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Der bildende Künstler als Dichter
Max Klingers „GRIFFELKUNST“
Saal der Meisterzeichnung
16. März - 24. Juni 2001

Der Leipziger Künstler Max Klinger (1857-1920), zu Lebzeiten heftig umstritten, gehört heute zu den bedeutendsten Künstlern der Jahrhundertwende. Seine künstlerische Leistung gründet sich besonders auf das umfangreiche druckgraphische Werk. In der 1891 veröffentlichten Schrift „Malerei und Zeichnung“ führte er den heute gängigen Begriff der „Griffelkunst“ in die Kunsttheorie ein, mit dem er die Handzeichnung und die Druckgraphik erstmals unter einem theoretischen Oberbegriff zusammenfaßte.

Klinger war der Überzeugung, daß es neben der auf Schönheit bedachten Malerei und Skulptur eine selbstständige Kunst der Zeichung geben müsse. Mit Hilfe dieser sogenannten „Griffelkunst“ könne der Künstler wie der Dichter oder der Komponist Bilder erschaffen, die der lebendigen Einbildungskraft entspringen. Klinger selbst sah sich ganz als Dichter, der dem Betrachter Geschichten nahebringt, und deren Komplexität und psychologische Eindringlichkeit mit den Mitteln der Malerei oder der Skulptur nicht zu verdeutlichen seien. Dieser für Klinger wichtige Wettstreit mit der Literatur ist auf dem ausgestellten Blatt „Satyre“ bildlich in Szene gesetzt.

Die Ausstellung präsentiert zwei druckgraphische Zyklen von Max Klinger aus dem Besitz des Kupferstichkabinetts. Diese werden ergänzt durch Leihgaben aus der Graphischen Sammlung des Museums der bildenden Künste Leipzig, um über die bildliche Erzählung der Folgen hinaus dem Besucher anhand von Vorzeichnungen, Zustandsdrucken und Druckplatten einen Einblick in die Entstehung der Auflagendrucke zu ermöglichen.

Eva und die Zunkunft (Opus III), 1880
Bei dem Zyklus „Eva und die Zukunft“, in dem einzelne Szenen des biblischen Sündenfalls dargestellt sind, handelt es sich um Klingers erste druckgraphische Folge, die sich mit dem Schicksal der Frau befaßt. Ein Thema, das den Künstler zeitlebens beschäftigte und das er auch in weiteren Zyklen wie „Ein Handschuh“ oder „Eine Liebe“ bearbeitete.
Eine Besonderheit der Folge „Eva und die Zukunft“ ist die paarweise Strukturierung des Geschehens. Jeder der drei Episoden ist jeweils ein als „Zukunft“ bezeichnetes, pessimistisches Bild hinzugefügt. So begleitet die Szene der sinnenden Eva mit dem schlafenden Adam als Erste Zukunst das Bild eines bedrohlichen Tigers in einer engen Schlucht als Verkörperung lauernder Sinnlichkeit und männlicher Kraft.
Die Schlange der Versuchung läßt Eva sich selbst im Spiegel erkennen, was das Erwachen ihres Selbstbewußtseins und ihrer eigenen Sinnlichkeit zur Folge hat. Es folgt die Zweite Zukunft, ein teuflisch-satyrhafter Dämon; er ist das Sinnbild der erwachten Begierde des Menschen.
Erst in der dritten Szene tritt Adam als aktiv handelnder Mensch auf. Er trägt Eva aus dem Paradies hinaus, hin zur Selbstverantwortung. Der Kreislauf von schuldhaftem Handeln, Sünde und Tod ist eröffnet. Die Dritte Zukunft stellt den Tod der Menschen dar. Klingers Motiv geht auf Jean Pauls Roman „Hesperus“ von 1795 zurück, in dem der Tod die Schädel der Menschen wie Pflastersteine in den Abgrund der Hölle rammt.
Eine Liebe (Opus X), 1887
In dem Zyklus „Eine Liebe“ begegnet uns abermals ein Frauenschicksal. Diesmal jedoch findet das Geschehen aufgrund der eigenen Anteilnahme Klingers in zeitgenössischem Gewand seinen Ausdruck. Der Künstler schildert auf eindringliche Weise den Verlauf einer verhängnisvollen Liebesbeziehung. Klingers durch die Werke durch Arthur Schopenhauers geprägte, pessimistische Weltsicht, kann eine solche Beziehung selbstverständlich nur unglücklich enden lassen. Verzweifelt notierte der damals sicher ebenfalls in unglückliche Liebesdinge verstrickte Künstler: „Ich sitze wieder über den Platten. Es muß jetzt eine Sache vom Halse geschafft werden, mit der ich mich seit 5 Jahren schleppe, und die mir nachgerade Gewissensbisse machte, wenn sie nicht weggeschafft würde.“ Dennoch, am Ende nimmt Klinger der Geschichte die persönlichen Anspielungen. Ein ursprünglich geplantes Titelblatt, das den Künstler selbst am Pranger darstellte, wird in der ausgeführten Titelblattfassung durch eine Widmung an den verehrten Künstler Arnold Böcklin ersetzt, wodurch die folgende Erzählung auf eine allgemeinere Ebene gehoben wird.
Als roter Faden zieht sich durch den gesamten Zyklus die stringente Gedankenkette „Weib“, „Sünde“, „Leiden“ und „Tod“. Es sind dies die zentralen Begriffe in Klingers Gedankenwelt.
Die Erzählung beginnt mit einer Ersten Begegnung: ein in einem Gebüsch verborgener Mann nimmt eine in einer Kutsche vorbeifahrende schöne Frau zunächst scheinbar nur flüchtig war.
Eine direkte Begegnung findet dann vor dem Haus der Dame statt. Der junge Mann nähert sich ihr und drückt ihr Am Thor seine Verehrung aus.
Man verabredet ein heimliches Rendezvous Im Park, das mit leidenschaftlichen Küssen auf einem an Shakespeares „Romeo und Julia“ erinnernden Balkon endet.
Das drohende Schicksal kündigt sich bereits in dem Blatt Glück an. Der Mann liegt nach der Liebesnacht ruhig und zufrieden in den Armen der Frau. Diese ahnt jedoch kommendes Unglück und starrt wissend ins Leere.
Ein für Klingers druckgraphische Folgen typisches Intermezzo, das den Handlungsablauf unterbricht und kommentiert, gemahnt die Liebenden an den biblischen Sündenfall: Adam und Eva knien flehend vor ihren Richtern Tod und Teufel. Die Szene trägt am unteren Rand eine Beischrift, die Schopenhauers „Parerga und Paralipomena“ entnommen ist: „Illico post coitum cachinnus auditur diaboli“ („Unmittelbar nach dem Beischlaf erscholl das Gelächter des Teufels“).
Die Neuen Träume vom Glück zeigen das Liebespaar schwebend in den Lüften. In der Hoffnung, den Geliebten nicht zu verlieren, klammert die Frau sich nochmals fest an ihn. Er blickt jedoch nicht sie an, sondern in einen ihm durch Amor vorgehaltenen Spiegel. Dieser offenbart ihm wohl in diesem Moment, daß die Zweisamkeit nur von kurzer Dauer sein wird; er wird die Frau direkt nach dem Beischlaf verlassen.
Der so schön begonnene Traum endet für die Frau mit dem längst erahnten, bösen Erwachen. Sie hockt einsam und verlassen in einem düsteren Raum und erblickt in einer mystischen Sonne das Kind, das sie bereits in ihrem Leib trägt.
Angstvoll denkt sie an die Schande, die ihr durch die Verletzung gesellschaftlicher Normen nun bevorsteht. Ihre ungewollte Schwangerschaft, die sich durch ihren gerundeten Körperschatten an der Wand verrät, wird auf drastische Weise in Gestalt einer hämischen Alten den Umstehenden offenbart.
Von der Gesellschaft verachtet und ausgestoßen, findet die Frau ihren letzten, verzweifelten Ausweg in dem illegalen Abbruch der Schwangerschaft. Dieser setzt ihrem kurzen Leben auf tragische Weise ein jähes Ende. Der Tod fordert wieder einmal seinen ausweichlichen Tribut.
Andreas Stolzenburg

 

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