Keine Sorge, alles wird großartig
Ethel Secull berichtet über ihr Portrait
Mein
Mann Bob hatte Andy Warhol gebeten, mich zu portraitieren, was mir
natürlich ein wenig Angst machte, weil man bei Andy nie wußte,
was dabei herauskommen würde. Er aber sagte: »Keine Sorge,
alles wird großartig.« Folglich sah ich mich schon in Richard
Avedoiis Atelier.
Er kam also zum verabredeten Termin zu mir und sagte: »Schön, auf geht's.«
Und ich sagte: »Wohin gehen wir denn?«
»Nur runter an die Ecke 42. Straße und Broadway.«
Ich: »Und was wollen wir da?«
Er: »Ich werde Aufnahmen von dir machen.«
Ich: »Wozu?«
Er: »Für das Portrait. «
Ich: »In diesen Dingern? Mein Gott, ich werde entsetzlich aussehen!«
Er sagte: »Keine Sorge« und holte Münzen hervor.
Er hatte an die hundert Dollar in Münzen dabei, und er sagte: »Wir stellen auf hell und
auf dunkel ein, ich schubs dich rein, und du gibst acht auf das kleine rote Lämpchen.«
Es war eines von den Dingern, mit denen man seine Paßbilder macht, drei Stück für einen
Vierteldollar oder so.
Er sagte: »Achte nur auf das rote Licht«, und ich wurde stocksteif, achtete auf das rote
Lämpchen und rührte mich nicht. Desalb kam Andy rein, schubste mich und brachte mich
dazu, alles Mögliche zu machen, bis ich mich schließlich entspannte. Ich glaube, wo
immer wir waren, dachten die Leute, sie hätten zwei Verrückte vor sich. Wir liefen von
einem Photoautomaten zum anderen, und er machte diese vielen Aufnahmen, die dann
überall zum Trocknen herumhingen.
Als wir fertig waren, sagte er: »Na, möchtest du sie sehen?«
Und die Aufnahmen waren so sensationell, daß er keinen Richard
Avedon brauchte. Ich war so zufrieden, daß ich von jetzt an
alle meine Bilder dort machen werde.
Als er das Portrait ablieferte, kam es in einzelnen Tafeln, und Bob
sagte zu ihm: »Wie wär's ... willst du es nicht auch zusammensetzend,
denn da waren all diese schönen Farben.
Er sagte: »Ach nein. Der Mann, der die Tafeln hier zusammensetzt,
soll es doch so machen, wie er will.« »Aber Andy, das hier
ist dein Portrait.«
»Das spielt keine Rolle.«
Er verzog sich also in die Bibliothek und wir arbeiteten an dem Bild.
Hinterher kam er natürlich rein, um das Ergebnis zu begutachten.
»Hmm, ich denke, das da sollte hier sein und dieses dort.«
Nachdem alles fertig war, sagte er: »Es spielt wirklich keine
Rolle. So ist es einfach großartig. Aber ihr könnt es nach
Belieben verändern.«
Was mir am meisten daran gefiel war, daß das Portrait einen
in seiner ganzen Lebendigkeit zeigte und nicht eins von diesen zuckersüßen
Abziehbildern war, die ich verabscheue und von denen ich nie eines
als mein Portrait haben möchte.
Aus dem Katalog der Hamburger Kunsthalle: Andy
Warhol - Photography, S.88ff, 1999
Erstveröffentlichung in Emile de Antonio und Mitch
Tuchman: Printers Painting. A Candid History of Modern Art Scene 1940-1970,
New York: Abbeville Press 1984, S. 123f. Aus dem Englischen von Werner
Peterich.
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