipulation
derselben. Reichtümer oder Wünsche nach Ewigkeit werden
im Bild erfüllt, wenn Blumen nie verblühen, die Zeit nicht
verrinnt oder der schöne Augenblick für immer bleibt.
Auch die zeitgenössischen Künstler schrecken keineswegs
vor gefüllten Regalen, toten Tieren und gedeckten Tischen zurück.
Im Gegenteil – das „gestylte“ Interieur mit Objekten
voller Bedeutung und Symbolhaftigkeit ist von großem Interesse.
Zeitgenössische Stillleben zeugen von veränderten Wahrnehmungsbedingungen
der Moderne und werden immer stärker zu einem Experimentierfeld
für neue Stilrichtungen, Materialien und Medien.
Stillleben bannen den Blick, sprechen die Sinne an und bleiben
doch immer rätselhaft. Die Gegenstände erscheinen oft so
täuschend echt, dass man sie mit den Händen greifen möchte.
Die Ausstellung verfolgt intensiv die Frage, wie die Bilder tatsächlich
wirken, wie das Spiel mit der Täuschung, der Illusion und Wahrnehmung
funktioniert, und welche Beziehung die kunstvollen Arrangements zum
Betrachter aufbauen. Die Hamburger Präsentation stellt insbesondere
die sensuellen und phänomenologischen Aspekte der Stillleben
in den Mittelpunkt: die Illusionseffekte, das Spiel mit Spiegeln,
mit den reflektierenden Gläsern oder Stoffen und die verschiedenen
Strategien der Künstler, die die Wahrnehmung des Betrachters
lenken.
In überraschenden Kombinationen treten hier zeitgenössische
Werke mit den älteren Gemälden in einen Dialog. Und i nmitten
der aktuellen Objektwelten zwischen Alltagsleben und Spiritualität
tauchen dabei immer wieder die klassischen Motive, wie gedeckte Tische,
tote Jagdtiere oder die traditionelle Vanitas-Symbolik auf. James
Hopkins Installation Dekadenz und Untergang – ein
Regal mit den typischen Objekten eines Jugendzimmers, das mit Abstand
betrachtet deutlich die Konturen eines Totenschädels aufscheinen
lässt – greift ganz unmittelbar das Thema der Vergänglichkeit
des Lebens auf und erinnert an den morbiden Charme der früheren
Stillleben-Generationen.
Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog im HIRMER Verlag,
hrsg. von Hubertus Gaßner und Martina Sitt mit Beiträgen
von Martina Sitt, Philip Ursprung, Peter Wegmann, 216 Seiten, zahlreiche
farbige und schwarz-weiße Abbildungen, ISBN:978-3-7774-4195-5.
Erhältlich im Museumsshop für 25 Euro sowie im Buchhandel
für ca. 34,90 Euro.
Ein Audioguide in Deutsch führt durch die Ausstellung (3 Euro).
Beachten Sie auch das umfangreiche Veranstaltungsprogramm im September.
Kuratorinnen der Ausstellung: PD Dr. Martina Sitt , Dr. des.
Dorothee Gerkens (wiss. Assistenz).
Mit freundlicher Unterstützung der Ausstellung durch

und des Katalogs durch 
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Willem Claesz Heda (1594 - 1680/82), Prunkstillleben,
1638

Leidener Meister, Vanitas-Stillleben mit zwei
Violinen, Spiegel und Totenkopf, um 1635

Isaak Soreau (1604 - nach 1654), Stillleben mit
Früchten, um 1640

Gustave Courbet (1819 -1877), Blütenzweige
und Blumen, 1855

James Hopkins (*1976), Decadence and Demise, 2006

Wolfgang Tillmans (*1968)
Still life, New York, 2001
Leihgabe Fotomuseum Winthertur
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