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„Gestern habe ich zum erstenmal Hammershöj gesehen... ich
bin sicher, je öfter man ihn sieht, desto deutlicher wird man
ihn erkennen, und desto mehr wird man seine wesentliche Schlichtheit
finden. Ich werde ihn wiedersehen, ohne mit ihm zu sprechen, denn
er spricht nur Dänisch und versteht kaum Deutsch. Man fühlt,
daß er nur malt und nichts anderes kann oder will.“ Mit
diesen Worten beschrieb Rainer Maria Rilke 1904 seine Begegnung mit
dem dänischen Maler Vilhelm Hammershøi (1864-1916), für
die er eigens nach Kopenhagen gereist war. Rilkes Interesse für
Hammershøi fällt in die Zeit, als dieser weltweit große
Beachtung fand. Vor allem in Deutschland wurden seine Bilder in zahlreichen
Ausstellungen gezeigt. In Hamburg war es der Galerist Paul Cassirer,
der Hammershøi in seinem Kunstsalon am Jungfernstieg eine Ausstellung
widmete. Doch geriet der Künstler nach seinem Tod 1916 zunehmend
in Vergessenheit. Zu sehr widersprach dessen stille puristische Malerei
den ruhelosen Experimenten der Nachkriegsavantgarde, in deren grellem
Kontext Hammershøis von rätselhafter Schwermut durchdrungene
Bilder seltsam altmodisch erschienen.
Erst in Folge der Wiederentdeckung und Neubewertung des Symbolismus
rückten in den letzten Jahren auch Hammershøis melancholische
Bildwelten wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, so dass
der Maler in Skandinavien mittlerweile zu den bekanntesten Künstlern
zählt. Aber auch in Paris oder New York, wo ihm im Musée
d´Orsay und im Guggenheim Museum 1997/98 umfangreiche Retrospektiven
gewidmet wurden, erfreut sich Hammershøi wieder großer
Popularität. Dabei sind es vor allem seine Interieurdarstellungen,
die besonders faszinieren. Diese Interieurs stehen ebenfalls im Mittelpunkt
der Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle.
In diesen Bildern, die fast die Hälfte von Hammershøis
Gesamtwerk ausmachen, hat der Künstler über Jahre hinweg
immer wieder seine eigene Wohnung dargestellt. Wie in einem andauernden
inneren Monolog schildert er mit wenigen gedämpften Farbtönen
und großer geometrischer Strenge seine sparsam möblierten
Zimmer. Hammershøi variiert sowohl den Bildausschnitt als auch
die Perspektive, öffnet und schließt Türen, deutet
Zimmerfluchten an und platziert in den Räumen einige Möbel
und Objekte. Dabei verzichtet der Künstler jedoch konsequent
auf die Schilderung anekdotischer Details, wodurch die Wohnung zu
einem hermetischen Ort verstörender Leere wird. Obwohl durch
die Vielzahl der Interieurdarstellungen ein engmaschiges Netz von
optischen Bezügen zwischen den Bildern entsteht, gelingt es dem
Betrachter kaum, Hammershøi auf seinem Parcours durch die Wohnung
zu folgen. Deren scheinbar labyrinthische Strukturen evozieren klaustrophobische
Eindrücke, Einsamkeit und Leere. Die Wohnung ist für Hammershøi
malerisches Laboratorium, durch die er in vornehmer Zurückhaltung
die Abgründe hinter der Fassade spürbar werden lässt.
So still und reserviert wie sich Hammershøis Kunst darbietet,
muss auch der Maler selbst gewesen sein. Glaubt man seinen engsten
Freunden, so war der Künstler ein menschenscheuer Sonderling,
der zurückgezogen lebte. Auch seine Biographie ist wenig spektakulär:
1864 wird er in Kopenhagen als Sohn eines Kaufmanns geboren, erhält
aufgrund seines künstlerischen Talents ab dem achten Lebensjahr
Zeichenunterricht, studiert in seiner Heimatstadt an der Akademie
und der Freien Studienschule und hat als Maler bereits frühe
– vor allem internationale – Erfolge. Im Jahr 1891 heiratet
er Ida Ilsted, die Schwester eines Studienkollegen, mit der er bis
zu seinem Tod 1916 in Kopenhagen zusammenlebt. Ida ist es auch, die
man auf vielen seiner Interieur- und Portraitdarstellungen sieht,
häufig als Rückenfigur.
Die durch das Motiv der Rückenfigur hervorgerufene Distanz zum
Betrachter, zeichnet auch Hammershøis Landschaftsschilderungen
aus, die, anders als die meisten Werke seiner Zeitgenossen, keine
romantische Sehnsucht nach unberührter Natur suggerieren. Hammershøi
interpretiert die Landschaft als strenges graphisches Gefüge:
Ein grauer Himmel und ein paar Bäume am Horizont, das ist mitunter
alles. Es sind verlassene Landschaften, denen jede Form von Bewegung
und Lebendigkeit fehlt; die keine Ablenkung bieten, keine Geschichten
erzählen.
Hammershøis in Kopenhagen, Rom und London entstandene Architekturdarstellungen
schildern den Stadtraum ebenfalls als lebensfremden Ort, der von einer
lastenden Stille durchdrungen wird. Wie hypnotisch erstarrt, als sei
die Zeit stehen geblieben, sind die historischen Gebäude, Straßen
und Plätze öde und verlassenen, ohne dass eine Ursache dafür
sichtbar wäre.
Hammershøi hat die Gabe traditionelle Themen wie das Interieur,
das Portrait oder die Landschaft in eine Atmosphäre der Irrealität
zu tauchen. Fast alle seiner Gemälde sind in einem grautonigen
Farbspektrum gehalten, das bereits von den Zeitgenossen als ein besonderes
Charakteristikum seiner Malerei aufgefasst wurde und das an historische
Schwarz-Weiß Photographien erinnert. Die Ambivalenz zwischen
Malerei und Photographie irritiert die Sehgewohnheiten des Betrachters
und sensibilisiert ihn gleichzeitig für die Struktur der Bilder,
die durch den unruhig vibrierenden Pinselduktus ihre einzigartige
malerische Qualität behaupten.
Obwohl Hammershøi zurückgezogen lebte, begibt er sich
regelmäßig auf Reisen und war über die Kunst seiner
Zeit gut informiert. So hielt er sich länger in London und Paris
auf und bereiste mehrfach Norditalien. Auch wenn Hammershøis
Œuvre sehr eigenständig ist, sind vor allem inhaltliche
Bezüge zu symbolistischen Kunstströmungen der Jahrhundertwende
nachweisbar, die weit über Skandinavien hinausreichen. Bereits
zu Lebzeiten wird er mit so gegensätzlichen Künstlern wie
Eugène Carrière, Fernand Khnopff und Edvard Munch verglichen.
Die Hammershøi-Ausstellung der Hamburger Kunsthalle wird daher
mit Gemälden dieser und weiterer Zeitgenossen wie Edgar Degas,
Ferdinand Hodler, Xavier Mellery und Félix Vallotton erweitert.
In diesem spannungsreichen Kontext ist Hammershøi als wichtiger
Protagonist des Symbolismus erlebbar, dessen künstlerisches Œuvre
als singulärer Beitrag zur europäischen Kunst der Moderne
Gewicht hat. So scheinen manche von Hammershøis Bildfindungen
sogar Darstellungen Edward Hoppers oder Gerhard Richters vorwegzunehmen;
und auch Gregor Schneiders Auseinandersetzung mit seinem Haus Ur bietet
zahlreiche Bezugspunkte zu Hammershøis unheimlichem Heim.
Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog, als erste deutschsprachige
Publikation über den Künstler Vilhelm Hammershøi.
Felix Krämer
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