Zeitgenossinnen
(Politik) 13. März 2009 bis 17. Januar 2010
In der Galerie der Gegenwart, 2. OG

Teil 1: Clique,
13. März 2009 bis 28.
Juni 2009
Teil 2: Pop, 12. Juli 2009 bis 4. Oktober 2009
Teil 3: Politik, 16. Oktober 2009 bis 17. Januar
2010
Das politische Interesse und Engagement Sigmar Polkes und seiner Künstlerfreunde steht im Mittelpunkt des dritten Teils Politik der Ausstellung Sigmar Polke. Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen. Damit beginnt der letzte Teil des außergewöhnlichen Ausstellungsprojekts, das Ende September durch den internationalen Kunstkritiker-Verband AICA ausgezeichnet und zur „Ausstellung des Jahres“ gewählt wurde. Die Hamburger Kunsthalle zeigt ausgehend von Polkes zuvor weithin unbekannter Kleinbürger-Werkgruppe aus den Jahren 1972 bis 1976 in drei aufeinander folgenden, sich ergänzenden Ausstellungsteilen die vielfältigen, bislang wenig beachteten künstlerischen Strategien der 1970er Jahre.
Foto-, Film- und Dia-Arbeiten, Zeichnungen und Gemälde demonstrieren
in Verbindung mit dokumentarischen Materialien und Bildvorlagen die experimentelle
Bandbreite dieser produktiven Dekade. Über hundert Werke und Werkgruppen
aus internationalen Museums- und Privatsammlungen stellen die kleinen und
großen Fluchten aus bürgerlichen Welten, alte und neue gesellschaftliche
Utopien zur Disposition. Politik wirft einen Blick auf die historische
Kritik an den ökonomischen, medialen und politischen Bedingungen von
Kunst und Gesellschaft. Der dritte und letzte Teil der Ausstellung fragt,
wo in den 1970er Jahren, also in einem Jahrzehnt, in dem Utopien in gewaltsames
Handeln umschlugen, die berühmte Grenze zwischen Kunst und Leben verlief.
Dabei wird Sigmar Polkes kaum zu überschätzende Vorreiterrolle
für die figurative Malerei und die subversiven Aktionen jüngerer
Generationen sichtbar.
Im Mittelpunkt der Ausstellung steht weiterhin das Kleinbürger-Ensemble – zehn
großformatige Arbeiten auf Papier, die einen Wendepunkt in Polkes Œuvre
markieren: Hatte er in den Rasterbildern und dem Kapitalistischen
Realismus der 1960er Jahre die Lebenswelt der Wirtschaftswunderzeit
ironisch analysiert, geht er hier zum Angriff auf gesellschaftliche Normen über.
Ein Panorama der von Hippietum, Proto-Punk, Frauenbewegung und Terrorismus
geprägten Zeit verleiht der Hoffnung auf alternative Lebensmodelle
Ausdruck. Mit der Präsentation einer zweiten vielteiligen Werkgruppe
Polkes aus den 1970er Jahren, Original + Fälschung, ist erstmals
die Möglichkeit einer Zusammenschau dieser beiden zentralen Werkblöcke
geboten. Original + Fälschung wurde 1973 zum ersten Mal ausgestellt
und nun auf besondere Weise präsentiert: In einer Wiederherstellung
der damaligen Inszenierung mit hunderten Spiegeln und farbigen Leuchtstoffröhren.
Bereits in den beiden vorangegangenen Teilen, Clique, der sich
dem künstlerischen Austausch innerhalb west-deutscher und auch internationaler
Subkulturen widmete, und Pop, der die vielschichtigen Strategien
des Adaptierens, Multiplizierens, Sampelns und Umdeutens populärer
Medienwelten zeigte, wurde deutlich, dass Polke & Co. Populärkultur
mit Underground und politischem Aktivismus für ihren Post-Pop verbinden.
Auf Ausdrucksformen politischen Protests verweist etwa die Arbeitsweise,
Vorlagen mit Hilfe von Schablonen zu vergrößern und auf Bildträger
zu sprayen. Sigmar Polkes Kunst beschränkt sich dabei keineswegs auf
Leinwandformate und museale Präsentationsformen. Zum vergänglichen
Teil seiner ästhetischen Praxis gehören zum Beispiel Aktionen,
wie die zirkusähnliche Gala Salto arte zur Unterstützung
der linksradikalen und zeitweise verbotenen belgischen Zeitschrift POUR (écrire
la liberté). Zahlreiche Arbeiten, etwa von Katharina Sieverding,
Klaus Mettig, Astrid Heibach oder Achim Duchow zeigen die Begeisterung
der Gruppe für Spielarten des Performativen jenseits von Kunstinstitutionen
und bürgerlichen Normen.
Künstlerbücher in Skriptmanier, aus Boulevardblättern zusammengesetzte
Bildgründe, politische Embleme der DDR und von Gewerkschaften oder
großformatige Gemälde mit den Konterfeis von RAF-Terroristen
karikieren Geschichtsbilder und entlarven politische Symboliken des Establishments
in West und Ost. In einer Kooperation mit Klaus Staeck für den Bundeswahlkampf
1972 oder in Fotografien von New Yorker und Kölner Bettlern bezieht
sich Sigmar Polke auf konkrete tagespolitische Geschehnisse und soziale
Realitäten. Zudem bedienen sich Polke & Co. der ätzend provokanten
Bildsprache internationaler Satire-Magazine, lassen in Zeiten der zweiten
Frauenbewegung Geschlechterklischees aufeinanderprallen oder suchen nach
alternativen Formen von Sexualität. Das Besondere dabei ist die Verquickung
eindeutig politisierter Schlagbilder – wie dokumentarische Fotografien
oder Wahlplakate – mit psychedelischen Strategien. So gelingt es
den Künstlern eine kritisch-humorvolle Distanz zur Lebenswelt der
BRD herzustellen und autoritär vorgetragene Ideologien als Peinlichkeit
vorzuführen.
Zeitgleich mit der Ausstellung
ist im Verlag der Buchhandlung Walther König eine von Petra
Lange-Berndt und Dietmar Rübel herausgegebene, umfangreiche Publikation
erschienen, die den Entstehungskontext von Wir Kleinbürger – Zeitgenossen
und Zeitgenossinnen aufarbeitet und die Serie in einem größeren Zusammenhang
verhandelt.
Kuratoren der Ausstellung: Dr. Dorothee Böhm und Dr. Dietmar Rübel,
in der Hamburger Kunsthalle Dr. Petra Roettig
Ermöglicht durch die Michael & Susanne Liebelt-Stiftung.
Bilder der Ausstellung: © Olaf Pascheit
Sigmar Polke (*1941)
Giornico (Wir Kleinbürger), 1976
Privatbesitz, Hamburg
© Sigmar Polke, Photo: Peter Schälchli

Sigmar Polke (*1941)
Gegen die zwei Supermächte – für eine rote Schweiz, 1976
© Sigmar Polke, Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen

Sigmar Polke (*1941)
(unter Mitarbeit von Achim Duchow)
Original + Fälschung 14 (der "bayerische Landtag"), 1973
© Sigmar Polke, Sammlung Ströher, Darmstadt

Sigmar Polke (*1941)
Kandinsdingsda, (Wir Kleinbürger), 1976
Privatbesitz, Hamburg
© Sigmar Polke, Photo: Peter Schälchl

Achim Duchow (1948-1993)
Les dignitaires (Installationsansicht mit dem Künstler), 1972–1973
© Sigmar Polke, Sammlung Oppenheim, Kunstmuseum Bonn

Sigmar Polke (*1941)
Bundestagswahl, 1972 – Bizarre Künstlerbuch, Heidelberg
1972
© Sigmar Polke

Sigmar Polke (*1941)
Mu nieltnam netrorruprup
(Kunst & Politik), 1975
© Sigmar Polke, Privatbesitz, Zürich
Die Ausstellung wurde vom Internationalen Kunstkritikerverband AICA (Deutsche Sektion) ausgezeichnet als
Ausstellung des Jahres 2009
Öffentliche Führungen samstags 16 Uhr. Treffpunkt Lichthof