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Vilhelm Hammershøi
22. März bis 29. Juni 2003

Hamburger Kunsthalle zeigt erste Werkschau Vilhelm Hammershøis in Deutschland

 


„Gestern habe ich zum erstenmal Hammershöj gesehen... ich bin sicher, je öfter man ihn sieht, desto deutlicher wird man ihn erkennen, und desto mehr wird man seine wesentliche Schlichtheit finden. Ich werde ihn wiedersehen, ohne mit ihm zu sprechen, denn er spricht nur Dänisch und versteht kaum Deutsch. Man fühlt, daß er nur malt und nichts anderes kann oder will.“ Mit diesen Worten beschrieb Rainer Maria Rilke 1904 seine Begegnung mit dem dänischen Maler Vilhelm Hammershøi (1864-1916), für die er eigens nach Kopenhagen gereist war. Rilkes Interesse für Hammershøi fällt in die Zeit, als dieser weltweit große Beachtung fand. Vor allem in Deutschland wurden seine Bilder in zahlreichen Ausstellungen gezeigt. In Hamburg war es der Galerist Paul Cassirer, der Hammershøi in seinem Kunstsalon am Jungfernstieg eine Ausstellung widmete. Doch geriet der Künstler nach seinem Tod 1916 zunehmend in Vergessenheit. Zu sehr widersprach dessen stille puristische Malerei den ruhelosen Experimenten der Nachkriegsavantgarde, in deren grellem Kontext Hammershøis von rätselhafter Schwermut durchdrungene Bilder seltsam altmodisch erschienen.
Erst in Folge der Wiederentdeckung und Neubewertung des Symbolismus rückten in den letzten Jahren auch Hammershøis melancholische Bildwelten wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, so dass der Maler in Skandinavien mittlerweile zu den bekanntesten Künstlern zählt. Aber auch in Paris oder New York, wo ihm im Musée d´Orsay und im Guggenheim Museum 1997/98 umfangreiche Retrospektiven gewidmet wurden, erfreut sich Hammershøi wieder großer Popularität. Dabei sind es vor allem seine Interieurdarstellungen, die besonders faszinieren. Diese Interieurs stehen ebenfalls im Mittelpunkt der Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle.
In diesen Bildern, die fast die Hälfte von Hammershøis Gesamtwerk ausmachen, hat der Künstler über Jahre hinweg immer wieder seine eigene Wohnung dargestellt. Wie in einem andauernden inneren Monolog schildert er mit wenigen gedämpften Farbtönen und großer geometrischer Strenge seine sparsam möblierten Zimmer. Hammershøi variiert sowohl den Bildausschnitt als auch die Perspektive, öffnet und schließt Türen, deutet Zimmerfluchten an und platziert in den Räumen einige Möbel und Objekte. Dabei verzichtet der Künstler jedoch konsequent auf die Schilderung anekdotischer Details, wodurch die Wohnung zu einem hermetischen Ort verstörender Leere wird. Obwohl durch die Vielzahl der Interieurdarstellungen ein engmaschiges Netz von optischen Bezügen zwischen den Bildern entsteht, gelingt es dem Betrachter kaum, Hammershøi auf seinem Parcours durch die Wohnung zu folgen. Deren scheinbar labyrinthische Strukturen evozieren klaustrophobische Eindrücke, Einsamkeit und Leere. Die Wohnung ist für Hammershøi malerisches Laboratorium, durch die er in vornehmer Zurückhaltung die Abgründe hinter der Fassade spürbar werden lässt.

So still und reserviert wie sich Hammershøis Kunst darbietet, muss auch der Maler selbst gewesen sein. Glaubt man seinen engsten Freunden, so war der Künstler ein menschenscheuer Sonderling, der zurückgezogen lebte. Auch seine Biographie ist wenig spektakulär: 1864 wird er in Kopenhagen als Sohn eines Kaufmanns geboren, erhält aufgrund seines künstlerischen Talents ab dem achten Lebensjahr Zeichenunterricht, studiert in seiner Heimatstadt an der Akademie und der Freien Studienschule und hat als Maler bereits frühe – vor allem internationale – Erfolge. Im Jahr 1891 heiratet er Ida Ilsted, die Schwester eines Studienkollegen, mit der er bis zu seinem Tod 1916 in Kopenhagen zusammenlebt. Ida ist es auch, die man auf vielen seiner Interieur- und Portraitdarstellungen sieht, häufig als Rückenfigur.
Die durch das Motiv der Rückenfigur hervorgerufene Distanz zum Betrachter, zeichnet auch Hammershøis Landschaftsschilderungen aus, die, anders als die meisten Werke seiner Zeitgenossen, keine romantische Sehnsucht nach unberührter Natur suggerieren. Hammershøi interpretiert die Landschaft als strenges graphisches Gefüge: Ein grauer Himmel und ein paar Bäume am Horizont, das ist mitunter alles. Es sind verlassene Landschaften, denen jede Form von Bewegung und Lebendigkeit fehlt; die keine Ablenkung bieten, keine Geschichten erzählen.
Hammershøis in Kopenhagen, Rom und London entstandene Architekturdarstellungen schildern den Stadtraum ebenfalls als lebensfremden Ort, der von einer lastenden Stille durchdrungen wird. Wie hypnotisch erstarrt, als sei die Zeit stehen geblieben, sind die historischen Gebäude, Straßen und Plätze öde und verlassenen, ohne dass eine Ursache dafür sichtbar wäre.
Hammershøi hat die Gabe traditionelle Themen wie das Interieur, das Portrait oder die Landschaft in eine Atmosphäre der Irrealität zu tauchen. Fast alle seiner Gemälde sind in einem grautonigen Farbspektrum gehalten, das bereits von den Zeitgenossen als ein besonderes Charakteristikum seiner Malerei aufgefasst wurde und das an historische Schwarz-Weiß Photographien erinnert. Die Ambivalenz zwischen Malerei und Photographie irritiert die Sehgewohnheiten des Betrachters und sensibilisiert ihn gleichzeitig für die Struktur der Bilder, die durch den unruhig vibrierenden Pinselduktus ihre einzigartige malerische Qualität behaupten.
Obwohl Hammershøi zurückgezogen lebte, begibt er sich regelmäßig auf Reisen und war über die Kunst seiner Zeit gut informiert. So hielt er sich länger in London und Paris auf und bereiste mehrfach Norditalien. Auch wenn Hammershøis Œuvre sehr eigenständig ist, sind vor allem inhaltliche Bezüge zu symbolistischen Kunstströmungen der Jahrhundertwende nachweisbar, die weit über Skandinavien hinausreichen. Bereits zu Lebzeiten wird er mit so gegensätzlichen Künstlern wie Eugène Carrière, Fernand Khnopff und Edvard Munch verglichen. Die Hammershøi-Ausstellung der Hamburger Kunsthalle wird daher mit Gemälden dieser und weiterer Zeitgenossen wie Edgar Degas, Ferdinand Hodler, Xavier Mellery und Félix Vallotton erweitert. In diesem spannungsreichen Kontext ist Hammershøi als wichtiger Protagonist des Symbolismus erlebbar, dessen künstlerisches Œuvre als singulärer Beitrag zur europäischen Kunst der Moderne Gewicht hat. So scheinen manche von Hammershøis Bildfindungen sogar Darstellungen Edward Hoppers oder Gerhard Richters vorwegzunehmen; und auch Gregor Schneiders Auseinandersetzung mit seinem Haus Ur bietet zahlreiche Bezugspunkte zu Hammershøis unheimlichem Heim.
Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog, als erste deutschsprachige Publikation über den Künstler Vilhelm Hammershøi.

Felix Krämer

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