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Lili Fischer. Testflug der Schnaken

seit 14. September

Altbautreppenhaus

Seit 2005 untersucht Lili Fischer Schnaken – bizarre Insekten, die sie zu raumgreifenden Objekten vergrößert und in Zeichnungen und Papierarbeiten erkundet. Die Ergebnisse ihrer Feldforschung stellt die Künstlerin, Teilnehmerin der documenta 8 und Professorin an der Kunstakademie Münster, nun erstmalig in der Hamburger Kunsthalle vor. Für das Treppenhaus des Altbaus hat sie eine beeindruckende Installation entwickelt, in der über 20 großformatige Schnaken-Objekte und zahlreiche Papierarbeiten von dem Raum Besitz ergreifen. Zur Installation gehört zudem der „Schnakensimulator“, den der Besucher selbst an bestimmten Terminen erproben kann. Anlässlich der Eröffnung wird Lili Fischer ihn in einer Performance vorstellen.

Mit ihrem künstlerischen Konzept der Feldforschung hat Lili Fischer bereits Anfang der 1970er Jahre die empirische Forschungsmethode, die u. a. aus der Soziologie und Ethnologie bekannt ist, in die Kunst übertragen. Durch intensives Beobachten, Sammeln, Ordnen und Strukturieren legt sie die uns heute verdeckten Wesenszüge der untersuchten Objekte, ihre Geschichte und Zusammenhänge frei. Ihre Untersuchungsgebiete reichen dabei von Alltagsthemen, wie Haushaltsritualen, bis zu Naturphänomenen, wie Heilpflanzen oder Insekten. Eine entscheidende Rolle in ihren Werken spielt die Belebung und Beseelung der Gegenstände und Lebenswesen sowie ihres Raumes – abgeleitet vom lateinischen Wort animare (= beleben) auch Animation genannt. In Testflug der Schnaken wird das Altbautreppenhaus der Hamburger Kunsthalle durch die tänzerisch anmutenden und schimmernden Objekte geradezu bevölkert. Der Bezug zur mystischen Naturauffassung der Romantik, zum Glauben an die Beseelung der Natur, wird in der Installation im Verweis auf Philipp Otto Runges ausgestelltes Gemälde Die Lehrstunde der Nachtigall deutlich. Lili Fischer sensibilisiert den Betrachter für einen kreativen, unverfälschten Umgang mit der Natur.

Zur Installation
Schnaken sind im Bewusstsein der Menschen Lästlinge – man sieht sie und schlägt sie tot. Auch kunsthistorisch wurden sie nie beachtet – im Gegensatz zu Schmetterlingen als dem Sitz der Seele. Dem Volksglauben zufolge gelten Mücken als bekannte Erscheinungsformen von Hexen.

Mehr als 20 Schnaken-Objekte – überdimensional auf eine Gesamtbreite von je 3 Metern vergrößert – steigen raumgreifend das Altbautreppenhaus empor und besetzen die Wandmalereien im Obergeschoß. Die grünlich schimmernden Pigmente ihrer Flügel verändern sich je nach Lichteinfall und ihre spindeldürren Beine sind dynamisch nach allen Richtungen ausgestreckt. So gliedern sie das Treppenhaus und geben ihm zugleich etwas Geisterhaftes.

Fast tänzerisch erscheinen die Schnakengeister an den Wänden im Erdgeschoss: Ihre höchst dynamischen Beinpositionen und fragilen Körper wurden aus hauchdünnem gerissenen Japanpapier auf schwarzem Karton nachgelegt. Wie die dreidimensionalen Schnakenobjekte entstanden auch diese Tafeln nach Originalen, d.h. sie basieren auf präzisen Beobachtungen toter Insekten. Die großformatigen schwarzen Tafeln fügen sich in die Kassettenfelder des historischen Treppenhauses ein und werden von Darstellungen von Larven und Maden in den schmalen unteren Wandfeldern begleitet – den Entwicklungsprozess der Schnake andeutend.

Vor dem Treppenaufgang hängen zwei Riesenflügel (je 210 cm lang) und ein bizarres Beinsystem, der sogenannte Schnakensimulator: Flügel und Beine sind entsprechend den Schnakenmaßen auf menschliche Proportionen übertragen worden. Das Besondere dabei ist, dass man mit einem Anschnallsystem Beine und Flügel selbst in Bewegung setzen, im Kunstmuseum nie erlebte Luftbewegungen erzeugen und die installierten Schnaken in Schwingung versetzen kann.

Publikation zur Installation
Anlässlich der Installation erscheint die DVD Die Werkgruppe Schnaken (ca. 30 min.) mit einem Booklet. Die DVD enthält folgende Abschnitte:
Wie eine Schnake entsteht
Performance zur Installation in der Hamburger Kunsthalle (Auszüge)
der Schnakensimulator in Betrieb (u. a. auf Dächern)
Schnakeninstallation in der Hamburger Kunsthalle
Wanderschnake an wechselnden Orten (u. a. im Schloss Gottorf)

Präsentation der DVD zur Finissage am 16. November 2008 um 11 Uhr
Die Ausstellung und DVD werden ermöglicht durch den Kunstpreis der Schleswig-Holsteinischen Wirtschaft 2008 und durch die Philipp Otto Runge Stiftung.

Kuratoren der Ausstellung: Dr. Petra Roettig und Dr. des. Dorothee Gerkens

Feldforschungen u. a. über

Lili Fischer hat zudem umfangreiche Künstlerbücher veröffentlicht.
Siehe www.lilifischer.de.

 

 

Lili Fischer · Schnake · 2006

Lili Fischer
Schnake, 2006

 

 

Am 5. April, 3. Mai und 7. Juni finden jeweils um 16 Uhr Testflüge für Freiwillige mit Lili Fischer in der Installation »Testflug der Schnaken« statt.
Kein zusätzlicher Eintritt.