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Jacob van Ruisdael
oder die Revolution der Landschaft

18. Januar bis 7. April 2002
in der Galerie der Alten Meister


Jacob van Ruisdael (1629-1682) von Martina Sitt

Die Person - Über den Maler weiß man wenig. Seine Person steht in der Ausstellung auch bewusst im Schatten seines Werkes. Er stammt aus einer Malerfamilie: sein Vater Isaack war Rahmenmacher und Maler wie sein Onkel Salomon und sein Cousin Jacob Salomonsz. Aufgewachsen in Haarlem, ist Jacob schon früh mit den Werken anderer Maler seiner Stadt vertraut. Mit einigen von ihnen ist er befreundet und mit einem, Nicolaes Berchem, unternimmt er 1651 eine Reise in die Grafschaft Bentheim, die ihn sehr beeindruckt. 1657 zieht er nach Amsterdam, wo er mit Anfang fünfzig stirbt.

 

Die Zeit - Ruisdaels erste Arbeiten tragen das Datum 1646. Sie sind zwei Jahre vor dem Westfälischen Frieden entstanden, ein Friede, der sich erst allmählich von Ort zu Ort festigen wird, der allerdings für Holland nach einer Phase großen Wohlstands für die späten 1650er Jahren eine Rezession mit sich bringen wird. Das Chaos des Aufbruchs und Umbruchs in dieser Gesellschaft scheint uns Ruisdael jedoch wie kein anderer mit jedem Pinselstrich vor Augen zu führen.

Die Marktlage - Nach anfänglich offenbar großen Erfolgen und schneller Bekanntheit bleibt Ruisdael von dem gesamtholländischen wirtschaftlichen Niedergang offenbar nicht ganz verschont. Er scheint in den Werken der späten 1650er und 1660er Jahren kommerzieller ausgerichtet zu sein. So fertigt er auch beliebte kleinformatige Winterlandschaften an. Auch die zahlreichen Wasserfälle und die geschätzten Haerlempjes (Ansichten der Bleichfelder bei Haarlem), von denen er 33 malt, gehen offenbar auf Wünsche der Auftraggeber zurück.

Die Anderen - Ruisdael entwickelt seine Fähigkeiten inmitten vieler in Haarlem und Umgebung erfolgreicher Landschaftsmaler. Es stehen ihm renommierte Vorbilder wie Cornelis Vroom vor Augen, er kennt die traditionellen Kompositionsmuster aus dem Werk des gefragten Jan van Goyen oder die Bandbreite und Macht der ungewöhnlichen Reiseeindrücke durch die Gemälde von Allart van Everdingen. Er setzt sich mit den Maltechniken seines Onkels Salomon oder Pieter de Molijn auseinander, der seine Bäume stets nach einem vielfach erprobten Schema auf die Fläche setzt.

Das Revolutionäre in Ruisdaels Landschaften - Er suggeriert in seiner Detailbesessenheit, forciert durch seine besondere Maltechnik (Perleffekt in den Baumspitzen; Kratzspuren für die Bewegtheit der Atmosphäre etc.), eine Nähe zur Natur, die unübertroffen ist. Man kann einzelne Baumsorten bestimmen. Dennoch ist diese Genauigkeit nur ein Gestaltungsmittel und nicht Thema. Statt dessen arrangiert er diese Fragmente der Wirklichkeit in ganz individueller und phantasievoller Weise jeweils neu. Starke Kontraste, ein Dualismus von Nahsicht und Ferne, ein gezieltes Öffnen und Verstellen von Blickachsen kennzeichnen seinen Stil.

Die Auswahl - Diese Ausstellung konzentriert sich zunächst auf seine Frühzeit, 1646-1650, an die sich die Reise nach Bentheim anschließt, die in seinem Werk deutliche Spuren hinterlässt (1651-1655). Dabei markiert der "Judenfriedof" aus Dresden einen vorläufigen Höhepunkt an Reife in seinem Werk. Die Zeit bis 1670 ist nur dann mit einem Werk in dieser Ausstellung vertreten, wenn sich darin eine neue Richtung seiner Kompositionsweise ausmachen läßt. Die Spätwerke wie "Die Mühle von Wijk bij Duurstede" von 1670 (Amsterdam) und das "Haerlempje" von 1672 (Zürich) machen deutlich, wie er auf die kraftvollen Ansätze seiner frühen Bilder zurückkommt und deren programmatische Kompositionsmuster wieder aufgreift, verfeinert und weiterentwickelt.

Die Präsentation - umfasst vier große Säle mit ausgewählten und exquisiten Leihgaben sowie in diesem Kontext wichtigen Werken der eigenen Sammlung. Parallel zeigt sie, was ebenso - d.h. auch zur selben Zeit - im Bereich der Landschaftsmalerei möglich und gefragt war. Nur durch aufmerksame Betrachtung und den Vergleich mit den Zeitgenossen kann sich dem Betrachter die außergewöhnliche Position von Ruisdaels Werk erschließen. Raum 1 (101) - die Installation der beiden Gemälde in dem dreieckigen Einbau machen Sie auf einen Umstand aufmerksam, der Sie bei der Betrachtung aller dieser Werke begleitet: Ihre Wahrnehmung der Gemälde wird durch deren Beleuchtung bis zu einem gewissen Grad manipuliert. Unterschiedliche Lichtqualitäten werden von der Malerei und den geschliffenen Pigmenten der Farbe unterschiedlich reflektiert. Mal dominiert der Eindruck der Flächenhaftigkeit, mal der der Tiefenwirkung. Tagsüber bieten die folgenden Galerieräume ein gleichmäßiges Tageslicht, das aber durch Spots verstärkt wird und zum Mischlicht wird. Ohne diese zusätzliche Helligkeit würden die ungeduldigen unter unseren Besuchern aber nicht die Muße aufbringen, solange zu warten, bis ihre Augen sich auf die Lichtverhältnisse eingestellt haben. Das ist der Tribut des Museums an unsere schnelllebige Zeit. Die Niederländer malten bei kühlem Nordlicht.

Raum 2 (105) - Ruisdael wird in eine Malerfamilie und zugleich in einen Kreis von bekannten Landschaftsmalern hineingeboren. Werke, die unmittelbar aus diesem Umkreis stammen, vermögen die Zeit seiner ersten Erfahrungen zu verdeutlichen. Vor diesem Hintergrund geht der Sechzehnjährige ans Werk. Eines seiner frühesten Werke ist die "Landschaft mit Hütte" aus der Hamburger Kunsthalle. In unmittelbarer Nähe hierzu muss auch die "Dünenlandschaft mit Hütte" aus Haarlem gesehen werden.

Die Kabinette 104-114, die Sie von hier aus betreten können, stellen Ihnen weitere Zeitgenossen und deren Ansätze in der Malerei vor. Neben den frühen Panorama- und Übersichtslandschaften finden Sie sogenannte Dorflandschaften, eine Auswahl an Winterbildern von der Hand der bekanntesten Maler wie Henrik Averkamp und Jan Beerstraaten, Nachtbilder von Aert van der Neer und sonnendurchflutete Idyllen wie jene der Italianisanten, das sind jene Holländer, die den weiten Weg nach Italien nicht gescheut und von dort das Licht des Südens in ihre Bilder geholt hatten. Das alles hätte auch Ruisdael malen, nachahmen, nachempfinden, komponieren können. Doch sein Ansatz war ein anderer.

Raum 3 (106) - Die Werke der folgenden Jahre - 1647-1648 - zeigen, wie er seine ersten Ansätze variiert und abwechslungsreich weiter verfolgt. Der vereinzelte Baumstamm, vom Licht als herausragende Skulptur geformt, ist ein durchgehendes Motiv. Er wirkt abgestorben und doch lebendig, da ihn das Licht eindrucksvoll umspielt und ihm meist auch junges Grün entspringt.

Raum 4 (107) - Auch die Werken der darauffolgenden Jahre erweisen sich als höchst eigenständig und zuweilen sehr kühn in der Ausnutzung des Formats. Ruisdael wechselt den Malgrund, wählt statt der Holztafeln die Leinwand. Holz war durch den aufwendigen Schiffsbau der Holländer zu einem teuren Gut geworden, wogegen die Leinenbleiche und damit die günstigere Leinenproduktion zum ertragreichen Geschäft der Haarlemer avancierte.

Raum 5 (115) - Ruisdael ist als Zeichner kaum in Erscheinung getreten. Bislang kann man auch seine wenigen Zeichnungen nicht mit Gemälden in Verbindung bringen, so dass ihnen nicht der Status einer Vorarbeit zukommt, sondern sie als eigenständige Kunstwerke aufzufassen sind. Auch hier kann das Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle mit einem Reichtum an zeitgenössischen Werken die anhand der Gemälde gewonnenen Eindrücke vertiefen.

Raum 6 (116) - ist einigen herausragenden Werken der späten Zeit gewidmet. Zugleich zeigen Arbeiten seines zeitweiligen Schülers Meindert Hobbema und von Jan van Kessel sowie Philips Koninck, wie seine wegweisenden Anregungen aufgenommen und weiterverarbeitet wurden.

Die kunsttechnologische Untersuchung - von den bekannten technologischen Untersuchungsmethoden haben wir hier die Dendrochronologie und die Röntgenuntersuchung genutzt, um einerseits etwas über das Alter des verwendeten Holzes zu erfahren, andererseits um Ruisdaels Besonderheiten in der Gestaltung seiner Bildräume näher zu kommen. Ruisdaels früheste Werke sind auf Holz gemalt, das als Bildträger wegen der Dichte und Festigkeit seiner Oberfläche besonders geschätzt wurde. Wir haben uns bemüht, zahlreiche Holztafeln ausleihen zu können, so dass nun in der Ausstellung 24 Arbeiten auf Holz zu sehen sind. Aufgrund der für ihn typischen, umfangreichen Verwendung von Bleiweiß wird im Röntgenbild eine Art "Licht-Gerüst" erkennbar, das seine Bildräume durch die Verteilung von Hell und Dunkel strukturiert. Die Röntgenbilder zeigen Ihnen damit nichts, was Sie nicht auch bei intensiver Betrachtung der Komposition erfahren könnten, nur achtet man darauf im Allgemeinen nicht. Hier können Sie für Ruisdaels "Lichtdramaturgie" sensibilisiert werden.

Vorgänger - Zeitgenossen - Nachfolger
Themen und Motive 1580-1680

Die Kabinette zeigen Themen und Motive, die die Landschaftsmaler im Goldenen Zeitalter der holländischen Landschaftsmalerei vom Ende des 16. Jahrhunderts bis in die achtziger Jahre des 17. Jahrhunderts bevorzugten. Sie bieten somit einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Landschaftsmalerei jener Jahre.

Raum 108 - Aus den frühen Panoramalandschaften und den mit religiösen Motiven durchsetzten Landschaftsgründen (Raum 108) entwickelten sich allmählich eine Vielzahl von Motivgruppen. Die Anfänge sind hier eher in den vielfigurigen Kompositionen eines Henrik van Cleve III. (um 1570f.) und eines Flamen wie David Vinckboons (um 1600) nachzuvollziehen. Während Cornelis von Haarlem 1622 die biblischen Figuren von Adam und Eva vor die Landschaft platziert, rückt Roelant Savery bereits um 1606 das unzugängliche Dickicht des Waldes in den Mittelpunkt der Darstellung.

Raum 109 - Peeter Snayers aus Antwerpen (ein Gemälde das ehemals Jacques Fouquier zugewiesen wurde) weist um 1630/35 der Landschaft im Raum bereits eine große Rolle zu. Die Reiterszene ist ihr schon beinahe untergeordnet. Anhand der Werke von Pieter Schoubroeck (um 1605) und des in Haarlem arbeitenden Jan de Wet (nach der Restaurierung nun erstmals in der Kunsthalle zu sehen) kann bereits der Aspekt des Lichts in der Landschaft in den Blick gerückt werden. Schoubroeck inszeniert dadurch das phantastische Felsgebilde mit einer Burganlage und einer biblischen Szene als bedrohlich wirkende Kulisse. De Wet holt erst um 1640 das Licht in zarten gelb-orange Tönen als freundliche Erhellung der biblischen Szene mit Tobias und dem Engel ins Bild. Diese Ansätze werden Sie in den Arbeiten der sogenannten Italianisanten weiterverfolgen können (Kabinett 113).

Raum 110 - Im 17. Jahrhundert bildeten sich allmählich verschiedene Themenbereiche heraus, die Fachleute unter den Künstlern erforderten: dazu gehörten etwa die Dorflandschaften (stark der Genremalerei verpflichtet), die Seestücke sowie die Winterlandschaften und Nachtstücke. Der Schilderung der Leinenbleiche des Flamen David Teniers wird hier ein Werk seines Kollegen Lucas van Uden gegenüber gestellt, da er auch für dessen Figurenrepertoire verantwortlich zeichnete. Ihm wird die holländische Dorfszene des Utrechter Malers J.C. Droochsloot von 1658 an die Seite gestellt. Mit der großformatigen Ansicht eines verfallenen Bauerngehöft des Utrechter Malers Abraham Bloemaert (um 1629) und des kleinen Werks des Antwerpener Malers Antonie Mirou (um 1610/15?) in Raum 109 werden die Dorfszenen wirkungsvoll ergänzt. Sie lassen die Auseinandersetzung der gebildeten Maler und Auftraggeber mit den mythologischen Themen ebenso erkennen wie ihr Interesse an dem freilich dekorativ empfundenen Dorfleben der holländischen Bauern.

Raum 111 - Ein beliebtes Motiv waren Schiffe und Hafenszenen. Die Marinemalerei erfreute sich großer Zustimmung, verdienten doch zahlreiche Holländer mit der Seefahrt ihren Lebensunterhalt. Zu den Meistern des holländischen Seestücks zählen Simon de Vliegher, Jacob Bellevois, Willem van de Velde und Ludolf Backhuysen, deren Werke das Spektrum der Malerei von der ruhigen See- und Strandszene bis zur stürmischen und bedrohlichen Meeresszene erkennen lassen

Raum 112 Nachtbilder und Winterlandschaften stellen eine besondere malerische Herausforderung für die Künstler dar. Joos de Momper, zu der Generation des späten 16. Jahrhunderts zählend, beherrscht die Kunst, der winterlichen Kälte ein angenehmes Gesicht zu verleihen. Aert van der Neer war ein Meister in der Wiedergabe einer nur vom Mondlicht erhellten abendlichen Landschaft. Seine Palette musste hierfür in der Vielfalt der Töne stark reduziert werden, die Farbigkeit der Schatten auf ein Minimum zurückgenommen und der allmähliche Verlust in der Präzision der Konturen in der Ferne durch eine äußerst präzise und detailreiche Gestaltung der Objekte im Mittel und Hintergrund ausgeglichen werden. Die illusionistische oder immerhin realitätsnahe Darstellung von Mondlicht als auch von Schnee ist eine schwierige malerische Aufgabe. Nur der lockere Neuschnee hat dekorative und atmosphärische Qualitäten, weshalb Winterlandschaften von unterschiedlichen Stimmungen fast nie nassen Schnee oder auch dichten Schneefall zeigen, den man schnell als kitschig empfindet. Zu den Meistern ihres Faches zählen Henrik Averkamp und Jan Beerstraaten. Die Kunsthalle besitzt noch ein weiteres interessantes Gemälde von Beerstraaten, das jedoch eine aufwendige Restaurierung erfordert. Da nun hierfür ein Sponsor gefunden werden konnte, werden Sie den Fortgang der Restaurierung im Laufe der Ausstellung in einzelnen Veranstaltungen verfolgen können.

Raum 113 - Einen entscheidenden Anstoß erfuhr die holländische Landschaftsmalerei durch die Erfahrung des südlichen Lichts. Dabei wählten nicht alle Maler den aufwendigen und gefährlichen Weg über die Alpen wie Adam Pijnacker, sondern begnügten sich auch unter Umständen mit den Erfahrungen der Utrechter Malerkollegen, die sie geschickt in die Tradition der holländischen Landschaftsmalerei einbanden. Idylle und friedliches Landleben sind Kennzeichen dieser meist kleinformatigen und sehr dekorativen Gemälde, in denen das Licht der südlichen Sonne weite Landschaftsräume durchströmt, friedliche Hirten lagern und Reisende eine üppige, einladende Natur erkunden. Die Maler-Generation der zweiten Jahrhunderthälfte - dazu gehörten Nicolaes Berchem und Frederik de Moucheron - griffen die verschiedenen Anregungen und Gestaltungsmuster auf und vermischten sie miteinander oder brachten beide Tendenzen - die dramatische und die idyllische - auf ihre Art miteinander in Einklang. Dies lassen die Arbeiten von Dirck van Bergen erkennen, dessen Wolkenstimmung ohne die Arbeiten Ruisdaels nicht zu denken ist, dessen Figurenrepertoire und Licht aber ebenso auf Einflüsse der Italianisanten zurückzuführen ist (Raum 114).

Raum 114 - verdeutlicht, inwiefern sich Kompositionsmotive von Jacob van Ruisdael und seinen unmittelbaren Nachfolgern in den Werken von wesentlich jüngeren Malern wie Nicolaes Molenaer wiederfinden. Auch das Gemälde von Cornelis Decker, soeben restauriert und mit einem Originalrahmen des Frans Hals Museums leihweise gerahmt, ist ein ausdrucksvolles Beispiel hierfür. Selbst Antonie van Borssom und Jan Wijnands lassen in ihren Wolkenhimmeln einen Anklang jener aufgewühlten Dramatik erkennen, die die Bilder Jacob van Ruisdael beherrscht.

Das Team - an einer solchen Präsentation beteiligen sich zahlreiche Mitarbeiter des Hauses sowie 28 verschiedene Firmen mit Dienstleistungen der unterschiedlichsten Art. Im Vorfeld war Hyma Roskamp in der Restaurierung tätig, Karsten Müller oblag u. a. die Redaktion des Kataloges, Silke Reuther kümmerte sich besonders um Fragen der Maltechnik, die Transporte organisierte Anne Barz; die Ausstellungsarchitektur planten Jochen Messer, Frank Barth, Gunter Kolck; den Ausstellungsaufbau realisierten Detlef Mallon, Otto Henning und Peter Hochkamer, die Beleuchtung koordinierte Ralf Suerbaum, um die Führungen zur Ausstellung kümmert sich Thomas Sello und für das Marketing setzte sich Ida Kaufmann ein.

 
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