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Traumwandler.
Odilon Redon und Rodolphe Bresdin

7. Februar bis 29. Juni 2003

Hegewisch-Kabinett der Galerie der Gegenwart



Schon früh beschloss Odilon Redon (1840-1916), die Regeln der akademischen Malerei hinter sich zu lassen, um andere Ausdrucksweisen zu erproben. Rodolphe Bresdin (1822-1885) sollte ihm dabei helfen: Er führte ihn in eine Welt ein, die sich zwar an den äußeren Erscheinungen der Natur orientierte, dahinter aber eine geheimnisvolle Wahrheit erahnen ließ. So schufen beide eine phantasmagorische Welt, bevölkert von Traumgesichten und Visionen, Monstren und Zwitterwesen.

Bresdin kam im Alter von Siebzehn nach Paris und begann dort als Radierer. Nachdem er zunächst minuziös alte Stiche kopiert hatte, entwickelte er sich – nicht zuletzt durch seine Mitarbeit an der Revue Fantaisiste - zum Meister einer phantastisch-visionären Kunst. Von Baudelaire zeitweise gefördert, wurde er vor allem von den Literaten des Symbolismus hoch geschätzt. Mit unglaublicher, ins Unentwirrbare und Unwirkliche gesteigerter Präzision hat Bresdin in seinen Radierungen und Federlithographien vor allem die Erscheinungen der Natur – Bäume, Gräser und Tiere - wiedergegeben.

Redon erinnerte sich später an Bresdin: „Er war arm und von wertlosen Dingen umgeben, doch alles, was er mit seinen feinen, schönen Händen berührte, erweckte die Vorstellung von etwas Besonderem, Kostbarem. Wenn er arbeitete, schienen seine spitz zulaufenden Finger wie durch Ströme verlängert zu sein, die sie mit dem Handwerkszeug verbanden.“ Redon hatte Bresdin in den sechziger Jahren in Bordeaux kennen gelernt und wurde von ihm in die Technik der Radierung eingewiesen. Zwischen 1864 und 1866 unterhielten sich die beiden Männer in Bordeaux jeden Tag über Kunst und arbeiteten gemeinsam an Lithographien und Radierungen.

„Was man überall, fast von Anfang bis Ende seines Werkes immer wieder findet“, schrieb Odilon Redon schon 1869 über den Eigenbrötler Bresdin, „ist die Gestalt des die Einsamkeit suchenden, aus der Welt fliehenden Menschen, des Menschen auf der Flucht unter fremdem Himmel, in den Qualen eines hoffnungslosen und endlosen Exils. Dieser Traum, diese ständige Sorge erscheint unter den verschiedensten Formen. ... Manchmal ist es eine ganze Familie, eine Legion, eine Armee, ein ganzes Volk auf der Flucht, immer auf der Flucht vor der zivilisierten Menschheit.“

In seinem Hauptblatt Der gute Samariter ist es eine einzelne Figur, die den Grenzen der zivilisierten Menschheit enthoben scheint. Dieses Hauptwerk französischer Graphik der Romantik zeigte Bresdin im Pariser Salon des Jahres 1861, wobei der ursprüngliche Titel des Blattes Abd el-Kader hilft einem Christen lautete. In diesem Titel zeigt sich, dass Bresdin trotz aller Züge des Phantastischen mit dieser Darstellung eine zeitgenössische Persönlichkeit und ein Thema von allgemeinem Interesse behandelte. Der Name Abd el-Kader, ein algerischer Scheich und Kontrahent der Franzosen, war 1860/61 in aller Munde. Er als Moslem hatte Tausende von Christen und Juden vor der Verfolgung durch seine Glaubensbrüder gerettet. Doch trotz aller zeitgeschichtlichen Bezüge schildert Bresdin die Handlung nicht an einem „orientalischen“ Ort, sondern lässt eine exotisch anmutende Wildnis die Szene der Errettung nahezu überwuchern. Nähere Betrachtung des Blattes, insbesondere der Natur, führt zu einer immer intensiveren Wahrnehmung botanischer und zoologischer Einzelheiten, die Bewunderung und Furcht zugleich hervorrufen mögen und die Frage offen lassen, ob es sich hier um einen paradiesischen oder gefahrvollen Urwald handelt.
Bresdin hat hier wie in anderen Blättern seine Wälder gewissermaßen synthetisch zusammengesetzt: Ein großer Teil einzelner Elemente lässt sich auf Bresdins Durchzeichnungen von zeitgenössischen illustrierten Büchern zurückführen. Dass das Ganze trotzdem so homogen zusammenwächst, liegt an der Behandlung der dichten Federlithographie, deren tiefe Dunkelheiten heterogene Elemente miteinander verbinden. Die glimmenden Effekte von Helligkeit in dunklem Schwarz ähneln der Wirkung von Radierungen und verweisen auf Bresdins großes Vorbild: Rembrandt!

Das früheste Blatt von Odilon Redon in dieser Ausstellung – Die Angst von 1865/66 - verrät deutlich den Einfluss Bredins, und Redon nannte den Älteren später einmal seinen Lehrer, doch seine ab 1879 erschienen Zyklen, aus denen diese Ausstellung verschiedene Blätter versammelt, zeigen, wie weit er sich auf seinem eigenen Weg von Bresdin entfernt hat.

Traum und Unbewusstes erklärte Redon schon früh zum Ausgangspunkt seines Schaffens, und seine Blätter wurden in ihrer heterogenen Zusammenstellung immer wieder mit der Sprunghaftigkeit nächtlicher Träume verglichen: Der symbolistische Dichter Joris Karl Huysmans stilisierte Odilon Redon zum „Prinzen geheimnisvoller Träume“, und tatsächlich zieht sich die Logik des Traumes wie ein Faden durch Redons Werk. Schon in seiner ersten, 1879 publizierten Graphikfolge Dans le Rêve (Im Traum) vermittelt Redon keinen zusammenhängenden Traumvorgang, sondern versammelt eine Gruppe einzelner Blätter, in denen völlig disparate Gegenstände nur aufgrund ihrer bildnerischen Form Glaubwürdigkeit erlangen. Die einzelnen Elemente stehen dabei in keiner logisch nachvollziehbaren räumlichen oder gedanklichen Ordnung. Mit der eigenwilligen Anordnung der Elemente im Raum, ihrem scheinbar zufälligen, assoziativen Nebeneinander und ihrer ungewohnten Kombination suchte Redon Eigenschaften von Träumen bildlich zu erfassen, wie sie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts von einer breiten Öffentlichkeit diskutiert wurden.

Die lithographische Folge Das Geisterhaus entstand auf Anregung des Übersetzers, der die Erzählung von Edward Bulwer-Lytton ins Französische übertrug und Redon für die Illustration der Ausgabe um sechs Lithographien bat. Die gespenstische Stimmung der literarischen Vorlage setzte Redon weniger durch die Motive als durch die Gestaltungsmittel um. Ein tiefes, dichtes Schwarz beherrscht die Blätter.

Mehrfach hat sich Redon mit Flauberts Dichtung Die Versuchung des heiligen Antonius beschäftigt, einem geheimnisvollen Gedicht über die Schöpfung und den Tod – zwei Themen, die auch im Zentrum von Redons Werk stehen. Redon illustrierte jedoch nie die Texte des Dichters, sondern griff aus dem Text einzelne Passagen heraus und benutzte sie als Ausgangspunkt eines eigenständigen bildnerischen Vorgangs. Gerade bei den Textpassagen zur Schöpfung liegt es nahe, dass er botanische und zoologische Beobachtungen verarbeitete, die er mit dem Mikroskop eines Freundes selbst angestellt hatte. Mit zunehmendem Interesse an differenzierten Oberflächen und einzelnen Details verliert Redons Schwarz an Intensität, und so wird verständlich, dass er sich in den neunziger Jahren immer mehr der Farbe zugewandt hat.

Im Werk beider Künstler spielt die Natur eine zentrale Rolle. Obwohl Bresdin und Redon die Natur im Vergleich zur Stadt als einen beruhigenden Ort empfunden haben, erscheint sie in den Werken beider Künstler von Unsicherheit geprägt. Auf den hier gezeigten Blättern bilden sich Gestalten und Formen aus Licht und Dunkel - bei Bresdin sind sie gefangen in einem feingesponnenen Netz, bei Redon halten sie in träumerischer Unbestimmtheit inne. Beide Künstler eröffneten in diesen Jahren der Druckgraphik unentdeckte Möglichkeiten und wurden so zu Wegbereitern der Moderne.

Ausstellung und Saalzettel:
Fanny Gonella und Christoph Heinrich


Rodolphe Bresdin

Odilon Redon