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Andy Warhol · Photography
Ausstellung zur Ersten Triennale
der Photographie in Hamburg

13. Mai bis 22. August 1999

Andy Warhol  |  Ethel Scull  |  Holly Solomon   |  Pressestimmen

 

Brigitte Bardot, Jeanne Moreau, Marilyn Monroe - alle in einer Person
Holly Solomon erinnert sich

Ich glaube, das erste Gemälde von Warhol, das ich gekauft habe, war Marilyn Monroe. Das Bild kam aus der Sammlung eines französischen Künstlers, Martial Raysse, der es verkaufen wollte. Ich war eine leidenschaftliche Sammlerin und gab alles, was ich hatte, für Kunst aus. Mein Ex-Mann Horace schwärmte für die Werke von Roy Lichtenstein. Ich mochte Roy damals natürlich auch, aber was ich wirklich wollte, war ein Portrait von Richard Avedon. Mein Mann arbeitete zusammen mit Avedon, der sich bereit erklärte, mich für 12 000 Dollar zu portraitieren. Ich sagte nein, ich hätte doch lieber Portraits von Andy und Roy. Dann wurde ich ehrgeiziger, und es mußten unbedingt Rauschenberg und Rosenquist und natürlich Christo sein. Die kannte ich sehr gut. Jedenfalls ging ich auf alle Loft-Parties. Damals dachte ich, daß ich sehr, sehr krank sei, und ich mußte immer wieder operiert werden. Ich dachte, daß ich schon bald nicht mehr leben würde und wollte etwas, das ich meinen Kindern hinterlassen konnte. Roy sagte also, er würde mein Portrait machen. Er sagte: »Such dir deinen Lieblings-Comic aus.« Ich fuhr dann mit einem Stapel Comic-Hefte nach Florida, setzte mich ins Hotel Fontainebleau und blätterte Comics durch. Irgendwann dachte ich dann, ich kann mich verdammt noch mal nicht entscheiden, und sagte zu Roy: »Nimm die Comics, und mach was du willst.« So kam dieser Auftrag zustande

solomon

Danach bat ich Andy, mich zu portraitieren. Wir gingen zum Broadway Ecke 7. Straße, wo es diese Photoautomaten gab. Ich traf Andy dort, und wir hatten einen ganzen Haufen 25-Cent-Stücke dabei. Wir probierten eine Menge verschiedener Automaten.

Wissen Sie, niemand verstand damals so richtig, daß Andy ein großer Künstler war. Wir begreifen nicht, daß diese zeitgenössischen Maler und Künstler wenn sie gut sind - ihr Medium ganz genau kennen. Wenn Andy ein Photo machte, wenn Lichtenstein malte oder zeichnete, dann verstanden sie dieses Medium genau, und sie wußten, welches Vokabular sie verwenden konnten. Es war merkwürdig: Den einen Photoautomaten mochte er nicht, dafür aber einen anderen, und vielleicht noch diesen. Und so brachten wir ungefähr eine Stunde damit zu, von Photoautomat zu Photoautomat zu gehen, bis wir uns endlich für einen entschieden hatten. Andy machte ein paar Photos, blieb eine Weile bei mir und ließ mich dann allein. Und so machte ich die Photos ganz alleine. Es war leichter, wenn man für sich war, und er verstand das auch.

Wenn man lange Zeit in so einem Automaten sitzt, wird es ziemlich langweilig; photographiert zu werden an sich ist ja ziemlich langweilig. Wenn man eine Pose ausprobiert hat, wieviele fallen einem dann noch ein? Ich langweilte mich so sehr, daß ich anfing, richtig zu schauspielern. Ich war damals Schülerin bei Lee Strasberg, also fing ich an, all diese Schauspiel-Übungen zu machen. Ich verbrachte Stunden damit. Fünfzig Dollar ist viel Geld in einem Photoautomaten ! Als ich fertig war, gab ich die Photos einfach an Andy weiter und sagte: »BehaIte du sie und überleg dir, was du damit machen willst.« Danach habe ich die Bilder völlig vergessen.

Was ich wirklich von Andy haben wollte, war eine Tapete. Die Tapete war meine Idee, und ich schlug auch Möbelbezüge vor. Ich wollte eine Tapete in grisé für meinen Salon, so daß man das Bild darauf kaum erkennen konnte. Er sollte die Gemälde machen und üiber die Tapete hängen.

Der Streitpunkt war, daß Andy eine Unsumme Geld verlangte. Nicht für das Portratit, aber er wollte 6 000 Dollar für die Tapete! Horace war richtig wütend und sagte: »Was glaubt der eigentlich, wer wir sind? Er will, daß wir ihm soviel Geld geben, damit er eine Tapete macht.« Ich fragte Andy, warum er so viel Geld wollte, und er sagte: »Weil ihr die Tapete verkaufen werdet.« Ich sagte: »Andy, ich möchte sie doch nur an der Wand haben.« Er sagte: »Und was, wenn du irgendwann Tapeten verkaufen willst?« »Andy, bitte, ich bin doch keine Händlerin, ich bin Schauspielerin. Ich werde keine Tapeten verkaufen.« Sie dürfen nicht vergessen, daß ich zu der Zeit noch keine Kunsthändlerin war, sondern professionelle Schauspielerin. Wir redeten mit Leo Castelli, der mit Andy redete, bis Horice schließlich erklärte: »Vergessen wir die ganze Andy Wahol-Sache.«

Also ließen wir die Idee mit dem Portrait sein. Als ich aber den Lichtensten bezahlte, sagte ich zu Leo Castellis Assistenten David Whitney: »Das ist für das Portrait«, und meinte den Lichtenstein. Er aber griff zum Telefon und rief Andy an, weil er dachte, das Geld sei für das Portrait von Andy, und aIs ich zuhause ankam, rief der mich an und satgte: »Oh, Hol, wir machen das Portrait.« Ich war wirklich in der Zwickmühle, weil mein Mann »Nein« gesagt hatte und ich kein Geld hatte, aber auch nicht sagen wollte: »Nein, nein, das Geld war doch für Roy Liechtenstein. « Ich wollte den Warhol ja unbedingt. Ich sagte Andy also zu, wurde aber ganz verzweifelt, weil ich kein Geld hatte. Am nächsen Tag ging ich zu Leo und sprach mit Ivan Karp, der Leos Assistent war, ich hatte Horace gegenüber nichts erwähnt - und fragte ihn: »Was soll ich jetzt tun?« Er sagte: »Laß ihn das Portrait doch einfach machen. Er ist ganz allein, The VeIvet Underground und alle anderen sind den Sommer über nicht da, un er hat nichts zu tun. Also, laß ihn das Portrait machen, und wenn du es nicht leiden kannst, verkaufe ich es im Herbst.« So dachte ich, okay, aber ich muß versuchen, das Geld irgendwie aufzutreiben. Ich suchte einen Job, um etwas zu verdienen, fand aber keinen. Ich rief meine Mutter an, um von ihr etwas zu leihen, und konnte endlich 3 000 Dollar zusammenkratzen. Schließlich sagte ich, ich würde drei Portraits kaufen. Okay. Ungefähr einen Monat später bekam ich einen Anruf von Andy, der mich ganz aufgeregt bat, zum Studio zu kommen. Also ging ich hin. Er hatte drei Siebdrucke von drei verschiedenen Photos gemacht. Er wollte wissen, welche der Vorlagen ich mochte. (Ich mochte mein Gesicht nicht, weil ich es zu rund fand. Ich hatte keine hohen Wangenknochen, ich war nicht Greta Garbo. Ich hatte schon immer diese runden Backen). Als ich mir die Siebdrucke ansah, sagte ich: »Oh Andy, ich finde sie schrecklich, weil mein Gesicht so rund wirkt.« Er sagte: »Aber das ist doch das Schöne an dir.« Ich sagte: »,Ach komm.« Und er: »Nein, du bist schön, weißt du das nicht?« Ich sagte: »Andy, ich weiß, daß ich hübsch bin, aber ich hasse es, >hübsch< zu sein. Ich finde überhaupt nicht, daß ich schön bin.« Mir hatte noch nie jemand auch nur gesagt, daß ich hübsch sei.

Andy begann, an allen drei Bildern zu arbeiten. Ich wollte drei kaufen. Und einen Monat später rief er mich an - es war ungefähr August - und sagte: »Ich bin soweit, ich möchte dir dein Portrait zeigen.« Er wußte, daß ich nur drei bezahlen konnte. Als ich zu ihm hoch kam, lagen acht auf dem Boden. Ich hatte Horace gebeten mitzukommen, weil er einen sehr guten Geschmack besaß, und da ich mir drei aussuchen sollte, brauchte ich Unterstützung und jemanden mit guten Ideen.

Als wir im Studio ankamen - Horace besaß so einen kleinen Aston Martin, mit dem wir hinfuhren -, sahen Andy und ich die Bilder zusammen an und sagten: »Ach, ich mag das und das und das ... « Schließlich gingen wir rüber zu Horace, um ihn zu fagen, welche wir nehmen sollten. Horace sagte: »Sind die schon trocken, Andy?« Und Andy sagte: »Ja«. Horace sagte: »Also, ich denke, du solltest sie einpacken und wir nehmen sie alle mit.« Andy packte sie ein, und Horace und ich nahmen sie mit nach Hause.

Wir brachten sie nach oben in meinen Salon, wo die beiden Marilyns hingen - eine doppelte, eine auf lila und die andere auf orangefarbenem Grund - und dann hatte ich noch Liz im Wohnzimmer. Hatte ich damals schon Jackie? Ich hatte Anxious Girl, mein Portrait von Lichtenstein. Ich hatte die ganzen Mädels im Wohnzimmer.

Ich werde nie vergessen, wie ich da allein saß. Horace hatte die Bilder auf den Boden gelegt und war schlafen gegangen. Ich saß allein im Wohnzimmer und sah sie mir an, und ich weiß noch genau, daß ich rot wurde. Die Portraits zeigten so viel, daß es peinlich war. Ich dachte: »Lieber Gott, was hat er nur mit mir gemacht?« Andy ist wirklich ein großartiger Portraitist, und er muß mich wirklich sehr gemocht haben. Er machte aus mir den Archetyp der sexuell befreiten Frau unserer Zeit.

Das Bild ist eine lkone dieser befreiten Frau, die angestrengt versucht, wirklich befreit zu sein. In den Sechzigern gab es Regeln: Eine intelligente Frau war eine unglückliche Frau. Wirklich unglücklich. Man mußte dünn sein. Wir waren mit all diesen Regeln aufgewachsen. Wir nahmen alle Amphetamine. Ich nahm Seconal, um einzuschlafen, und wog noch 87 Pfund. Ich wollte Schauspielerin sein, konnte das aber nie öffentlich zugeben, weil die Familie meines Mannes und meine eigene Familie entsetzt gewesen wären.

Andy hat in seinem Portrait von mir den Hintergrund in derselben Farbe gehalten wie das Haar. Der Hintergrund ist einmal gelb, einmal pfirsich-, einmal türkisfarben - es wirkt billig, durch und durch polnischer Geschmack. Es ist sehr roh. Als ich das Studio verließ, fragte er mich: »In welcher Farbe möchtest du die Portraits haben?«, und ich sagte: »Andy, nimm einfach eine Farbe, die du magst. Mach, was du willst.« Ich hatte dieses kleine Pucci-Kleid an. Zuletzt sagte er zu mir: »Wie wäre es mit den Farben deines Kleides?«, und ich: »Sicher, Andy, wie du willst.«

Die Haare haben also die gleiche Farbe wie der Hintergrund; das einzige, das wirklich zu sehen ist, ist der Mund. Bei Marilyn ist der Hintergrund orange, das Haar gelb und der Mund rot. Ihr machte er diese ganz weißen Zähne. Wir sagten immer »arme Marilyn«, schon als sie noch lebte. Er ließ sie aussehen, als wäre sie eine verbitterte Frau. Er hielt sie für hart wie Stahl.

Die Geschichte geht weiter und weiter. Es war so, daß wenig später Andys erste Retrospektive in Boston stattfinden sollte, eingerichtet wurde sie von Alan Solomon. Alan war ein großartiger Kurator und fragte, ob er mein Werk ausleihen dürfe. Ich sagte: »Natürlich.« Alan wollte das Portrait im Quadrat zeigen, also mußte Andy ein weiteres malen. Daraufhin geriet Horace in einen riesigen Streit mit Leo und Andy, wirklich schlimm. Horace meinte: »Wie soll das weitergehen? Jedesmal, wenn Andy etwas Geld braucht, macht er dann noch einen Siebdruck und noch einen und noch einen?« Schließlich einigten sie sich darauf, daß Andy die Siebe zwar behalten konnte, aber per Vertrag keine weiteren Drucke mehr herstellen durfte. Sie machten einen Preis für die neun aus, und damit war es gut.

Ich denke an die Bilder nie als Portraits, und schon gar nicht als Portraits von mir. Ich habe sie auch nie als Portraits bezeichnet, sondern immer als »den Warhol«, »den Lichtenstein«, »den Artschwager« oder »den Wegman«. Es ging bei diesen Bildern nicht um ;Ähnlichkeit, es ging immer um den jeweiligen Künstler. Wenn man also das Portrait ansieht, sieht man tatsächlich diese verrückte, verkorkste, sexuell verwirrte Person, die wir alle waren. Wir waren verrückt. Wir hatten den Verstand verloren.

Andy und ich sprachen viel über Kunst und über die Schauspielerei. Andy - das muß ich wirklich sagen - ist immer schrecklich verleumdet worden. Er war sehr großzügig mit allen Leuten, weil er immer versuchte, ihnen das zu geben, von dem er dachte, daß sie es wollten. Als ich noch Schauspielerin war, rief er mich zum Beispiel an und fragte mich: »Wieso spielst du eigentlich nicht in Serien?« Ich sagte: »Das würde ich zu gerne tun, ich bekomme nur keine Angebote.« Ich durfte nur Lesben spielen. Ich spielte Strindbergs Hedda und die Nora in lbsens Puppenhaus. Ich sagte zu ihm: »Glaub mir, ich wäre gerne Debbie Reynolds. Aber niemand will mich.« Andy wollte, daß ich in Lonesome Cowboys mitspiele. Das wollte er wirklich. Er rief mich jeden Tag an und sagte: »Oh, Hol, du wärst wunderschön. Ich setze dich auf ein weißes Pferd. Das wäre sehr schön, ein weißes Pferd. Du wärst toll geschminkt und sehr schön.« Und ich sagte: »Ich kann nicht nach Arizona fahren mit 23 Leuten wie euch.« Mir war klar, daß die Gruppe tun würde, was sie wollte, und daß ich, wenn ich auf ein weißes Pferd klettern und versuchen würde, einfach »schön« zu sein, oder wenn ich »Laß das« vor der Kamera sagen würde, wie ein idiotisches Kind wirken würde. Es gab kein Drehbuch, also wäre ich verloren, egal, wie ich mich verhalten würde. Es war brillant von Andy, mich für seinen Film casten zu wollen. Wir wollten alle nach Hollywood. Jeder von uns. Wir kamen nie auf die Idee, daß Hollywood einfach nichts mit uns zu tun haben wollte, weil wir zur Warhol-Gruppe gehörten und daher niemals zum Establishment gehören konnten.

Doch ich wollte Brigitte Bardot sein, ich wollte Jeanne Moreau und Marilyn Monroe sein, alle in einer Person.

Aus dem Katalog der Hamburger Kunsthalle: Andy Warhol - Photography, S.94ff, 1999
Aus Aufzeichnungen mehrerer Gespräche zwischen Holly Solomon und Christoph Heinrich, New York, Juli 1998.
Aus dem englischen von Katharina von der Leyen.

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