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Saal der Meisterzeichnung

Martin Assig
Erzählungen am Boden, 1999-2008

12. November 2010 bis 6. Februar 2011
verlängert bis 27. Februar 2011

Im Rahmen der Ausstellung Cut. Scherenschnitte 1970-2010 wird im Saal der Meisterzeichnung die 170 Werke umfassende Arbeit Erzählungen am Boden, 1999-2008 von Martin Assig (*1959) gezeigt.

Die mediale Ausdrucksweise von Martin Assig ist vielfältig angelegt und reicht von der Malerei und Skulptur bis hin zu Zeichnung und Scherenschnitt. Die fast 400 kleinformatige Papierarbeiten umfassende Werkgruppe Erzählung am Boden (1999 -2008) ist ein Beleg dieser breitgefächerten künstlerischen Auseinandersetzung. Der Bildgrund besteht aus einzelnen Buchseiten unterschiedlicher Größe, die aus verschiedenen Publikationen herausgetrennt worden sind. Der Schriftsatz ist weiß oder schwarz übermalt in Enkaustik, einer Maltechnik, bei der in Wachs gebundene Farbpigmente erhitzt auf den Malgrund aufgetragen werden. Die Seitenzahlen und Überschriften bleiben nach diesem Malprozess sichtbar. Die aus farbigen Flächen und Linien bestehenden Scherenschnitte werden abschließend mit durchsichtigem Wachs auf den mit der Enkaustik-Technik bemalten Untergrund gesetzt. Die scheinbare Simplizität der Motive, die aus den einzelnen Bildfindungsprozessen entstehen, verkehrt sich bei näherer Betrachtung in eine komplexe Wirkung. Dabei vermag der Scherenschnitt Ambivalenzen von Zeichnung und Malerei in einer Synthese zu vereinen und eröffnet neue Wege, über die oberflächliche Existenz der dargestellten Dinge hinaus ihren wesentlichen Charakter zu erforschen.

[ …] Die emblematischen Motive der Scherenschnitte in Assigs Werkkomplex Erzählung am Boden setzen sich aus Figuren, Gegenständen, Zahlen, Schrift und Ornamenten zusammen. Die Figurationen entstehen aus einzelnen geschnittenen Linien, die Ornamente aus geschnittenen Faltungen, die doppelte und vierfache Symmetrien ergeben, wodurch sich als Ergebnis Reihungen und Wiederholungen herauskristallisieren. „Der Titel Erzählung am Boden ist doppeldeutig: zunächst wie ein Niederschlag, die Erzählung ist am Boden (ohnmächtig) oder eine im Wortsinn bodenständige, ursprüngliche Angelegenheit, wie Menschen am Lagerfeuer. […]Die Vielfalt der Erscheinungen spiegelt sich in einer komplexen Form wider, welche die Individualität des dargestellten Einzelnen und die Allgemeinheit der jeweiligen Gattung in sich vereint. Die Formfindung hat dabei nichts mit der geduldigen Zusammenstellung genauer Details, wohl aber mit der Einfühlung des Künstlers in die einzelnen Motive zu tun.

Auszug aus dem Ausstellungskatalog Cut. Scherenschnitte 1970-2010, herausgegeben von der Hamburger Kunsthalle, von Oliver Zybok, S. 18.